Religion, Ethik, Moral, Recht

[95] 35


Religion. Opfer: [Für den] Urmenschen [ist] Privatbesitz Raub [von] Vieh, Waffen; der ›Friede‹ (Gastfreundschaft) [kommt] durch freiwillige Hingabe (Gastgeschenk). So [›befriedete‹ man] auch die ›Mächte‹: Man schenkt ihnen, damit sie nicht rauben. Opfer, Weihgeschenk, Stiftung. Zunächst Dinge: Schätze, Vieh, Sklaven, Söhne. Dann [erst entsteht] der Begriff des ›Entbehrens‹ (Fasten, Kastration). [Das ist] Moral.

Sitte ist das Natürliche in Form gebracht, Moral das Widernatürliche in gesetzliche Forderung gebracht. Moral ist eine Technik; Sitte ist Haltung.


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Nordeurasische Weltanschauung: persönlich, ohne Priester; Ehrfurcht, aber ohne Theologie. (Overbeck über die Germanen. Hackmann, Chantepie über China.) [Das] Abendland [ist] letztes Ringen zwischen Westen und Norden. Gotik: der starke Westen formt den Norden. Barock: der Norden emanzipiert sich. Mit Arabien [wird] noch einmal [der] Süden stark. Westen: Muttergöttin, Totenreiche: Maria, Isis. Grabkult: Reliquie, Dome, Krypten; [alles] nordisch durchgeistigt. [Das] antike Priestertum des Westens: Etrusker, Kreter, Delphi, Eleusis; Rom [ist] nordisch [als] Staat, westlich [als] Priesterschaft.


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Pantheismus und Polytheismus: Norden – Süden. Die einen empfinden, erleben die Welt als ein Ganzes mit wirkenden Kräften, die andern als eine Zweiheit: wirkende Subjekte und passive Welt. Aus beiden kann sich, sobald das Denken genügend abstrakt wird, d.h. sich vom Schauen den wortgebundenen Begriffen zuwendet, ein Monotheismus entwickeln, aber er ist hier und dort dem Wesen nach ganz verschieden:[96] Das nordische Denken (das ›Volk‹ ist nie monotheistisch) sagt Gott oder ›das‹ Absolute, ›die‹ erste Ursache, ›der‹ Allgegenwärtige – aber das ist pantheistisch. Im tropischen Süden sagt man ›der höchste Gott‹, der irgendwo sitzt und aller Herr ist. Jenes ›Absolute‹ läßt sich durch Musik, nicht durch Plastik ausdrücken.


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Pantheismus: Indogermanisches Sprachdenken [ist] stets individualistisch – ein Numen setzend: der Wind, die Wolken, der Herbst kommt, der Zorn, die Angst – lauter Mächte, im Süden [werden sie zu] Personen. Boreas, Aurora, römische Gelegenheitsgötter. Nyx, Eris (Hesiod). Alles ist [›ein Gott‹]: geisterhafte Mächte entstehen, verschwinden, gehen ineinander über; Scharen von Wildpferden, [die] in Staubwolken über die Ebene donnern – das ist ›Poseidon‹, die Macht der Ebene, des wogenden Grases.

Das Numen des Urwalds [ist] aufrauschend, flüsternd, voll unheimlicher Gefahren, das den Wanderer in die Irre lockt, fängt, verdirbt. Der Luchs, der aus dem Wald tritt, ist der Geist des Waldes, der diese Gestalt annahm, plötzlich.


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In der nichtgriechischen Athene steckt eine nordische Vorstellung: Walküre. Freundin des Kriegers, nicht Mutter, sondern Geliebte. Hera – südrussisch, nicht dorisch – ist die mütterliche Beschirmerin. In ihrer Verehrung hegt weniger Männlichkeit als in der der Athena. Gefühl der Abhängigkeit. Das ist etwas andres als die ›Muttergöttin‹, theotokos. Hera, Leto, Turan, Baalat – ›Herrin‹. Die katholische Madonna ist Tanit, Geburtsgöttin. Die nordische ›liebe Frau‹ ist Schutzgöttin.

Geburtsgöttin, Fruchtbarkeitsgöttin, Muttergöttin, Liebesgöttin – das sind ganz verschiedene Konzeptionen. (Wilamowitz I, 236).[97]


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Religion ist ursprünglich Handlung, nicht Glaube. Erst aus der Technik entwickelt sich die Theorie. Theorie: Schauen (Fantasie, Mythus) und Kritik (Wissen, Systeme, ›Glaube‹). Erst die ›Theologie‹, das rationalistische System, fordert Glauben an seine Richtigkeit. Denn das bedeutet Glaube im Munde des Priesters. Glaube das Fürrichtighalten eines bestimmten Systems (ewige Wahrheit). Tiefer Unterschied zwischen Religiosität (Frömmigkeit, Schauen, Mythus, Weltbild) und Religion (Ritus, Moral gehört dazu), Göttersysteme, Weltplan.


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Die Schöpfung von ›Göttern‹ aus ›Mächten‹ geschieht, indem man sich die Macht in Gestalt eines Menschen- oder Tierleibes oder als Monstrum vorstellt: riesig, zwerghaft, schön, häßlich, jung, alt, männlich, weiblich, [als] Stier, Widder, Hengst etc. Auf diese Leiber überträgt man dann Seelenvorstellungen. God (Gott) ist ursprünglich neutrum plural. Der männliche Gott ›droben‹ wird je nach den irdischen Verhältnissen als König, Krieger, Held, Hausherr, Vater, weise, gütig, zornig, streng, tückisch vorgestellt, der ›Junge‹ (Jesus z.B.) als Held, Sohn, Bruder, Kronprinz. Karnos (dorisch), der Widder Thors, [ist] sicher nicht der Gott, sondern ›sein Tier‹. Dagegen ist βοῶπις; libysch, achäisch: die heilige Kuh. Gehört zum Stier: Minotaurus. Ein ›leibhaftiger‹, leibhaftig gewordener Gott kann die Gestalt wechseln wie der zauberstarke Mensch (Werwolf), als Tier erscheinen. Aber der Norden denkt zu patriarchalisch dazu. Da dient das Tier dem Gott, folgt ihm: Raben und Wölfe Odins, römischer Wolf dem Mars, Wappentiere.


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Über den Tod haben die Menschen des Nordens – von Nordeuropa bis Korea – anders gedacht als die des Südens. Hier im Süden entstand die Vorstellung vom Leben des Toten in einem Totenland, das zuletzt[98] wichtiger wird als das Diesseits, je nachdem der einzelne grübelte oder fest im Leben stand. Das ist am frühesten in Ägypten in eine Theologie großen Stils gebannt worden, zuletzt in der katholischen Kirche. Das Gebiet von Irland und [der] Bretagne bis [Nordafrika] ist das Gebiet der Dolmen, Menhire und Grabbauten. Dieser Glaube ist ›ewig‹, weil er in der Seele der ›Rasse‹ wurzelt.

Der nordische Mensch [ist] überall anders. Ihm ist das Leben ein Kampfplatz, und er lebt fort im Ruhm seiner Taten und in Söhnen und Enkeln. Er wird durch den Grabhügel aus der Welt des Lebens abgesondert, damit er nicht spukt. Denn er hat hier nichts mehr, zu suchen. Der Glaube an Walhall – wenn es ein Glaube war und nicht ein dichterisches Bild der Skalden, die vom christlichen Jenseits gehört hatten und nun ihrem König in dieser Vorstellung huldigten, [beginnt] um 1000 [n. Chr.], nicht früher.

