Sechstes Buch.
Ueber das Schöne

[42] 1. Das Schöne beruht grösstentheils auf den Wahrnehmungen des Gesichts, es beruht aber auch auf denen des Gehörs, wie bei den Zusammenstellungen von Wörtern und in der gesammten Musik. Denn auch Melodieen und Rhythmen sind schön. Steigen wir von der sinnlichen Wahrnehmung weiter aufwärts, so giebt es auch schöne Einrichtungen, Thaten, Zustände, Wissenschaften, endlich eine Schönheit der Tugend. Ob noch eine höhere Schönheit, wird sich im weiteren Verlauf[42] zeigen. Was ist nun aber die bewirkende Ursache davon, dass Körper als schön erschaut werden, dass das Gehör den Tönen als schönen seine Zustimmung giebt? Und was im weiteren mit der Seele zusammenhängt, in wiefern ist das eigentlich alles schön? Und sind ferner alle diese Dinge durch ein und dasselbe schön, oder giebt es eine besondere Schönheit bei einem Körper und wieder eine besondere bei einem anderen Gegenstand? Und was sind denn nun eigentlich diese verschiedenen oder diese eine Schönheit? Denn die einen Gegenstände sind nicht an sich selbst schön, z.B. die Körper, sondern durch Theilhaben an der Schönheit, andere dagegen sind an sich selbst Schönheiten, wie es das Wesen der Tugend ist. Auch erscheinen dieselben Körper bald schön bald nicht schön, so dass ihr Sein als Körper verschieden ist von ihrem Sein als schöne Körper. Was ist denn nun das, was hier diese bestimmte Eigenschaft der Körper ausmacht? Dies muss nämlich der erste Gegenstand unsrer Untersuchung sein. Was ist es also, was auf die Augen der Beschauer einen Eindruck macht, was sie auf sich zieht, sie fesselt und sie an seinem Anblick Gefallen finden lässt? Haben wir dies gefunden, so können wir es vielleicht als Vorstufe zu einer erfolgreichen weiteren Betrachtung brauchen. Nun wird fast von allen behauptet, dass die Symmetrie der Theile zu einander und zum Ganzen, dazu noch schöne Färbung die Schönheit für die Wahrnehmung des Gesichts ausmacht, und für sie, wie überhaupt für das gewöhnliche Bewusstsein ist Schönsein so viel wie symmetrisch und an gewisse Massverhältnisse gebunden sein. Bei dieser Voraussetzung kann aber folgerichtiger Weise nichts Einfaches sondern nur das Zusammengesetzte schön sein, die einzelnen Theile werden an und für sich nicht schön sein, sondern nur insofern sie in ihrer Beziehung zum Ganzen bewirken, dass dieses schön ist. Und dennoch müssen, wenn das Ganze, so auch die einzelnen Theile schön sein. Denn es kann doch nicht aus Hässlichem bestehen, sondern die Schönheit muss alle Theile ergriffen haben. Ebenso werden für die Anhänger dieser Annahme die schönen Farben sowie auch das Sonnenlicht als einfache und solche Dinge, die ihre Schönheit nicht in Folge der Symmetrie haben , ausserhalb des Schönheits-Bereiches liegen. Wie soll dann das Gold schön sein? Oder wodurch der Blitz, der durch die Nacht hin gesehen wird? Desgleichen wird auf dem Gebiete der Töne das Einfache nicht in Betracht kommen, obwohl oftmals von den Tönen einer schönen Gesammtmelodie[43] jeder einzelne musikalische Ton auch an und für sich schön ist. Und wenn nun ferner, ohne dass die eine Symmetrie geändert würde, dasselbe Gesicht bald schön bald nicht erscheint, muss man da nicht sagen, dass das Schöne noch in etwas anderem als dem Symmetrischen besteht und dass das Symmetrische selbst durch etwas anderes schön ist? Und wenn man nun im weiteren sich zu den Einrichtungen und schönen Reden wendet und auch hierbei das Symmetrische als Grund des Schönen