Fünfzehntes Kapitel

[75] Kurze Darstellung der jüdischen Religion von ihrem Ursprung bis auf die neuesten Zeiten.


Zur Verständlichkeit desjenigen Teils meiner Lebensgeschichte, der meine Gesinnungen in Ansehung der Religion betrifft, muß ich erstlich eine kurze pragmatische Geschichte der jüdischen Religion vorausschicken.

Die jüdische Religion ist schon in ihrem ersten Ursprung als natürliche Religion, wie sie die nomadischen Patriarchen hatten, von der heidnischen unterschieden, indem in ihr statt der vielen begreiflichen Götter des Heidentums, die Einheit eines unbegreiflichen Gottes zum Grunde liegt. Denn da die besonderen Ursachen der Wirkungen (die überhaupt eine Religion veranlassen) an sich unbekannt sind, und man sich auch nicht für berechtigt hält, die Eigenschaften der besonderen Wirkungen auf die Ursachen zu übertragen und sie dadurch zu charakterisieren, so bleibt nur der Begriff von Ursache überhaupt übrig, der auf alle Wirkungen ohne Unterschied bezogen werden muß. Diese Ursache kann nicht einmal durch die Wirkungen analogisch bestimmt werden. Denn die Wirkungen sind einander entgegengesetzt und heben sich einander in ebendemselben Objekt wechselweise auf; legt man sie also alle einer und ebenderselben Ursache bei, so kann diese durch keine derselben analogisch bestimmt werden.

Die heidnische Religion hingegen, die jede Art Wirkung auf eine besondere Ursache bezieht, kann allerdings durch ihre Wirkung charakterisiert werden. Als positive Religion ist die jüdische dadurch von der heidnischen unterschieden, daß sie keine bloß politische, d.h. eine solche Religion, die das gesellschaftliche Interesse (im Gegensatz der wahren Erkenntnis und dem Privatinteresse) zum Zweck hat, sondern nach dem Geiste ihres Urhebers der theokratischen Regierungsform der Nation angemessen[76] ist, die auf dem Grundsatz beruht, daß nur die wahre, auf Vernunfterkenntnis beruhende Religion sowohl mit dem bürgerlichen als Privatinteresse übereinstimmen kann. Sie hat also, in ihrer Reinheit betrachtet, keine Geheimnisse im eigentlichen Sinne des Wortes, d.h. solche, die man, um den Zweck zu erreichen, nicht entdecken will, sondern solche, die man nicht allen entdecken kann.

Nach dem Verfall des jüdischen Staates wurde Religion vom Staate (der nicht mehr existierte) getrennt. Die Vorsteher der Religion waren nicht mehr, wie bisher, darauf bedacht, die Religion in ihrer besonderen Anwendung dem Staate gemäß einzurichten, sondern ihre Sorge ging bloß darauf, die Religion, wovon die Existenz der Nation nunmehr abhing, zu erhalten. Bewogen durch den Haß gegen diejenigen Nationen, die ihren Staat zernichtet hatten, und aus Vorsorge, daß nicht mit dem Verfall ihres Staats auch ihre Religion in Verfall geraten möchte, sind sie auf folgende Mittel zur Erhaltung und Erweiterung ihrer Religion geraten.

1. Das Vorgeben einer von Moses überlieferten Methode, die Gesetze zu explizieren und auf besondere Fälle anzuwenden. Diese Methode ist nicht diejenige, die die Vernunft befiehlt, die Gesetze ihrem Zwecke nach, der Zeit und den Umständen gemäß zu modifizieren, sondern die jenige, die auf gewisse Regeln in Ansehung des schriftlichen Ausdrucks beruht.

2. Die den neuen durch diese Methode herausgebrachten Entscheidungen und Aussprüchen beigelegte gesetzliche Kraft, wodurch sie mit den alten Gesetzen in gleichen Rang traten. Durch welche spitzfindige Dialektik dieses bis auf unsere Zeiten betrieben wird, und welche ungeheuere Anzahl von Gesetzen, Gebräuchen und allerhand unnützen Zeremonien dieses veranlaßt hat, kann man sich leicht vorstellen.