Im protestantischen Norden, [in] Rußland, [in] China haftet der Glaube an die Wichtigkeit des Lebens.


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Geschlechtsbedeutung der Gestirne und grammatisches Geschlecht der Substantiva: das Leben wird überall nicht nur unter dem Aspekt von Tod und Leben, sondern [von] Zeugung und Geburt angeschaut, die Numina haben wie alle Wesen ein Geschlecht: zeugend oder empfangend.

Eine Kardinalfrage: Sind die Träger dieser schöpferischen Entwicklung Männer, Weiber oder beides? Wer erzeugt die Verfahren, Stile, Mythen, Felszeichnungen? Den Tod verstehen Mann und Weib verschieden: das schwangere Weib z.B. vom Gebären her, der Mann vom Zeugen her. Wessen Einfluß aber ist in den einzelnen Bereichen maßgebend? Wo das Weib Zubehör der Männergruppe, wo es selbst organisiert ist? Tabu und Totem sind männlich.

Besitz: der Mann am Weib, das Weib am Kinde. Matriarchat als Intuition bedeutet also vielleicht, daß die Schau vom Weib auf den Mann übergeht, Patriarchat umgekehrt![99]


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Was ist Glaube und Aberglaube? Zwei ganz moderne, städtischintellektuelle Begriffe. Man verstellt heute – und also zu hellbewußter Zeit – unter Glauben das, was man für richtig annimmt, weil es nach den anerzogenen Grundsätzen des Beweisens bewiesen ist, also durch die Aussage eines heiligen Buches: Koran, Talmud, oder einer Autorität: Prophet, Heiliger, Apostel, Gott selbst in Offenbarungen, wobei jeder Kreis von Schulung für einen Glauben, sei es etwa Katholizismus, Atheismus (Rußland) oder Mormonen, seine eigne Beweismethode hat, wonach man den richtigen Glauben feststellt.

Es ist falsch, wenn man sagt, Glaube sei Wissen des Unbewiesenen. Im Gegenteil: Glaube ist Bewiesenes. Wissen ist also im theologischen Sinn gleich Glaube, im ›exakt‹ wissenschaftlichen Sinn die experimental bewiesene Rechnung, Experiment des einzigen Verfahrens, das unabhängig vom Priester besteht. Denn die Naturwissenschaft lebt in dem Glauben, unabhängig von Theologie zu sein. Sie ist aber Theologie. Nur der Historiker (Polybios, Eduard Meyer, ich) ist relativ unabhängig. Er stellt Tatsachen fest. Der Physiker glaubt an seine Theorie. Also ist b-Glaube durchaus Aberglaube. Der moderne Aberglaube im Dorf [ist] der letzte Rest ursprünglicher Religiosität.


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Religiös und Religion. Alles nicht rein sinnliche Wachsein, d.h. rein augenblicklich-perzipiert, ist religiös. Es gibt dem Denken in c-d allein die Tiefe, ohne die es bloße Intelligenz bleibt. Religiös [ist] Blut, Rasse, Instinkt, seinem tiefsten Wesen nach von organischer Logik, gegen Kausalität gesetzt, Ratio, Kritik für Schicksal, Geheimnis – Schauen und Ahnen. Aber – das Religiöse ist etwas ganz andres als dogmatische (und kultische) Religion, Konfession, Kirche. Das ist alles intellektualisiert, Gott als [das] Ewige, [als] Geist, Wahrheit, kritisch isoliert von der Natur. Religiosität und Dogma sind Widersprüche.[100] Deshalb sind die großen Theologen und Kirchenführer wie Thomas sehr wenig religiös, trockne Verstandesmenschen.


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Erziehung: Der Mensch bildet sich, der Priester will ihn bilden. Alle Bildung durch Schule läuft darauf hinaus, die Weltanschauung des Menschen, des Kindes nach der eignen zu formen. Es ist der Wille zur Macht über den Geist des andren. Nicht ›christlich‹, sondern nordisch.


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Was Nietzsche, Ibsen etc. mit Verderbnis durch das Christentum meinen – sie träumen von südlicher Freiheit, aber das Christentum ist südlich – ist die Knechtung des Lebens, der Lebensformen, der Sitte durch geistige Satzungen. Die Sitte hat man oder man hat sie nicht. Der Satzung gehorcht man, oder man wird bestraft, durch Haß, Knechtung, Meidung, tabu. Es [ist] weder der faustische Mensch allein noch das ›Christentum‹ (welches?) allein; es handelt sich 1. um den Geist, der den Instinkt verkümmert: c gegen b; 2. um den Norden, der den Geist, die Sprache im stärkeren Kampf des Lebens stärker ausbildet; 3. um die Stadt, die das Land tötet. Alles das kumuliert in der nördlichsten aller Kulturen. Wäre das Christentum nicht gekommen, so hätte die nordische Religion andre tyrannische Formen entwickelt. Im Grunde ist ja das Luthertum rein nordisch gegen den südlichen Katholizismus.


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Moral und Sitte [sind zu] unterscheiden. Die Sitte ist Ausdruck des Lebens im Organismus Kultur. Es gibt c- und d-Sitten. In a und b [herrscht] die animalische Instinktsitte. Die Sitte ändert man nicht. Sie ändert sich, weil das Leben sich ändert. Irrtum Nietzsches. Die Moral ist Theorie, Kult. Sie muß gelernt werden und wird theoretisch gegen die Sitte (oft auch gegen andre Moralen: Jesus) entwickelt,[101] systematisch. Es gibt nur Systematik der Moral und Physiognomik der Sitte. Die ›Ethik‹ des 19. Jahrhunderts ist rationalistisches System, Moral, intellektuell begründet. Deshalb [ist sie] gegen Tradition, Vornehmheit alter Gesellschaft, Besonderheit nach Stand, Rasse, Temperament.

Ich lehre nicht: Du sollst anders werden, sondern die nächsten Generationen werden anders sein. Wer nicht so ist, kommt nicht in Betracht. Nietzsche hinderte der Pastorenehrgeiz des Reformierenwollens daran, seine richtige Analyse der Zeiten zu vollenden.


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Weltanschauung‹: Tiere, freibewegliche Wesen haben ein [als] Umwelt verstandenes Empfinden. Eine Weltanschauung hat der b-Mensch, schauend, ahnend: Da taucht hinter der empfundenen und geordneten Umwelt das Geheimnis, das Ahnen und Schauen auf. Metaphysik, weil die rein gegenwärtige Umwelt sich ahnend und schauend in Zukunft, Vergangenheit, Unsichtbares verliert – als ›jenseits der Gegenwart‹. Aber erst in c – Sprechen-Denken, Abstraktion – kommt die kausal-teleologische Konstruktion hinzu: Mythus, Theorie, Religion, das Wissen (Ich glaube, daß ich es weiß), die ›Gründe‹. Welt als Geschichte, Welt als Natur: Weltbild.


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Ethik, Literaturgeschichte: Die nordische (Antike, Indien, China, Abendland) Seele allein zerfasert sich selbst. Die südliche nur die Welt. Gegenüber dieser unendlichen Selbstkritik (Beichte) ist der Süden naiv, ›primitiv‹ (ägyptische Literatur).

