Rasse, Stamm, Volk

[123] 98


›Unbenannte‹, ›namenlose‹ Schwärme. Zuweilen geben sie sich selbst flüchtige Namen oder sie erhalten sie von andern. Bis der Volksname wie der Eigenname etwas ist, über dessen Sinn man nicht nachdenkt. Die Forschung aber nagelt irgendeinen Namen fest, auf eine Sprache oder Landschaft, und konstruiert so ›Völker‹, die es nie gegeben hat. Daß ›Völker‹ flüchtige, von Stufe zu Stufe anders geartete Verbände sind, wird vergessen. Wo in den Trümmern der schriftlichen Überlieferung ein Name auftaucht, wird er auf die Reste irgendeiner Sprache oder das Schaffen irgendeines vergänglichen Volkes festgenagelt und treibt so in der Vorstellung der Geschichte von Jahrhunderten sein Unwesen. Aber ein ›Volk‹ um 1000 und um 2000 sind dem Wesen nach sehr verschiedenartige Gebilde. Was man um 500 vor Chr. Germanen nannte, kann es in dieser Struktur um 1000 in Griechenland nicht gegeben haben.


99


›Reine Rasse‹ [gibt es] nur bei Menschenschlägen, die außerhalb der Städte, Kulturen, [ohne] Lesen [und] Schreiben leben, ganz einfach: Materie. In [der] städtischen Kultur zerfällt der Typus. [Es ist] lächerlich, einige Prachtexemplare (Bamberger Reiter) bis zum Übelwerden abzubilden. Sahen die Herren etwa so aus? Das war ein somatisches Ideal eines adligen Geschlechtes. Bauern waren anders. Ideal ist das Seltene, die Ausnahme. Was alle haben, ist kein Ideal.[123]


100


Was ist ›Rasse‹? Was sich im tätigen Leben und Wesen ausdrückt – Rasse haben. Oder was der Mensch, der Gelehrte sieht: Blondes Kopf-(nicht Körper-)haar, Schädelform. Physiognomik, nicht Systematik. Rasseenergie im Kampf zwischen Erbe, Sosein und Umwelt (Blut, Boden). Nicht ohne Wirkung: Es gibt Bauern, Seefahrer, Nomadentypen. Priester, Adel, Bürger. [Die] Massen der Großstadt [sind] rasselos. Unsinn [sind] die Rassebilderbücher. Flach, dumm. Reiter von Bamberg, Uta, nicht ›Germanen‹-, sondern Adelstypen. Ostade, Teniers: Bauern.


101


Verstädterung (Günther) ist Rasseverfall. Unfruchtbarkeit ist Intellekt: Schale, Kern. Sexualtrieb als geistiges Vergnügen. Nicht Rausch (Frühling), sondern Circenses. Wenn aus der Großstadtmasse einzelne Rassegeschöpfe aufsteigen – Tänzerinnen, Kokotten –, dann sind sie ohne Zukunft, posthum.


102


Patriotismus und Heimatliebe sind zweierlei. Der erdgebundene Mensch, der Bauer und Bürger, hat seelisch eine pflanzenhafte Neigung für den Fleck Boden, wo er geboren oder später festgewachsen ist – sein Dorf, [seine] Stadt, sogar Stadtgegend, Wald, Küste, Gebirge usw. Auch der Ausgewanderte in [der] ›neuen Heimat‹ (Kolonien z.B., Löns die Heide, wie Maler [in] Capri, Stendhal, Goethe). Wer das nicht ist – der Bohemien, Künstler etc. –, liebt weite Räume. Der Herrenmensch (Seefahrer und Räuber) liebt das ›Reich‹ seiner Macht, das Meer, die Ebene, ubi bene – Vandalen, Goten. Etwas ganz anderes ist die durchgeistigte Liebe zu Natur, Sprache, Staat, ein ›Ideal‹. Themistokles, Cicero. Heutige Nationen. Um so echter, je weniger man davon redet, je selbstverständlicher das ist (England). Theatralik (sono Romano di Roma).[124]


103


Völkerwanderung, Kolonisation: Diese Worte sind zu allgemein und führen zu flachen Irrtümern. [Das] Land erobern [heißt]: die Bevölkerung ausrotten, in die Berge jagen oder unterwerfen. Kolonisation durch Handel oder Ackerbau. Typen: Spanische Konquistadoren: das mächtige Reich Spanien als Heimat behalten. Sonst wären sie in den Indianern aufgegangen.


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Idiotisches Rassegeschwätz, Lokalpatriotismus, parteipolitische Tendenz: die Lausitzer Kultur urgermanisch – urtschechisch, urpolnisch, urrumänisch. [Das ist] absichtliche Verwechselung von deutschgermanisch – indogermanisch.

