Sechstes Capitel.

Weitere Betrachtungen über die Principien einer philosophischen Sprache.

[262] §. 1. Wir haben bisher nur eines von den Erfordernissen einer für die Erforschung der Wahrheit geeigneten Sprache untersucht; das nämlich, dass ein jeder von ihren Ausdrücken eine bestimmte und nicht misszuverstehende Bedeutung habe. Wie wir indessen bereits bemerkt haben, giebt es noch andere Erfordernisse, von denen einige nur im zweiten Grade wichtig sind, eines aber ein fundamentales ist, und an Wichtigkeit nur der bereits so weitläufig erörterten Eigenschaft nachsteht, wenn es ihr überhaupt nachsteht. Um die Sprache für ihre Zwecke geschickt zu machen, sollte ein jedes Wort nicht nur seine Bedeutung vollkommen ausdrücken, sondern es sollte auch keine wichtige Bedeutung ohne ihr Wort geben. Für Alles, worüber wir häufig Gelegenheit haben zu denken, und für wissenschaftliche Zwecke sollte ein angemessenes Wort vorhanden sein.

Dieses Erforderniss der philosophischen Sprache kann von drei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtet werden, indem eine gleiche Anzahl von Bedingungen darin inbegriffen ist.

§. 2. Erstens. Es sollten alle diejenigen Namen vorhanden sein, welche erforderlich sind, um eine solche Aufzeichnung einzelner Beobachtungen zu machen, dass die Worte der Aufzeichnung genau zeigen, was für eine Thatsache man beobachtet hat. Mit anderen Worten, wir bedürfen einer genauen beschreibenden Terminologie.

Da unsere Sensationen oder andere Gefühle die einzigen Dinge sind, welche wir direct beobachten können, so würde eine vollständige[262] beschreibende Sprache eine Sprache sein, in welcher ein Name für eine jede Varietät von elementarer Empfindung oder von elementarem Gefühl vorhanden ist. Combinationen von Empfindungen oder Gefühlen lassen sich immer beschreiben, wenn wir Namen für ein jedes der elementaren Gefühle haben, woraus sie zusammengesetzt sind; aber Kürze der Beschreibung und Klarheit (welche oft von der Kürze abhängt) wird dadurch sehr gefördert, dass man nicht allein den Elementen, sondern auch allen oft wiederkehrenden Combinationen deutliche Namen giebt. Ich kann bei dieser Gelegenheit, nichts Besseres thun, als einige von den vortrefflichen Bemerkungen, welche Hr. Whewell158 über diesen wichtigen Theil unseres Gegenstandes gemacht hat, anzuführen.

»Die Bedeutung von [beschreibenden] technischen Ausdrücken,« sagt er, »kann in dem ersten Falle nur durch Uebereinkunft festgestellt, und kann nur dadurch verständlich gemacht werden, dass man das, was die Wörter zu bedeuten haben, den Sinnen darbietet. Die Erkennung einer Farbe aus ihrem Namen kann nur durch das Auge gelehrt werden. Keine Beschreibung kann einem nur Hörenden beibringen, was wir unter Apfelgrün oder Berlinerblau verstehen. Bei dem ersten Beispiel könnte man vielleicht voraussetzen, das Wort Apfel, welches sich auf einen so bekannten Gegenstand bezieht, errege die Idee der Farbe schon genügend in dem Geist. Aber man kann leicht sehen, dass dies nicht wahr ist, denn das Grün der Aepfel ist sehr verschieden, und nur durch eine conventionelle Wahl können wir das Wort einer besonderen Schattirung dieser Farbe beilegen. Wenn dies einmal geschehen ist, so bezieht sich das Wort auf die Sensationen und nicht auf Theile des Wortes; denn diese treten in die Verbindung bloss als eine Hülfe für das Gedächtniss, es werde die Idee durch einen natürlichen Connex, wie beim ›Apfelgrün‹, oder einen zufälligen, wie beim ›Berlinerblau‹ erregt. Um aus derartigen technischen Ausdrücken den gehörigen Vortheil zu ziehen, müssen sie unmittelbar mit der Wahrnehmung, der sie angehören, associirt, und nicht durch die vagen Gebräuche der gewöhnlichen Sprache damit verbunden werden. Das Gedächtniss muss die Sensation zurückhalten, und das technische Wort muss so direct, wie das familiärste[263] Wort, und noch deutlicher verstanden werden. Wo wir Ausdrücke finden, wie zinnweiss oder tombakbraun, da sollte die damit bezeichnete metallische Farbe ohne Verzug und Mühe unserem Gedächtniss vorschweben«.

»Dies – was in Beziehung auf die einfacheren Eigenschaften der Körper, wie Farbe und Gestalt, in der Erinnerung zu bewahren von grosser Wichtigkeit ist – ist nicht weniger wahr in Beziehung auf zusammengesetztere Begriffe. In allen Fällen wird die besondere Bedeutung des Wortes durch Uebereinkunft festgestellt; und um das Wort zu gebrauchen muss man mit der Uebereinkunft vollkommen bekannt sein, so dass man nicht nöthig hat, aus dem Worte selbst Vermuthungen zu schöpfen. Solche Vermuthungen würden immer unsicher und oft irrig sein. So wird, auf eine Blüthe angewendet, der Ausdruck schmetterlingsartig (papilionaceus) gebraucht, nicht bloss um eine Aehnlichkeit mit einem Schmetterlinge anzuzeigen, sondern auch eine Aehnlichkeit, welche aus fünf Blumenblättern von einer gewissen Gestalt und Anordnung hervorgeht; und wenn auch die Aehnlichkeit noch grösser wäre als sie in solchen Fällen ist, wenn sie aber in einer anderen Weise hervorgebracht wäre, wie z.B. mir durch ein Blumenblatt oder durch zwei Blumenblätter, anstatt durch eine ›Fahne‹, zwei ›Flügel‹ und ein aus zwei mehr oder weniger zusammengewachsenen Theilen bestehenden ›Kiel‹, so dürften wir nicht mehr von einer 'schmetterlingsartigen' Blüthe sprechen«.