hinstellen wollte, wie kann bei schönen Einrichtungen, Gesetzen, Kenntnissen und Wissenschaften von Symmetrie die Rede sein? Wie können Gegenstände der Theorie zu einander in symmetrischen Verhältnissen stehen? Etwa weil eine Uebereinstimmung zwischen ihnen stattfindet? So hat auch das Schlechte seine Gleichartigkeit und Uebereinstimmung. So stimmt z.B. mit der Behauptung, massvolle Selbstbeherrschung sei Einfalt, jene andre überein, die Gerechtigkeit sei eine edle Gutmüthigkeit. Beide Behauptungen stehen miteinander in Einklang und entsprechen sich. Nun ist Schönheit der Seele jedwede Tugend und zwar eine solche, die der wahren Schönheit viel näher stellt als die im Vorigen erwähnten Arten derselben. Aber wie sind sie symmetrisch? Doch weder als Grössen, noch als Zahlen, obgleich es mehrere Theile der Seele giebt. Denn in welchem Verhältniss soll die Zusammensetzung oder Mischung der Theile oder Vorstellungen zu einander stehen? Und worin soll die Schönheit der in sich selbst als ihrer Einheit versunkenen Vernunft bestehen?

2. Wir wollen nun den Faden der Untersuchung wieder von vorn aufnehmen und bestimmen, was eigentlich das ursprüngliche Schöne an den Körpern ist. Denn es giebt ein solches, was sich gleich beim ersten Anblick wahrnehmen lässt. Die Seele bezeichnet es so als etwas ihr längst bekanntes, sie erkennt es wieder als etwas ihr zusagendes, sie tritt gleichsam in harmonische Beziehung zu ihm. Trifft sie dagegen auf das Hässliche, so wendet sie sich ab, sie erkennt es nicht an und weist es von sich als ihrem Wesen fremd und widersprechend. Unsere Behauptung geht nun dahin, dass die Seele als ihrer eigensten Natur nach und zur besseren Wesenheit im Reich des Seienden gehörig, wenn sie etwas Verwandtes oder eine Spur des Verwandten erblickt, sich freut, in heftige Bewegung geräth, den gesehenen Gegenstand in Beziehung zu sich setzt, sich ihres Wesens wieder bewusst wird. Was bestellt also für eine Aehnlichkeit zwischen dem diesseitigen und jenseitigen Schönen? Doch wenn eine[44] Aehnlichkeit besteht, so mögen sie immerhin ähnlich sein. Auf welche Weise vielmehr ist beides schön? Durch Theilhaben an der Idee, behaupten wir, ist das diesseitige schön. Alles Gestaltlose nämlich, dessen natürliche Bestimmung doch darin liegt, Gestalt und Idee aufzunehmen, ist, so lange es ohne Vernunft und Idee bleibt, hässlich und ausserhalb der göttlichen Vernunft befindlich; und zwar ist dies das schlechthin Hässliche. Hässlich ist aber auch das, was von der gestaltenden Vernunft nicht durchdrungen ist, indem die Materie sich nicht durchweg gestalten liess. Indem nun die Idee herantritt, fasst sie das, was aus vielen Theilen durch Zusammensetzung zu einer Einheit werden soll, zusammen, führt es zu einer realen Zweckbestimmtheit und macht es zu Einem durch innere Uebereinstimmung, da sie selbst Eins war und auch das zu Gestaltende Eins werden sollte, soweit dies bei seiner ursprünglichen Vielheit möglich ist. Auf ihm, wenn es bereits zur Einheit zusammengefasst ist, thront nun die Schönheit und theilt sich den Theilen wie dem Ganzen mit. Trifft sie aber auf ein schon von Natur Eines und aus ähnlichen Theilen Bestehendes, so theilt sie sich blos dem Ganzen mit. Es verleiht z.B. irgend eine natürliche Beschaffenheit oder auch die Kunst bald einem ganzen Hause mit seinen Theilen, bald einem einzelnen Steine die Schönheit. So entsteht also der schöne Körper durch sein Theilhaben an der von den Göttern kommenden Schönheit.