Das Alte und Neue Testament kennt nichts dergleichen. Buße für Fehl gegenüber dem äußeren Gott, Reue für Taten, die sich rächen. Nirgends etwas von Seelenqual. Jesaia, Psalmen, Gethsemane.

Diese Selbstkritik ist Wertung. Die geborenen Typen der philanthropischen und misanthropischen Menschen. Selbsthaß und Selbstliebe in einem sehr tiefen Sinn. Das hat mit Selbstachtung nichts zu[102] tun. Der Selbsthaß [ist] in den priesterlichen Naturen häufig. Eine Art von Optimismus und Pessimismus. Arten von Egoismus, Altruismus, Selbstmord. Ausdruck in Taten und Grübeleien.

Selbstsicherheit, Mut zur Tat, Entschlossenheit, Unsicherheit. Sich unter- oder überschätzen. Gefolgstreue, Unterwürfigkeit. Stolz auf Eignes, Mangel an Stolz. Mit seinem Gewissen, seiner Reue fertig werden oder nicht.


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Nach dem Tode: In b [gibt es] noch keine ›Theorie‹ darüber, weil die Sprache fehlt, das Nachdenken. Man sieht zwar gelegentlich den Toten erscheinen, man ahnt etwas von seiner Nähe, aber das bleibt Einzelfall.

Erst das Sprechen-Denken entwickelt Theorien verschiedener Art: Leben der Toten in der Unterwelt (atlantisch): Ägypten, Katholizismus, Fegefeuer, Osiris, Minos. Auferstehung (auf dieser Erde): ἐκ νεκρων. ›Unsterblichkeit der Seele‹ – abstrakt, Nachruhm, Angedenken (Achill). Seelenwanderung. Das Grab als Wohnung, als Denkmal, als Abschließung der Toten (Unschädlichmachung, Vernichtung).


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Mythen und Gespenstergeschichten sind dasselbe. Die Angst vor dem Unsichtbaren, ›Übersinnlichen‹, vor dem Metaphysischen. Alle Götterangst, Dogmen und Theologie gehen von der Gespensterfurcht und der Gespenstergeschichte aus. Die Gespenstererscheinung, das Phantom.


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Das Göttliche – Gottheit – Gott. Tiefe der Reflexion. Damit sind ganz verschiedene Arten von Verehrung, Frömmigkeit, Glauben gegeben. Die letzte Wurzel dieser Unterschiede Hegt in der Seelenart von ›Ras sen‹, [in der] Seele des Nordens und der der Tropen. Das Kausaldenken (›ungesprochene Grammatik‹) sieht im Süden, [im] klaren Licht, die prima causa nahe. Persönliche Götter sind nahe Götter.[103]

Im nebligen Norden wird die prima causa ferner, unbestimmt angenommen: ›allgegenwärtiger‹ Gott, Gottheit, unpersönlich. Schon in c [formt sich] der Unterschied der Religion des Begabten (Führenden) und Unbegabten (Ausführenden). Der Minderwertige zittert vor seinem Gott, der Hochwertige ist sein Freund. Herren- und Sklavengötter. Das religiöse Denken der Priester (Philosophen, Tatenlosen) und der Täter (Skalden). Die b-Schauder (Ahnen, Schauen), vom Denken (Sprechen) überschichtet, brechen durch. Vollblütige, rassige und blutarme, intellektuelle ›Seher‹ (Görres lesen): Vision und Abstraktion.


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Religion (über das Religiöse hinaus) ist persönlich; geistiges Ich: die organisierte Angst des einzelnen, die Summe von Personen. Religiöse, wortlose Schauder sind die von Einheiten in vielen Exemplaren, immer wieder in Ekstase sich bildend. Die Religion aber ist ihrem Wesen nach der Ersatz der unwillkürlichen Ekstase durch gewollte Lehre, Ansicht, Handlung. Die großen Mystiker sind also verspätete vorreligiöse Wesen, denen die unio mystica gelingt, Genies. Die Religion selbst ist wortreiches System, das die Brücke vom verstehenden Ich zur Mutter Natur schlagen möchte, selbstsüchtig: die Natur bannend, überlistend.

Die großen Ekstatiker sind einsam, die großen Religionen sind völkisch. Religiöse Urschauder sind wortlos. Religionen sind Systeme in Worten (und wortgeleitete Verfahren): seien es Worte der Lehre, der Bannung, Erklärung (Mythologie, Kult). Die richtigen Worte sind die Priestergeheimnisse.

Durch die gesamte Religionsgeschichte geht das Ringen von Religiosität und Religion und wieder von Volksglauben und hohen Religionen: die religiöse Tiefe, die wie ein Atem das Leben durchzieht, wortlos, gestaltlos, Einfalt des Herzens, erscheint der organisierten Religion als Ketzerei. Nie werden die großen Kirchenlehrer und die tiefen Seelen einander verstehen (b – c/d). Und ebenso ist die Volksreligion in strengen Bräuchen und Sitten ›Aberglaube‹, der bekämpft[104] werden muß – von Theologen und Philosophen. Und doch sind die großen Religionen, Schöpfungen der Meister geistiger Versenkung, dem Volkstum verschlossen. Das Hufeisen über der Tür, die Berührung der Gebeine eines Heiligen, das Taubenopfer der attischen Mädchen – was begreifen sie von den tiefen Sätzen des Katechismus, die nur für die Begabten und Berufenen verständlich sind? Fromm sein ist nicht gelehrt sein. Die Kirche lehrt, das Volk fühlt.


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Die Religion wird, nachdem sie alles Rassige durchdrungen hat, durchgeistigt, von den Lebensmächten als Mittel zum Zweck gebraucht: Man beschwört die Götter, um zu siegen, man nimmt dem Besiegten seinen Gott weg, um ihn zu schwächen.


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Es gibt also überall, wo es Hochkulturen gibt, zwei Religionen von ganz verschiedener Art übereinander. Sie mischen sich äußerlich, etwa so, daß die höhere der niedren ihre Namen und Formen gibt und daß die niedre der höheren Bräuche mitteilt: innerlich aber bleibt es zweierlei: der fromme Brauch des Landes und die geschriebene Lehre der Stadt. Was in der höheren Religion Sinnbild ist, ist in der niedren Amulett, Fetisch (Weihmesse, Heiligenbild etc.).


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Opfer: Bei Sumerern ist das Zeichen für Opfer ein Topf mit einer Ähre darin: also opferte man den Göttern Getreide. Ägyptisch ist das Totenopfer, [die] Gabe an den Verstorbenen, der dafür seine Kräfte in das Interesse der Familie stellt und auf Schädigung verzichtet. In Babylon [gibt es] später (seit 1900) nur noch vier Klassen von Opfern: Speise-, Trank-, Tier- und Rauchopfer, nicht mehr Getreide.[105]


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Die religiöse Seite: In den c-Kulturen entsteht das, was wir heute primitive Religiosität nennen. In allen d-Kulturen muß berührt werden, daß die c-Religionen im Bauerntum ruhig fortleben, daß es oben Standesreligion der Priester und Gebildeten und dazwischen eine bürgerlich-städtische Religiosität gibt. Selbst in den Zeiten des großen Pathos sind die Bauern kaum bewegt. Dies beweisen für Ägypten, wo die Texte nur den Standesglauben zeigen, [und für] China die vielen bildhaften Götter. [Man muß] die ›höhere‹ Religion ganz nebenbei behandeln. Judentum, Arabien. Trotz aller Propheten hängt die Masse ihrem alten Bauernglauben an. Im Alten Testament schimmert es überall durch, daß König und Propheten nichts gelten. Ebenso bleiben die Götter unter den Juden am Leben.


