Die Schönburg

[11] Diese Burg, welche Ludwig der Springer erbaut hat, liegt an dem Strande der Saale und unweit Gosecks. Kommt man durch das Dorf gleichen Namens, so zeigt sie sich in ihrer ganzen Größe und Stärke. Der sich hocherhebende Turm mit seiner gerundeten Spitze, die Basteien, welche schroff an den Felsen abfallen, erinnern sehr an die Zeit des Mittelalters, und wirklich bot wohl keine Gegend einen bessern Ort zu einer Raubburg dar, als diese; denn die eine Seite umfließt die Saale, die andre ist durch steile Abhänge geschützt. Wir gingen den Weg zur Burg hinauf, der noch an den Seiten von Mauerresten[11] begrenzt ist, und traten in den Burghof ein, dessen Hälfte jetzt zu einem Garten umgewandelt ist. Noch ein sehr tiefer Brunnen befindet sich darin, über welchen ein Häuschen gebaut ist. Dieser Garten ist von dem Burghof durch eine Mauer getrennt und steht durch eine Pforte mit ihm in Verbindung. Sieht man durch die Fensternischen, so hat man eine wunderschöne Gegend vor sich: Eine weite Wiese dehnt sich vor uns aus und die Saale durchzieht sie gleich einem Silberreif, durch Berge, die von Weinbergen begrenzt sind. Im Hintergrunde liegt Naumburg, in einen grauen Schleier gehüllt, seitwärts Goseck, ein bei der Entstehung der Burg sehr wichtiger Ort. – Noch ein altes Burgverlies befindet sich da, auf dessen Rücken die Bewohner der Burg kleine Gartenanlagen angelegt haben. – Darauf wollten wir noch den Schloßturm besteigen. Durch den sehr engen Eingang, an welchem man die Dicke der Mauern erkennen kann, gelangt man in das finstere Innre. Vier sehr breitsprossige Leitern führen auf ebensoviel Böden und auf dem ersten von ihnen ist noch ein alter Kamin. Oben angelangt gerät man durch ein Panorama, welches sich bis nach Weißenfels erstreckt, in Erstaunen. Wir hatten hier das erhabne Vergnügen, die Sonne untergehen zu sehen. Langsam tauchte die Sonne unter; ihre letzten Strahlen vergoldeten die Türme von Naumburg und Goseck. Jetzt wurde es stiller in der Natur. Graue Nebel stiegen von dem Flusse auf, der Vögel Klang verstummte, der Landmann kehrte heim in seine väterliche Hütte und sucht nach des Tages Mühen Ruh, denn die Sonne hat Abschied genommen und der Nacht ihre Stelle eingeräumt. Aber auch wir verließen die schöne Burg, nahmen Abschied von ihren Zinnen und räumten dem Mond unsre Stelle, dessen Glanz auf das Gebäude schimmerte.[12]

Quelle:
Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 3, S. 11-13.
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