Wenn indessen, wie in dem ersten Falle, das benannte Ding eine Combination von einfachen Sensationen ist, so ist es, um die Bedeutung kennen zu lernen, nicht nöthig, dass man zu den Sensationen selbst zurückgehe; sie kann vermittelst anderer Wörter mitgetheilt, kurz, der Ausdruck kann definirt werden. Aber die Namen der einfachen Sensationen oder Gefühle können weder definirt werden, noch giebt es ein anderes Mittel, um Jemand damit bekannt zu machen, als ihn die Sensation selbst erfahren zu lassen oder durch ein bekanntes Merkmal die Erinnerung der Sensation, wenn er sie früher erfahren hat, zu wecken. Es sind daher nur die Eindrücke auf die äusseren Sinne oder diejenigen inneren Gefühle, welche in einer sehr augenfälligen und gleichförmigen Weise mit den äusseren Gegenständen verknüpft sind, einer genauen beschreibenden Sprache fähig. Die zahllose Menge von[264] Empfindungen, welche z.B. aus einer Krankheit oder aus besondern physiologischen Zuständen entstehen, würde man vergeblich zu benennen suchen; denn da niemand beurtheilen kann, ob die Empfindung, welche ich habe, dieselbe ist, die er hat, so kann der Name für uns beide keine gemeinschaftliche Bedeutung haben. Dasselbe kann bis zu einem hohen Grade von geistigen Gefühlen gesagt werden. In einigen von den Wissenschaften dagegen, welche sich mit äusseren Gegenständen beschäftigen, ist es kaum möglich, über die Vollkommenheit, bis zu welcher diese Eigenschaft der philosophischen Sprache geführt worden ist, noch weiter hinauszugehen.

»Die Bildung159 einer genauen und umfassenden descriptiven Sprache für die Botanik,« fährt Herr Whewell fort, »ist mit einer Geschicklichkeit und einem Glücke ausgeführt worden, wie man sich vorher kaum hätte träumen lassen. Jeder Theil der Pflanze erhielt seinen Namen; und die Gestalt eines jeden noch so kleinen Theiles erhielt so viel geeignete beschreibende Ausdrücke, dass der Botaniker dadurch die Kenntniss der Form und Structur so genau mittheilen kann oder mitgetheilt erhalten kann, als wenn ihm jeder kleine Theil sehr vergrössert vorgelegt worden wäre. Dies Resultat war ein Theil der Reform der Botanik durch Linné.... Tournefort, sagt Decandolle, war der Erste, der den Nutzen wahrnahm, den Sinn der Ausdrücke in einer Weise festzustellen, dass immer dasselbe Wort für denselben Sinn gebraucht, dieselbe Idee immer durch dasselbe Wort ausgedrückt werde; aber es war Linné, welcher diese botanische Sprache wirklich schuf und feststellte, und dies ist sein grösster Ruhm, denn durch diese Feststellung der Sprache verbreitete er Klarheit und Präcision über alle Theile der Wissenschaft.«

»Es ist unnöthig, hier eine detaillirte Erklärung der botanischen Ausdrücke zu geben. Die fundamentalen Ausdrücke wurden in dem Verhältniss eingeführt, als die Theile der Pflanzen genau und sorgfältig untersucht wurden. Auf diese Weise wurde die Blüthe nothwendig unterschieden in den Kelch (calyx), die Blumenkrone (corolla), die Staubfäden (stamina) und den Stempel oder dass Pistill (pistillum), die Theile der Blumenkrone wurden[265] von Columna Blumenblätter (petala) genannt, die des Kelches nannte Necker Kelchblätter (sepala). Manchmal wurden Ausdrücke von einer grössern Allgemeinheit ersonnen, wie perianthium, die Blüthendecke, die den Kelch und die Corolle einschliesst, es seien beide oder nur das eine vorhanden; pericarpium, die Fruchthülle, für den Theil, der den Kern einschloss, von welcher Art er war, wie Obst, Nuss, Hülse u.s.w. Man kann sich leicht vorstellen, dass beschreibende Ausdrücke durch Definition und Combination sehr zahlreich und deutlich werden können. So kann man ein Blatt fiederspaltig (pinnatifidus), fiedertheilig (pinnatipartitus), fiederschnittig (pinnatisectus), fiederlappig (pinnatilobatus), handspaltig (palmatifidus), handtheilig (palmatipartitus) etc. nennen, und ein jedes von diesen Wörtern bezeichnet verschiedene Combinationen der Modi und des Umfangs der Theilung des Blattes mit den Theilungen seines Umrisses. In einigen Fällen werden willkürliche numerische Beziehungen wirklich in die Definition eingeführt; so nennt man ein Blatt zweilappig (bilobus), wenn es durch einen Einschnitt in zwei Theile getheilt wird; geht jedoch der Einschnitt bis zur Mitte der Blattlänge, so heisst es zweispaltig (bifidus); geht er bis nahe an die Basis des Blattes, zweitheilig (bipartitus); wenn bis zur Basis, zweischnittig (bisectus). Die Hülse einer Crucifere heisst Schote (siliqua), wenn sie viermal so lang als breit ist; wenn sie kürzer ist, Schötchen (silicula). Nach der Aufstellung einer solchen Terminologie wird die Form eines sehr verwickelten Blattes, wie das Blatt oder der Wedel eines Farnkrautes (Hymenophyllum Wilsoni) durch folgende Ausdrücke genau beschrieben: Wedel starr gefiedert, Fieder zurückgebogen einseitig fiederspaltig, die Abschnitte gleichbreit ungetheilt oder zweispaltig feindörnig-sägezähnig«.