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Wachsende Macht der Schrift über die Sprache und also den Geist. Es ist Unfug, von ägyptischer und babylonischer Literatur zu reden. Es gibt wohl eine antike, chinesische, indische Literatur. Literatur ist nordisch. Religion, Dichtung, Denken [sind] zunächst unliterarisch, mündlich. Erst die städtischen Spätzeiten der späten Kulturen haben die Pest des Literatentums, an dem die Dichtung stirbt. Mit der Feder in der Hand dichten!


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Es ist falsch zu fragen: Was ist Religion? Das religiöse Denken hegt zugrunde, diesem wieder ein Bedürfnis. Das Bedürfnis ist wenigstens zum Teil allgemein menschlich. Die ›Religion‹ dagegen ist überall etwas andres. Kasch, Atlantis, Norden. Der Streit um Animismus, Zauber ist lächerlich, weil man örtliche Beispiele nimmt, um ›allgemein Menschliches‹ zu beweisen. Noch dazu Pater Schmidt, der an minderwertigen Stämmen Monotheismus beweisen möchte, den er höher wertet als [den] Polytheismus.[106]


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Christentum, arabische Kultur: In einem großartigen Bilde zeigen, wie hier nordische Tendenz in einem südlichen Leibe Gestalt geworden ist. Südlich daran ist das Cölibat, der Haß gegen die ›Natur‹, der persönliche Gott, Sünde, Erlösung etc. Nordisch ist der Mut, es mit dem Schicksal aufzunehmen, die Heiligung der Tat, des Willens. Deshalb zieht sich das Christentum nach Norden. Es hat den Süden verloren. Luther hat den Rest von Süden abgestreift.


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Die Rechtsbildung: Recht als Totem in Tabuform? Siehe ›Untergang des Abendlandes‹. Recht der Stärkeren. Privat- und Staatsrecht. In c bildet sich die Idee des göttlichen und weltlichen Rechtes. Es ist entweder Götterrecht oder Herrenrecht: Was dem Mächtigen zukommt. Es gab eine kaschitische, atlantische, nordische Uridee: der Gott, der König, der Herr. Von da an überall das Staats-, Völker-, Straf- und Privatrecht verfolgen!


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Für die ›neolithische‹ Religion z.B. in der Ägäis ist bezeichnend, daß es beinahe nur weibliche Idole gibt. Daraus kann man schließen, daß die Himmelsnumina nicht bildhaft dargestellt wurden und daß nur der Fruchtbarkeitszauber Idole forderte.


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Die Religionen großen Stils sind alle unter heißem Himmel entstanden. Die Gebiete des Winters sind auch die des kahlen Geistes der Wissenschaft: der Philosophie. Der Norden, von Irland bis Japan, ist im Religiösen ungenial. Der wissenschaftliche Geist ist die Kälte, die Gewohnheit des Frierens, in den Stuben, hinter Büchern sitzend, die geistige Arbeit. Eine Religion ist Schöpfung der Sonne, der Nächte im Freien, der Fülle und Wärme.[107]

Wissenschaft – oder die ›Religion ohne Gerede‹ – angeblich ein Fortschritt der Menschheit, ist nur eine Frucht des frierenden Geistes, der sich nicht mehr nach Sonne, Süd und Fülle sehnt, sondern seiner Not bewußt und stolz darauf ist. Je tiefer zum Süden, desto mehr wird Wissenschaft ein Teil der Theologie, und zwar der Theologie von Asketen, Fakiren, Säulenheiligen, die wenigstens so die Fülle des Südens um sich verneinen: magische, indische Wissenschaft im Gegensatz zur antiken, chinesischen, um von der faustischen, der kältesten zu schweigen.


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Gegen Lévy-Brühl: Das ›prälogische‹ Denken ist durchaus nicht seit der Urzeit in beständigem Abnehmen begriffen. Im Gegenteil, die triviale Denkgewöhnung, welche das Denken degradiert, läßt dieses wieder flach und konventionell werden: Massenpsychose, Denkmoden, Vorurteile, Aberglauben. Menschen der c-Kultur sind selbständiger darin als Großstadtmenschen.

Gegen P.W. Schmidt, Ursprung der Gottesidee: In dem Streben, seine Anschauung von einem persönlichen höchsten Wesen gerade als ursprünglich nachzuweisen, vergreift er sich, wenn er an Pygmäenstämme, Südostaustralier, Zentralkalifornier und – Aino denkt als an die relativ ältesten Völker. Das sind sie aber nicht. Die ältesten, die wir genauer kennen, sind die Ägypter und Babylonier, 3000 v. Chr., und was wir aus dem Neolithikum erschließen können. Was er heranzieht, sind moderne Kümmervölker, und er glaubt, nur dort etwas der Art zu finden.

Nicht nur, daß ›Monotheismus‹ für sehr natürliche Menschen unvorstellbar ist – er ist es sogar für die erdrückende Mehrzahl der Kulturmenschen, die Bauern, das einfache Volk, sei es buddhistisch oder katholisch oder islamisch erzogen. Ihre wirkliche Religion, wie sie sich in den Köpfen malt, erkennt einen sehr verschwommenen Komplex veränderlicher Formen an, in dem einzelne Heilige und Götter – Maria, Joseph, Reliquien – eine wesentliche Rollen spielen und ›Gott‹ ganz zurücktritt. Die primitiven Religionen umfassen in Wirklichkeit[108] die Mehrzahl der Menschen, welche öffentlich, durch Geburt und Erziehung den höheren Religionen angehören.


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Atlantis: Mutter Erde, [der Begriff stammt] nicht vom Ackerbau her, sondern [wurde] erst später auf ihn angewandt. Vielmehr die Mutter überhaupt (Geburt, Rind, Schaf, Getreide). Der Erzeuger [kommt] erst in zweiter Linie. Madonna (Isis, Maria). Weibliche Thronfolge in Ägypten (deshalb Geschwisterehe? Die Schwester, nicht der Bruder ist wichtig). Gräberkult (Dom als Heiligengrab. Reliquie. Pyramiden). Deshalb matriarchale Formen (Lätitia Bonaparte. Mätressen. Verheiratete Frauen. Nicht Gretchen).


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Griechische – keltische – germanische Gottheit (Chantepie) 2000? Durch Vergleichen kann man vielleicht die altnordische Auffassung von Göttern besser erschließen. Die Nornen, Loge, Wotan, Thor scheinen auch keltisch vorzukommen: Lug, Gwydion, Tur. Etwas Verschwebendes liegt darin, dunkle Weite, unbestimmbar. Auch die Gestalten verschwimmen. Avalun, Artus. Diese Menschen sind zu stark, um nicht die Götter als ihresgleichen zu fühlen. Aber sehr vieles muß vorkeltisch sein, so wie in ihren Donausitzen viel ›Germanisches‹ keltisch ist. [Unter anderem] sicherlich die Göttinnengruppen und die Priesterschaft. Überhaupt ist alles, was sich von der hellenisch-slawischen Anschauung unterscheidet, wohl vorindogermanisch und gehört den neolithischen Kulturen an. Vgl. Japan, wo die prämalaische Schicht die Sonnengöttin hat.


