Zum zweiten Teil (1912)

[24] Zehn Stücke bilden den zweiten Teil der Längeren Sammlung, das Große Buch. Nachdem der erste Band als Grundlage das Buch der Tugendstücke mit seinen dreizehn Ansprachen, die stets gleichen Staffeln der Lehre zur Darstellung gebracht hatte, ist hier nun der mächtige Bau dieser Redenhalle weiter und weiter emporgeführt. Es sind gleichsam zehn Säulen- und Wandelgänge, die sich uns hier eröffnen, jeder einzeln wohlgefügt aus den Quadern und Schaften der Überlieferung. So kann der Besucher dieser Stätten in die Vorzeit hinaufsteigen und Schritt um Schritt an jene fernen Dinge und Verhältnisse herankommen, sie wieder in anschaulicher Gegenwart betrachten und erleben. Ist er unvorbereitet eingetreten, wird ihn freilich die ungewohnte Kunst und Kultur zuerst mehr Erstaunen als Verständnis empfinden lassen: eine Enttäuschung wird der erste Eindruck sein, wie einst bei Goethe am Tempel von Pästum. Aber das Auge wird Form und Sinn nach und nach auffassen und begreifen lernen, bis auch hier der Gegenstand vertraut wird, seine strengen Gesetze immer mehr und mehr gemildert erscheinen, und das Denkmal Stück um Stück anspricht und dann als ganzes, fast unmerklich zu Leben erwachend, zu wirken beginnt. Der nun besser geübte Blick findet sich in der Architektonik bald zurecht. Groß und einfach wird er durch eine selbstgewaltige Gegenwart geleitet und ist so halb und halb unbewußt auch schon zur Anschauung jener Gebilde und Gestalten gelangt, die wie von ferne in deutlichen Umrissen sich zu erkennen geben. Aus den Trümmern zweier Jahrtausende treten sie hervor. Der Sonnenschimmer und Duft der Sage, mit dem sie umwoben sind, löst sich und wandelt sich unversehens in lichte leichte Schleierwölkchen und ist dann plötzlich ganz verschwunden: die ursprünglichen Gedanken des Meisters strahlen wieder allein, in unvergänglicher Kraft und Schönheit; unvertrübt von jeder bloß durch Ort und Augenblick bedingten Hülle gewahrt man die Zeitlose Lehre.