Verwechslung von Rasse und Sprache. Spracheinheit und Rassenwechsel (Bulgaren). ›Germanen‹ [hatten] ursprünglich eine andre Sprache.

Im antiken Kulturmenschen, der von der Gesamtbevölkerung nur einen Teil umfaßt, [sind] sehr viele Rassen, Sprachen, c-Kulturen aufgegangen.


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Menschenrassen sind dem Sinne nach etwas andres als Tierrassen. ›Der Mensch‹ ist als Tier eine einzige Rasse. Die feineren Unterschiede sind seelischer Natur. Grobe äußerliche (sichtbare) Merkmale, wie Hautfarbe, [sind] Nebensache. Die Strukturtypen [sind] abhängig von Ernährung, Arbeit (Bauer, Jäger, Nomade, [eine] Entartung [ist] der sitzende Städter), Lage der Säuglinge. (Paudler, Luschan.) Es gibt Tausende von Typen (Menschenschläge), d.h. Variationskreise. Macht der Landschaft, der Gesellschaft. Adel hat eine andre Rasse als Unterklasse (Polen, England).

Neubildung von Rassen [entsteht] in [einer] neuen Landschaft. Englische und französische Juden. In den ältesten germanischen Gauen [gab es] schon verschiedene Rassen. Kultur [ist die] Einheit der Seele.[125] Allmählich prägt [sie] eine Idealform (nicht Durchschnittsform), [eine] Wunschform. Fälschung [entsteht] durch die Rassebücher, die Photographien von Adel, Geist, Bauern auslesen und die Fabrikarbeiter ignorieren. Wenn man die Besatzung einer Trambahn dazu nähme ..!


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Trottelhaft, nach den Sprachen die ›Rasse‹ der Völker zu bestimmen! Die Franzosen gelten als Romanen, die Engländer als Germanen, weil dort die lateinische, hier die englische Sprache sich durchsetzte: beide Völker – Völker erst auf Grund politischer Schicksale, die auch ganz anders hätten sein können – sind von gleicher Struktur: westliche Unterschicht, darüber keltisch-germanische Eroberer. Wo sich die keltische Sprache erhalten hat, redet man von ›Kelten‹ und nennt die Druiden keltisch, weil sie dort einheimisch sind.


107


Der Rassetyp der ›Arier‹ (Perser, Inder) ist mit denen der Turkstämme nahe verwandt: Persische Relieffiguren. Viel davon [ist] bei den alten Griechen. Die Türken [sind] ebenso [eine] Herrenrasse (Seldschuken). Andre Typen: [die] ›Mongolen‹ (bis nach Europa). Wenn man die Türken Arier nennt, so kann man mit demselben Recht die Arier Turkomanen nennen.


108


Ebenso wie die saharische und turanische Expansion aus menschenvertreibenden Wüsten, auch aus Arabien (›Semiten‹); die Semiten [sind] die östliche Gruppe der Hamiten. Ebenfalls Herrenmenschen, erobernd. Dagegen [sind] die ›Aramäer‹ nordisch (mit semitischer Sprache. [Von] semitischer Rasse sind die arabischen Scheichs, vornehm).[126]


109


Wie wenig wir von diesen Wanderungen wissen können. Die ›Germanen‹ z.B. [besitzen] zwei Rassen: Die ›Südgermanen‹ – Sachsen, Franken, Schwaben – nur nach England, Frankreich sich vorschiebend. Die Nordgermanen, erst als Goten, Vandalen, Burgunden über Oder und Weichsel zum Schwarzen Meer, Donau, Italien, Spanien, Afrika; dann als Wikinger und Normannen nach England, Sizilien. Das waren die großen Stämme. Die Südgermanen [waren] schwer, träge.


110


Die vorherrschenden Rassetypen in Skandinavien, Finnland, Nordwestrußland, Polen, Mittel- und Ostdeutschland sind ziemlich gleich, ob man nun slawische, finnische, skandinavische, deutsche Mundarten redet. Die Griechen von Makedonien, den heutigen Balkantypen serbischer, albanischer, bulgarischer Sprache nahestehend – ›nordische‹ Typen waren selten und galten deshalb als schön – empfanden die Perser und Inder als viel fremdartiger als z.B. die semitisch sprechenden Syrer. Was waren überhaupt ›Perser‹? Der Name stammt von einer kleinen Stammesgruppe in Zagros, die den Medern nahestand, aber die Landschaft Persis, die von ihnen erobert wurde, hatte großenteils Bewohner von ganz andrer Art, die mit ihnen verbündet waren (Xerxes selbst), so daß schon die dünne Herrenschicht der ›Perser‹ des Darius sehr verschiedenartig zusammengesetzt war.