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Beginn derMoral‹: Zeitalter des Sonnengottes Babylon und Ägypten. Da gibt es nur Standessitte (Totem, Geschlechtsleben in Schranken) und Tabu unter seelischer Angst. Hat erst das 2. Jahrtausend eine[109] Ethik geschaffen: heldisch und groß in bezug auf das Auffassen des Menschenlebens?

Moral ist Opfer: aber hier für die Idee des Menschen. Alttestamentliche Moral. Diese Moral ist Idee, nie verwirklicht, und dem Wesen nach anders als Volksweisheit (Bauernmoral, Sprichwort) und Lebensklugheit.


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Die Reflexion des c-Menschen über sich selbst. Selbsteinschätzung. Im Norden sehr stark: Selbstachtung, Ehre. An etwas innerlich zugrunde gehen, das kein Mensch weiß. Dagegen die ›spanische Ehre‹ (Calderon): Was niemand weiß, macht mich nicht heiß. Das ist das atlantische ›Figur machen‹. Das chinesische ›Gesicht wahren‹. Nur öffentlich, nicht vor sich selbst. Die Japaner dagegen [sind] nordisch.


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Der Olymp Homers und Walhall in den Texten der ›Karolingerzeit‹ schildern gar nicht die Religion der Zeit – sondern wie die Herren selbst lebten und wie wenig ›Religion‹ sie brauchten. Wer im Leben ein Held ist, braucht keine Religion. Er nimmt es mit dem Schicksal selbst auf. Gott ist für die Tempelkultur eine kosmische Abstraktion, für die Gräberkultur ein Ahn, ein mächtiges Wesen von ehemals, König oder Ahnherr, für den Norden ein Wort für Welt. Wenn wir von der Religion der Indogermanen so wenig wissen, so liegt es daran, daß nicht viel vorhanden war. Indische und griechische Religion ist im wesentlichen die der Unterworfenen, germanische ist eine christliche Dichtung.


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Landschaft, Seelenklima: Da alles Nach- und Vordenken einen Trieb zum Denken voraussetzt und die Sehwelt als Objekt, so ist alle Religion und Weisheit Abbild der jeweiligen Landschaft und ihrer Seele. Deshalb kann man vom Klima einer Religion sprechen – nicht [von][110] deren abstrakter Lehre, sondern von der konkreten Form, die sie am Orte erhalten [hat].


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›Religion‹ ist weiblich-südlich, Geburt von ›ewig Richtigem‹. Der Norden hat Religion, der Süden hat ›Religionen‹. Geschichte wird im Norden gemacht, im Süden ereignet sie sich. Im antihistorischen Süden entsteht aus dem Kalender das chronologische Schema: Bannung des Geistes, der Entwicklung. Der Norden will weniger Daten als die Physiognomie von Personen und Ereignissen festhalten. Dem Norden gehört die Persönlichkeit und individuelle Tat, dem Süden das typische Ereignis, die Form des Geschehens, Zeremoniell.

Vom schauenden zum erklärenden Mythus: Ahnen- und Naturmythus als Urform der Bilder. ›Welt als Natur‹ und ›Welt als Geschichte‹ je nach dem Grad der kausalen Kosmologie (Norden: Geschichte, Süden: Natur).

Blüte des bedeutungsschweren Ornaments. Das Ewiggleiche, nicht der Wechsel: ›Ewigkeit‹ ist dem Weib Überwindung der Flucht des Geschehens: die Geschichte wird der Natur gegenüber unwesentlich, die ewige Form siegt über den einmaligen Gehalt. In Kasch die großen Systeme des Seienden (Charakter der Sprachen, Mythologien, Kulte, politische Formen).

Sprachgewöhnung: Man versteht sich nur noch durch Mitteilung ganz. Vom Zeichen (Symbol) entwickelt sich der erklärende Mythus.


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Also hat der jüngere Sonnengott den Mondgott überlagert oder (Mittelmeer) durchbrochen. Noch älter sind Sonne und Mond als Zwillingspaar (Afrika, Südamerika, Australien). Lunar die Festland-, solar die Seekultur. In solarer Zeit ist die Weberei von Asien über Polynesien nach Amerika gewandert. Alle Technik [ist] kultischen Ursprungs. Welteimythen von Südasien gewandert bis Finnland (Land) und Westafrika (Meer). Ein Mythus, der das Meer als bekannt[111] voraussetzt, stammend aus der Frühzeit beginnender Seefahrt. In Ägypten und Vorderasien dem Frühmythus der höheren Kulturen angehörig, also 4. Jahrtausend? Verwandt nach Stufe und Verbreitung [sind] der Feuerdienst mit den Vestalinnen von Rom bis Peru (Entdeckung des Feuers?) und Brandbestattung, im Ursinne Aufgehen in der heiligen Flamme?


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›Strafe‹ in b und bei Tieren [ist] Tötung des Gemeinen, der die Sitte bricht. Strafe als Rache gegen den Frevler.

Mit dem sprachlichen Grübeln (c) über die Kausalität des Leidens, an das man jetzt zurück- und vorausdenkt, gehört der Begriff der Strafe für Schuld und Rache für Frevel [zusammen]: der einzelne oder der Stamm, die Menschheit [hat] eine erbliche Schuld (Hesiods Prometheus, Christentum), wie die Blutrache erblich ist.

Die nordische Gemeinschaft (Sippe, dann Staat) übernimmt die Rache des einzelnen: Straf recht des Staates. Glaube, daß die Mächte (Gott) die Schuld rächen.


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Demeter, Ge, Poseidon [sind] die Gottheiten der weiten Ebene, der Steppe. Der naive Mensch (c) empfindet die Umwelt in großen Einheiten. Die ›Erde‹ nur, wenn sie weithin sichtbar als Steppe daliegt. Sonst wird der unheimliche ›Wald‹ oder [werden] die Berge als dominierende Einheit empfunden. Die Ägypter empfanden das ›Niltal‹, nicht die ›Erde‹. Solche Einheiten sind das Meer, das Moor, die Wüste, die Ebene bis zum Horizont, der Urwald, das Gebirge.

Der Gott des Erdbodens in China überall [ist] sehê. Das Oben und Unten – Tinia, Ge – tien, sehê.


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Konzeptionen und Namen der Gottheiten haben verschiedene Geschichte. Überall und immer haben andre Stämme ihre Idee vom Göttlichen behalten und [ihnen] fremde Namen gegeben oder umgekehrt.[112] Die Juno Regina von Karthago ist Tanit. Die Aphroditen von Hellas sind hellenische Ideen. Unter Jesus und Maria stecken im protestantischen Norden nordische Vorstellungen.


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In II nur religiöse Schauder, in III die praktische Religion, die einen Zweck hat. Diese Praxis ist technisch: Beschwörung der Mächte durch Gaben, Opfer, Gebet, Zauber. Der Kult ist zum großen Teil Bannung.