Die Geschichte der jüdischen Religion kann, diesem zufolge, füglich in fünf Hauptepochen eingeteilt werden. Die[77] erste Epoche enthält die natürliche Religion von den Zeiten der Patriarchen bis auf Moses nach dem Ausgang von Ägypten. Die zweite faßt die positive oder geoffenbarte Religion in sich von Moses bis auf die Zeit des großen Konziliums (Kneßet Hagdola). Dieses Konzilium muß man sich nicht als eine Versammlung von Theologen zu einer bestimmten Zeit vorstellen, sondern die Theologen einer ganzen Epoche seit der Zerstörung des ersten Tempels bis auf Verfassung der Mischna werden so genannt, wovon die ersten die kleinen Propheten (Hagai, Secharia, Malachi usw., zu welchen noch bis auf hundertzwanzig alte gerechnet werden) und der letzte Simon der Fromme waren. Diese so wie ihre Vorgänger seit Josuas Zeiten legten die mosaischen Gesetze zum Grund und fügten, nach Zeit und Umständen und der überlieferten Methode gemäß, noch neue Gesetze hinzu; jede Streitigkeit, die darüber entstand, wurde nach Mehrheit der Stimmen entschieden.

Die dritte Epoche geht von der Verfassung der Mischna von Rabbi Jehuda dem Heiligen bis auf Verfassung des Talmuds von Rawina und Raw Aschi. Bis zu dieser Epoche wurde es für unerlaubt gehalten, die Gesetze schriftlich abzufassen, damit sie nicht solchen, die davon keinen Gebrauch machen können, in die Hände kommen sollten. Da aber dieser Rabbi Jehuda Hannaßi (oder wie er sonst heißt Rabbenu Hakkadosch) merkte, daß die Gesetze wegen ihrer großen Mannigfaltigkeit leicht in Vergessenheit geraten könnten, so erlaubte er sich zur Erhaltung sämtlicher Gesetze ein einziges zu übertreten, nämlich die Gesetze schriftlich abzufassen, und stützte sich hierin auf eine Stelle in den Psalmen: Es gibt Umstände, worin man sich Gott gefällig zeigt, dadurch, daß man die Gesetze übertritt. Er lebte zu Antoninus Pius Zeiten, war reich und besaß alle zu einem solchen Unternehmen erforderlichen Fähigkeiten. Er verfaßte daher die Mischna, worin er die mosaischen Gesetze entweder nach einer überlieferten[78] oder sonst vernünftigen Exegetik vorträgt. Zuweilen kommen auch darin solche Gesetze vor, worüber gestritten wird.

Dieses Werk wird in sechs Hauptteile abgeteilt. Der erste Teil enthält die Gesetze, die den Feld- und Gartenbau, der zweite Teil solche, die die Feste und Feiertage betreffen. Der dritte Teil faßt diejenigen in sich, die die Beziehung beider Geschlechter aufeinander (Heiraten, Ehescheidungen und dergleichen) bestimmen. Der vierte begreift die Gesetze, die von den Rechtslehren, der fünfte solche, die von dem Dienst des Tempels und den Opfern handeln, und der sechste enthält die Reinigungsgesetze.

Da die Mischna aber mit der größten Präzision abgefaßt ist und ohne Kommentar nicht verstanden werden kann, so war es natürlich, daß nach der Zeit Zweifel und Streitigkeiten sowohl über die Auslegung der Mischna an sich, als über die Art ihrer Anwendung auf solche Fälle, die in ihr nicht bestimmt genug sind, entstehen mußten. Alle diese Zweifel und ihre mannigfaltigen Auflösungen, Streitigkeiten und Entscheidungen wurden endlich von dem gedachten Rawina und Raw Aschi in dem Talmud zusammengebracht und dieses ist die vierte Epoche der jüdischen Gesetzgebung.

Die fünfte Epoche fängt von der Beschließung des Talmuds an und geht bis auf unsere Zeiten, und so fort in alle Ewigkeit (si diis placet) bis zur Ankunft des Messias. Seit der Beschließung des Talmuds sind die Rabbiner auch nicht müßig, sie dürfen zwar an der Mischna und dem Talmud nichts ändern, ihr Geschäft besteht aber darin: diese so zu erklären, daß sie mit sich selbst übereinstimmen müssen (welches wahrhaftig keine Kleinigkeit ist, indem immer der eine Rabbiner, nach einer superfeinen Dialektik, in den Erklärungen des andern Widersprüche findet), aus dem Labyrinth von verschiedenen Meinungen, Auslegungen, Streitigkeiten und Ehescheidungen, die auf jeden Fall anwendbaren Gesetze herauszuwickeln; und[79] endlich neue, durch alle bisherigen Bemühungen unbestimmt gebliebene Gesetze für neue Fälle durch Schlüsse aus den schon bekannten herauszubringen und ein vollständiges Gesetzbuch zu verfertigen.