Die Art eines solchen Vorgangs ist bei den Stücken dieses zweiten Buches der Längeren Sammlung gut zu beobachten, mit Ausnahme der 15. und 22. Rede, die beide nur das Wort und die Darstellung Gotamos wiedergeben, ohne reichere landestümliche Einkleidung. Der 16. Abschnitt, der von der Lebensneige des Meisters handelt, ist von Winkel zu Winkel in der[24] quer durchgehenden Linie gehalten und fügt nach der Weise des 17. oder 20. Stückes mancherlei schön kannelierte Sage hinzu, leicht und gleich erkennbar angebracht, in sinniger Gestalt, ohne die unverrückbar tief gegründeten Säulen der Überlieferung zu gefährden und unbeschadet der granitenen Würde des Schaftes. In der Vorrede zu den Letzten Tagen Gotamo Buddhos, München 1911, habe ich eine knappe grenzgeschichtliche Übersicht gegeben, Seite V-XI, wo denn auch der mittelbare und geistige Zusammenhang unserer Denkmale mit dem vedischen Boden und Baustoff sicher gezeigt ist. Der Endbericht des vorliegenden Buches, die 23. Rede, steht ebenso wie der 10. Abschnitt des ersten Bandes nicht mehr in äußerer Beziehung zum Meister: es ist einer der großen Jünger, der da zu Worte kommt, im Gespräch mit einem Fürsten, wobei freilich alles wieder auf den einen zurückweist, der, wie auf den Reliefen der symbolisch nur andeutenden asokischen Heimatkunst, selbst unsichtbar, durch seine Gedanken gegenwärtig ist. Als lebendige Kunde und Aussage, von Angesicht vernommen, wird die Satzung stets in den anderen Reden bezeugt. Zu Eingang des Buches, in der 14. Rede, ist es die Erfahrung und das offenbarte offenbare Erlebnis aller Erwachten, aller vollendeten Meister, die Einsicht in Alter, Krankheit und Tod, und der erschlossene Weg zur Freiheit über die Brücke der Bedingten Entstehung. Die 15. und 22. Unterweisung und Ansprache gibt reine Diagnostik und Asketik, das ist Erkenntnislehre und Willensübung, von den ersten Stufen an höher und immer steiler emporschreitend bis zur letzten kühnsten Warte, mit unerbittlich scharf unterscheidender Geistestätigkeit bei Dingen, die schwer zu entdecken, schwer zu gewahren sind, stillen, erlesenen, unbekrittelbaren, feinen, die von Weisen erfunden werden. Rüstige Klänge von den Helden der Vorzeit und ihren ruhmvollen, edlen und doch unzulänglichen Taten lassen das 17. Stück wie eine andere Sinfonia eroica in drei gewaltigen Wellensätzen an uns vorüberrauschen. Auf der 18. und 19. Ausfahrt werden himmlische Gebiete gekreuzt, jenseitige Reiche umkreist, Götter und Geister in ihren eigenen Gefilden aufgesucht, es werden ihre innigen Geheimnisse erforscht: kein Sternenschleier, und wäre er noch so funkelnd gewebt, kann da dem untäuschbaren Auge die Durchsicht an das entdämmernde Ufer der Ewigkeit wehren oder blenden; Ausblicke und Einblicke, immer auf Gotamo zurückreichend, werden gewiesen, die man sonst kaum oder nirgend anderswo, wie ich einmal sagte, zu sehn bekommt. Der 20. Vortrag führt uns in die Zauber der brahmischen Walpurgisnacht ein, zu einem Fest am Alpenpaß von gar seltener Art, in Wald, Fels und Einöde, wo heilige Anachoreten, gebirgauf verteilt, gelagert [25] zwischen Klüften, still lächelnd die Grüße, Gesänge und jubelnden Huldigungen empfangen von den unermeßlich herbeiströmenden immer neuen und anderen Heerscharen und Gestalten der Über- und Unterirdischen des Weltalls. Und im 21. Gespräch umweht uns jener erlauchte göttliche Witz und Humor, der gelegentlich zu schimmern beginnt, aus dem gotamidischen Tiefsinn aufschwebt, erquickende Schauer ringsum verbreitend, alsbald hoch über den dunklen Grund wie ein Regenbogen farbig leuchtend gewölbt und auch schon wieder in Licht verflossen. Die reichhaltige Sittengeschichte mit allerhand Landes- und Volkskunde aber, die zumal aus dem 16. und 23. Bericht nebenbei zu gewinnen ist, wird als gröbere körnige Ausbeute zum Verständnis jener einstigen Macht und Tüchtigkeit dem Altertumsforscher willkommen sein.