Die Priester [sind] die Techniker des Beschwörens. Die Theorie (Göttersage) folgt aus der Technik. Mythus, Kultsage. Allmachtstendenzen des Priestertums.


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Die bildhafte Gestaltung der Mächte wird verschieden bei Völkern in der Ebene (Südrußland) und im Gebirge. Dort sind die großen Mächte die der Erde (in, nicht unter der Erde: Poseidon, Gaia), hier sitzen sie auf Bergen (Zeus). Die atmosphärischen Gewalten, Gewitter, dort aus den Wolken, dem Himmel, hier von den Gipfeln her. Die Gewalt des Blitzes, die namenlose Gewalt, gewaltige Töne, Erdbeben. Der Mensch denkt die Mächte in Personen um. Er erlebt sie in der Natur selbst, wo er sie entweder hinnimmt, namenlos, oder logisch deutet.


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Polytheismus der Katholiken: Nicht nur ›Gott‹, der Namenlose, dann Maria, Christus, hl. Geist, Engel, Heilige, sondern auch der Teufel als der böse Gott mit seinen Untergöttern. Man vergißt zu leicht, daß das die Vorstellung eines mächtigen, aber schlechten Gottes ist, dem auch Kulte gehören. Zum nordischen ›Pantheismus‹ gehört das Tiermärchen, ursprünglich geglaubter Mythus, von Mitteleuropa nach Hellas gelangt (Wilamowitz I, 322), wo er tiergestaltige Götter traf, die er rasch assimilierte. Aber in Atlantis war es ein Tiergott, im Norden das allgemein Göttliche, das in allen Wesen steckt. Neigung, die Namen[113] des Gottes zu verschweigen, ihn einfach Herr (Baal) oder liebe Frau (Leto, Hera) zu nennen. Pater, Madonna.


80


Die Zarathustrareligion ohne Tempel, ohne Gott, denn Ormuzd ist ein Prinzip, keine Person. Personen beweisen sich durch Erscheinen und Taten. Das Prinzip liegt nur in den Dingen. Das Volk kann solche Abstraktionen nicht fassen. Auch nicht den Monotheismus, der zu Pan- und Polytheismus wird. Alle Nordmenschen sind gegen Tempel, Priester, Götter. Nur Mächte, Ehrfurcht. Die Sitte hat mit Religion gar nichts zu tun. Sie versteht sich von selbst. Im Norden die persönliche Religion. Abneigung gegen Systeme, gegen theologischen Rationalismus, gegen rituelle Gesetze. Frei, mit den Mächten allein sein.


81


Will man die Gottheiten kennen, so muß man die Menschen kennen, die an sie glauben. Solange ›Religion‹ etwas dogmatisch nicht Festgelegtes ist, geht sie zwanglos in einer Gestaltung mit der Seelengeschichte der Menschen. Sie wandelt sich, diesen selbst unbewußt, von Generation zu Generation. Wo es aber einen festen Bestand, durch Tradition geheiligt, gibt, feste Bräuche, Riten, Dogmen (also eine Theologie, Berufswissenschaft der Priester = Theorie plus Technik) wie in allen städtischen Religionen, da ändert sich – wieder unbewußt – die Art, wie die Menschen diese Bräuche und Dogmen auffassen, in die sie hineingeboren und erzogen sind. Auch da ist ein Unterschied von Generation zu Generation, während ein Teil der Dogmen und Riten zuletzt erstarrt, seelenlos wird und schwindet oder die Religion erstickt.


82


Das wortlose Schauen und Ahnen nun ›begriffen‹, in Begriffe gebracht, kausal durchdacht, d.h. ›Ursachen‹ werden nicht mehr gesehen[114] oder gefühlt, sondern definiert und mit einem Namen bezeichnet. Es ist nun physiognomisch bezeichnend, wie die Menschen die gesehene und wortmäßig begriffene Natur nach Ursache und Wirkung systematisch aufteilen, d.h. was sie ›glauben‹, zu wissen glauben, zu wissen sicher sind. Die Tatsache der graduellen Lage des Menschenlebens, die Welt und die plötzlichen verwüsteten Ereignisse führen zum Bewußtsein fremder überlegener Mächte. Da kommt es nun darauf an, ob man sie vermenschlicht, als Personen denkt, Götter, Riesen, Zwerge, Drachen, Ungeheuer, oder als Geheimnis ehrt, als Schicksal, der Welt Lauf, Zufall etc. Beides mischt sich.


83


Theologie [ist] der rationalistische Wille, alles in ein System zu bringen. Religion ist alogisch. Die übliche ›Religionsgeschichte‹ ist Geschichte der Theologie, nicht der Religion.


84


Die Hauptschwierigkeit einer Religionsgeschichte – die noch niemand geschrieben hat, nur Overbeck in Gedanken konzipierte, Wilamowitz für die Griechen skizzierte – beruht darin, daß, was das Volk wirklich glaubt, nicht dasselbe ist, was es tut, und vor allem, daß es ihm nicht zum Bewußtsein kommt, was es eigentlich glaubt und nicht glaubt. Das merkt man nur in seinen Verrichtungen, aber wer kennt die? Was heute als Religionsgeschichte geschrieben wird, ist eine Geschichte der theologischen Systeme. Das ist sehr einfach, aber es ist keine Geschichte der Religion. Bücher über chinesische Religion reden lang und breit über die drei Systeme. Kein Wort über Tempel, Götter, Orakel, Totenbräuche.

Ebenso in christlichen Ländern. Kein katholischer Bauer ruft Gott an, sondern seinen Heiligen, nicht Josef, sondern den Josef von X. Kein evangelischer denkt im Sterben an das Paradies, aber an den Hügel, der Sion wird. Päpste trugen Amulette, hatten Horoskope;[115] das ist lebendiger Glaube. Ein gedrucktes ›Bekenntnis‹ wird nur hergeplappert. Was Wissowa schreibt, hat mit der Religion des römischen Volkes sehr wenig zu tun. Er ist Theologe.

Wer den Unterschied zwischen theoretischer Lehre und lebendigem Glauben nicht findet, versteht nichts vom Wesen der Religion. Monotheismus ist nur Theorie. Kein Volkstum hat jemals daran geglaubt, selbst nicht der mohammedanische Bauer.


85


Systematische Logik ist dem religiösen Gefühl fremd und bleibt es, so streng auch die Priester in ihre Riten und Dogmen System zu bringen suchen. Deshalb ist der wirkliche Glaube der Bauern, Seefahrer, Kleinbürger, Krieger, Adligen völlig unlogisch. Z.B. der Widerspruch zwischen den Tatsachen des Schicksals und der Vorstellung von menschenähnlichen Göttern, die menschlich – gut oder schlecht – fühlen, denken, handeln. Die Laune der Götter ist noch das beste Wort für Schicksal. Ebenso die Vorstellung von dem, was nach dem Tode ist. Die Vorstellung eines guten Gottes gerät sofort in Widerspruch mit der Tatsache – kann er nicht oder will er nicht? Was für Gründe? ›Unerforschlicher Ratschluß‹.


