Das Sechzehner-Bruchstück

Aññākoṇḍañño

[409] 673

Und hell und heller wird mir nun,

Ich kenn' der Wahrheit köstlich Wort,

Verkündet recht, verkündet rein,

Das alles Hangen heilen kann.


674

Gar viele Bilder dieser Welt,

Die bunt erscheinen rings umher,

Zermalmen, mein' ich, manchen Mut

Zu frohem Leben, froher Lust.


675

Wie Staub vom Wind gewirbelt weg,

Den Wolken gleich in Sturmeswut:

So stieben alle Wünsche hin

Dem Weisen, der die Dinge kennt.


676

»Vergänglich ist die ganze Welt«:

Wer deutlich diese Wahrheit merkt

Wird lebensatt, wird leidensatt,

Kennt wohl den Weg zum Heile hin.


677

»Die Welt ist eitel Ach und Weh«:

Wer deutlich diese Wahrheit merkt

Wird lebensatt, wird leidensatt,

Kennt wohl den Weg zum Heile hin.


678

»Kein Dasein ist von innen echt«:

Wer deutlich diese Wahrheit merkt

Wird lebensatt, wird leidensatt,

Kennt wohl den Weg zum Heile hin.


[410] 679

Der nach dem Herrn ist auferwacht,

Koṇḍañño, ledig, abgelöst,

Geburtenheil und grabesheil,

Geheiligt ist er überall.


680

Der Wahn ist Seil, ist fester Pfahl,

Ist Berg, der nicht zerbersten will;

Doch kannst du fällen Pfahl und Seil,

Kannst brechen durch die Felsenwand:

Entronnen also bist entrückt,

Errettet aus dem Todesreich.


681

Ein aufgeblähter, schwanker Mönch,

In schlechter Freundschaft frohgemut,

Geht eilig unter in der Flut,

Kopfüber wird er weggerafft.


682

Der unverstörte, stete Mönch,

Der klar und klug ist, wohlgewahrt,

Ein echter Bruder, edler Freund,

Der soll versiegen alles Weh.


683

Die Glieder gleichen Knotenried,

Nur Sehnen sieht man, knorrig, rauh:

Wer Körperatzung mäßig nimmt

Muß nicht am Geiste magern ab.


684

Verfolgt von Mücken-, Wespenbrut

In Waldesmitte, Waldespracht:

Gelassen, wie der Elefant

Im Schlachtgewühle, weile schlau.


685

Ich freue mich des Sterbens nicht,

Ich freue mich des Lebens nicht:

Gelassen wart' ich ab die Zeit,

Gleichwie der Söldner seinen Lohn.


[411] 686

Ich freue mich des Sterbens nicht,

Ich freue mich des Lebens nicht:

Gelassen wart' ich ab die Zeit,

Gewitzigt weise, wissensklar.


687

Gedient hab' ich dem Meisterherrn,

Gewirkt hab' ich des Wachen Werk:

Die schwere Last ist abgelegt,

Die Daseinsader ausgedarrt.


688

Warum ich aus dem Hause fort

Als Bettler hingezogen bin:

Ergründet hab' ich ihn, den Grund –

Wie sollt' ich machen mich gemein?


Udāyī

689

Der menschentsproßne höchste Herr,

Der Selbstbesieger, wach gewahr,

Der heilig seiner Wege geht,

Im Herzen heil, im Herzen hell:


690

Der da von Menschen wird verehrt

Als Überwinder aller Welt

Wird auch von Göttern froh begrüßt;

Der Meister hat es mir gesagt.


691

Der aller Bande ledig ist,

Von Wahn entwähnt erloschen lebt,

Von Lust geläutert, abgelöst,

Wie Felsengold von Felsenquarz:


[412] 692

Da steht er, der unendlich strahlt,

Der Elefant am Alpenpaß,

Vor allen, die man herrlich heißt,

Der hehrste Held, von echter Art.


693

Den Elefanten weis' ich euch,

Der wahrlich keinem Leides tut:

Gelassenheit, Geduldigkeit

Sind seine beiden Füße vorn,


694

Bewußter Tritt, bewußter Schritt

Die beiden Füße hinterwärts;

Als Rüssel dient ihm Zuversicht,

Als Hauerpaar der gleiche Mut,


695

Als Nacken Tugend, Witz als Haupt,

Als Klugheit klarer Denkergeist,

Als Rumpf das Reich der Redlichkeit,

Als Zagel zarte Wissenschaft.


696

So wirkt er Schauung, wohlbedacht,

Zieht sanften Atem in sich ein;

Bedächtig geht er seinen Gang,

Bedächtig stellt er still sich hin,


697

Bedächtig ruht er lagernd aus,

Bedächtig sitzt er, selbstvertieft,

Ist nie bestürzt, ist nie verstört:

Das nennt man Elefantenart.


698

Erlaubte Labe nimmt er nur,

Nichts Unerlaubtes nimmt er an:

Den Mantel braucht er, braucht ein Mahl,

Doch flieht er allen Überfluß.


[413] 699

Und Fesseln grob, und Fesseln fein,

Zerrissen hat er jedes Band:

Wohin er geht, wohin er kommt,

Entgangen geht er, ungehemmt.


700

Gleichwie der Lotus, licht und weiß,

Im Wasser lebt, im Wasser wächst

Und unbenetzt sein Haupt erhebt,

In reinem Hauche herrlich ragt:


701

So ist erwachsen unter uns

Der wache Herr, der hier verweilt,

Und wird benetzt nicht von der Welt,

Wie Wasser nicht den Lotus netzt.


702

Die Feuersbrunst, die flackernd flammt,

Zehrt auf den Brennstoff nach und nach,

Und glüht auch noch der rote Glast,

Verglommen, sagt man, sei die Brunst:


703

Den Geist begreife, klär' dir auf

Das Gleichnis, das der Kenner gibt:

Ein großer Mann, er merkt es wohl,

Das Große, das ein Großer weist.


704

Von Gier genesen, heil von Haß,

Der Irre ledig, schlackenlos,

Verläßt der Große gern den Leib,

Ist wahnverglommen, wahnverglüht.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 409-414.
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