Es darf hier wohl an einen Umstand erinnert werden, den man recht oft vergißt oder kaum nach Gebühr zu beachten scheint. Man hört nämlich fast immer die Frage aufwerfen, ob jene Weltansicht die Möglichkeit einer Nutzanwendung für die Gegenwart gewähre. Da sei denn vorweg die Antwort mit einem kräftigen Ja gegeben, da es hinlänglich bekannt ist, daß ernste rüstige Anhänger schon seit einer Reihe von Jahren sich nach Osten wenden und in der heutigen Heimat der dort noch erhaltenen Zucht und Sitte, auf Zeilon oder in Hinterindien, dem Orden beitreten, richtige Mönche und Asketen werden: und manch einer ist dabei, wie ich es persönlich erfahren habe, fröhlich verstorben, nachdem er wohl »auch einer der Heiligen« geworden war. Über die tatsächliche Wirksamkeit des Meisterwortes in der Gegenwart bei uns kann also heute keine Frage mehr sein, wenn auch natürlich sein Wert je nach dem Standpunkt als eitel und nichtig oder als hoch und erhaben, als verderblich und närrisch oder als unvergleichlich gelten wird. Solche Wertbegriffe sind jedoch, wie mir scheint, wenig geeignet zu allgemeiner Untersuchung und Erörterung. Über diese Fragen war und wird nie und nirgends ein einiges Urteil zu erzielen sein, viel weniger noch als etwa über die eine Musik oder die eine Malerei. Der Prüfstein bei solchen Werturteilen ist immer je nach dem Härtegrad verschieden geartet und muß daher, wie es billigen Menschen und ihrer Erfahrung entspricht, jedem einzelnen zur Wahl überlassen bleiben. Der Umstand aber, mit dem wir uns hier zu beschäftigen haben, und den man so oft außer acht läßt oder beinahe stets nur flüchtig streift, der liegt links ab von dergleichen eigenkundigen Erlebnissen. Wir haben hier bloß den Versuch zu unternehmen, ob es etwa gelingen kann jene Weltansicht als eine rein indische Anschauung und Kunst verstehn zu lernen. Dies würde der Lohn der Mühe sein bei der viel Zeit und viel Sorgfalt erfordernden Prüfung und Durcharbeitung unserer alten Texte. Wem diese, nur um ihrer selbst willen betrachtet, einen [26] so anspruchsvollen Aufwand nicht zu vergelten scheinen, der kann ja, wenn er eben auch über unsere Lehrsätze eine Meinung haben oder mitreden will, nach leicht handlichen Werken greifen, an denen längst kein Mangel mehr ist: sei es nun der vorzügliche, regelmäßig neubewährte »Buddhistische Katechismus von Subhadra Bhikschu« oder der wieder in anderer Art ausgezeichnete, groß angelegte und weithin vor allen zu empfehlende »Buddha« Oldenbergs, der seit dreißig Jahren die Grundlage echter einschlägiger Forschung ist und im nächsten Jahr erfreulicherweise schon zum sechstenmal wiedererscheinen wird. Doch die kanonischen Urkunden selbst sind wenig geeignet sich gleich in einen praktisch verwendbaren Nutzen umsetzen zu lassen. Dazu sind sie zu spröde. Zwei Jahrtausende trennen uns von ihnen und ihrer Form und Ausdrucksweise. Und was ein Verständnis noch weit mehr erschwert: eine fremde Kulturschicht liegt fast undurchdringlich dazwischen. Wie sollten da jene fern verklungenen Töne und Stimmen bei uns wieder vernehmbar werden können, so nämlich wie sie wirklich, auf eigenem Boden und Gebiete, lauteten? Da die mitschwingende Vermittlung, wie die Dinge nun einmal liegen, nahezu fehlt, ist die Möglichkeit des Widerhalls beinahe ebenso ausgeschlossen wie die Schallfortpflanzung von der Sonne zur Erde, die doch in wenig über vierzehn Jahren schon erreichbar wäre. Darum also kann hier, bei unseren weltverlorenen Stücken, von praktischer Nutzanwendung insofern keine Rede sein. Man muß sich zufrieden geben, wenn unter den tauben Klötzen der eine Memnon sich findet, und wenn in unermüdlicher Arbeit und Übung doch vielleicht die Hemmnisse zu überwinden sind und das Mittel sich entdecken und erwerben läßt, das jene Stimmen der Vorzeit in unsere Gegenwart herüberzuleiten imstande ist; so daß dann der Hörer der Botschaft tiefe Kunde, zarte Ergebnisse erfahren mag. Aber deswegen wird er es nicht gleich nach Jünglingsart auf eine allgemeine Weltbekehrung versehn haben. Hat doch Gotamo selbst immer nur zu den einzelnen gesprochen, nie sich an das Volk oder gar an die Menge gewandt. Nachdem das lebendige Wort des Sakyer Asketen und Denkers seit mehr als zwanzig Jahrhunderten verstummt und verschollen, nachdem auf den kurzen herrlichen Mittag bald die bleiche lange Nacht der Vergessenheit eingebrochen war, kann heute das erstarrte Wort, auch wenn es wieder zu klingen anfängt, jene entschwundene Kultur mit ihren viel höheren geistigen Erkenntnissen sicherlich nie wieder zum Gesamtleben erwecken, etwa wie Schwärmer vermeinen, in verjüngter moderner Form uns ansprechen: die Zeitgenossen der Kraft- und Luftwagen könnten dafür auch bei größter Eile und bestem Willen kein Gehör haben, keine Muße aufbringen; abgesehn übrigens, daß die Träumereien und Donquijoterien von einer allseitigen Bekehrung mehr kleinbürgerlich, kindisch, kientöppisch sind und gar nicht [27] lehrgemäß. Der Jünger Gotamos ließ die Welt Welt sein, unberührt davon was geredet wird. Ähnlich kann nun auch heute und künftig der Versuch gewagt werden, jenen Geist verstehn zu lernen, vermittelst seiner klassischen Zeugnisse. Die aber werden sich dem zugänglich erweisen, der für solch eine Art irgend etwas übrig hat, Anlagen zu entwickeln weiß: nicht anders wie der eine seinen Shakespeare, der andere seinen Bach fleißig pflegt, ein dritter Marskarten anfertigt, und wieder ein anderer Impfstoffe kocht. Mit dürren Worten: jene Weltansicht ist eine Wissenschaft geworden, für uns. Daß freilich dabei auch für das liebe arme Volk allerhand Brauchbares mit abfallen kann, ist eine günstige Begleiterscheinung, der bloße Schatten der Sache, und zwar ein Riesenschatten, recht eigentlich ein Erdschatten, angesichts der Millionen immer erneuter Beiläufer, Mitgänger, Anhänger in den zehn Weltgegenden. Mit der Sache selbst aber, unserem »Ding an sich« so zu sagen, wird auch im besten Fall immer nur ab und zu der eine oder der andere sich befassen können, ob nun auf Wissen, Kunst oder Heiligkeit abgezielt sei. Das genügt. Ich meine: daß eine solche Möglichkeit für den ernster Strebenden überhaupt vorhanden ist, das allein zeigt hinreichend, wie auch wir das Erbe aus den Schätzen bereits angetreten haben. Wer aber gern zahlenmäßig einen Überschlag des möglichen Nutzens aufstellen wollte, der könnte ja leicht nach dem Exempel Johannes Einsiedels, im Speculum pastorum, berechnen was für ein Ergebnis etwa herauskommen mag bei der gewiß nicht allzu hoch gegriffenen Annahme, daß ein Mensch zwanzig Jahre hindurch jedes Jahr durch Beispiel oder Lehre auch nur einen einzigen Mitmenschen zu rechter Ansicht hinleite, und nun jeder solche jährlich wiederum nur einen einzigen, und dieser ebenso wieder nur einen auf den rechten Weg brächte: wobei sich denn, mit dem Stift in der Hand, ergäbe, daß die Anzahl der auf diese Weise Geförderten, obzwar nur von einem einzelnen Anreger und im Mindestmaß ausgehend, nach zwanzig Jahren schon eine Million überstiege. Doch wir wollen ja hier wohl keine Statistik und Allotria treiben.