86


Es ist falsch, auch für diese Zeit, von der Religion eines Volkes zu sprechen. Auch damals schon macht sich der Unterschied der kriegerischen und priesterlichen Typen bemerkbar. Es gibt Fromme bis zur Heiligkeit, oft Krüppel, Schwache, Kranke; es gibt Heuchler, Unfromme (denen das nicht zum Bewußtsein kommt, die aber, von starker Rasse, wenig Sinn für das haben, worin die Frommen den ganzen Tag wühlen). Es gibt zuletzt Spötter, innerhalb der Grenzen des damals Möglichen. Es gibt Leute, die alle Augenblicke Erscheinungen, Gespenster, Offenbarungen, Vorzeichen sehen, andre, die überzeugt davon sind, und andre, die darüber heimlich oder offen lachen oder spotten, jedenfalls [dergleichen] verachten.[116]


87


Ich verstelle unter Religiosität das bloße Gefühl, Schauder, Ehrfurcht, begrifflich unbestimmt. Unter ›Religion‹ die bestimmt gefundene Weltanschauung und das Sichverhalten, unter Kirche die politische Organisation, unter Dogma, Ritus, Kultus die begrifflich bestimmte Art von Theorie und Technik.

In Spanien z.B. ist die Religion seit 3000 Jahren dieselbe, die dogmatische Definition, die kultischen Regeln, die mythischen Beschreibungen sind nacheinander phönikisch, israelitisch, katholisch – –


88


Die Mächte können im Grunde nur polytheistisch oder pantheistisch erlebt werden. Monotheismus ist eine Abstraktion. Poly- und Pantheismus gehen ineinander über: Elohim, die ›Gottheit‹, ›das‹ Göttliche. Der Monotheismus, sobald er nicht strenge Abstraktion ist, geht in Pantheismus (Allgegenwart, Allmacht, namenlos deus sive natura) oder Polytheismus über (die wahren gegen die falschen Götter, Jahwe gegen die Baalim).


89


Das Atlantische kennt nur die Idee der Mutter, des Gebarens. Von einem Vatergott ist nicht die Rede: deshalb conceptio immaculata. Der Gegensatz zur göttlichen Gebärerin ist der Herr der Toten, Osiris, sitzend zur Rechten Gottes, Minos. Im Norden wird nicht der Schoß der Erde ›verehrt‹, sondern die Natur, die Erde selbst mit allem, was auf ihr ist. Das ›Droben‹ empfindet der ahnenverehrende Mensch irgendwie als väterlich. Aber dazu gehört keine Gottheit. Dies Droben ist kein menschenähnliches Wesen. Die platte Art, wie sie heute Mode ist, überall die Erde als Göttin, den Himmel, [die] Sonne, [den] Mond als Gott zu sehen, [ist] Unsinn. Zum Himmelvater gehören die Erdensöhne. Zur Muttergöttin der Todesgott.[117]


90


Atheismus beweist nichts gegen die Religiosität eines Menschen. Es kommt darauf an, ob man Ehrfurcht vor dem Weltgeheimnis hat, nicht, wie man es sich denkt. Man kann ›an Gott glauben‹ und der größte Schuft sein. Der Unterschied zwischen [dem] germanischen Atheismus und dem der großstädtischen Literaten von Paris bis Moskau hegt darin, daß der zweite eine Verneinung ist, der erste eine Bejahung.


91


Religion des Nordens – Nordrasse: Die ›Mongolen‹ Dschingiskhans [sind] blond, hellfarbig. Ein Durcheinander von Rassetypen und Sprachen. Religiös sind sie ›indifferent‹. Ob sie nun offiziell dem Islam, Nestorianismus angehören – das ist für sie nur ein Kostüm. Sie glauben nicht an die Macht Gottes, sie haben selbst welche. Aber sie glauben an das blinde Schicksal wie Mohammed und K[alvin]. Ihre Religion ist nur – wie in Irland –›Schamanismus‹.

Nirwana. Kein Leben nach dem Tode als Sehnsucht (Ägypten, Katholiken), [sondern] Sehnsucht nach dem Ende. Aber das Leben soll erfüllt sein, im Andenken der Menschen dauern. Buddha als Priesternatur versteht natürlich den Adel nicht.


92


Ethik: Der Mensch ist frei. Daß man sich darüber streiten konnte, ist das Schicksal des Verstandes, der Gewesenes nur in Kausalitäten denkt und dem damit das Leben problematisch wird. Sein Problem, das des Indeterminismus, ist, wie alle Probleme, verstandesmäßig unlösbar. Probleme werden stets vom Verstande gestellt und vom Leben gelöst, nie umgekehrt. Das Leben löst das Problem, aber im Sinne der Freiheit. Denn das heißt: Kausalität hat mit dem Leben nichts zu tun. Man denke an Kalvins Prädestinationslehre, die dem puritanischen Engländer in Fleisch und Blut übergegangen ist. Er glaubt, daß sein Leben[118] bestimmt ist. Also wäre Fatalismus die Folge. Aber nein – sein Leben löst das Problem so, daß er sich zu stoischen Entschlüssen und Willensakten ›prädestiniert‹ glaubt. Damit ist der Verstand ad absurdum geführt. Und das nenne ich Schicksal. Schicksal ist Freiheit, Freisein von mechanischer Ursache und Wirkung. Willensfreiheit: Der Verstand stellt Probleme, das Leben löst sie. Alle Verstandeslösungen sind Unsinn.


93


Moral: Daß es etwas Allgemeines gibt, das die persönliche Moral bestimmen sollte – die Sitte –, hat man natürlich gewußt, solange man überhaupt über diese Dinge nachdachte und sie nicht für selbstverständlich, für eine Sache des Instinktes hielt. In allen primitiven Zuständen ist der Begriff der Strafe und damit der des Vergehens und des Gerichts nicht vorhanden. Menschen ordnen ihre Mißhelligkeiten untereinander durch ein privates oder Geschlechterrecht, und von den Göttern nimmt man an, daß ihr Zorn ebenfalls weiß, wo er sich beleidigt fühlt. In eigentlichen Kulturen aber begreift man, daß ein absoluter Wertmaßstab schlechthin vorhanden ist; man fühlt das, man ist der Tatsache gewiß. Nach Gründen suchend, findet man entweder eine von Gott gegebene Satzung oder von einem mythischen Ahnen aufgestellte Gebote oder endlich das, ›was allen Menschen heilig ist‹.

Die Philosophie hat nun bisher nichts Besseres zu tun gewußt und dies mythische Denken einfach in begrifflichen Fetischismus von einer absoluten Moral übersetzt: Ihre Sätze leuchten ein, weil sie offenbar etwas allgemein Gültiges zur Bestätigung haben, aber es ist ebenso klar, daß ihre Resultate [nicht] über eine rostige theoretische Anerkennung innerhalb gelehrter Kreise hinausgehen. Ich stelle nun eine Grenze dieser Allgemeinheit fest. Es ist nicht ›die Menschheit‹, die absolute Sätze zugrunde legt. Aber zum indischen, faustischen, apollinisch-magischen Menschen gehört seinem so und nicht anders angelegten Seelentum nach ein ganz bestimmtes ethisches Ideal so gut wie ein bestimmter architektonischer, logischer, mathematischer Stil.[119]