3. Die Schönheit wird aber erkannt durch ein besonderes dazu bestimmtes Vermögen, welches vollkommen befähigt ist in seinem Bereiche zu urtheilen, sobald die übrige Seele seinem Urtheile beipflichtet. Vielleicht aber entscheidet auch die Seele selbst darüber, indem sie den wahrgenommenen Gegenstand nach der ihr innewohnenden Idee bemisst, deren sie sich bei der Beurtheilung bedient, etwa wie man sich eines Richtscheits bedient, wo es sich um das Gerade handelt. Wie aber stimmt das Körperliche mit dem Unkörperlichen zusammen? Wie bemisst der Baumeister ein ausser ihm befindliches Haus nach der ihm innerlichen Idee des Hauses, so dass er es als schön bezeichnet? Doch wohl, weil das ausser ihm befindliche Haus, abgesehen von den Steinen, nichts als die innere, zwar durch die äusserliche materielle Masse getheilte, aber trotzdem sie an der Vielheit zur Erscheinung kommt, dennoch ungetheilte Idee ist. Wenn nun auch die sinnliche Wahrnehmung die den Körpern innewohnende Idee erblickt, wie sie die gegenüberstehende gestaltlose Natur bewältigt und zur[45] Einheit verbindet, und die Gestalt, welche auf andre Gestalten in zierlicher Weise aufgetragen ist, so fasst sie jenes Vielfache zu einer Totalität zusammen, hebt es empor und setzt es in Verbindung mit der bereits vorhandenen ungetheilten Idee im Innern und führt es ihr als etwas übereinstimmendes, verwandtes und befreundetes zu: wie es für einen rechtschaffenen Mann ein erfreulicher Anblick ist, wenn auf dem Antlitz eines Jünglings eine Spur von Tugend erscheint, die mit der Wahrheit in seinem Innern übereinstimmt. Die Schönheit der Farbe ist einfach durch Gestaltung und Bewältigung des der Materie anhaftenden Dunkeln mittelst Hinzutreten des unkörperlichen von Vernunft und Idee ausgehenden Lichts. Daher denn auch das Feuer gegenüber den anderen Dingen der Körperwelt an sich schön ist, weil es im Verhältniss zu den übrigen Elementen den Rang einer Idee einnimmt; denn es ist nach oben gerichtet, es ist der dünnste von allen übrigen Körpern, gleichsam der Uebergang zum Körperlosen; das Feuer allein nimmt nichts andres in sich auf, während es selbst alles andre durchdringt; denn die Dinge werden warm, das Feuer aber wird nicht kalt; es enthält die Grundfarbe und die anderen Dinge entlehnen von ihm die Färbung schlechthin. Es leuchtet also und glänzt, als wäre es selbst eine Idee. Das Feuer freilich, welches die Materie nicht bewältigt, mit seinem matten bleichen Lichte, ist nicht mehr schön, weil es ja gewissermassen nicht an der Idee der Färbung in ihrer Gesammtheit Theil hat. Die inneren, nicht in die Erscheinung tretenden Harmonieen der Töne, welche diejenigen hervorbringen, die wir mit unserm Ohre vernehmen, erschliessen hiermit zugleich auch der Seele das Verständniss des Schönen, indem sie an einem Anderen ihr selbsteignes Wesen zur Erscheinung kommen lassen. Allerdings aber liegt es mit im Wesen der vernommenen Töne, dass sie sich nicht nach absolut idealen Zahlverhältnissen bemessen lassen, sondern nur in soweit idealen, als sie dazu dienen der Idee zur Bewältigung der Materie zu verhelfen. So viel von dem Schönen, das auf den Sinneswahrnehmungen beruht, welches ja doch mir ein Abbild ist, ein Schattenriss, der sich gleichsam in die Materie verlaufen hat, sie schmückt und uns bei ihrem Anblick mit Entzücken erfüllt.

