Das Fünfer-Bruchstück

Rājadatto

[346] 315

Zur Leichenstätte stieg ein Mönch;

Er sah ein Weib verwesen dort,

Verlassen liegen im Gestein,

Von Würmern durch und durch zerwühlt.


316

Was manchem Manne leidig scheint,

Ein Leichnam, scheußlich anzuschaun,

Erweckte wilde Sehnsucht mir:

Verblendet ward ich wunschbewegt!


317

Da ging ich fort, nach Mittag erst,

Wann aller Reis ist gar gereicht,

Bedächtig sinnend, sinnbedacht,

Allein hinweg, an öden Ort.


318

Und gründlich ward ich aufgemischt,

Ergriffen innig im Gemüt:

Das Elend sah ich offenbar,

Den Unrat ragen rings umher.


319

Und alle Fesseln fielen ab –

O sieh' wie stark die Lehre wirkt –

Das Wissen ging mir dreifach auf,

Das Meisterwort, es war erfüllt.


Subhūto

[347] 320

Ins Joch sich jochen ernstlich ein,

Voll Tatentrieb, voll Tatendrang,

Und schräge schreiten hin und her:

Das heiß' ich unrecht angeschirrt.


321

Ein Mann, der unbesehn ein Gut aus Gütern weist,

Es willig aufgibt, muß nicht immer edel sein:

Und gibt er, als ein Blinder, alle gleich dahin,

Wer weiß es, ob er weiß, was gut und übel ist?


322

Das Werk nur soll gepriesen sein,

Was nicht gewirkt ist preise nicht:

Wer ohne Ursach redet, rühmt,

Den Weisen wird es offenbar.


323

Wie köstlich aufgeblühter Kelch,

Duftlos, doch voller Farbenreiz,

Bedünkt ein Wort, geredet recht,

Unwirksam, wenn kein Wirken folgt.


324

Wie köstlich aufgeblühter Kelch,

Voll Duft und voller Farbenreiz,

Bedünkt ein Wort, geredet recht,

Gar wirksam, wenn das Wirken folgt.


Girimānando

325

Der Regen rieselt, recht wie sanfter Sang,

Die Hütte hier, vor Wind gewahrt, sie schützt mich schon,

Geborgen bin ich, ledig abgelöst:

Wohlan, o Wolke, willst du, riesle, regne recht!


[348] 326

Der Regen rieselt, recht wie sanfter Sang,

Die Hütte hier, vor Wind gewahrt, sie schützt mich schon,

Geborgen bin ich, heilig herzgeheilt:

Wohlan, o Wolke, willst du, riesle, regne recht!


327

Der Regen rieselt, recht wie sanfter Sang,

Die Hütte hier, vor Wind gewahrt, sie schützt mich schon,

Geborgen bin ich, kenne keine Gier:

Wohlan, o Wolke, willst du, riesle, regne recht!


328

Der Regen rieselt, recht wie sanfter Sang,

Die Hütte hier, vor Wind gewahrt, sie schützt mich schon,

Geborgen bin ich, kenne keinen Haß:

Wohlan, o Wolke, willst du, riesle, regne recht!


329

Der Regen rieselt, recht wie sanfter Sang,

Die Hütte hier, vor Wind gewahrt, sie schützt mich schon,

Geborgen bin ich, kenne keinen Wahn:

Wohlan, o Wolke, willst du, riesle, regne recht!


Sumano (I)

330

Was innig uns der Lehrer wies

Als lichte Wahrheit, Wort um Wort:

Aus Tod und Alter atmend auf,

Ich hab's vollbracht, ich hab's getan!


331

Errungen ist sie, selbst ersehn,

Die Satzung, die auf sich beruht;

Geläutert weise, leer von Hang,

Will deuten helles Wissen dir:


[349] 332

Ich weiß es was ich jeher war,

Das Aug' ist himmlisch abgeklärt,

Mein eigen Wohl ist ausgemacht,

Geschaffen was der Meister schafft.


333

Weil ernst ich hab' und kühn gekämpft,

Weil ich mit Andacht hab' gehorcht

Ist alles Wähnen ausgewähnt,

Und nimmer gibt es Wiedersein.