Die Methode, theoretische oder praktische Wahrheiten, wenn auch durch die allerseltsamste Exegese, auf Stellen aus der Heiligen oder auch einer andern allgemein geschätzten Schrift zu beziehen, als wären es Wahrheiten, die aus dergleichen Stellen durch eine vernünftige Exegese herausgebracht sind, ist außerdem, daß sie den Wahrheiten bei dem gemeinen Mann (der sie an sich nicht einzusehen fähig ist, und sie bloß auf Autorität annimmt) Eingang verschafft, auch noch als ein vortreffliches Gedächtnismittel zu betrachten; denn da, wie vorausgesetzt, diese Stellen in jedem Munde sind, so werden auch die daraus gezogenen Wahrheiten dadurch aufbewahrt. Daher findet man sehr häufig im Talmud, wenn die Frage von der Deduktion eines neuen Gesetzes aus der Heiligen Schrift ist, daß der eine dieselbe aus dieser oder jener Stelle der Heiligen Schrift herleitet, der andere ihm aber dagegen die Einwendung macht, daß dieses nicht die wahre Bedeutung dieser Stelle sein könnte, indem die wahre Bedeutung diese oder jene sei, worauf jener zu erwidern pflegt: Es ist ein neues Gesetz der Rabbiner, die es bloß auf gedachte Stelle beziehn.

Da also diese Methode überall als bekannt vorausgesetzt wird, so halten es die Talmudisten für unnötig, sie bei jeder Gelegenheit aufs neue einzuschärfen. Ein einziges Beispiel wird hinreichend sein, dieses zu erläutern.

Ein Talmudist fragte den andern (Gittin 7a): was mag doch die Bedeutung folgender Stelle im Buch Josua 1522 sein: Kina we-Dimona we-Adada. Dieser antwortete: Hier werden die damals bekannten Örter des Heiligen Landes gezählt. Ei freilich! erwiderte jener, ich weiß es recht gut, daß dies Namen der Örter sind, aber Rabbi ... weiß hier noch außer der eigentlichen Bedeutung etwas Zweckmäßiges[80] anzubringen, nämlich: (Kina) wem sein Nächster Gelegenheit zur Rache gibt, (we-Dimona) und wer dennoch schweigt (aus Großmut), keine Rache übt, (we-Adada) dem wird der Ewige Recht verschaffen.

Welche schöne Gelegenheit wäre hier nicht zum Lachen über den armen Talmudisten, der aus besondern Namen von Örtern eine moralische Sentenz herleitet, und noch dazu aus dem letzten Namen, Sanßanna, auf eine seltsame Art eine Komposition macht; hätte sich nicht derjenige, der diese Frage vorlegte, selbst darüber erklärt, daß er nicht die wahre Bedeutung dieser Stelle, sondern irgendeine Lehre, die darauf bezogen werden kann, zu wissen verlange.

So haben die Talmudisten (Vätersprüche I17) auch die wichtige Lehre, daß es nämlich in Ansehung der Moral nicht auf bloße Theorie, sondern hauptsächlich auf Praxis ankomme, wodurch die Theorie ihren wahren Wert erhält, auf eine Stelle im Jesaias (336) bezogen, wo es heißt: Die Erwartung deines (von den Propheten verheißenen) Glücks wird Stärke, Hilfe, Weisheit, Erkenntnis und die Furcht Gottes zur Folge haben.

Sie beziehen daher die sechs ersten auf die sechs Sedarim oder Abteilungen der Mischna (welche die Grundlage der ganzen jüdischen Gelehrsamkeit sind), Emunat (Zutrauen, Erwarten) ist Seder Seraim. Ittecha (Zeit- oder Glücksumstände) ist Seder Moad usw., d.h. du magst in allen diesen sechs Sedarim noch so sehr bewandert sein, so kommt doch die Hauptsache auf das letzte (die Furcht Gottes) an.