4. Ueber die ferneren Stufen der Schönheit nun, welche der sinnlichen Wahrnehmung nicht mehr zu schauen vergönnt ist, welche vielmehr die Seele ohne Sinneswerkzeuge schaut und denkt, müssen wir unsre Betrachtung von einem höheren[46] Standpunkte aus anstellen, indem wir die sinnliche Wahrnehmung hier unten zurücklassen. Wie aber bei dem Schönen der sinnlichen Wahrnehmung niemand über dasselbe sprechen konnte, der es weder selbst gesehen noch als schön wahrgenommen hatte, etwa Leute, die blind von Jugend auf sind, so können ganz in derselben Weise auch nicht von der Schönheit schöner Einrichtungen diejenigen sprechen, welche die Schönheit derselben oder der Wissenschaften und andrer derartiger Sphären nicht empfunden haben, noch von dem Lichte der Tugend diejenigen, welche auch nicht einmal eine Ahnung davon haben, wie schon das Angesicht der Gerechtigkeit und der massvollen Selbstbeherrschung ist, dass weder Morgen- noch Abendstern so schön sind. Sondern man muss das selbst geschaut haben auf dem Wege, auf welchem die Seele derartiges schaut, und muss bei dem Schauen in Freude und staunendes Entzücken gerathen sein, in noch viel höherem Grade als bei den früheren Schönheitsstufen, da man es ja hier nunmehr mit der wahren Schönheit zu thun bekommt. Denn das muss die Empfindung sein bei allem was schön ist: Verwunderung und liebliches Staunen, Sehnsucht, Liebe und freudiges Entzücken. Das können empfinden und empfinden in der That auch bei dem, was sich nicht mit leiblichen Augen sehen lässt, man möchte sagen alle Seelen, in höherem Grade allerdings diejenigen unter ihnen, die liebefähiger sind, wie ja auch alle an schönen Körpern Gefallen finden, aber nicht in gleicher Weise davon ergriffen werden, sondern einige ganz besonders, von denen man dann im eigentlichen Sinne sagt, sie lieben.

5. Nun müssen wir unsre Fragen auch an diejenigen stellen, die von Liebe zu dem Uebersinnlichen erfüllt sind. Was empfindet ihr bei sogenannten schonen Einrichtungen, schonen Sitten, massvollen Charakteren, überhaupt bei den Werken und Zuständen der Tugend und bei der Schönheit der Seelen? Was empfindet ihr, wenn ihr euch selbst als schon in eurem Innern erblickt? Wie kommt es, dass ihr da in lauten Jubel ausbrecht und in heftige Bewegung gerathet, dass ihr euch sehnt, von den Banden des Körpers befreit, in Liebesverkehr mit euch selbst zu treten? Denn das ist in der That die Empfindung derer, die in Wahrheit von Liebe ergriffen sind. Was ist aber der Gegenstand einer derartigen Empfindung? Keine Gestalt, keine Farbe, keine Grösse, sondern die Seele, die selbst farblos ist und das reine, farblose Licht der Weisheit und übrigen Tugenden an sich[47] hat, wenn ihr entweder an euch selbst oder an einem andern Hochherzigkeit, gerechte Gesinnung, lautere Weisheit erblickt, Tapferkeit mit ihrem ernsten Angesicht, würdevollen Anstand und züchtiges Wesen, das emporblüht an einer ruhigen, von keiner Woge, von keiner Leidenschaft bewegten Stimmung, über dem allen aber die gottgleiche Vernunft hervorleuchten seht. Und weshalb nennen wir nun das, indem wir es bewundern und