334

Der heilig wandelt wies mich recht,

Er nahm mich auf, der Mitleid übt:

Und nicht verschwendet war dein Wort,

Dein Schüler bin ich, wohl geschult.


Vaḍḍho

335

Zum Segen, sicher, mahnte sie,

Gab Anstoß einst, die Mutter mein,

So daß ich dann, von ihr belehrt,

Von ihr entlassen, abgesandt,

In ernstem Eifer, zäher Zucht,

Erwachung wirkte, höchstes Heil.


336

Erhaben bin ich, bin erhöht,

Drei Wissen weiß ich, sehe Sieg:

Das Heer des Zwingherrn ist gefällt,

Entzwei der Zwang, der Wahn verweht.


337

Was einst verborgen, offenbar

Als Wähnen mir im Busen wuchs,

Gerodet ist es redlich aus,

Kann wachsen nimmer wieder neu.


[350] 338

Die kluge Schwester kennt mich gut,

Sie sprach zu mir, und sprach es klar:

»Dahin ist all dein Lieben, ach,

Vorbei auf immer, auch für mich!«


339

Der Leiden Grenze grüß' ich nun,

Das letzte Dasein leb' ich da,

Geburtenwandel, Wandelgrab,

Und nimmer gibt es Wiedersein.


Nadīkassapo

340

Für mich zum Heile kam der Herr

Zur Gayā, zur Nerañjarā:

Sein wahres Wort, ich hab's gehört,

Hab' eitlen Dünkel abgetan.


341

So manches Opfer bracht' ich dar:

Dem Feuer dienend für und für

Gedacht' ich »Das wird Sühne sein« –

Ein blinder Mann, ein blöder Mensch!


342

Ins Reff des Glaubens eingerafft,

In wirres, dichtes Deutelwerk,

Bedäuchte rein was unrein ist

Mir blindem Knaben, blödem Knecht!


343

Der eitle Dünkel, er ist hin,

Und alles Dasein abgewirkt;

Dem echten Feuer dien' ich heut,

Begrüße hier den großen Herrn.


[351] 344

Und alles Blendwerk ist verblaßt,

Der Durst nach Dasein ausgedarrt,

Zunichte, gar die Wandelwelt,

Und nimmer gibt es Wiedersein.


Gayākassapo

345

Frühmorgens, mittags, abends dann,

Zu dreien Malen, Tag um Tag,

Hinab zum Bade stieg ich stets,

Bei Gayā dort, in Gayerau.


346

»Die bösen Taten, einst getan,

Geboren anders anderswo,

Die nimmt mir nun das Wasser weg«:

Das war mein Glaube, gern geglaubt.


347

Ein rechter Spruch, gehört, erfaßt,

Ein Satz, gar sinnig, wirklich, wahr,

So triftig treffend, ohne Falsch:

Der hat getroffen, traun, mein Herz!


348

Von allem Bösen sauber nun,

Gebadet, abgespült, entsühnt,

Bin rein des Reinen Erbe ich,

Des Auferwachten echter Sohn.


349

Getaucht in achtgeteilte Flut

Ließ alles Arg ich fließen ab;

Um dreifach Wissen warb ich treu:

Des Wachen Weisung ist geübt.


[352]

Vakkali

Ein Bruder:


350

Von Gliederreißen gleich versucht

Im wilden Walde, hainbehaust,

In rauher Regel, zäher Zucht,

Wie magst du, Mönch, beharren so?


Vakkali:


351

Mit reiner heller Seligkeit

Will satt ich saugen diesen Leib,

Und also auch in rauher Zucht

Im Walde weilen unverzagt.


352

Der Einsicht Pfeiler pflanzend auf,

Die Kräfte kreuzend, geistbegabt:

So will Erweckung zeugen ich,

Im Walde weilen unverzagt.


353

Die starken Streiter kenn' ich gut,

In kühnem Kampfe stets bestrebt

Und einig doch: so will ich denn

Im Walde weilen unverzagt.


354

Den wachen Meister merk' ich mir,

Den besten Büßer, wohl gewahrt,

Will Tag und Nacht beharren so,

Im Walde weilen unverzagt.


Vijitaseno

[353] 355

Ich will dich häkeln fest, o Herz,

Genau wie Ilphen ins Gestöck,

Will nicht im Bösen bei dir stehn,

Du fleischgeborner Flausenbalg!


