28.
An Erwin Rohde

[995] [Leipzig, 9. November 1868]


Mein lieber Freund, heute habe ich die Absicht, Dir eine Reihe von heiteren Dingen zu erzählen, lustig in die Zukunft zu blicken und mich so idyllisch-behaglich zu gebärden, daß Dein böser Gast, jenes katzenartige Fieber, einen krummen Buckel macht und sich ärgerlich von dannen trollt. Und damit jeder Mißton vermieden werde, will ich die bekannte res severa, die Deinen zweiten Brief veranlaßte, auf einem besonderen Blatt besprechen, das Du dann in besonderer Stimmung und auf besonderem Orte lesen magst.

Die Akte meiner Komödie heißen: 1. Ein Vereinsabend oder der Unterprofessor, 2. der herausgeworfene Schneider, 3. ein Rendezvous mit +. Einige alte Weiber spielen mit.

Am Donnerstag abend verführte mich Romundt zum Theater, für das meine Gefühle sehr erkalten: wir wollten ein Stück von unserm Zukunftsdirektor Heinrich Laube sehn und saßen wie thronende Götter im Olymp zu Gericht über ein Machwerk, genannt Graf Essex. Natürlich schimpfte ich auf meinen Verführer, der sich auf die Empfindungen seiner zehnjährigen Kindheit berief und war glücklich einen Raum verlassen zu können, in dem sich nicht einmal GLAYKIDION vorfand: wie sich bei mikroskopischer Durchsuchung aller Winkel des Theaters erwies.

Zu Hause fand ich zwei Briefe, den Deinigen und eine Einladung von Curtius, den jetzt näher zu kennen mir Vergnügen macht. Wenn sich zwei Freunde unserer Art Briefe schreiben, da freuen sich bekanntlich[995] die Engelchen; und so freuten sie sich auch, als ich Deinen Brief las, ja sie kicherten sogar.

Am andern Morgen zog ich festlich aus, um mich bei der Curtia für die Einladung zu bedanken, da ich sie leider nicht annehmen konnte. Ich weiß nicht, ob Du diese Dame kennst; mir hat sie sehr gefallen, und es entstand zwischen dem Ehepaar und mir eine unverwüstliche Heiterkeit. In dieser Stimmung ging ich zu meinem Redakteur en chef Zarncke, fand herzliche Aufnahme, ordnete mit ihm unsre Verhältnisse – meine Rezensionsprovinz ist jetzt unter anderem fast die gesamte griechische Philosophie, mit Ausnahme von Aristoteles, den Torstrik innehat und eines anderen Teiles, in dem mein ehemaliger Lehrer Heinze (Hofrat und Prinzenerzieher in Oldenburg) tätig ist. Hast Du beiläufig meine Anzeige von Roses Symposiaca Anacreontea gelesen? Nächstens kommt auch mein Namensvetter dran, der an der Eudocia zum Ritter geworden ist – langweilige Dame, langweiliger Ritter!

Zu Hause angelangt fand ich Deinen zweiten Brief, entrüstete mich und beschloß ein Attentat.

Am Abend war der erste Vortrag unseres philologischen Vereines für dies Semester angesetzt: und man hatte mich sehr höflich ersucht, diesen zu übernehmen. Ich, der ich Gelegenheiten brauche, mich auf akademische Waffen einzupauken, war auch gleich bereit und hatte das Vergnügen, bei meinem Eintritt bei Zaspel eine schwarze Masse von 40 Zuhörern vorzufinden. Romundt war von mir beauftragt, recht persönlich aufzupassen, damit er mir sagen könne, wie die theatralische Seite, also Vortrag, Stimme, Stil, Disposition beschaffen sei und gewirkt habe. Ich habe ganz frei gesprochen, bloß mit Zuhilfenahme eines Deminutivzettels, und zwar über die Varronischen Satiren und den Zyniker Menippus: und siehe, es war alles kala lian. Es wird schon gehn mit dieser akademischen Laufbahn!

