Das Vierzehner-Bruchstück

Revato

[404] 645

Solang' ich fort vom Hause bin,

Als Pilger bettelnd, heimatlos,

Da weiß ich nichts von Absicht mehr

Von übler, von gemeiner Art.


646

»Man soll sie schlagen, schlachten hin,

Die Wesen sollen leiden hier!«

Von solcher Absicht weiß ich nichts

In dieser langen, langen Zeit.


647

Von Mitleid weiß ich wahrlich nur,

Von unbegrenztem, wohl geübt

Und wohl gegründet rund umher,

Wie's uns der Wache vorgewirkt.


648

Bin aller Bruder, aller Freund,

Erbarmer aller Wesenheit,

Von Mitleid ist mein Herz erfüllt,

In Milde heiter immerdar.


649

Was keiner rauben, rütteln kann,

Ein solches Herz ist mein Gewinn,

Ein heilig Wohl erwirk' ich mir,

Das kein Gemeiner finden mag.


650

Fern abgeschieden aller Welt

Weilt selig unbewußt, entrückt,

In heil'ges Schweigen eingehüllt,

Der Jünger des erwachten Herrn.


[405] 651

Gleichwie das rauhe Urgebirg

Unregbar wohlgegründet steht,

Steht felsenhaft der Jünger fest

Wann er den Irrwahn hat gefällt.


652

Der makellose reine Mann,

Der immer nur das Edle sucht,

Sieht wolkenschwer sein Unrecht an,

Wär's gleich wie Haares Spitze klein.


653

Wie steile Burg im Grenzgebiet

Bewacht wird innen, außen stets,

So hüte du dein eignes Herz

Beharrlich jeden Augenblick.


654

Ich freue mich des Sterbens nicht,

Ich freue mich des Lebens nicht:

Gelassen wart' ich ab die Zeit,

Gleichwie der Söldner seinen Lohn.


655

Ich freue mich des Sterbens nicht,

Ich freue mich des Lebens nicht:

Gelassen wart' ich ab die Zeit,

Gewitzigt weise, wissensklar.


656

Gedient hab' ich dem Meisterherrn,

Gewirkt hab' ich des Wachen Werk:

Die schwere Last ist abgelegt,

Die Daseinsader ausgedarrt.


657

Warum ich aus dem Hause fort

Als Bettler hingezogen bin:

Ergründet hab' ich ihn, den Grund,

Denn alle Bande sind zersprengt.


[406] 658

»Harrt bis zum Ende standhaft aus!«

Das ist mein letztes Wort an euch.

Verlöschen will ich völlig nun,

Entwesen bin ich überall.


Godatto

659

Gleichwie der wackre Büffelstier,

Ins Joch geschirrt, sein Joch erträgt,

Und selbst erliegend schwerer Last

Die Stränge nicht zerreißen wird:


660

So wird wen Weisheit satt gemacht,

Wie Wasser diesen Ozean,

Den Nächsten nicht verachten mehr:

Das ist die Art der Edlen hier.


661

In Zeit gebannt und Zeitlichkeit,

Geboren bald, gestorben bald,

Eilt jähen Leiden zu das Volk

Und jammert elend in der Welt.


662

Von Wohl geschwellt, von Wohl gebläht,

Von Weh gedrückt, von Weh geknickt,

Wird zwiefach hier der Tor betört,

Der keine Wirklichkeit erkennt.


663

Doch wer im Wohle, wer im Weh

Die Lust verleugnet rechts und links,

Beständig wie die Säule steht,

Wird nicht gebläht, wird nicht geknickt.


[407] 664

Und nicht an Ungunst, nicht an Gunst,

An Ehre nicht und Ruhm und Preis,

An Tadel nicht und nicht an Lob,

An Freude nicht und nicht an Leid:


665

Sie haften nirgends, nirgends an,

Wie Wasser nicht den Lotus netzt,

Sind immer Helden, immer heil,

Sind unbesiegbar immerdar.


666

Wer keine Gunst um Recht erwirbt,

Um Unrecht Gunst erwerben soll,

Tut besser, gibt er hin die Gunst,

Als Gunst um Unrecht nehmen an.


667

Ein läppisch Lob, ein Laffenwort,

Ein Tadel, deutlich, wohl bedacht:

Des Denkers Tadel gilt uns gut,

Und keines Laffen läppisch Lob.


668

Der Ruhmespreis aus Torenmund,

Der Kenner Wort, von Tadel herb:

Weit besser dünkt mich dieses Wort

Der Weisen, nicht der Narren Huld.


669

Der Wollust Wonne, Wollust Wohl,

Das Weh der öden Einsamkeit:

Weit besser dünkt mich dieses Weh

Als jener Wonne Wohlgewinn.


670

Ein Leben, ruchlos, ungerecht,

Ein Tod, bereitet recht und rein:

Weit besser dünkt mich solcher Tod

Als leben sündig, lasterhaft.


[408] 671

Der Liebe ledig, haßgeheilt,

Von Sein und Nichtsein abgelöst,

Durchschreiten frei sie diese Welt,

Entfremdet Freuden, Leiden fremd.


672

Gewirkt ist was Erweckung will,

Das Herz gereinigt, reif die Kraft,

Errungen Ruhe, höchstes Heil,

Erloschen aller Lebenswahn.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 3, Zürich/Wien 1957, S. 404-409.
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