Vierzehntes Kapitel

[63] Ich studiere die Kabbala und werde endlich gar ein Arzt.


Kabbala – um von dieser göttlichen Wissenschaft etwas ausführlicher zu reden – im weiteren Sinn heißt Überlieferung und begreift nicht nur die geheimen Wissenschaften, die nicht öffentlich gelehrt werden dürfen, sondern auch die Methode, aus den in der Heiligen[63] Schrift vorkommenden Gesetzen neue Gesetze herzuleiten, wie auch einige Fundamentalgesetze, die dem Moses auf dem Berge Sinai mündlich überliefert worden sein sollen. Im engeren Sinn aber heißt Kabbala bloß die Überlieferung geheimer Wissenschaften. Diese wird in theoretische und praktische Kabbala eingeteilt. Jene begreift in sich die Lehre von Gott, seinen Eigenschaften, die durch seine mannigfaltigen Namen ausgedrückt werden, die Entstehung der Welt durch eine stufenweise Einschränkung seiner unendlichen Vollkommenheit und das Verhältnis aller Dinge zu seinem höchsten Wesen. Diese ist die Lehre, durch die mannigfaltigen Namen Gottes, die besondere Wirkungsarten und Beziehungen auf die Gegenstände der Natur vorstellen, nach Belieben auf sie zu wirken. Diese heiligen Namen werden nicht als bloß willkürliche, sondern als natürliche Zeichen betrachtet, so daß alles, was mit diesen Zeichen vorgenommen wird, auf die Gegenstände selbst, die sie vorstellen, Einfluß haben muß.

Das Hauptwerk, um daraus die Kabbala zu studieren, ist der Sohar, der in einem sehr erhabenen Stil in syrischer Sprache geschrieben ist. Alle anderen kabbalistischen Schriften sind bloß als Kommentare oder Auszüge desselben zu betrachten.

Es gibt zwei Hauptsysteme der Kabbala, nämlich das System des Rabbi Moses Cordovero (starb 1570) und das System des Rabbi Isaak Lurja (1534–1572). Jener ist mehr reell, d.h. er nähert sich mehr der Vernunft als dieser. Dieser hingegen ist mehr formell, d.h. vollständiger in dem Bau seines Systems als jener. Die neueren Kabbalisten ziehen diesen jenem vor, weil sie nur das für echte Kabbala halten, worin kein vernünftiger Sinn ist. Das Hauptwerk des Rabbi Moses Cordovero ist das Pardeß (Paradies). Von Rabbi Isaak Lurja selbst hat man einige unzusammenhängende Schriften. Sein Schüler aber, Rabbi Chajjim Vital (1543–1620), hat ein großes Werk unter dem Titel: Ez Chajjim (der Baum des Lebens), worin das[64] ganze System seines Lehrers enthalten ist, geschrieben. Dieses Buch wird von den Juden für so heilig gehalten, daß sie es nicht erlauben, es dem Druck zu übergeben. Natürlich fand ich mehr Geschmack an der Kabbala des Rabbi Moses als an der des Rabbi Isaak, durfte aber meine Meinung hierüber nicht äußern.

Nach dieser Abschweifung über die Kabbala überhaupt kehre ich zu meiner Geschichte zurück. Ich erfuhr, daß der Unterrabbiner oder Prediger des Ortes ein kabbalistischer Adept sei und machte also zur Erreichung meines Endzwecks mit ihm Bekanntschaft, nahm meinen Platz in der Synagoge neben ihm, und da ich einst merkte, daß der Prediger immer nach dem Gebete in einem kleinen Buche las und es alsdann auf der Stelle verwahrte, so wurde ich sehr begierig zu wissen, was dieses für ein Buch sein möchte.

Nachdem also der Prediger nach Hause gegangen war, ging ich und holte dieses Buch aus dem Orte, wo jener es versteckt hatte, und da ich fand, daß es ein kabbalistisches Buch war, so nahm ich es zu mir und versteckte mich damit in einen Winkel in der Synagoge, bis alle Leute aus derselben gegangen und die Synagoge geschlossen war.

Nachher kroch ich aus meinem Schlupfwinkel hervor und las in meinem geliebten Buche so lange, bis der Schließer des Abends die Synagoge wieder aufmachte, ohne den ganzen Tag über an Essen oder Trinken zu denken.