Die schlichten allgemein gültigen Grundpfeiler dieses zweiten Teils sind im Gebälk, mehr als sonst, von dem Ranken- und Blätterwerk der heimischen Anschauungen und Vorstellungen umsponnen, mit den hundert Kranzgewinden aus der vedischen Sagenwelt verbrämt und geschmückt. In der Vorhalle des ersten Teils war ein solcher Säulenbehang nur selten und spärlich zu bemerken: ich konnte daher an dergleichen Stellen in der Regel mit einem leichten Wink oder Hinblick vorbeigehn. Hier nun, im Mittelschiff angelangt, scheint es mir angezeigt, auf den näheren Zusammenhang der Dinge und die vielfachen Beziehungen zu Land und Leuten, namentlich auch auf die überaus wertvollen Bestätigungen durch die Inschriften Asokos und seiner Nachfolger sowie auf die reichen archäologischen Behelfe der bildenden [28] Kunst, doch wohl etwas eingehender hinzuweisen, da eben dieser zweite Band in den Mythensaal des Lehrgebäudes einführt, ja seinen Grundriß und seinen Gewölbeplan ausmacht; wohlverstanden: nur als Draufgabe und Beiwerk. Natürlich werde ich mich mit den Hinweisen, die obzwar gewichtig und merkwürdig doch meist nur unterbrechend, störend, überflüssig bedünken müssen, so knapp als möglich zu bescheiden haben. Um übrigens dem Besucher in keiner Weise lästig zu fallen und seiner stillen Betrachtung nicht vorzugreifen, werde ich es so einrichten, daß die Anmerkungen nicht mehr den wiederaufgestellten Stücken der Denkmale sich anheften, nicht zwischen den Steinfliesen wuchern, nicht mehr unter dem Redespiegel als Unkraut und Ungeziefer dahinkriechen sollen: ich werde sie immer erst ans Ende versetzen, wo denn der wimmelnde Kehricht nicht weiter schadet, und, darf ich raten, besser übergangen wird. Empfindsame Kritiker haben schon lange seufzend geklagt, daß die Stacheln und Dornen und unliebsam kribbelnden und krabbelnden Erklärungen so gar nicht zur erhabenen Ruhe des Textes paßten. Das war sehr richtig empfunden. Nur möchte es scheinen als ob hier blasse Angst einer gänzlich belanglosen Sache ungeheuerliche Wichtigkeit beigemessen, mit Bomben nach Kletten und Spinnen gezielt hätte. Denn wie sollte das wohl anders als lachhaft mit dem Palast oben zu schaffen haben, wenn der philologische Kärrner unten, zu den mancherlei mit ausgegrabenen oft großartigen, oft wunderbar aufschlußreichen Trümmern der Vergangenheit auch dann und wann allerhand Asseln, Würmer, Schnecken, angeschossene Kristalle, Glimmer und Splitter, glatte oder rauhe garstige Anhängsel, gemeine und kostbare Steinchen, Schimmelpilze, Algen usw., wie es eben kommt, einbringen und vorbringen muß: das ist Kieselgur, fossiler Mergel, buntscheckiger Sand, ein kaleidohistorisches Amöbenuniversum, und nicht wenig menschliche, allzu menschliche Kalkerde und Quellsäure, nur belehrend und nützlich für die winzige Wissenschaft, die mikrologische Forschung – sonst nichts. Werden nun bei solchen peinlich beäugelten Untersuchungen recht verschiedene, jedoch stets irgendwie zuständige Proben, Ansichtflächen, Querschnitte dargeboten, so mag es zur Anregung und Abwechslung beitragen, auch dem Auge das Nachspüren und Vergleichen etwas weniger ermüdend, etwas leichter und bequemer machen. Wer Ablenkung nicht liebt und nicht braucht, der lasse sich nicht beirren. Für den, den Philologen wie er sein soll, sind die tausend unterschiedlichen Worttropfen da, auf den Täfelchen sauber hergerichtet zum Einstellen unter die Linse. – Es wäre ungerecht, wenn nicht auch hier nun wieder der so tiefen Einmütigkeit jener fernen und unserer eigenen großen Traumerwachten gelegentlich mit einer Andeutung gedacht würde; Wegeskundige, Pfaderleuchter, Wahnvernichter wie Bernhard der Zisterzienser, San Francesco, [29] Antonius von Padua, Meister Eckhart, Merswin, Heinrich Seuse, der unbekannte Ritter zu Frankfurt, um nur die herrlichsten genannt zu haben: solche Kenner und Verkünder, selbst durch so manchen Mittelstrahl von Osten her, wie man ja heute weiß, mächtig angeregt, mögen vielleicht künftighin kräftiger auch nach außen zu wirken beginnen, erst besser verstanden werden. Und der Gegenschall ihrer Bezeugnisse, im Einklang mit der Lehre Gotamos vernommen, wird nicht mehr verstummen, oder doch nicht bevor die Bahn des letzten Wandelsterns bestimmt sein wird.