356

Gehäkelt fest entfährst du nicht,

Vergeblich geifernd wie der Ilph im Kral,

Wirst nimmer wieder greifen, arges Herz,

Unfromm erfreut, nach Willkür hin und her.


357

Gleichwie der Ilph, gefangen erst,

Unbändig, bald gebändigt ist,

Unwillig, willig werden muß:

So mußt du mir gehorchen, Herz!


358

Gleichwie der rasch gewandte Reiter lenkt,

Der Wagenlenker wohl den Hengst beherrscht,

So will ich herrschen über dich,

Gegründet fünffach in erfahrner Kraft.


359

Mit Einsicht sollst gesattelt sein,

Den Trotz, ich treib' ihn aus, getrost:

Ins Joch beharrlich eingejocht

Kannst nimmer neu von hinnen jagen, Herz!


Yasadatto

360

Wer boshaft lauernd, bös gesinnt,

Die Siegerkunde kennen lernt:

Von echter Tugend steht er weit,

Wie Staub von Wolken weit entfernt.


[354] 361

Wer boshaft lauernd, bös gesinnt,

Die Siegerkunde kennen lernt:

In echter Tugend nimmt er ab,

Gleichwie der Vollmond schwindend schweift.


362

Wer boshaft lauernd, bös gesinnt,

Die Siegerkunde kennen lernt:

Der dorrt in echter Tugend ein,

Dem Fische gleich wo Wasser fehlt.


363

Wer boshaft lauernd, bös gesinnt,

Die Siegerkunde kennen lernt:

Gedeiht in echter Tugend nicht,

Wie fauler Same nicht gedeiht.


364

Doch wer in Liebe, wohl gesinnt,

Die Siegerkunde kennen lernt,

Verworfen alles Wähnen hat,

Verwirklicht ew'gen Stillestand,

Errungen höchster Ruhe Heil:

Entlebt erlischt er, wahnversiegt.


Soṇo Kuṭikaṇṇo

365

Geweiht in diesen Orden ein

Bin wahnentsühnt, bin wahnversiegt:

Den hohen Meister fand ich hier

Und weilte wo der Herr geweilt.


366

Bis tief in dunkle Mitternacht

Hielt unterm Himmel aus der Herr,

Der Meister, kundig stiller Zeit,

Er ging zur stillen Zelle dann.


[355] 367

Den Mantel breit gespreitet auf

Geruhte rüstig Gotamo,

Gleichwie der Löwe ohne Furcht

Und ohne Angst im Felsen liegt.


368

Der recht und rein zu reden weiß,

Des wach Gewordnen Satzung kennt:

Gar oft hat Soṇo sanft gelehrt,

Im Angesicht des hehrsten Herrn.


369

Und blickt er durch den Fünferstrunk,

Und späht er aus die grade Spur,

Erringend höchster Ruhe Heil:

Erlöschen wird er, wahnversiegt.


Kosiyo

370

Wer da der Väter Botschaft weiß und würdigt,

Lebendig übend Liebe zeugt im Busen:

Im Glauben weise, sagt man, heißt ein solcher hier,

Als Kenner soll er scharf entscheiden Wahrheit.


371

Wer arges Unglück, eilends aufgegangen,

Gelassen leidet, unvergeßlich standhaft:

Beständig weise, sagt man, heißt ein solcher hier,

Als Kenner soll er scharf entscheiden Wahrheit.


372

Wer gleich dem Ozean unfaßbar feiert,

In tiefem Wissen klar entdeckt ein Kleinod:

Unhemmbar weise, sagt man, heißt ein solcher hier,

Als Kenner soll er scharf entscheiden Wahrheit.


[356] 373

Wer viel gehört hat, Wahrheit hegt und hütet,

Der Wahrheit folgend wahre Fährte wandelt:

Wahrhaftig weise, sagt man, heißt ein solcher hier,

Als Kenner soll er scharf entscheiden Wahrheit.


374

Wer da den Sinn der Worte weiß zu finden,

Und sinneskundig durch die Tat besiegelt:

Besonnen weise, sagt man, heißt ein solcher hier,

Als Kenner soll er scharf entscheiden Wahrheit.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 346-357.
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