111


Ob eine Hochkultur politisch einen Einheitsstaat als Idee oder Wirklichkeit bildet, hängt von Zufällen des Anfangs ab. In Babylon neigten die Tempelgebiete nicht zur Einheit. Nur intermittierend ein Gesamtstaat. Ägypten am Anfang verwirklicht, deshalb sehr oft wieder möglich. Es kam nicht zur Ausbildung der Gaue als ›Nationen‹.[127]

Abendland: Karl der Große. Seitdem nur Idee. Hätten die Nachfolger Karls nur hundert Jahre die Einheit gehalten, so wäre es wahrscheinlich nicht zur Ausbildung von Deutschen, Franzosen, Italienern, Engländern gekommen, sondern zur Festigung der Einzelstämme als nationale Elemente in einer großen politischen Einheit: also Sachsen, Baiern, Toskana, Lombardei, Burgund etc.

Die politische Nation zerstört die Gemeinschaft der Stämme. ›Deutsch‹ ist Gegensatz zu Sachsen, Franken, Baiern, ›französisch‹ Gegensatz zu Burgundern, Bretonen, Aquitaniern.


112


Athen war der Mittelpunkt, in dessen Volkstum sich die äolisch-jonischen (kleinasiatischen) und dorisch-nordwest-griechischen Lebensstile trafen. Daher wurde es der entscheidende Ort, seitdem die Stämme durch Städte ersetzt waren. Wie Paris an der Grenze des romanisch-keltischen (altwestlichen) und germanisch-nordischen Gebietes. (Jäger, Paideia, Rezension von Pfeifer in DLZ).

Die Polis [ist] aus Adelsverbänden erwachsen. Polis heißt Burg. Sowohl Ritter als herrschende Patrizier (Tyrtaios – Odyssee) Gegensatz von see- und landeigenen Idealen. Phylen – ursprünglich nur der Adel. Wie bei uns in den gotischen Jahrhunderten die Stadt (›Bürger‹) [nur die] Geschlechter sind.


113


Wir müssen im Norden – nochmals: ich verstehe darunter Nordeurasien von der Nordsee bis zum japanischen Meer – mit sehr vielen und sehr verschiedenartigen hellfarbigen Rassen (Paudler) rechnen. Wir dürfen vor allem nicht Rasse mit dem somatischen Typus unsrer Sinneswahrnehmung (beim heutigen Menschen also fast nur das Gesehene) verwechseln. Was Rasse ist, das beginnen wir erst zu ahnen, und vieles davon ist wissenschaftlich überhaupt nicht zu fassen. Rasse ist Seele, Rasse ist Landschaft; beides kann sich ›leiblich‹ sichtbar ausdrücken, aber nur bis zu einem gewissen Grade, der sehr viele Tauschungen[128] zuläßt oder hervorruft, vor allem wenn man Äußerlichkeiten wie Schädelform, Hautfarbe, Gesicht in ihrer Bedeutung übertreibt. Es gibt nicht einen Rassebegriff, sondern viele. Es gibt klimatische Rassen, berufliche, städtische, die sich durchdringen.


114


Entstehung der Stämme (Urvölker): Diese kriegerischen rassestarken Barbaren schlugen die Männer tot und nahmen sich die Weiber, die ihren erotischen Instinkt reizten – rassige, erotisch reiche Geschöpfe. So entstand ein Geschlecht von prachtvollen kriegerischen Menschen. Sie suchten mit Vorliebe den Gegensatz – die Germanen feurige Südländer, Jüdinnen. Die Araber z.Z. Haruns blonde bleiche Germaninnen, die von Skandinavien her durch Rußland als Sklavinnen von ihren Eltern verkauft wurden. Mancher Kreuzfahrer hat sich eine Orientalin mitgebracht. Die Wikinger ebenso, die Hanseaten.


115


Ein Stamm war eine Kriegerschar mit Selbstbenennung (Danaer, Enak). Ein Volk war die Gesamtheit von Bewohnern, nach dem Lande benannt. Verschiedene Sprachen der Herren und Unterworfenen. Etwa die Peloper von Achaia, Dorer von Lakonien, Rutuler von Ardea. Römer – ein Stadtname, Quiriten. Der Landname war anders. Turscha in Umbrien. Rasena.