Schaare Keduscha oder die Tore der Heiligkeit hieß dieses Buch und enthielt im kurzen alles Schwärmerische und Überspannte abgerechnet, die Hauptsachen der Psychologie. Ich machte es damit, wie die Talmudisten von dem Rabbi Mëir sagen, der einen Ketzer zum Lehrer hatte: Er fand einen Granatapfel, aß die Frucht und warf die Schale weg.

In ein paar Tagen wurde ich auf diese Art mit meinem Buche fertig. Dieses aber, anstatt meine Begierde zu befriedigen, reizte dieselbe noch viel mehr. Ich wünschte noch mehrere Bücher dieser Art zu lesen.[65]

Da ich aber zu schüchtern war, um dieses dem Prediger zu entdecken, so beschloß ich, einen Brief an ihn zu schreiben, worin ich meine unwiderstehliche Begierde nach dieser heiligen Wissenschaft äußerte und daher den Prediger inständig bat, daß er mich mit Büchern unterstützen möchte.

Ich erhielt darauf von demselben eine sehr günstige Antwort. Er lobte meinen Eifer für diese heilige Wissenschaft und versicherte mir, daß dieser Eifer unter so wenig Begünstigung ein offenbares Merkmal sei, daß meine Seele von Olam Azilut (der Welt des unmittelbaren göttlichen Ausflusses) herkomme, anstatt daß die Seelen der bloßen Talmudisten von Olam Jezira (der Welt der Schöpfung) ihren Ursprung nehmen. Er versprach mir daher, mich, soviel in seinem Vermögen wäre, mit Büchern zu unterstützen.

Da er aber sich selbst hauptsächlich mit dieser Wissenschaft beschäftigte und dergleichen Bücher beständig bei der Hand haben mußte, so konnte er mir dieselben nicht leihen, erlaubte mir aber, sie in seinem eigenen Hause nach Belieben zu studieren.

Wer war froher als ich? Ich nahm dieses Anerbieten des Predigers mit Dankbarkeit an, kam beinahe nicht aus seinem Hause und saß Tag und Nacht über den kabbalistischen Büchern.

Besonders machten mir zwei Vorstellungen die größte Mühe. Die eine war der Baum oder die Vorstellung der göttlichen Ausflüsse nach ihren mannigfaltigen Krümmungen und Verwickelungen untereinander. Die zweite war Gottes Bart, dessen Haare in mannigfaltige Klassen, deren jede etwas Eigentümliches hat, verteilt sind, und worin jedes Haar eine besondere Ableitung der göttlichen Gnade ist. Bei aller Anstrengung konnte ich darin keinen vernünftigen Sinn finden.

Mein beständiger Besuch aber inkommodierte den Herrn Prediger ungemein. Er hatte seit kurzer Zeit eine sehr hübsche junge Frau geheiratet, und da sein elendes Häuschen[66] aus einem einzigen Zimmer bestand, welches zugleich Wohn-, Studier- und Schlafstube war, und wo ich ganze Nächte durch wachte, so kam meine Übersinnlichkeit mit des Predigers Sinnlichkeit nicht selten in Kollision.

Dieser dachte folglich auf Mittel, den angehenden Kabbalisten auf eine gute Art loszuwerden. Er sagte mir daher einst: »Ich merke, daß es Sie zu sehr inkommodieren muß, der Bücher wegen Ihre Zeit beständig außer Ihrem Hause bei mir zuzubringen. Sie können sie in Gottes Namen einzeln mit nach Hause nehmen und also nach Ihrer Kommodität studieren.«

Mir war nichts willkommener als dieses. Ich nahm daher von dem Prediger ein Buch nach dem andern nach Hause und studierte darin so lange, bis ich die ganze Kabbala innezuhaben glaubte. Ich begnügte mich nicht bloß mit der Erkenntnis ihrer Prinzipien und mannigfaltigen Systeme, sondern suchte auch von diesen den gehörigen Gebrauch zu machen. Es war keine Stelle in der Heiligen Schrift oder im Talmud anzutreffen, deren geheimen Sinn ich nicht aus kabbalistischen Prinzipien mit der größten Fertigkeit hätte herauswickeln können.

Ein Buch, Schaare Ora betitelt, kam mir hierin sehr zustatten. In diesem Buche werden die mannigfaltigen Namen einer jeden der zehn Sephirot (der Hauptgegenstand der Kabbala) hergezählt, so daß eine jede derselben hundert oder mehr Namen hat. In einem jeden Wort eines Verses in der Bibel oder einer Stelle im Talmud fand ich also den Namen irgendeiner Sephira. Da ich nun die Eigenschaft einer jeden Sephira und ihr Verhältnis zu den übrigen wußte, so konnte ich leicht aus der Kombination der Namen ihre zusammengesetzte Wirkung herausbringen.