Hier nun ist zu erwähnen, daß ich beabsichtige, bis Ostern mich hier aller Habilitationsscherereien zu entledigen und zugleich bei dieser Gelegenheit zu promovieren. Dies ist erlaubt: einen speziellen Dispens brauche ich nur, insofern ich noch nicht das übliche quinquennium hinter mir habe. Nun ist sich habilitieren und lesen zweierlei: aber recht passend scheint es mir, nachdem ich mir die Hände frei gemacht habe,[996] dann hinauszureisen in die Welt, zum letzten Male in nichtamtlicher Stellung! Ach, lieber Freund, es wird die Empfindung eines Bräutigams sein, Freude und Ärger gemischt, Humor, genos spoudogeloion, Menippus! Im Bewußtsein eines guten Tagewerkes ging ich zu Bett und überlegte mir die bewußte bei Ritschl aufzuführende Szene: als welche auch am andern Mittag aufgeführt wurde.

Als ich nach Hause kam, fand ich einen Zettel, an mich adressiert, mit der kurzen Notiz: »Willst Du Richard Wagner kennenlernen, so komme um 3/4 4 in das Café théâtre. Windisch.«

Diese Neuigkeit verwirrte mir etwas den Kopf, verzeih mir!, so daß ich die eben gehabte Szene ganz vergaß und in einen ziemlichen Wirbel geriet.

Ich lief natürlich hin, fand unsern Biederfreund, der mir neue Aufschlüsse gab. Wagner war im strengsten Inkognito in Leipzig bei seinen Verwandten: die Presse hatte keinen Wind, und alle Dienstboten Brockhausens waren stumm gemacht wie Gräber in Livree. Nun hatte die Schwester Wagners, die Prof. Brockhaus, jene bewußte gescheute Frau, auch ihre gute Freundin, die Ritschelin, ihrem Bruder vorgeführt: wobei sie den Stolz hatte, vor dem Bruder mit der Freundin und vor der Freundin mit dem Bruder zu renommieren, das glückliche Wesen! Wagner spielt in Gegenwart der Frau Ritschl das Meisterlied, das ja auch Dir bekannt ist: und die gute Frau sagt ihm, daß ihr dies Lied schon wohl bekannt sei, mea opera. Freude und Verwunderung Wagners: gibt allerhöchsten Willen kund, mich inkognito kennenzulernen. Ich sollte für Freitag abend eingeladen werden: Windisch aber setzt auseinander, daß ich verhindert sei durch Amt, Pflicht, Versprechen: also schlägt man Sonnabend nachmittag vor. Windisch und ich liefen also hin, fanden die Familie des Professors, aber Richard nicht, der mit einem ungeheuren Hute auf dem großen Schädel ausgegangen war. Hier lernte ich also besagte vortreffliche Familie kennen und bekam eine liebenswürdige Einladung für Sonntag abend.

Meine Stimmung war wirklich an diesen Tagen etwas romanhaft; gib mir zu, daß die Einleitung dieser Bekanntschaft, bei der großen Unnahbarkeit des Sonderlings, etwas an das Märchen streifte.

In der Meinung, daß eine große Gesellschaft geladen sei, beschloß ich, große Toilette zu machen und war froh, daß gerade für den Sonntag[997] mein Schneider mir einen fertigen Ballanzug versprochen hatte. Es war ein schrecklicher Regen- und Schneetag, man schauderte, ins Freie zu gehn, und so war ich denn zufrieden, daß mich nachmittags Roscherchen besuchte, mir etwas von den Eleaten erzählte und von dem Gott in der Philosophie – denn er behandelt als candidan dus den von Ahrens gegebnen Stoff »Entwicklung des Gottesbegriffs bis Aristoteles«, während Romundt die Preisaufgabe der Universität »Über den Willen« zu lösen trachtet. – Es dämmerte, der Schneider kam nicht und Roscher ging. Ich begleitete ihn, suchte den Schneider persönlich auf und fand seine Sklaven heftig mit meinem Anzuge beschäftigt: man versprach in 3/4 Stunden ihn zu schicken. Ich ging vergnügter Dinge weg, streifte Kintschy, las den Kladderadatsch und fand mit Behagen die Zeitungsnotiz, daß Wagner in der Schweiz sei, daß man aber in München ein schönes Haus für ihn baue: während ich wußte, daß ich ihn heute abend sehen würde und daß gestern ein Brief vom kleinen König an ihn angekommen sei, mit der Adresse: »An den großen deutschen Tondichter Richard Wagner.«