116


Stamm und Staat: Die Größe des Stammes beruht auf der Notwendigkeit, sich zu kennen, zu versammeln, miteinander reden zu können. Der Staat ist der möglichen Größe nach von der Schnelligkeit des Verkehrs abhängig, also von einer Schrift, von Schiffen, von Pferden, von Straßen, Nachrichtenläufern. Es ist ganz unmöglich, daß Ägypten und Babylon [Syrien] einverleibt haben könnten. Syrien hing nur lose damit zusammen, Byblos durch den Seeverkehr. Das römische Imperium[129] bildete sich erst aus, als Schiffstyp und Straßenbau die Machtorganisation in großem Maßstabe ermöglichte.


117


Ein Stamm ist im allgemeinen, nicht immer, eine Einheit des Blutes. Ein Volk ist immer die Einheit einer Idee. Auch die Stämme dauern sehr oft in der Weise, daß eine Gemeinschaft von Männern sich Weiber von ganz andrem Blut raubt, um so sich selbst fortzupflanzen. Die ›starke Rasse‹ beweist sich dann dadurch, daß der Typus sich hält. Nur minderwertige Rasse wird durch fremdes Blut um ihre Art gebracht. Aber ein ›Volk‹ ist immer seelische Form, es hat eine ›Idee‹, und die Stärke und Dauer eines Volkes hängt von der Kraft dieser Idee ab. Das Römertum war eine Idee. Es dauerte, [auch] als kein Tropfen Blut vom alten Stamm mehr vorhanden war.

Es ist mit Völkern wie mit Menschen so, wie sie die Biologie betrachtet: Der Körper wechselt im Lauf des Lebens sein Element, nur die Form bleibt, sich von [der] Jugend bis zum Greisentum verändernd, dieselbe. So auch die starken Völker: Sie können das Blut, das Land, die Sprache, alles wechseln, die Form hält sich. Die normannische Idee im Engländer: über Sachsen, Kelten, Vorkelten hinaus. Die preußische Idee vom Deutschorden her.

Die Stärke der Idee z.B. in der Stärke der Politik [ist] instinktiv. Denn die Idee ist Instinkt, nicht Wortideal, Programm oder dergleichen.


118


Semiten, Indogermanen ist eine Sprachbezeichnung. Vorderasiatische, nordische Menschen – eine Gruppe von Rassetypen, Kulturrassen. Deutsche, Juden ein Volkstum. Naturrasse ist homo sapiens in Spielarten, die so gemischt sind, daß sich die – vielleicht – ursprünglichen Elemente nicht mehr erkennen lassen.[130]


119


Rasse, Erbeinheiten: Blond und blau, blond und grau (rotblond, flachsblond), helle Haut sind Einheiten für sich, vom Winter abhängig (klimatisch). Ganz andre Einheiten liegen in den Schädelformen, z.B. den verschiedenen Formen des Langschädels (Kurz- und Langgesicht). Wieder andre im Bau der Gliederknochen. Die blonden Libyer können also nordische Typen sein, unter den Seevölkern Ainotypen.


120


Rasse: Der Grundfehler, an dem alle Rasseforschung noch heute leidet, ist der ihrer Geburtszeit, der Mitte des 19. Jahrhunderts: der Materialismus. Sie ging vom grob ›Stofflichen‹ aus, von dem, was man sehen, betasten konnte, und nahm es nicht als Ausdruck, als Symbol in Goethes Sinne, sondern als das Wesen dessen, was man untersuchte und suchte. Da man damals außer dem Stoff nur die Intelligenz anerkannte, rationalistisch wie man war, so sah man von früheren Menschen die Knochen und in diesen den Schädel als sein Wesen an. Bei lebenden Rassen kam dann, so flach als möglich, Haut-, Haar-, Augenfarbe dazu. Zum Materialismus gehört, daß man – à la Darwin – Änderungen nur kausal, nur physikalisch zuläßt. Aber Lebendiges ändert sich ohne Ursache, in sich selbst. Die ›Seele‹ eines Lebensstromes – ›Kette von Generationen‹ – spiegelt stets auch die Seele der Landschaft wider, in der sie atmet.


121


Zusammenhang von sexueller (nein, allgemein, von Rasse) und intellektueller Potenz. Heute materialistisch ausgedrückt: Phosphor in Samen und Gehirn. ›Sexuelle Tätigkeit setzt die Gehirntätigkeit herab.‹ Nein: der Geist zerstört das Leben. Alle Zivilisationen sind Krankheiten der Rasse. Nach der Zeit des Geistes (Rationalismus) kommt die Fellachenzeit: Mandarinen, förmlich, die Masse dumpf,[131] unverändert, fruchtbar, der Geist unschöpferisch, frei, förmlich, in alten Bindungen erstarrt.