lieben, schön? Nun, es ist offenbar und giebt sich unwidersprechlich als das wahrhaft Seiende zu erkennen. Aber was ist es in seinem wahrhaften Sein? Etwa schön? Allein noch hat sich aus der Untersuchung nicht ergeben, durch welchen Zug seines Seins es die Seele liebenswürdig macht. Was ist das, was an allen Tugenden hervorleuchtet wie Licht? Willst du einmal das Gegentheil nehmen und das gegenüber halten, was an der Seele Hässliches vorkommen kann? Vielleicht ist es für das Ergebniss unsrer Untersuchung von Belang zu wissen, was eigentlich das Hässliche ist und warum es als solches erscheint. Nehmen wir also eine hässliche, zügellose und ungerechte Seele, vollgepfropft mit sinnlichen Begierden, eine Seele voll Unruhe, voll feiger Furcht, voll kleinlichen Neides, was sie auch denken mag immer nur in niedrigen und vergänglichen Gedanken sich ergehend, stets hinterlistig auf Seitenpfaden schleichend, eine Freundin unreiner Genüsse, in ihrem Leben nur von körperlichen Einflüssen abhängig, eine Seele, die am Hässlichen ihre Lust findet: werden wir nun nicht sagen, dass eben diese Hässlichkeit wie ein ihr ursprünglich fremdes Uebel an sie herangetreten ist, welches sie schmählich verunstaltet, sie unrein gemacht, sie mit dem Bösen gleichsam durchsäuert hat, so dass sie kein reines Leben, keine reine Empfindung mehr hat, sondern durch die Vermischung mit dem Bösen ein verschwommenes, vielfach vom Tode durchdrungenes Leben führt, nicht mehr das sieht, was eine Seele sehen soll, nicht mehr im Stande ist bei sich selbst zu bleiben, weil sie stets zum Aeusserlichen, Irdischen und Dunkeln hingezogen wird? So als unrein, indem sie sich von den ersten besten Lockungen der sinnlichen Eindrücke hinreissen lässt, in inniger Durchdringung mit dem Leibe, in vielfachem Verkehr mit dem Materiellen, das sie in sich aufnimmt, hat sie durch die Vermischung mit dem Schlechten ein ganz andres Aussehen angenommen; gleichsam wie wenn einer sich in Schlamm oder Schmutz eintaucht und nun nicht mehr seine ursprüngliche Schönheit erscheinen lässt, sondern mit dem gesehen werden muss, was von dem[48] Schlamm und Schmutz sich an ihm festgesetzt hat. Ihm ist also das Hässliche durch das Herantretendes Fremdartigen gekommen und wenn er wieder schön werden will, muss er durch mühsames Waschen und Reinigen in seinen ursprünglichen Zustand zurückkehren. So könnte man mit Recht sagen, die Seele sei hässlich geworden durch ihre Vermischung, Verbindung und ihr Hinneigen zum Körper und der Materie. Und es ist dies eine Hässlichkeit für die Seele, nicht mehr rein und lauter zu sein, wie für das Gold, noch in der Schlacke zu stecken. Erst wenn man die Schlacke entfernt, bleibt das Gold übrig und ruht losgelöst von allem andern in seiner in sich selbst versunkenen Schönheit. So auch die Seele. Erst wenn sie losgelöst ist von den Begierden, mit denen sie in Folge ihres zu innigen Verkehrs mit dem Körper behaftet ist, wenn sie befreit ist von den übrigen Leidenschaften, gereinigt von dem, was sie in ihrer Verkörperung an sich hat, und allein bleibt, pflegt sie alle Hässlichkeit der schlechteren Natur abzulegen.