Zu Hause fand ich zwar keinen Schneider, las in aller Gemächlichkeit noch die Dissertation über die Eudocia und wurde nur von Zeit zu Zeit durch gellendes, aber aus der Ferne kommendes Läuten beunruhigt. Endlich wurde mir zur Gewißheit, daß an dem altväterlichen eisernen Gittertor jemand warte: es war verschlossen, ebenso wie die Haustür. Ich schrie über den Garten weg dem Manne zu, er solle in das Naundörfchen kommen: unmöglich, sich bei dem Geplätscher des Regens verständlich zu machen. Das Haus geriet in Aufregung, endlich wurde aufgeschlossen, und ein altes Männchen mit einem Paket kam zu mir. Es war halb 7 Uhr; es war Zeit, meine Sachen anzuziehn und Toilette zu machen, da ich sehr weitab wohne. Richtig, der Mann hat meine Sachen, ich probiere sie an, sie passen. Verdächtige Wendung! Er präsentiert die Rechnung. Ich akzeptiere höflich: er will bezahlt sein, gleich bei Empfang der Sachen. Ich bin erstaunt, setze ihm auseinander, daß ich gar nichts mit ihm als einem Arbeiter für meinen Schneider zu tun habe, sondern nur mit dem Schneider selbst, dem ich den Auftrag gegeben habe. Der Mann wird dringender, die Zeit wird dringender; ich ergreife die Sachen und beginne sie anzuziehn, der Mann ergreift die Sachen und hindert mich sie anzuziehn:[998] Gewalt meiner Seite, Gewalt seiner Seite! Szene. Ich kämpfe im Hemde: denn ich will die neuen Hosen anziehn.

Endlich Aufwand von Würde, feierliche Drohung, Verwünschung meines Schneiders und seines Helfershelfers, Racheschwur: währenddem entfernt sich das Männchen mit meinen Sachen. Ende des 2ten Aktes: ich brüte im Hemde auf dem Sofa und betrachte einen schwarzen Rock, ob er für Richard gut genug ist.

– Draußen gießt der Regen. –

Ein Viertel auf acht: um halb acht, habe ich mit Windisch verabredet, wollen wir uns im Theatercafé treffen. Ich stürme in die finstre regnerische Nacht hinaus, auch ein schwarzes Männchen, ohne Frack, doch in gesteigerter Romanstimmung: das Glück ist günstig, selbst die Schneiderszene hat etwas Ungeheuerlich-Unalltägliches.

Wir kommen in dem sehr behaglichen Salon Brockhaus an: es ist niemand weiter vorhanden als die engste Familie, Richard und wir beide. Ich werde Richard vorgestellt und rede zu ihm einige Worte der Verehrung: er erkundigt sich sehr genau, wie ich mit seiner Musik vertraut geworden sei, schimpft entsetzlich auf alle Aufführungen seiner Opern, mit Ausnahme der berühmten Münchener und macht sich über die Kapellmeister lustig, welche ihrem Orchester im gemütlichen Tone zurufen: »Meine Herren, jetzt wird's leidenschaftlich«, »Meine Gutsten, noch ein bißchen leidenschaftlicher!« W. imitiert sehr gern den Leipziger Dialekt. –