122


Rasse: Ein Ideal von ›Rassereinheit‹ hat es nie gegeben. Diese Kriegerstämme suchten die schönsten Weiber der Unterworfenen aus. Daß ihre Söhne des Stammes würdig waren, ersahen sie nicht aus Nase, Haarfarbe, sondern aus der Zucht und Erziehung im Krieg. Die Tüchtigkeit des jungen Mannes war ›Rasse‹, nicht seine Nase.


123


Von Völkern im Sinne der Hochkulturen darf hier nicht gesprochen werden, sondern [von dem,] was ich ›Urvölker‹ nannte. Sie sind beide Ausdruck einer Kultur. Und zwar hat das Menschentum der c-Kulturen amöboide Form. Diese ›Individuen aus einer Mehrheit von Exemplaren‹, die ich Stämme nenne, sind nicht größer als daß jeder jeden kennt. Sie sind in flüchtigen Umfang verschmolzen, spalten sich, gehen, wenn zersprengt, in andren auf: alles, was wir von Indianer- und Negerstämmen noch sehen. Ihr Land, in dem sie nicht wurzeln, sondern fließen, mag Gau, Revier, Weidegrund, Mark genannt werden. Zwischen Stämmen kann ein Gefühl der Zusammengehörigkeit bestehen, das bis zur Verschmelzung führt: alles das ist amöboid und flüchtig, formlos.

Stammesgruppen, auch mit gemeinsamen Namen, sind noch kein ›Volk‹, sondern nur in Momenten großer Schicksale plötzlich völkische Einheiten: ›Israel‹, in Wirklichkeit eine Mehrzahl von wechselnden Individuen, ›Markomannen‹. Was sie energisch zusammenfaßt, ist stets Gefahr, Krieg, Eroberung. ab-Kulturen entfalten noch nicht einmal eine organische Stammesstruktur, sondern sind animalische ›Horden‹. Also: von der Horde zum Stamm (b – c), vom Stamm zum Staat (c – d).[132]


124


Völker sind Kampfeinheiten im Strom der Geschichte. Was als Einheit kämpft, ist ein Volk. Deshalb sind ›die Griechen‹ kein Volk, sondern die Spartaner, Thebaner sind [Völker]. Deshalb waren die Deutschen bis 1870 kein Volk, sondern Preußen, Österreicher. Die Germanen, Kelten, Slaven sind nie Volk gewesen. Aber jeder Kriegshaufe, der zu Land oder See auszieht, birgt c-Keime zu einem Volk in sich. Deshalb ist der Kern des Volkes die erwachsene Mannschaft.


125


Auch beim Staat [ist] genau zu unterscheiden: die Tat der Staatsschöpfung, Wille zur Macht, und die Technik der Staatsorganisation, die z.B. von einem klugen Beamten ausgehen kann. Gerade c-Staaten haben da geniale, trotzdem primitive Verwaltungen organisiert, die man nicht als Beweise für Hochkulturen ansprechen darf. Nicht die praktische Genialität, sondern die innere Form ist ›Kultur‹.


126


Bevölkerungsdichte im Neolithikum: Wälder und Sümpfe bewirken, daß viele Strecken nur an den Rändern und in Lichtungen (›Ebene‹ heißt altgermanisch Lichtung!) bewohnt waren, diese aber sehr dicht, z.B. Böhmen (Reallexikon), Bologna.

Das muß stets betont werden. Es gab Wanderstraßen, Lichtungen und weite unerforschte Gebiete im Gebirge wie in der Ebene. Die neolithischen Stämme wohnten fleckenweise und wanderten von Wohninsel zu Wohninsel in Pomerellen.


127


Die große Geschichte der kleinen Räume‹: Die Dichte ist von entscheidender Bedeutung: die ganze Psychologie (Weltanschauung,[133] Denken und Tun des Menschen ist verschieden, wenn er sich drängt im Raum oder verliert. Die großen historischen Ereignisse gehören gar nicht der großen Zahl auf weitem Raum, sondern der kleinen auf engem. Mit der Organisation des Verkehrs (Handel, Nachricht, Straßen) wächst der Horizont des als Einheit zu umfassenden Volkstums, trotzdem beruht z.B. die Stärke proletarischer Parteien darauf, daß sie ihre Leute, im Gegensatz zum Bauerntum, stets in einer Stadt beieinander haben. Krieg, Aufstand, Reichsgründung nimmt sich bei fünf Menschen pro qkm anders aus bei bei zweihundert.

Quelle:
Oswald Spengler: Frühzeit der Weltgeschichte. München 1966, S. 123-134.
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