»Andere Charaktere werden ebenso genau beschrieben wie die Form; die Farben vermittelst einer classificirten Farbenscala. ... Eine solche Farbenscala wurde von Werner mit grosser Genauigkeit aufgestellt, und ist bei den Naturforschern noch jetzt die am meisten gebrauchte. Werner führte auch eine genauere Terminologie in Beziehung auf andere Charaktere ein, die in der Mineralogie sehr wichtig sind, wie Glanz, Härte. Mohs verbesserte sie aber noch, indem er eine numerische Härtescala[266] aufstellte, in welcher Talk 1, Gyps 2, Kalkspat 3 ist u.s.w.... Durch die Definition einiger anderer Eigenschaften, wie z.B. des specifischen Gewichtes, erhält man ebenfalls ein numerisches Maass; andere Eigenschaften, wie die Krystallform, verlangen einen bedeutenden Aufwand von mathematischem Calcül, um ihre Relationen und ihre Abstufungen nachzuweisen.«

§. 3. Soviel von der beschreibenden Terminologie oder von der Sprache, welche erforderlich ist um unsere Beobachtung einzelner Fälle dem Gedächtniss einzuverleiben. Wenn wir aber von ihr zur Induction oder vielmehr zu jener Vergleichung beobachteter Fälle übergehen, die eine Vorbereitung für die Induction ist, so bedürfen wir einer neuen und ganz verschiedenen Art von Gemeinnamen.

Wenn wir es für die Zwecke der Induction für nöthig finden, eine neue allgemeine Vorstellung (nach Hrn. Whewell 's Terminologie) einzuführen, d.h. wenn die Vergleichung einer Reihe von Erscheinungen zu der Erkenntniss eines gemeinsamen Umstandes in denselben führt, der für uns ein neues Phänomen ist, weil unsere Aufmerksamkeit bei einer früheren Gelegenheit nicht darauf gerichtet war, so ist es erforderlich, dass diese neue Idee oder dieses neue Resultat der Abstraction einen geeigneten Namen erhalte; insbesondere, wenn der darin eingeschlossene Umstand der Art ist, dass er zu vielen Consequenzen führt, oder wenn es von ihm wahrscheinlich ist, dass man ihn auch in anderen Classen von Erscheinungen finden wird. Ohne Zweifel könnte mau in den meisten derartigen Fällen eine Meinung dadurch ausdrücken, dass man verschiedene, bereits gebräuchliche Wörter vereinigt. Wenn aber von einem Dinge oft gesprochen werden soll, so sind mehr Gründe vorhanden als Ersparniss von Zeit und Raum, um in der möglichst concisen Weise von ihm zu sprechen. Welches Dunkel würde über die geometrischen Demonstrationen verbreitet werden, wenn man anstatt des Wortes Kreis fortwährend die Definition desselben gebrauchen würde. In der Mathematik und ihren Anwendungen, wo die Natur des Processes verlangt, dass sich die Aufmerksamkeit sehr concentrire, nicht aber, dass sie sich weit verbreite, ist die Wichtigkeit der Concentration auch in den Ausdrücken immer gebührend gefühlt worden; ein Mathematiker[267] findet nicht sobald, dass er oft Gelegenheit haben wird, von denselben zwei Dingen zu gleicher Zeit zu sprechen, als er auch schon einen Ausdruck schafft, um sie auszudrücken, wenn sie verbunden sind; wie er dann in seinen algebraischen Operationen für (am + bn)p/q oder für a/b + b/c + c/d + etc. die einfachen Buchstaben P, Q oder S substituirt; nicht bloss um seine symbolischen Ausdrücke abzukürzen, sondern um auch den rein geistigen Theil seiner Operationen zu vereinfachen, indem er den Geist in den Stand setzt, seine Aufmerksamkeit ausschliesslich auf die Relation zwischen der Grösse S und den anderen Grössen zu wenden, die in die Gleichung eingehen, ohne durch unnöthiges Denken an die Theile, aus denen S selbst zusammengesetzt ist, zerstreut zu werden.

Ausser der Förderung der Deutlichkeit giebt es noch einen anderen Grund, um einem jeden der wichtigeren, in dem Verlauf unserer geistigen Processe gewonnenen Resultate der Abstraction einen kurzen und compacten Namen zu geben. Indem wir dieselben benennen, heften wir unsere Aufmerksamkeit darauf; wir bewahren sie beständiger in unserm Geiste. Man erinnert sich der Namen und diese Erinnerung bringt die Definition mit sich; während, wenn anstatt durch besondere und charakteristische Namen die Bedeutung durch Zusammenstellung einer Anzahl anderer Namen ausgedrückt worden wäre, diese bereits für andere Zwecke im gewöhnlichen Gebrauch vorkommende besondere Wortverbindung nichts besessen hätte, um eine Erinnerung daran hervorzurufen. Wenn wir eine Verbindung von Ideen in dem Geiste dauernd machen wollen, so befestigt sie nichts so sehr, als ein Name, der speciell dazu bestimmt ist, sie auszudrücken. Wenn die Mathematiker gezwungen gewesen wären, »von demjenigen, welchem sich eine Grösse bei der Vermehrung oder bei der Verminderung fortwährend nähert, so dass der Unterschied geringer wird als jede angebbare Grösse, dem die Grösse aber niemals genau gleich kommt« zu sprechen, anstatt alles dies durch die einfache Phrase »die Grenze einer Grösse« auszudrücken, so würden wir wahrscheinlich lange ohne die wichtigen Wahrheiten geblieben sein, welche vermittelst der Relation zwischen Grössen verschiedener Art und ihren Grenzen entdeckt[268] worden sind. Wenn, anstatt vom Moment zu sprechen, es nöthig gewesen wäre zu sagen »das Product aus der Anzahl von Schnelligkeitseinheiten in der Schnelligkeit in die Zahl der Maaseneinheiten in der Masse«, so würden uns wahrscheinlich viele von den vermittelst dieser complexen Idee jetzt verstandenen dynamischen Wahrheiten entgangen sein, weil wir die Idee selbst nicht mit der hinreichenden Schnelligkeit und Vertrautheit hätten zurückrufen können. Bei weniger von den Thematen der gewöhnlichen Erörterung entfernten Gegenständen wird ein Jeder, der die Aufmerksamkeit auf eine neue und unbekannte Distinction zwischen den Dingen lenken will, keinen sicherem Weg finden, als einen geeigneten Namen zu dem besonderen Zwecke zu erfinden oder zu wählen, um diese Distinction damit zu bezeichnen.