Um dieses durch ein kurzes Beispiel zu erläutern, so fand ich im gedachten Buche, daß der Name JHWH die obersten sechs Sephirot, die ersten drei nicht mitgerechnet, die Person der Gottheit generis masculini vorstelle, das Wort ko aber die Schechina (die »Einwohnung« Gottes in der[67] Welt) oder die Person der Gottheit generis feminini bedeute, und das Wort amar die Geschlechtsverbindung anzeige. Ich legte daher diese Worte ko amar JHWH (»so spricht JHWH«) auf folgende Art aus: JHWH verbindet sich mit der Schechina, und dieses ist erzkabbalistisch und dergleichen. Da ich also diese Stelle in der Bibel las, so dachte ich mir nichts anderes, als daß, indem ich diese Wörter aussprach und dabei diesen ihren geheimen Sinn dachte, unter diesen göttlichen Eheleuten eine wirkliche Verbindung vorgehe, wovon die ganze Welt den Segen zu erwarten habe. Wer kann den Ausschweifungen der Einbildungskraft, wenn sie nicht durch Vernunft geleitet wird, Einhalt tun?

Mit der Kabbala maaßit oder der praktischen Kabbala wollte es mir nicht so glücken als mit der theoretischen. Der Prediger rühmte sich zwar nicht öffentlich, sagte es aber doch einem jeden insgeheim, er sei auch hierin Meister, besonders gab er vor: roe weeno nir'a (alles zu sehen, aber selbst von andern nicht gesehen zu werden), d.h. sich unsichtbar machen zu können.

Auf dieses Kunststück war ich besonders begierig, um als ein junger Mensch gewisse Arten des Mutwillens an meinen Kameraden ungestraft ausüben zu können. Besonders entwarf ich schon einen Plan, meine böse Schwiegermutter durch dieses Mittel im Zaum zu halten. Ich bat daher den Prediger flehentlich, mir dieses Geheimnis mitzuteilen. Ich gab vor, meine Absicht sei, bloß Gutes zu stiften und Böses zu verhüten. Der Prediger ließ sich dazu bewegen, sagte mir aber zugleich, daß es von meiner Seite einige Vorbereitungen erfordere. Drei Tage nacheinander mußte ich fasten und alle Tage einige Jichudim machen. Dies sind kabbalistische Gebetsformeln, deren geheimer Sinn darauf abzielt, in der intellektuellen Welt Geschlechtsvereinigungen hervorzubringen, wodurch gewisse Wirkungen in der physischen Welt befördert werden sollen.[68]

Ich tat alles mit Freuden, machte die Beschwörung, die er mich gelehrt hatte und glaubte nun mit aller Zuversicht, ich sei jetzt unsichtbar. Sogleich eilte ich in Bet Hamidrasch oder die jüdische Akademie, ging auf einen meiner Kameraden zu und gab ihm eine tüchtige Ohrfeige. Dieser war aber nicht faul und gab mir dieselbe mit Interessen wieder. Ich stutzte, konnte nicht begreifen, wie dieser mich entdecken könne, da ich doch die Vorschriften des Predigers aufs genaueste beobachtet hatte; doch dachte ich, ich könne vielleicht etwas ohne mein Wissen und Willen vernachlässigt haben. Ich beschloß daher, diese Operation aufs neue vorzunehmen, wollte aber nicht die Probe abermals mit einer Ohrfeige wagen, sondern ging nur in die Akademie, um als bloßer Zuschauer meine Kameraden zu beobachten. Sobald ich hereintrat, kam mir aber schon einer entgegen und zeigte mir eine schwere Stelle im Talmud, die ich erklären sollte. Ich stand ganz bestürzt und über meine fehlgeschlagene Hoffnung trostlos.

Darauf ging ich zum Prediger und benachrichtigte ihn von meinem mißlungenen Versuche. Ohne zu erröten erwiderte er ganz dreist: »Wenn Sie alle meine Vorschriften beobachtet haben, so weiß ich mir dieses nicht anders zu erklären, als daß Sie zu einer solchen Einkleidung des Sichtbaren Ihres Körpers untüchtig sind.« Mit großer Betrübnis mußte ich also die Hoffnung, mich unsichtbar zu machen, gänzlich aufgeben.