6. Es ist ja eben, wie der alte Spruch lehrt, Mässigung, Tapferkeit, überhaupt jede Tugend eine Reinigung, so auch die Weisheit selbst. Deshalb wird auch mit Recht in den religiösen Weihen dunkel darauf hingedeutet, dass der Ungereinigte auch in des Hades Behausung im Schlamme liegen müsse, weil das Unreine durch seine Schlechtigkeit mit dem Schlamme etwas Verwandtes hat, wie ja auch die Schweine mit ihrem unsaubern Leibe an derartigem Gefallen finden. Was wäre auch wohl die wahre Besonnenheit andres, als den Verkehr mit sinnlichen Vergnügungen abzuweisen, sie als unrein und eines reinen Menschen unwürdig zu fliehen? Die Tapferkeit ist Furchtlosigkeit vor dem Tode. Der Tod aber ist das Getrenntsein der Seele vom Körper. Davor fürchtet sich der nicht, der seine Freude daran findet allein zu sein. Die Seelengrösse ist das Hinwegsehen über das Irdische. Die Weisheit ist das Denken in seiner Wegwendung von der Welt hier unten, das Denken, welches die Seele zu dem Höheren emporführt. Ist nun die Seele geläutert, so wird sie zur Idee, zur reinen Vernunft, schlechthin unkörperlich, geistig und ganz vom Göttlichen durchdrungen, von wo aus die Quelle des Schönen kommt und alles dessen, was mit ihm verwandt ist. Emporgeführt zur Vernunft, ist die Seele schön in möglichster Vollkommenheit. Vernunft und was von der Vernunft ausgeht, ist die der Seele ursprüngliche, eigene Schönheit, die nicht als etwas Fremdes an sie herantritt, weil die Seele dies allein in Wahrheit ist. Deshalb sagt man auch mit Recht, das[49] Gut- und Schönwerden der Seele sei ein Aehnlichwerden mit Gott, weil von ihm aus das Schöne und der bessere Theil des Seienden kommt. Oder vielmehr das Seiende ist die Schönheit, die andere Natur aber ist das Hässliche. Es ist aber das Hässliche und das ursprünglich Böse identisch, so dass umgekehrt jenes zugleich gut und schön, richtiger das Gute und die Schönheit ist. Auf gleiche Weise also hat man das Schöne und das Gute, das Hässliche und das Böse zu suchen.

Als das erste ist demnach die mit dem Guten identische Schönheit zu setzen. Von ihr geht die Vernunft aus als das schlechthin Schöne. Durch die Vernunft ist die Seele schön. Das andre, was an Thaten und Handlungen schön ist, ist es durch die Gestaltung der Seele. Auch in der Körperwelt wird das, was den Namen des Schönen verdient, durch die Seele dazu gemacht. Da sie nämlich etwas Göttliches, gleichsam ein Theil des Schönen ist, so macht sie alles das schön, was sie berührt und bewältigt, so weit dieses im Stande ist es aufzunehmen.

7. Wir müssen also wieder emporsteigen zum Guten, nach welchem jede Seele sich sehnt. Wenn es jemand gesehen hat, so weiss er, was ich sagen will mit der Behauptung, es sei schön. Als das Gute muss es erstrebt werden und das Streben muss darauf gerichtet sein. Man erreicht es, wenn man nach dem Oberen aufsteigt, sich zu ihm hinwendet und das ablegt, was man beim Herabkommen angelegt hatte, wie ja auch diejenigen, die zur allerheiligsten Handlung der Mysterien sich anschicken, der Reinigung bedürfen, ihre Kleider ablegen und im Untergewande herangehen, so lange bis man bei dem Hinaufsteigen allem ausgewichen ist, was dem Göttlichen fremd ist, und mit seinem alleinigen Selbst auch das Göttliche in seiner Alleinheit schaut als lauter, einfach und rein, als das, wodurch alles bedingt ist, worauf alles hinblickt, in welchem alles lebt und denkt. Denn es ist die Ursache des Lebens, der Vernunft und des Seins. Welche Liebesgluth wird aber nicht der empfinden, der dies zu sehen bekommt, wie wird er sich nach der innigen Vereinigung mit ihm sehnen, wie wird ihn das Staunen der Wonne durchzittern! Denn nach dem Göttlichen als dem Guten sehnt sich auch derjenige, der es noch niemals gesehen hat. Wer es aber gesehen hat, der bewundert es wegen seiner Schönheit, der wird mit freudigem