Es versteht sich, daß einerseits die Moralsysteme der einzelnen Kulturen untereinander Berührung besitzen und daß andrerseits in jeder Kultur jede Epoche, [jedes] Volk, [jede] Klasse, jeder einzelne eine Nuance seiner wirklichen Moral hat, wirklich nicht, insofern sein Tun sie zeigt, sondern insofern sein inneres Gefühl gerade diese Nuance billigt, obgleich er sich oft genug von ihr emanzipiert. Nun hat die Tradition es zu ›künstlichen‹, literarisch überlieferten und auferlegten Moralen gebracht. Ein starkes Beispiel ist die Moral des kleinen Pastors im Abendland; ein andres die aus antiken Schriftstellern entlehnte und bewundernd angepriesene. Wo es ein System in literarisch und retrospektiv angelegten Kulturen zu hoher Anerkennung gebracht hat – die jedesmal die eigne Moral nicht aufhebt, aber theoretisch entwertet –, da haben wir den sehr starken Unterschied zwischen theoretischwirklicher und praktisch-wirklicher Moral (mit zahllosen Zwischenstufen, z.B. Nietzsche), so daß es sehr schwer ist, hier Ordnung zu schaffen. Bei jedem moralischen Satze hat man zur Richtigkeit die Frage hinzuzufügen: ›für wen‹? Es versteht sich, daß damit aller Utilitarismus ausgeschaltet ist. Dies ›gut und böse‹, wie es dem Leben eines jeden höheren Menschentums als Formideal zugrunde liegt, mit dieser Seele zugleich erwacht als ihr Sinn, als der Stil ihrer Verwirklichung, steht hoch über allen praktischen Details. Nicht der ›Nutzen‹ des eignen Aktes, sondern das Ideal der möglichen vollkommenen Verwirklichung des Seelischen ist das, was den Werten a priori zugrunde lag.

Dieser große Begriff Kants hat demnach seine vollkommene Geltung, vorausgesetzt, daß man nicht von einer Abstraktion ›Menschheit‹ redet (was Kant à la Rousseau und die Kirche à la Sokrates tat), sondern als Urelement der menschlichen Historie eben die ›Kultur‹ ansetzt.

Es gibt ein ethisches Gewissen wie es ein logisches, künstlerisches, wissenschaftliches Gewissen gibt: es ist das Gefühl für den angeborenen Stil der Seele darin, das verwirklicht sein will (was identisch mit unsrem Leben ist). Das tief gefühlte Übereinstimmen der empirisch-theoretisch entwickelten Normen mit dem Stil des Daseins nennen wir Wahrheit.[120]


94


Strafe: Es gehört zu den stärksten symbolischen Ausdrücken einer Kultur, wie sie straft und was sie damit treffen will. Sieht man zunächst von Körperstrafen und Eigentumsstrafen ab, so gehört zum faustischen Straf recht das Gefängnis als der eigentliche Mittelpunkt der Justiz. Der faustische Mensch kennt nichts Härteres, als seinem Mitmenschen die Freiheit des Ortes, der Zeit und der Handlung (es sind die aristotelischen Einheiten!) zu nehmen – damit schaltet er sein Leben aus, das Wille, Tat, Bewegung, Raum ist. Schon von frühester Zeit an füllen sich die Schlösser und Städte mit Verließen und Gefängnissen. Das hat keine andre Kultur gekannt. Insbesondere für die Antike – man denke an Diogenes! – wäre es sinnlos gewesen. Der Begriff Freiheitsstrafe gewinnt hier einen Sinn. Dort stößt man [den] Verbrecher ins Grenzenlose hinaus, hier sperrt man ihn ein – in beiden Fällen nimmt man ihm die Freiheit. An diese Stelle rückt der antike Mensch das härteste, was er kennt – den Ausschluß aus der Polis, das genaue Gegenteil des Gefängnisses, die Verbannung aus dem Gefängnis der Polis. Man zwingt ihn zur Freiheit im abendländischen Sinn. Nicht mehr dort weilen dürfen, die Gebräuche meiden müssen, ist die Strafe – das, was der europamüde Auswanderer gerade wünscht. Das sind zwei entgegengesetzte Arten des sozialen Todes, die einander ausschließen. Damit hängt es zusammen, daß die Todesstrafe in der Antike an Geltung gewinnt, bei uns verliert. Der Sinn dieser Strafe ist, dem Leben den Gehalt zu nehmen, es als bloße animalische Funktion mit dem Bewußtsein davon bestehen zu lassen, aber das höhere Menschliche auszuschließen.


95


Wenn also vor den Ahnenbildern, -gräbern, -denkmälern ›geopfert‹ wird, so geschieht das als Akt der Verehrung und des Gedenkens – es kann in Liedern zu Ruhm, Szenen, in der Zerstörung von irgend etwas Wertvollem, das dadurch Besitz der Toten wird. Im Westen aber ist das Opfer Ernährung der lebenden Toten, ursprünglich in[121] Essen und Trinken bestehend, im Katholischen in Messen, die das Leben im Fegfeuer abkürzen.


96


Was setzt die Idee der Bestattung alles voraus! Sehr viel jünger als die Ansicht von dem Sterbenmüssen, als die Erfahrung von der ›Seele‹ (Lebenskraft). Dunkle Schlüsse auf Dauer, Wiederkehr (denn den Tod begreift man als den des Lebens im Licht, nicht als Ende der Seele. Das ›Selbst‹ kann man sich gar nicht als erlöschend denken). Bestattung setzt schon Ordnung des Stammes, [der] Sitte, sehr viel Technik voraus, eine echte Lebensauffassung (Ablauf, Anfang, Ende, Wiederkehr des Lebens), eine schon deutend erfahrungsgemäß geordnete Umwelt, aber noch nicht einen mythisch kultischen Sinn der Welt.

Die Idee des Bauens geht vom Grabbautypus aus, gefühlter Sinn in der Form. Von der unbewußt geübten Sitte (Rasseausdruck, natürlich, rhythmisch) zum Gewahrwerden der vorhandenen Sitte als etwas Selbstverständlichem: an andren gesehene Bräuche fallen auf, ohne daß der Gedanke kommt, dergleichen könne gesetzt oder geändert werden, endlich die Satzung von Regeln für andre, schwächere: daß man selbst einer Form folgt, bemerkt man natürlich nicht.

Diese Sitte ist zunächst die Ordnung der Kräfte: Freund und Feind, Hilfe, Führen und Folgen. Dann die Ordnung der Weiber: Befriedigung des Geschlechtstriebes, Sorge für die Kinder. Endlich die Tätigkeit der Ernährung: was Mann und Weib zu tun haben, wie, wann. Der Ausgang ist unbedingt die Ordnung des Kraftgefühls. Die ersten Momente einer Selbstbeherrschung des Vernichtungstriebes. Die erste Setzung von Sitte (Recht) ist älter als die Ahnung vom Wesen der Sitte. Das Urrecht ist einfach der Ausdruck des Machttriebes mit der Witterung praktischer Zweckmäßigkeit.


97


Mykene. Schachtgräber: Endlich [muß man] mal ein Ende machen: ›Totenkult‹ [ist] ein verschwommenes Wort. Die Achäer fürchteten[122] die Toten, deren Gräber sie nicht stören wollten, deshalb der Mauerring. Etwas ganz anderes als ›Ahnenkult‹. Totenkult gibt es überhaupt nicht, sondern entweder Ahnenkult durch [die] Hinterbliebenen oder den Stamm, oder Bannung von gefährlichen Totengeistern.

Quelle:
Oswald Spengler: Frühzeit der Weltgeschichte. München 1966, S. 95-123.
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