Dieser vereitelten Hoffnung folgte bald eine neue Täuschung. In der Vorrede des Buches Rasiel, welches dieser Engel unserm Erzvater Adam bei seiner Verbannung aus dem Paradiese gegeben haben soll, fand ich die Verheißung, daß der, welcher dieses Buch in seinem Hause verwahre, sich dadurch vor Feuersbrünsten sichere. Es dauerte aber nicht lange, so wurde bei einer Feuersbrunst in der Nachbarschaft auch mein Haus vom Feuer ergriffen, und der Engel Rasiel mußte selbst in der Feuerequipage gen Himmel fahren.[69]

Unbefriedigt von der literarischen Kenntnis dieser Wissenschaft, suchte ich in ihren Geist einzudringen; und da ich bemerkte, daß diese ganze Wissenschaft, wenn sie diesen Namen verdienen sollte, nichts anderes als die Geheimnisse der Natur, in Fabeln und Allegorien eingehüllt, enthalten könne, so bemühte ich mich, diese Geheimnisse ausfindig zu machen und dadurch meine bloße literarische Erkenntnis zu einer Vernunfterkenntnis zu erheben.

Ich konnte aber dieses damals nur auf eine sehr unvollständige Art bewerkstelligen, weil ich noch sehr wenige Begriffe von Wissenschaften überhaupt hatte. Doch geriet ich von selbst durch eigenes Nachdenken auf viele Applikationen dieser Art. So erklärte ich mir z.B. gleich die erste Instanz, womit die Kabbalisten gemeiniglich ihre Wissenschaft anfangen.

Nämlich: ehe die Welt erschaffen worden, hatte das göttliche Wesen allein den ganzen unendlichen Raum ausgefüllt. Nun wollte aber Gott eine Welt erschaffen, damit er seine Eigenschaften, die sich auf andere Wesen außer ihn beziehen, offenbaren könnte; er schränkte zu diesem Endzwecke sich selbst in den Mittelpunkt seiner Vollkommenheit ein und ließ hernach in den dadurch leergebliebenen Raum zehn konzentrische Lichtkreise fahren, daraus hernach mannigfaltige Figuren (Parzufim) und Gradationen bis zur gegenwärtigen sinnlichen Welt entstanden.

Ich konnte mir auf keinerlei Art vorstellen, daß dieses alles im gemeinen Sinne der Worte wahr sein sollte, so wie beinahe alle Kabbalisten es sich vorstellen. Ebensowenig konnte ich mir vorstellen, daß, ehe die Welt erschaffen worden, eine Zeit verflossen sei, indem ich aus meinem More Newochim wußte, daß die Zeit bloß eine Modifikation der Welt sei und folglich ohne diese nicht gedacht werden könne.

Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Gott einen – obgleich[70] unendlichen – Raum erfülle; ferner, daß er als ein unendlich vollkommenes Wesen seine eigene Vollkommenheit auf eine zirkelförmige Art in seinem Mittelpunkte einschränken sollte.

Sondern ich suchte mir dieses alles auf folgende Art zu erklären: Gott ist nicht der Zeit nach, sondern seinem notwendigen Wesen nach, als Bedingung der Welt, eher als dieselbe. Alle Dinge außer Gott mußten sowohl ihrem Wesen, als ihrer Existenz nach von ihm als ihrer Ursache abhängen. Die Erschaffung der Welt konnte also nicht als eine Hervorbringung aus nichts, auch nicht als eine Bildung eines von ihm Unabhängigen, sondern nur als eine Hervorbringung aus sich selbst gedacht werden. Und da die Wesen von verschiedenen Graden der Vollkommenheit sind, so müssen wir zur Erklärung ihrer Entstehungsart verschiedene Grade der Einschränkung des göttlichen Wesens annehmen. Da nun diese Einschränkung gerade vom unendlichen Wesen bis zu der Materie gedacht werden muß, so stellen wir uns den Anfang dieser Einschränkung figürlich als einen Mittelpunkt (den niedrigsten Punkt) des Unendlichen vor.

In der Tat ist die Kabbala nichts anderes als erweiterter Spinozismus, worin nicht nur die Entstehung der Welt aus der Einschränkung des göttlichen Wesens überhaupt erklärt, sondern auch die Entstehung einer jeden Art von Wesen und ihr Verhältnis zu allen übrigen aus einer besonderen Eigenschaft Gottes hergeleitet wird. Gott als das letzte Subjekt und die letzte Ursache aller Wesen heißt En-ßof (das Unendliche, wovon an sich betrachtet nichts prädiziert werden kann). In Beziehung auf die unendlichen Wesen aber werden ihm positive Eigenschaften beigelegt, diese werden von den Kabbalisten auf zehn reduziert, welche die zehn Sephirot genannt werden. In dem Buche Pardeß von Rabbi Moses Cordovero wird die Frage untersucht, ob die Sephirot für die Gottheit selbst zu halten sind oder nicht?[71]

Man sieht aber leicht, daß diese Untersuchung in Ansehung der Gottheit nicht mehr Schwierigkeit machen muß als in Ansehung irgendeines anderen Wesens.