Ein ganzer Band, welcher der Erklärung von dem gewidmet wäre, was der Schriftsteller unter Civilisation versteht und was nicht, kann keine so lebhafte Vorstellung davon erregen, als der einfache Ausdruck, dass Civilisation ein von der Cultivirung verschiedenes Ding ist, indem die Compactheit dieser kurzen Bezeichnung der contrastirenden Eigenschaften ein Aequivalent für eine lange Discussion ist. Wenn wir dem Verständniss und dem Gedächtniss die Distinction zwischen den zwei verschiedenen Ansichten über Repräsentativ-Regierung sehr eindringlich einprägen wollten, so könnten wir dies nicht besser thun, als indem wir sagen, Repräsentation sei nicht Delegation. Kaum finden irgend originelle Gedanken über geistige oder sociale Phänomene jemals eher ihren Weg unter die Menschen, oder erhalten in dem Geiste sogar ihrer eigenen Erfinder eher ihre eigentliche Wichtigkeit, als bis sie durch gut gewählte Worte gleichsam angenagelt und festgehalten werden.

§. 4. Wir haben nun zwei von den drei wesentlichen Theilen einer philosophischen Sprache angeführt; sie sind eine geeignete Terminologie, um die beobachteten individuellen Thatsachen mit Präcision beschreiben zu können; ein Name für eine jede gemeinsame Eigenschaft von Wichtigkeit oder von Inte resse, welche wir durch Vergleichung dieser Thatsachen entdecken; einschliesslich der (als der jenen abstracten Wörtern entsprechenden concreten) Namen für die Classen, welche wir kraft dieser Eigenschaften[269] künstlich aufstellen, oder wenigstens einschliesslich so vieler, als uns häufig Gelegenheit geben, in Beziehung auf sie etwas zu prädiciren.

Es giebt aber eine Art Classen, für deren Erkennung ein so sorgfältiger Process nicht nöthig ist, weil eine jede derselben von allen anderen sich unterscheidet nicht durch irgend eine Eigenschaft, deren Entdeckung vielleicht von einem schwierigen Act der Abstraction abhängt, sondern durch ihre Eigenschaften im allgemeinen. Ich meine die Arten der Dinge in dem Sinne, der diesem Worte im vorliegenden Werke gegeben wurde. Man wird sich erinnern, dass wir unter einer Art eine von jenen Classen verstehen, welche sich von allen anderen nicht durch eine oder durch wenige bestimmte Eigenschaften unterscheiden, sondern durch eine unbekannte Menge von Eigenschaften; indem die Combination von Eigenschaften, auf welche die Classe gegründet ist, ein blosser Wegweiser für eine unbestimmte Anzahl von anderen unterscheidenden Attributen ist. Die Classe Pferd ist eine Art, weil, wie wir wissen, die Dinge, welche darin übereinstimmen, dass sie die Charaktere besitzen, woran wir ein Pferd erkennen, in einer grossen Anzahl von anderen Eigenschaften übereinstimmen, und ohne Zweifel in mehr Eigenschaften als wir wissen. Ebenso ist die Classe Thier eine Art, weil eine Definition des Namens Thier die allen Thieren gemeinschaftliche Eigenschaften weder jemals erschöpfen, noch Prämissen abgeben könnte, aus denen der Rest dieser Eigenschaften zu folgern wäre. Aber eine Verbindung von Eigenschaften, die nicht von der Existenz anderer unabhängiger Eigenthümlichkeiten Zeugniss giebt, constituirt keine Art. Weisse Pferde sind daher keine Art, weil Pferde, die in der weissen Farbe übereinstimmen, in nichts übereinstimmen, als in den allen Pferden gemeinsamen Eigenschaften, und in den möglichen Ursachen und Wirkungen dieser besonderen Farbe.

Nach dem Grundsatz, dass es für ein jedes Ding, von dem wir oft Gelegenheit haben etwas auszusagen, einen Namen geben sollte, müsste offenbar für eine jede Art ein Name vorhanden sein; denn da es gerade die Bedeutung der Art ist, dass die sie zusammensetzenden Individuen eine unbestimmte Anzahl von Eigenschaften gemein haben, so folgt, dass, wenn die Art auch nicht bei unseren gegenwärtigen Kenntnissen ein Gegenstand ist, auf welchen[270] viele Prädicate anzuwenden sein werden, sie es doch bei unserem noch zu erlangenden Wissen sein kann. Es ist daher das dritte Element einer philosophischen Sprache, dass ein Name für eine jede Art vorhanden sei. Mit anderen Worten, wir müssen nicht bloss eine Terminologie, sondern wir müssen auch eine Nomenclatur haben.

Die Wörter Nomenclatur und Terminologie werden fast von allen Schriftstellern ohne Unterscheidung gebraucht, und so viel mir bekannt ist, war Herr Whewell der Erste, welcher denselben verschiedene Bedeutungen beilegte. Da aber die Unterscheidung, welche er zwischen ihnen gemacht hat, eine reale und wichtige ist, so wird man seinem Beispiele wahrscheinlich folgen; auch findet man (wie dies leicht der Fall ist, wenn solche Neuerungen in der Sprache geschickt vollbracht werden), dass ein unbestimmtes Gefühl eines Unterschiedes auf den Gebrauch dieser Wörter in der gewöhnlichen Praxis Einfluss hatte, noch ehe die Zweckmässigkeit, sie philosophisch zu unterscheiden, nachgewiesen worden war. Ein Jeder würde sagen, dass die von Lavoisier und Guyton-Morveau in der chemischen Sprache bewirkte Reform in der Einführung einer neuen Nomenclatur, und nicht einer neuen Terminologie bestand. Lineale, lanzettförmige, ovale oder länglichte, gezähnte, sägezähnige oder gekerbte Blätter sind Ausdrücke, welche einen Theil der botanischen Terminologie bilden, während die Namen »Viola odorata« und »Ulex europaeus« ihrer Nomenclatur angehören.