Die Übersetzung hat wie beim ersten Bande den ausgezeichneten siamesischen Kodex, Bangkok 1894, zur Grundlage, bei Angabe der Lesarten mit S bezeichnet. Mit dieser ältesten, nach den besten Handschriften überlieferten Fassung, der bisher einzig tauglichen, wurde wieder verglichen: die von Rhys Davids und Carpenter für die Pāli Text Society besorgte Auflage London 1903, die einige brauchbare Varianten aus barmanischen Quellen darbietet, im übrigen aber so flüchtig hergestellt ist, daß sie eine ernstere Benützung unmöglich macht, schon deshalb, weil die nur in S zu findenden echten Formen darin bald nicht gebracht, bald ungenau oder falsch angegeben sind, aber auch anderweitig sich die Sätze verstümmelt zeigen, ja sehr oft ganze Worte fehlen, übersehn wurden; bei den Anmerkungen nun Zeile um Zeile geprüft und wo geboten berichtigt. Ferner wurde zur Vergleichung herangezogen: der siṇhalesische Wiegendruck des Dīghanikāyo, Band II Kolombo 2448 = 1905, der ab und zu verwendbare Belege, mit C gekennzeichnet, beigesteuert hat. Zu No. 15 und 20 ist noch die erste europäische Textausgabe dieser Stücke durchgesehn worden, bei Grimblot, Sept Suttas pâlis, Paris 1876, mit G vermerkt. Von Übertragungen habe ich folgende kennengelernt: T.W. and C.A.F. Rhys Davids, Dialogues of the Buddha, Part II, London 1910; W.A. Samarasekera, Singhalese Translation, Buddhist Pali Texts, Kolombo 2448; Burnouf No. 15, Gogerly No. 20, beide bei Grimblot; Dutoit, Das Leben des Buddha, Leipzig 1906, S. 221-318, No. 16; Leumann, Akten des sechsten Orientalistenkongresses, Leiden 1885, S. 471-490, No. 23. Einzelne Stellen sowie größere Bruchstücke aus der 15. und 16. Rede sind in fast allen Darstellungen und Sammelwerken mitgeteilt, so bei Kern, Oldenberg, Warren und vielen anderen.

Die Zahlen am Rande geben die Seiten der siamesischen Fassung an.


Wien, im Sommer 1912.

K.E.N.

Quelle:
Die Reden Gotamo Buddhos. Bd. 2, Zürich/Wien 31957, S. 24-31.
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