Was übrigens die rabbinische Moral anbetrifft, so weiß ich wahrhaftig nicht, was man daran auszusetzen hat, außer vielleicht das in manchen Fällen Zuweitgetriebene derselben. Sie ist der echte Stoizismus, schließt aber deswegen nicht andere brauchbare Prinzipien (der Vollkommenheit,[81] des allgemeinen Wohlwollens und dergleichen) aus. Ihre Heiligkeit erstreckt sich sogar auf Gedanken. Sie beziehen dieses (Schabbat 105b), ihrer Art nach, auf folgende Stellen des Psalms: Du sollst in dir keinen fremden Gott haben, indem sie sagen: welcher fremde Gott kann in dem menschlichen Herzen wohnen als böse Begierden. Sie erlauben nicht einmal einen Heiden weder in Taten noch mit Worten zu hintergehen, wobei er doch nichts verlieren kann, z.B. sich gegen ihn der gewöhnlichen Höflichkeitsformel: »ich freue mich, Sie wohl zu sehen,« zu bedienen, wenn sie nicht wahre Gesinnungen des Herzens ausdrückt.

Die Beispiele von Juden, die Christen oder Heiden betrügen, welche man gemeiniglich dagegen anführt, beweisen nichts, indem diese alsdann nicht den Grundsätzen ihrer Moral gemäß handeln.

Das Gebot, du sollst nicht gelüsten nach allem, was deinem Nächsten gehört, legen die Talmudisten so aus, daß man sich sogar den Wunsch, es zu besitzen, verwehren muß; kurz, ich müßte ein ganzes Buch schreiben, wenn ich alle vortrefflichen Lehren der rabbinischen Moral anführen wollte.

Auch der Einfluß dieser Lehren im praktischen Leben ist unverkennbar. Die polnischen Juden, denen es von jeher gestattet war, sich allerhand Erwerbsmittel zu bedienen, und nicht, wie in anderen Staaten, auf den leidigen Schacher und Geldwucher eingeschränkt sind, hören selten den Vorwurf des Betrugs. Sie bleiben dem Lande, worin sie leben, getreu, und ernähren sich auf eine ehrliche Weise.

Ihre Mildtätigkeit und Fürsorge für ihre Armen, ihre Anstalten zur Pflege der Kranken, ihre besonderen Gesellschaften zur Bestattung der Toten sind bekannt genug. Nicht etwa für Geld gemietete Krankenwärter und Totengräber, sondern die Ältesten der Nation beeifern sich, diese Handlungen auszuüben. Die polnischen Juden sind freilich größtenteils noch nicht aufgeklärt, ihre Sitten und Lebensart[82] sind noch roh, aber sie sind ihrer väterlichen Religion und den Landesgesetzen treu, sie kommen euch mit Höflichkeiten nicht zuvor, aber ihr Versprechen ist ihnen heilig. Sie sind nicht galant, aber eben darum sind euere Damen vor ihren Nachstellungen sicher. Das Frauenzimmer wird von ihnen nach Art der Morgenländer nicht sonderlich geschätzt, aber um desto mehr sind sie auf Erfüllung ihrer Pflichten gegen dasselbe bedacht. Die Kinder wissen von keinen auswendig gelernten Formeln, wodurch sie ihre Liebe und Ehrerbietung gegen ihre Eltern bezeigen (denn sie halten keine französischen Demoiselles), aber um desto inniger bezeigen sie dieselbe.

Die Heiligkeit ihrer Ehen und die davon abhängende immer neue Zärtlichkeit verdient besonders bemerkt zu werden. Alle Monate ist der Mann von seiner Frau vierzehn Tage (der monatlichen Reinigung nach den rabbinischen Gesetzen) völlig getrennt, sie dürfen sich einander nicht einmal berühren oder aus einer Schüssel essen und aus einem Becher trinken, und dadurch wird der Überdruß vermieden. Die Frau bleibt beständig in den Augen ihres Mannes, was sie als Mädchen in den Augen ihres Liebhabers war.

Endlich welche Unschuld herrscht hier unter unverheirateten Personen! Ja es geschieht oft, daß ein Junge oder ein Mädchen von sechzehn oder achtzehn Jahren verheiratet wird, ohne von dem Zweck des Heiratens das geringste zu wissen, welches unter anderen Nationen gewiß sehr selten der Fall ist.

Quelle:
Maimon, Salomon: Geschichte des eigenen Lebens (1754–1800). Berlin 1935, S. 75-83.
Lizenz:
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Salomon Maimons Lebensgeschichte
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Salomon Maimons Lebensgeschichte. Von ihm selbst geschrieben
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