Eine Nomenclatur kann definirt werden als die Sammlung der Namen aller Arten, womit sich irgend ein Zweig des Wissens beschäftigt; oder besser, aller untersten Arten oder infimae species, derjenigen, welche in der That unterabtheilt werden können, jedoch nicht in Arten, und welche im allgemeinen mit dem übereinstimmen, was man in der Naturgeschichte einfach Species nennt. Die Wissenschaft besitzt zwei vorzügliche Beispiele einer systematischen Nomenclatur: die der Pflanzen und Thiere, welche von Linné und seinen Nachfolgern aufgestellt wurde, und die der Chemie, welche wir der berühmten Gruppe von Chemikern verdanken, die gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich glänzte. In diesen zwei Wissenschaften hat nicht bloss eine jede bekannte Species oder unterste Art ihren Namen angewiesen[271] bekommen, sondern auch neue unterste Arten erhalten bei ihrer Entdeckung sogleich ihre Namen nach einem gleichförmigen Princip. In anderen Wissenschaften ist die Nomenclatur gegenwärtig noch auf kein System gegründet, entweder weil die zu benennenden Species nicht zahlreich genug sind, um einer solchen zu bedürfen (wie in der Geometrie), oder weil keine dieser Wissenschaften bis jetzt ein geeignetes Princip für ein solches System dargeboten hat, wie die Mineralogie, in welcher der Mangel einer wissenschaftlichen Nomenclatur gegenwärtig die Ursache ist, welche den Fortschritt dieser Wissenschaft verzögert.

§. 5. Ein Wort, dem man ansieht, dass es einer Nomenclatur angehört, scheint sich auf den ersten Anblick von anderen concreten Gemeinnamen darin zu unterscheiden, – dass seine Bedeutung nicht in seiner Mitbezeichnung, in den darin inbegriffenen Attributen liegt, sondern in seiner Bezeichnung, d.h. in der besonderen Gruppe von Dingen, die es zu bezeichnen bestimmt ist, und dass es daher nicht vermittelst einer Definition erklärt werden kann, sondern auf einem anderen Wege kenntlich gemacht werden muss. Diese Ansicht scheint mir indessen irrig. Wörter, welche einer Nomenclatur angehören, unterscheiden sich, glaube ich, vorzüglich darin, dass sie ausser der gewöhnlichen noch eine ihnen eigenthümliche Mitbezeichnung besitzen; ausser der Mitbezeichnung gewisser Attribute bezeichnen sie auch noch, dass diese Attribute die unterscheidenden Attribute einer Art sind. Der Ausdruck »Eisenoxyd« z.B., der seiner Form nach der systematischen Nomenclatur der Chemie angehört, trägt an der Stirne, dass es der Name einer besonderen Art Substanz ist. Er mitbezeichnet überdies, wie der Name einer jeden andern Classe, einen Theil der Eigenschaften, die der Classe gemein sind; in diesem Falle die Eigenschaft, eine Verbindung zu sein von Eisen mit dem grössten Gewichtstheil160 Sauerstoff, womit das Eisen sich verbindet. Diese zwei Dinge, die Thatsache, eine solche Verbindung zu sein, und die Thatsache, eine Art zu sein, machen die Mitbezeichnung des Namens Eisenoxyd aus. Wenn wir von einer Substanz sagen, sie[272] sei Eisenoxyd, so behaupten wir, erstens, dass sie eine Verbindung von Eisen mit dem Maximum von Sauerstoff, und zunächst, dass die so zusammengesetzte Substanz eine besondere Art von Substanz ist.

Nun ist dieser zweite Theil der Mitbezeichnung eines Wortes, das einer Nomenclatur angehört, ein ebenso wesentlicher Theil seiner Bedeutung als der erste Theil, während die Definition nur den ersten erklären kann; daher der Anschein, als ob die Bedeutung solcher Ausdrücke nicht definirt werden könnte, was indessen falsch ist. Der Name Viola odorata bezeichnet eine Art, von der eine für die Unterscheidung derselben genügende Anzahl von Charakteren in botanischen Werken angegeben ist. Diese Aufzählung der Charaktere ist gewiss, wie in anderen Fällen, eine Definition des Namens. Nein, sagen Einige, es ist keine Definition, denn der Name Viola odorata bedeutet nicht diese Charaktere; er bedeutet jene besondere Gruppe von Pflanzen, und die Charaktere sind aus einer viel grösseren Anzahl von Charakteren und bloss als Merkmale gewählt, woran die Gruppe erkannt werden kann. Keineswegs, erwidere ich; der Name bedeutet nicht diese Gruppe, denn er wird der Gruppe nicht länger beigelegt, als man sie für eine infima species hält; wenn mau entdecken würde, dass mehrere unterschiedene Arten unter diesem einen Namen verwechselt worden sind, so würde Niemand mehr den Namen Viola odorata auf die ganze Gruppe, sondern er würde ihn nur auf eine einzige der darin enthaltenen Arten anwenden, wenn er ihn überhaupt beibehielte. Es thut daher noth, nicht dass der Name eine besondere Collection von Gegenständen bezeichne, sondern dass er eine Art bezeichne, und zwar eine unterste Art. Die Form des Namens giebt zu erkennen, dass er auf jeden Fall eine infima species bezeichnen soll; dass daher die durch ihn mitbezeichneten Eigenschaften, welche in der Definition ausgedrückt sind, nur so lange durch ihn mitbezeichnet werden sollen, als wir glauben, dass diese Eigenschaften, wenn sie zusammen getroffen werden, eine Art anzeigen, und dass das Ganze derselben nur bei einer einzigen Art getroffen wird.