Staunen erfüllt, der geräth in Schrecken, der ihn nicht verzehrt, der liebt in wahrer Liebe und in heftiger Sehnsucht, der verlacht alle andere Liebe und verachtet das, was er früher[50] für schön hielt. Das ist etwa die Empfindung derer, welchen eine Erscheinung von Göttern oder Dämonen zu Theil geworden ist und die nun nichts mehr wissen wollen von der Schönheit der anderen Körper. Was wird der erst empfinden, welcher nun gar das absolut Schöne sieht in seiner an und für sich seienden Reinheit, ohne fleischliche körperliche Hülle um rein zu sein, an keinen Raum der Erde oder des Himmels gebunden. Denn das ist ja alles etwas abgeleitetes und gemischtes, nichts ursprüngliches, sondern von jenem ausgebend. Wer also jenes sieht, welches den Reigen aller übrigen Dinge eröffnet, welches in sich selbst ruhend mittheilt und nichts in sich aufnimmt, wer dann in seinem Anblick verharrt und es geniesst, indem er ihm ähnlich wird, was sollte der noch für ein Schönes bedürfen? Es ist ja eben selbst die Urschönheit, welche als das recht eigentlich Schöne, auch die es lieben, schön und liebenswürdig macht. Es ist ferner das Ziel für den grössten angestrengtesten Wettkampf der Seelen, das Ziel aller Mühen, nicht untheilhaftig zu bleiben des herrlichsten Anblicks. Selig, wer es erreicht hat, wer zum Schauen des seligen Anblicks gekommen ist; unselig fürwahr dagegen, bei wem dies nicht der Fall. Denn nicht der ist unselig, der um den Anblick schöner Farben und Körper kommt, der weder Macht noch Ehre noch Kronen erlangt, sondern wer dies Eine nicht erlangt, um dessen Erreichung man auf alle Kronen und Reiche der ganzen Erde, auf dem Meere und im Himmel verzichten muss, ob man das Irdische mit Verachtung verlassend, den Blick auf jenes gewandt, zum Schauen gelangen möge.

8. Aber auf welche Art und wie soll man das angreifen? Wie soll man die unsagbare Schönheit sehen, die gleichsam im innersten Heiligthum bleibt und nicht herauskommt, dass sie auch ein Uneingeweihter zu sehen bekäme? So gehe denn und kehre ein in sein Inneres, wer es vermag. Er lasse draussen, was der Blick des Auges erschaut, er sehe sich nicht um nach dem, was ihm vormals als Glanz schöner Leiblichkeit erschien. Denn wenn man die leibliche Schönheit erblickt, muss man nicht in ihr aufgehen wollen, sondern im Bewusstsein, dass sie nur Schemen und Schattenbilder zeigt, zu dem flüchten, dessen Abbild sie ist. Denn wer heranliefe, um sie als etwas Wahrhaftes zu umfangen, etwa wie eine schöne Gestalt, die sich auf dem Wasser schaukelt – jemand, der eine solche umfassen wollte, heisst es in einem bekannten, sinnreichen Mythus, versank in die Tiefe der Fluth[51] und ward nicht mehr gesehen, – der würde, wenn er sich an dem Schönen der Sinnenwelt festhielte und nicht davon losliesse, ganz in derselben Weise zwar nicht leiblich doch geistig in dunkle, der Vernunft unerfreuliche Tiefen versinken, würde dann blind im Hades leben und hier und dort mit Schatten verkehren. ›Auf, lasst uns fliehn zum geliebten Lande der Väter‹ wollen wir uns lieber zurufen. Aber wohin geht die Flucht und wie wollen wir ins offne Meer gelangen? Wie es Odysseus andeutet, sollte ich meinen, der von der Zauberin Kirke oder Kalypso wegeilend keinen Gefallen am Bleiben fand, obgleich sein Auge im Anblicke der Lust schwelgte und er sinnliche Schönheit vollauf genoss. Vaterland aber und Vater sind für uns dort, von dannen wir gekommen sind. Und wie geht unsre Fahrt und Flucht vor sich? Nicht zu Fuss sollen wir hinwandern, denn die Füsse tragen uns von einem Lande zum andern. Wir brauchen uns nicht nach einem Fuhrwerk mit Rossen noch zu Meere umzusehen, sondern das alles muss man lassen und gar nicht sehen, man muss sein Auge gleichsam schliessen, man muss ein andres dafür eintauschen und eröffnen, das alle besitzen, dessen sich aber wenige bedienen.