Nun will ich Dir in Kürze erzählen, was uns dieser Abend bot, wahrlich Genüsse so eigentümlich pikanter Art, daß ich auch heute noch nicht im alten Gleise bin, sondern eben nichts Besseres tun kann, als mit Dir, mein teurer Freund, zu reden und »wundersame Mär« zu künden. Vor und nach Tisch spielte Wagner und zwar alle wichtigen Stellen der Meistersinger, indem er alle Stimmen imitierte und dabei sehr ausgelassen war. Es ist nämlich ein fabelhaft lebhafter und feuriger Mann, der sehr schnell spricht, sehr witzig ist und eine Gesellschaft dieser privatesten Art ganz heiter macht. Inzwischen hatte ich ein längeres Gespräch mit ihm über Schopenhauer: ach, und Du begreifst es, welcher Genuß es für mich war, ihn mit ganz unbeschreiblicher Wärme von ihm reden zu hören, was er ihm verdanke, wie er der einzige Philosoph sei, der das Wesen der Musik erkannt habe;[999] dann erkundigte er sich, wie sich jetzt die Professoren zu ihm verhalten, lachte sehr über den Philosophenkongreß in Prag und sprach »von den philosophischen Dienstmännern«. Nachher las er ein Stück aus seiner Biographie vor, die er jetzt schreibt, eine überaus ergötzliche Szene aus seinem Leipziger Studienleben, an die ich jetzt noch nicht ohne Gelächter denken kann; er schreibt übrigens außerordentlich gewandt und geistreich. – Am Schluß, als wir beide uns zum Fortgehen anschickten, drückte er mir sehr warm die Hand und lud mich sehr freundlich ein, ihn zu besuchen, um Musik und Philosophie zu treiben, auch übertrug er mir, seine Schwester und seine Anverwandten mit seiner Musik bekannt zu machen: was ich denn feierlich übernommen habe. – Mehr sollst Du hören, wenn ich diesem Abende etwas objektiver und ferner gegenüberstehe. Heute ein herzliches Lebewohl und beste Wünsche für Deine Gesundheit.

F. N.

Res severa! Res severa! Res severa!

Mein lieber Freund, ich bitte Dich, direkt an Dr. Klette nach Bonn zu schreiben und (ohne weitere Formen und Gründe) das Manuskript zurückzufordern. Wenigstens würde ich so handeln.

Die Ritschlsche Taktlosigkeit ist zu stark: und in der stattgehabten Unterredung trat sie deutlich hervor: so daß ich etwas kühl mit ihm gesprochen habe, was ihn stark choquierte.

Das ist allerdings Wahrheit, daß das Rhein. Mus. jetzt überhäuft ist: und das wird Dir das letzte Heft dieses Jahres bezeugen, das mit vier Bogen über die gewöhnliche Seitenzahl hinausschießt.

Daß ich persönlich noch besonders über die Geschichte ärgerlich bin, liegt nahe. War ich es doch, der in bester Absicht und freundschaftlichster Meinung Dir den Vorschlag machte, Dein Manuskript dem Rhein. Mus. anzuvertrauen: dem ich damit etwas recht Angenehmes zu erweisen glaubte. Besonders wurmt es mich, wenn ich daran denke, zu welchem Zweck die schöne Abhandlung zunächst bestimmt war.

Willst Du Dich rächen, so schicke die Schrift an den Hermes; doch bin ich selbst kein Freund einer derartigen Rache. Vom Philologus darf unter diesen Verhältnissen keine Rede sein: und mit Fleckeisens Jbh. steht es ähnlich wie mit dem Rhein. Mus.

Also, lieber Freund, muß ein Verleger gesucht werden (und wenn ich Dir raten darf, gib zugleich mit den onos heraus, nach dem von[1000] Dir erkannten Handschriftenverhältnis). Natürlich wirst Du einen Verleger am liebsten in Deinem Hamburg suchen: sonst vertraue, daß ich mich mit Eifer nach einem noblen Buchhändler umsehen werde, falls Du mich dazu beauftragst.

Jedenfalls muß die Sache schnell gehn, ja in Monatsfrist muß das 3-4 Bogen starke Schriftchen gedruckt sein. –

Liegt Dir nichts an dieser Eile, so läßt sich vielleicht unter uns beiden ein kleiner Plan arrangieren: wir machen ein Buch mitsammen, genannt »Beiträge zur griechischen Literaturgeschichte« in dem wir einige größere Aufsätze vereinigen (von mir z. B. über Demokrits Schriftstellerei, über den homerisch-hesiodischen agôn, über den Zyniker Menipp) und auch eine Anzahl Miszellen beigeben.

Was denkst Du dazu?

In treuester Freundschaft und Teilnahme

in rebus secundis et adversis

der Leipziger Eidylliker

Quelle:
Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 3, S. 995-1001.
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