Bei der Hinzufügung dieser besonderen Mitbezeichnung, die in der Form eines jeden einer systematischen Nomenclatur angehörigen Wortes enthalten ist, macht die Reihe von Charakteren, welche[273] gebraucht wird, um eine jede Art von allen anderen Arten zu unterscheiden (was eine wirkliche Definition ist), so vollständig wie in einem jeden andern Falle die ganze Bedeutung des Wortes aus. Es ist kein Einwurf, zu sagen, dass (wie es in der Naturgeschichte oft der Fall ist) die Reihe von Charakteren geändert und eine andere, für den Zweck der Unterscheidung besser geeignete Reihe substituirt werden könne, während das Wort, indem es fortwährend dieselbe Gruppe von Dingen bezeichnet, nicht als in seiner Bedeutung verändert angesehen werde. Denn dies ist nicht mehr, als auch bei jedem andern Gemeinnamen vorkommen kann; wir können, indem wir seine Mitbezeichnung verändern, seine Bezeichnung unberührt lassen, und es ist im allgemeinen wünschenswerth, dies zu thun. Die Mitbezeichnung ist indessen darum nicht weniger die wirkliche Bedeutung, denn wir wenden sogleich da den Namen an, wo die in der Definition enthaltenen Charaktere getroffen werden; und das, was uns bei der Anwendung des Wortes ausschliesslich leitet, muss seine Bedeutung ausmachen. Wenn wir unserem früheren Glauben entgegen finden, dass die Charaktere einer Species nicht eigen sind, so gebrauchen wir das Wort nicht länger in gleichem Umfange mit den Charakteren; aber es geschieht dann aus dem Grunde, weil der andere Theil der Mitbezeichnung, die Bedingung, dass die Classe eine Art sei, fehlt. Die Connotation ist daher noch die Bedeutung; die Reihe der beschreibenden Charaktere ist eine wahre Definition; und die Bedeutung wird in der That nicht bloss durch die Definition (wie in anderen Fällen), sondern durch die Definition und die Form des Wortes zusammengenommen erklärt.

§. 6. Wir haben nun untersucht, welches die Haupterfordernisse einer philosophischen Sprache sind; erstens, Kürze oder Bestimmtheit, und, zweitens, Vollständigkeit. Weitere Bemerkungen über die Art, wie eine Nomenclatur aufzustellen ist, müssen verschoben werden, bis wir von der Classification handeln, indem die Benennungsweise der Arten der Dinge nothwendig der Anordnung dieser Arten in grössere Classen untergeordnet sein muss. Was die weniger wichtigen Erfordernisse der Terminologie betrifft, so sind einige derselben gut und weitläufig erörtert in den »Aphorismen[274] in Betreff der wissenschaftlichen Sprache« in Hrn. Whewell's Philosophie der inductiven Wissenschaften. Da dieselben aber für die Logik von untergeordneter Wichtigkeit sind, so verweisen wir den Leser auf dieses Werk und beschränken unsere eigenen Bemerkungen auf eine weitere Eigenschaft, die nach den beiden abgehandelten die werthvollste zu sein scheint, welche die wissenschaftliche Sprache besitzen kann. Von dieser Eigenschaft wird der folgende Aphorismus einen Begriff geben:

Wenn die Natur des Gegenstandes uns erlaubt, den Denkprocess ohne Gefahr mechanisch auszuführen, so sollte die Sprache so viel wie möglich auf mechanische Principien gegründet sein; während sie in dem entgegengesetzten Falle so eingerichtet sein sollte, dass einem bloss mechanischen Gebrauche derselben die grössten Hindernisse entgegenstehen.

Diese Maxime bedarf einer weitläufigen Erklärung, und ich werde dieselbe auch sogleich geben. Zuerst in Beziehung auf das, was unter dem mechanischen Gebrauch einer Sprache zu verstehen ist. Der vollständige und extreme Fall des mechanischen Gebrauchs der Sprache ist der, wenn wir sie ohne irgend ein Bewusstsein einer Bedeutung und nur mit dem Bewusstsein gebrauchen, dass wir gewisse sichtbare oder hörbare Merkmale in Uebereinstimmung mit vorher aufgestellten technischen Regeln gebrauchen. Dieser extreme Fall ist so viel ich weiss nirgends verwirklicht, als in den arithmetischen Ziffern und in den Symbolen der Algebra, einer Sprache einzig in ihrer Art, und was den Zweck betrifft, wozu sie bestimmt ist, so vollkommen, als vielleicht irgend eine Schöpfung des menschlichen Geistes. Ihre Vollkommenheit besteht darin, dass sie einem rein mechanischen Gebrauche vollständig angepasst ist. Die Symbole sind wahre Rechenpfennige und besitzen auch nicht den Schein einer anderen Bedeutung als die der Uebereinkunft, welche so oft erneuert wird, als dieselben gebraucht werden, und bei jeder Erneuerung verändert wird, indem dieselben Symbole a oder x bei verschiedenen Gelegenheiten gebraucht werden, um Dinge zu repräsentiren, welche (ausgenommen, dass sie wie alle Dinge gezählt werden können) keine Eigenschaft gemein haben. Es ist daher nichts vorhanden, was den Geist von der Reihe von mechanischen, mit den Symbolen vorzunehmenden Operationen abziehen könnte, von Operationen, wie[275] z.B. auf beiden Seiten der Gleichung quadriren, durch dasselbe oder ein äquivalentes Symbol zu multipliciren oder zu dividiren u. s. w. Es ist wahr, eine jede von diesen Operationen entspricht einem Syllogismus, repräsentirt eine Stufe des Syllogismus in Beziehung nicht auf die Symbole, sondern auf die damit bezeichneten Dinge. Da man es aber für möglich fand, eine technische Form aufzustellen, und da wir dadurch, dass wir uns nach dieser Form richten, uns vergewissern können, dass wir den Schluss des Syllogismus sicher finden, so kann unser Zweck vollständig erreicht werden, ohne dass wir an etwas Anderes denken, als an die Symbole. Auf diese Weise bestimmt, bloss als ein Mechanismus zu dienen, besitzen diese Symbole die Eigenschaften, welche ein Mechanismus haben soll. Sie sind von möglichst geringem Umfang, so dass sie kaum einen Raum wegnehmen und keine Zeit bei ihrer Handhabung verloren geht, sie sind compact und passen so genau zusammen, dass das Auge das Ganze fast einer jeden Operation, welche damit ausgeführt werden soll, überblicken kann.