9. Was sieht nun jenes innere Auge? Sofort bei seiner Eröffnung kann es noch nicht das allzu Helle ertragen. Daher muss man die Seele selbst gewöhnen, zuerst auf eine schöne Lebensweise zu blicken; dann auf schöne Werke, nicht Werke wie die Künste sie zu Wege bringen, sondern wie sie von guten Männern ausgehen. Dann betrachte die Seele derer, die gute Werke vollbringen. Wie willst du aber sehen, welche Schönheit einer guten Seele eigen ist? Ziehe dich in dich selbst zurück und schaue, und wenn du dich selbst noch nicht als schön erblickst, so nimm, wie der Bildhauer, der an dem, was schön werden soll, bald hier bald da etwas wegnimmt und abschleift, bald hier glättet bald dort säubert, bis er an seinem Bilde ein schönes Antlitz zu Stande bringt, auch du alles das weg was überflüssig ist, mache das Krumme wieder gerade, reinige das Dunkle und lass es hell werden, kurz höre nicht auf zu zimmern an deinem Bilde, bis an dir der göttliche Glanz der Tugend hervorleuchtet, bis du die Besonnenheit erblickst, die auf heiligem Grunde wandelt. Wenn du das geworden bist und dich selbst siehst und rein mit dir selbst verkehrst, ohne dass dich weiter etwas hindert, so selbsteinig zu werden ohne dass du in deinem Innern eine weitere Beimischung zu deinem Selbst hast, sondern ganz du selbst bist,[52] wahrhaftiges Licht, ein Licht weder durch Grösse bemessen noch durch Gestalt in enge Schranken gezwängt noch andrerseits zu massloser Grösse ausgedehnt, sondern schlechthin unendlich, so dass es über alle Massbestimmung und alle Quantität hinaus ist – wenn du siehst, dass du dazu geworden bist und du bereits die innere Sehkraft erlangt hast: dann fasse Muth für dich selbst, schreite von da aus weiter vor, du bedarfst keines Führers mehr, und schaue unverwandten Blicks vor dich hin. Denn nur ein solches Auge sieht die ganze volle Schönheit. Wenn es aber, den Blick durch Laster umflort und ungereinigt oder schwach, zum Sehen sich anschickt, indem es in weibischer Feigheit das allzu Helle nicht ertragen kann, so sieht es garnichts, auch wenn ein andrer ihm das an sich Sichtbare zeigen wollte, was vor ihm liegt. Denn ein dem zu sehenden Gegenstande verwandt und ähnlich gemachtes Auge muss man zum Sehen mitbringen. Nie hätte das Auge jemals die Sonne gesehen, wenn es nicht selber sonnenhaft wäre; so kann auch eine Seele das Schöne nicht sehen, wenn sie nicht selbst schön ist. Darum werde jeder zuerst gottähnlich und schön, wenn er das Gute und Schöne sehen will. Zuerst wird er bei seinem Emporsteigen zur Vernunft kommen und wird dort alle die schönen Ideen sehen, und er wird sagen, dass die Ideen das Schöne sind. Denn alles ist durch sie schön, durch die Schöpfungen und das Wesen der Vernunft. Was darüber hinaus liegt, nennen wir die Natur des Guten, welche das Schöne als Hülle vor sich hat, so dass sie, um es kurz zu sagen, das Urschöne ist. Unterscheidet man das Intelligible, so werden wir das intelligible Schöne die Welt der Ideen nennen, das darüber hinausliegende Gute Quelle und Princip des Schönen. Oder aber wir werden das Gute und das Urschöne als identisch setzen. Dort jedenfalls liegt das Schöne.

Quelle:
Plotin: Die Enneaden. Band 1, Berlin 1878, S. 42-53.
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