Unter den zehn Kreisen dachte ich mir die zehn Prädikamente des Aristoteles, die ich aus gedachtem More Newochim kennengelernt hatte, die allgemeinsten Prädikate der Dinge, ohne welche nichts gedacht werden kann usw.

Die Kategorien im strengsten kritischen Sinne sind die logischen Formen, die sich nicht auf ein bloß logisches, sondern auf ein reelles Objekt überhaupt beziehen, und ohne welche dies nicht gedacht werden kann. Sie sind also im Subjekt selbst gegründet, werden aber bloß durch ihre Beziehung auf ein reelles Objekt ein Gegenstand des Bewußtseins. Sie stellen daher die Sephirot vor, die zwar dem En-ßof an sich zukommen, deren Realität aber bloß durch ihre besondere Beziehung und Wirkung auf Gegenstände der Natur offenbart wird, und deren Anzahl in verschiedenen Rücksichten verschiedentlich bestimmt werden kann.

Ich zog mir aber durch diese Erklärungsart manche Ungelegenheit zu. Die Kabbalisten behaupten nämlich, daß die Kabbala keine menschliche, sondern eine göttliche Wissenschaft sei, und daß es folglich dieselbe herabwürdigen hieße, wenn man ihre Geheimnisse der Natur und Vernunft gemäß erklären wollte.

Je vernünftiger also meine Erklärungen herauskamen, desto mehr wurden sie gegen mich aufgebracht, indem sie dasjenige bloß für göttlich hielten, was keinen vernünftigen Sinn hatte.

Ich mußte also meine Explikationen für mich behalten. Ein ganzes Werk, das ich darüber schrieb, brachte ich noch mit nach Berlin und verwahre es bis jetzt als ein Denkmal von dem Streben des menschlichen Geistes nach Vollkommenheit, ungeachtet aller Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen.

Unterdessen konnte mich doch dieses nicht befriedigen.[72] Ich wünschte die Wissenschaften nicht in Fabeln eingehüllt, sondern in ihrem natürlichen Lichte zu erblicken. Ich hatte zwar schon, obwohl sehr mangelhaft, Deutsch lesen gelernt; aber wo sollte ich in Litauen deutsche Bücher hernehmen?

Zum Glück für mich erfuhr ich, daß der Oberrabbiner von S., der sich in seiner Jugend in H. aufgehalten, da die deutsche Sprache erlernt und sich mit den Wissenschaften einigermaßen bekannt gemacht hatte, sich noch bis jetzt, obzwar insgeheim, mit den Wissenschaften abgebe und eine ziemliche Bibliothek von deutschen Büchern hätte.

Ich beschloß daher, zu diesem Oberrabbiner nach S. zu wallfahrten und ihn um einige wissenschaftliche Bücher anzuflehen. Ohne mich also um Reisegeld und Fuhrwerk im mindesten zu bekümmern (ich war solcher Reisen ziemlich gewohnt und ging einst nach W. dreißig Meilen zu Fuß, um ein hebräisch-peripathetisch-philosophisches Buch aus dem zehnten Jahrhundert zu sehen), und ohne meiner Familie ein Wort davon zu sagen, machte ich mich auf die Reise nach S. in der Mitte des Winters.

Sobald ich da angelangt war, ging ich zu dem Oberrabbiner, sagte ihm mein Anliegen und bat ihn flehentlich um Unterstützung. Dieser erstaunte nicht wenig darüber, indem seit einunddreißig Jahren, daß er von Deutschland zurückgekommen war, noch kein Mensch sich gefunden hatte, der eine Bitte dieser Art an ihn getan hätte, und versprach, mir einige alte deutsche Bücher zu leihen. Die vorzüglichsten darunter waren eine alte Optik und Sturms Physik.

Ich wußte diesem braven Oberrabbiner meine Dankbarkeit nicht genug auszudrücken, steckte diese paar Bücher ein und kehrte damit voller Entzücken nach Hause zurück.