Diese bewunderungswürdigen Eigenschaften der symbolischen Sprache der Mathematik haben auf den Geist vieler Philosophen einen so tiefen Eindruck gemacht, dass sie dieselben verleitet haben, die in Rede stehende symbolische Sprache als den idealen Typus der philosophischen Sprache im allgemeinen zu betrachten; zu glauben, Namen im allgemeinen, oder (wie sie dieselben gern nennen) Zeichen, seien zum Denken in dem Verhältniss geeignet, als sie sich der Compactheit, der gänzlichen Bedeutungslosigkeit und der Fähigkeit nähern, als Rechenpfennige gebraucht zu werden, ohne einen Gedanken an das zu erregen, was sie repräsentiren, wie dies ja das Charakteristische von dem a und b, dem x und y der Algebra ist. Diese Ansicht hat zu sanguinischen Erwartungen in Betreff einer Beschleunigung des Fortschrittes der Wissenschaften durch Mittel geführt, welche, wie ich glaube, unmöglich diesem Zwecke dienen können, und trägt zu jener Ueberschätzung des Einflusses der Zeichen bei, welche in nicht geringem Grade mitgewirkt hat, um zu verhindern, dass die wahren Gesetze unserer geistigen Thätigkeiten richtig verstanden werden.

Vor allem kann eine Reihe von Zeichen, vermittelst deren wir schliessen, ohne ein Bewusstsein ihrer Bedeutung zu haben, nur[276] bei unseren deductiven Operationen von Nutzen sein. Bei unseren directen Inductionen können wir ein klares geistiges Bild der Phänomene nicht für einen Augenblick entbehren, da sich die ganze Operation um eine Wahrnehmung der besonderen Theile dreht, in welchen diese Phänomene übereinstimmen oder sich unterscheiden. Im übrigen ist dieses Schliessen vermittelst Zeichen nur einem geringen Theile sogar unserer deductiven Operationen angemessen. In unseren Schlüssen in Beziehung auf Zahlen sind die einzigen allgemeinen Principien, welche wir Gelegenheit haben anzuwenden, die folgenden: Dinge, welche einem und demselben Dinge gleich sind, sind unter einander selbst gleich; und, die Summen oder die Unterschiede gleicher Dinge sind gleich, sammt deren verschiedenen Folgesätzen. Nicht allein, dass gegen die Anwendbarkeit dieser Principien niemals ein Anstand erhoben werden kann, indem sie von allen Grössen wahr sind; sondern eine jede mögliche Anwendung, deren sie fähig sind, kann auch auf eine technische Regel zurückgeführt werden, wie denn in der That die Regeln des Calcüls solche Regeln sind. Wenn aber die Symbole etwas Anderes als Zahlen repräsentiren, wenn sie etwa gerade Linien oder Curven vorstellen, so müssen wir geometrische Lehrsätze anwenden, die nicht von allen Linien ohne Ausnahme wahr sind, und dürfen nur diejenigen Lehrsätze wählen, welche von den Linien, in Beziehung auf welche wir einen Schluss machen wollen, wahr sind. Und wie können wir dies, wenn wir uns dieser besonderen Linien nicht vollständig erinnern? Da bei einer jeden Stufe seines Fortschreitens neue geometrische Wahrheiten in den Syllogismus eingeführt werden können, so dürfen wir die Namen nicht einen Augenblick mechanisch gebrauchen (wie wir algebraische Symbole gebrauchen) und ohne ihnen ein Bild beizufügen. Erst nachdem ausgemittelt worden ist, dass die Lösung einer Frage in Beziehung auf Linien von einer vorhergängigen Frage in Beziehung auf Zahlen abhängig gemacht werden kann, oder mit anderen Worten, wenn die Frage (in technischer Sprache) auf eine Gleichung zurückgeführt worden ist, werden die bedeutungslosen Zeichen brauchbar; erst dann kann die Natur der Thatsachen selbst, auf welche sich die Untersuchung bezieht, aus dem Geiste entfernt werden. Bis auf die Herstellung der Gleichung unterscheidet sich die Sprache, in welcher die Mathematiker ihre[277] Schlüsse ziehen, dem Charakter nach nicht von der, welche strenge Denker in Beziehung auf andere Gegenstände gebrauchen.

Ich leugne nicht, dass ein jeder richtige Syllogismus, wenn er in eine syllogistische Form gebracht ist, durch die blosse Form des Ausdrucks beweiskräftig wird, vorausgesetzt, dass keines der gebrauchten Wörter zweideutig sei. Dies ist einer von den Um ständen, welche manche Philosophen verleitet haben zu glauben, dass, wenn alle Namen so scharfsinnig construirt und sorgfältig definirt wären, um keine Zweideutigkeit zuzulassen, diese sprachliche Verbesserung nicht allein den Schlüssen einer jeden deductiven Wissenschaft die Gewissheit der Schlüsse der Mathematik geben würde, sondern dass sie auch alles Schliessen auf die Anwendung einer technischen Form reduciren und dessen Schlussrichtigkeit nach einem blossen mechanischen Process rationell zugebbar machen würde, wie dies in der Algebra unzweifelhaft der Fall ist. Mit Ausnahme der Geometrie, deren Schlüsse bereits so gewiss und genau sind, als sie nur gemacht werden können, ist aber die Wissenschaft der Zahlen die einzige Wissenschaft, in welcher die praktische Gültigkeit eines Schlusses einem Jeden ersichtlich ist, der nur nach der Form des Processes gesellen hat. Wer mit dem einverstanden ist, was in der vorhergehenden Abtheilung in Beziehung auf die Zusammensetzung der Ursachen und den noch strengeren Fall einer gänzlichen Aufhebung einer Reihe von Gesetzen durch eine andere Reihe gesagt wurde, der weise, dass die Geometrie und die Algebra die einzigen Wissenschaften sind, deren Sätze kategorisch wahr sind; die allgemeinen Urtheile (Sätze) aller anderen Wissenschaften sind nur hypothetisch wahr, indem sie voraussetzen, dass keine entgegenwirkende Ursache in's Spiel kommt. Ein aus Naturgesetzen gezogener Schluss, wie correct er auch in Betreff der Form gezogen sein mag, wird daher nur eine hypothetische Gewissheit besitzen. Bei einem jeden Schritte müssen wir uns vergewissern, dass kein anderes Naturgesetz die Gesetze, welche die Prämissen unseres Schlusses bilden, aufgehoben oder seine Wirkung mit deren Wirkungen vermischt habe; und wie kann dies geschehen, wenn man bloss auf die Worte sieht? Wir müssen nicht allein beständig an die Erscheinungen selbst denken, sondern wir müssen sie auch beständig studiren, indem wir uns mit den Eigenthümlichkeiten eines jeden Falles bekannt[278] machen, auf den wir unsere allgemeinen Grundsätze anzuwenden suchen.

