Die Wüste wächst:

weh dem, der Wüsten birgt...

[1243] Ha!

Feierlich!

ein würdiger Anfang!

afrikanisch feierlich!

eines Löwen würdig

oder eines moralischen Brüllaffen...

– aber nichts für euch,

ihr allerliebsten Freundinnen,

zu deren Füßen mir,

einem Europäer unter Palmen,

zu sitzen vergönnt ist. Sela.


Wunderbar wahrlich!

Da sitze ich nun,

der Wüste nahe und bereits

so ferne wieder der Wüste,

auch in nichts noch verwüstet:

nämlich hinabgeschluckt

von dieser kleinen Oasis

– sie sperrte gerade gähnend

ihr liebliches Maul auf,

das wohlriechendste aller Mäulchen:

da fiel ich hinein,

hinab, hindurch – unter euch,

ihr allerliebsten Freundinnen! Sela.


Heil, Heil jenem Walfische,

wenn er also es seinem Gaste

wohlsein ließ! – ihr versteht

meine gelehrte Anspielung?...
[1243]

Heil seinem Bauche,

wenn es also

ein so lieblicher Oasis-Bauch war,

gleich diesem: was ich aber in Zweifel ziehe.

Dafür komme ich aus Europa,

das zweifelsüchtiger ist als alle Eheweibchen.

Möge Gott es bessern!

Amen.


Da sitze ich nun,

in dieser kleinsten Oasis,

einer Dattel gleich,

braun, durchsüßt, goldschwürig,

lüstern nach einem runden Mädchen-Maule,

mehr aber noch nach mädchenhaften

eiskalten schneeweißen schneidigen

Beißzähnen: nach denen nämlich

lechzt das Herz allen heißen Datteln. Sela.


Den genannten Südfrüchten

ähnlich, allzuähnlich

liege ich hier, von kleinen

Flügelkäfern

umtänzelt und umspielt,

insgleichen von noch kleineren

törichteren boshafteren

Wünschen und Einfällen, –

umlagert von euch,

ihr stummen, ihr ahnungsvollen

Mädchen-Katzen

Dudu und Suleika

umsphinxt, daß ich in ein Wort

viel Gefühle stopfe

(– vergebe mir Gott

diese Sprachsünde!...)

– sitze hier, die beste Luft schnüffelnd,[1244]

Paradieses-Luft wahrlich,

lichte leichte Luft, goldgestreifte,

so gute Luft nur je

vom Monde herabfiel,

sei es aus Zufall

oder geschah es aus Übermute?

wie die alten Dichter erzählen.

Ich Zweifler aber ziehe es in Zweifel,

dafür komme ich

aus Europa,

das zweifelsüchtiger ist als alle Eheweibchen.

Möge Gott es bessern!

Amen.


Diese schönste Luft atmend,

mit Nüstern geschwellt gleich Bechern,

ohne Zukunft, ohne Erinnerungen,

so sitze ich hier, ihr

allerliebsten Freundinnen,

und sehe der Palme zu,

wie sie, einer Tänzerin gleich,

sich biegt, und schmiegt und in der Hüfte wiegt

– man tut es mit, sieht man lange zu...

einer Tänzerin gleich, die, wie mir scheinen will,

zu lange schon, gefährlich lange

immer, immer nur auf einem Beinchen stand?

– da vergaß sie darob, wie mir scheinen will,

das andre Beinchen?

Vergebens wenigstens

suchte ich das vermißte

Zwillings-Kleinod

– nämlich das andre Beinchen –

in der heiligen Nähe

ihres allerliebsten, allerzierlichsten

Fächer- und Flatter- und Flitter-Röckchens.

Ja, wenn ihr mir, ihr schönen Freundinnen,[1245]

ganz glauben wollt:

sie hat es verloren...

Hu! Hu! Hu! Hu! Huh!...

Es ist dahin,

auf ewig dahin,

das andre Beinchen!

O schade um dies liebliche andre Beinchen!

Wo – mag es wohl weilen und verlassen trauern,

dieses einsame Beinchen?

In Furcht vielleicht vor einem

grimmen gelben blondgelockten

Löwen-Untiere? oder gar schon

abgenagt, abgeknappert –

erbärmlich! wehe! wehe! abgeknabbert! Sela.


O weint mir nicht,

weiche Herzen!

Weint mir nicht, ihr

Dattel-Herzen! Milch-Busen!

Ihr Süßholz-Herz-

Beutelchen!

Sei ein Mann, Suleika! Mut! Mut!


Weine nicht mehr,

bleiche Dudu!

– Oder sollte vielleicht

etwas Stärkeres, Herz-Stärkendes

hier am Platze sein?

ein gesalbter Spruch?

ein feierlicher Zuspruch?...


Ha!

Herauf, Würde!

Blase, blase wieder,

Blasebalg der Tugend!

Ha!
[1246]

Noch einmal brüllen,

moralisch brüllen,

als moralischer Löwe vor den Töchtern der Wüste brüllen!

– Denn Tugend-Geheul,

ihr allerliebsten Mädchen,

ist mehr als alles

Europäer-Inbrunst, Europäer-Heißhunger!

Und da stehe ich schon,

als Europäer,

ich kann nicht anders, Gott helfe mir!

Amen!


Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt!

Stein knirscht an Stein, die Wüste schlingt und würgt.

Der ungeheure Tod blickt glühend braun

und kaut –, sein Leben ist sein Kaun...


Vergiß nicht, Mensch, den Wollust ausgeloht:

du – bist der Stein, die Wüste, bist der Tod...[1247]

Quelle:
Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 2, S. 1243-1248.
Lizenz:
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Werke, Kritische Gesamtausgabe, Abt.6, Bd.3, Der Fall Wagner; Götzen-Dämmerung; Der Antichrist; Ecce Homo; Dionysos-Dithyramben; Nietzsche contra Wagner (August 1888 - Anfang 1889)
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