Nachdem ich diese durchstudiert hatte, wurden mir auf einmal meine Augen aufgetan. Ich glaubte nun den Schlüssel zu allen Geheimnissen der Natur erlangt zu haben, da ich wußte, wie ein Gewitter, Tau, Regen usw. entstehe.[73]

Ich sah über alle anderen, die dieses noch nicht wußten, stolz herab, lachte über ihre Vorurteile und Aberglauben, und erbot mich, ihre Begriffe hierin aufzuklären und ihren Verstand zu erleuchten.

Dieses wollte aber nicht überall anschlagen. Ich bemühte mich einmal, einem Talmudisten beizubringen, daß die Erde rund sei und daß wir Gegenfüßler hätten. Dieser aber machte mir den Einwurf, daß diese Gegenfüßler notwendig fallen müßten!

Ich hatte genug zu demonstrieren, daß das Fallen der Körper nicht nach einer bestimmten Richtung im leeren Raume, sondern nach dem Mittelpunkt der Erde geschehe, und daß die Begriffe von oben und unten bloß die Entfernung und Näherung von diesem Mittelpunkte wären. Es half alles nichts, der Talmudist blieb dabei, daß dieses Vorgeben ungereimt sei.

So ging ich einmal mit einigen meiner Freunde spazieren. Nun mußte uns gerade eine Ziege im Wege liegen. Ich gab der Ziege einige Schläge mit meinem Stocke; meine Freunde warfen mir meine Grausamkeit vor. Ich aber erwiderte: »Was, Grausamkeit? Glaubt ihr denn, daß die Ziege einen Schmerz fühlt, wenn ich sie schlage? Ihr irrt euch hierin sehr. Die Ziege ist (nach dem Sturm, der ein Kartesianer war) eine bloße Maschine.«

Diese lachten herzlich darüber und sagten: »Aber hörst du nicht, daß die Ziege schreit, wenn du sie schlägst?« worauf ich antwortete: »Ja, freilich schreit sie; wenn ihr aber auf eine Trommel schlagt, so schreit sie auch.«

Diese erstaunten über meine Antwort, und in kurzer Zeit wurde in der ganzen Stadt bekannt, daß ich närrisch geworden wäre, indem ich behaupte: eine Ziege sei eine Trommel.

Von dem gütigen Oberrabbiner zu S. bekam ich nachher noch zwei medizinische Bücher, nämlich Kulms anatomische Tabellen und Voits Gaziopilatium. Dieses ist ein starkes medizinisches Wörterbuch, worin nicht nur die[74] Erklärungen aus allen Teilen der Medizin, sondern auch ihr mannigfaltiger Gebrauch im kurzen enthalten ist. Bei jeder Krankheit z.B. findet man außer ihrer Erklärung noch ihre Ursache, ihre Symptome, Kurart, ja sogar ordentliche Rezepte. Dies war für mich ein wahrer Schatz; ich studierte das Buch durch und glaubte schon im Besitz der ganzen medizinischen Wissenschaft und ein vollendeter Arzt zu sein.

Ich wollte mich aber nicht mit der bloßen Theorie begnügen, sondern entschloß mich, ordentlich Gebrauch davon zu machen. Ich besuchte Patienten, bestimmte nach den Umständen und Symptomen alle Krankheiten und ihre Ursachen, verschrieb auch in Gottes Namen Rezepte. Es ging aber damit sehr lustig zu. Sagte mir der Patient einige Symptome seiner Krankheit, so erriet ich daraus die Art der Krankheit selbst, und nun schloß ich weiter auf die Gegenwart der übrigen Symptome; sagte der Kranke, daß er nichts davon spürte, so behauptete ich doch hartnäckig die Gegenwart derselben. Da hieß es denn zuweilen:

Ich. Du hast auch Kopfschmerzen.

P. Nein.

Ich. Du mußt aber Kopfschmerzen haben.

Da viel Symptome mehreren Krankheiten gemein sind, so nahm ich nicht selten quid pro quo. Rezepte konnte ich nie im Kopfe behalten, ich mußte also, wenn ich etwas verschrieb, erst nach Hause gehen und mein Gaziopilatium nachschlagen.

Endlich fing ich sogar an, selbst nach Voits Vorschrift Medikamente zu machen. Wie diese gerieten, kann man sich denken. Doch hatte dies die gute Folge, daß ich einsah, es müsse doch wohl noch etwas mehr zum praktischen Arzt gehören, als ich damals verstand.

Quelle:
Maimon, Salomon: Geschichte des eigenen Lebens (1754–1800). Berlin 1935, S. 63-75.
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Salomon Maimons Lebensgeschichte
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