Die algebraische Bezeichnung ist, als philosophische Sprache betrachtet, eine vollkommene in ihrer Angemessenheit für die Gegenstände, für welche sie gewöhnlich gebraucht wird, namentlich für diejenigen, deren Untersuchung bereits auf die Bestimmung einer Relation zwischen Zahlen zurückgeführt worden ist. Aber so bewunderungswürdig dieselbe auch für ihre eigenen Zwecke ist, so sind die Eigenschaften, welche sie dazu machen, doch so weit entfernt, das ideale Vorbild einer philosophischen Sprache im allgemeinen zu sein, dass je mehr die Sprache einer anderen Wissenschaft sich ihr nähert, um so weniger sie zu ihren eigenen Functionen tauglich wird. Statt der Kunstgriffe, die verhindern, dass unsere Aufmerksamkeit durch das Denken an die Bedeutung der Zeichen abgelenkt werde, müssen wir bei allen anderen Gegenständen Kunstgriffe wünschen, die es unmöglich machen, dass wir diese Bedeutung jemals auch nur für einen Augenblick aus dem Auge verlieren.

Zu diesem Zweck sollte eine möglichst grosse Bedeutung in die Bildung des Wortes selbst gelegt werden, indem Ableitung und Analogie zu Hülfe genommen werden, um das Bewusstsein von Allem, was darunter verstanden ist, lebendig zu erhalten. In dieser Beziehung besitzen diejenigen Sprachen einen ungeheuren Vortheil, welche, wie die deutsche, ihre zusammengesetzten und abgeleiteten Wörter aus einheimischen Wurzeln und nicht aus den Wurzeln einer fremden oder todten Sprache bilden, wie dies in der englischen, französischen und italienischen Sprache so sehr der Fall ist; die besten sind aber diejenigen, welche sie nach festen Analogien bilden, die den Beziehungen zwischen den auszudrückenden Ideen entsprechen. Alle Sprachen thun dies mehr oder weniger, aber unter den neueren europäischen Sprachen besonders die deutsche, während diese wieder der griechischen nachsteht, in welcher die Beziehung zwischen der Bedeutung des abgeleiteten Wortes und der des ursprünglichen im allgemeinen durch seine Bildungsweise deutlich bezeichnet ist; ausgenommen bei den mit Präpositionen zusammengesetzten Wörtern, welche, wie man gestehen muss, in beiden Sprachen häufig äusserst unregelmässig sind.[279]

Was auch durch die Constructionsweise der Wörter mag geschehen können, um zu verhindern, dass sie in Töne ausarten, welche an dem Geiste vorübergehen, ohne einen deutlichen Begriff von dem zu geben, was sie bedeuten, so ist damit noch nicht Alles gethan. Wie gut sie auch urprünglich construirt sein mögen, so zeigen die Wörter doch die Neigung, wie Münzen, das Gepräge zu verlieren, während sie von Hand zu Hand gehen; und die einzig mögliche Weise, es wieder herzustellen, ist, sie stets frisch zu prägen, indem man fortwährend in der Betrachtung der Phänomene selbst lebt, und nicht bei der blossen Vertrautheit mit den sie ausdrückenden Wörtern stehen bleibt. Wenn Einer sich in Besitz der Gesetze der Phänomene gesetzt hat, wie sie in Worten niedergelegt sind, seien sie ihm ursprünglich von Anderen überliefert oder auch von ihm selbst gefunden, und nun sofort zufrieden ist, mitten in diesen Formeln zu leben, ausschliesslich an sie zu denken, und sie auf Fälle anzuwenden, im Verhältniss als diese sich darbieten, ohne seine Kenntniss der Wirklichkeiten, aus denen sie hervorgingen, zu bewahren: so wird er nicht allein fortwährend in seinen praktischen Bemühungen fehlgehen, weil er seine Formeln gebrauchen wird, ohne gehörig zuzusehen, ob sie nicht in diesem oder jenem Falle durch andere Naturgesetze modificirt oder aufgehoben werden, sondern die Formeln selbst werden auch nach und nach ihre Bedeutung für ihn verlieren, und er wird zuletzt nicht mehr im Stande sein zu erkennen, ob ein Fall in den Bereich seiner Formeln fällt oder nicht. Kurz, bei allen nicht mathematischen Gegenständen ist es gerade so nothwendig, die zu untersuchenden Dinge im Concreten zu denken und »in Umstände zu kleiden«, wie es in der Algebra nöthig ist, alle individualisirenden Eigenthümlichkeiten dem Auge sorgfältig fern zu halten.

Wir schliessen hiermit unsere Bemerkungen über die philosophische Sprache.[280]

Quelle:
John Stuart Mill: System der deduktiven und inductiven Logik. Band 2, Braunschweig 31868, S. 262-281.
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