Zum Wesen der drei Frühkulturen

[204] 1


Der Übergang vom Kahn zum Schiff. Mit dem Kahn, wenige Leute, kann man an der Küste oder [auf dem] Fluß rudern. Das Schiff hat eine Mannschaft und kann den Wellen widerstehen. Es ist aus jenem entstanden, aber die Idee des Fahrens ist anders. Nicht eine Fortbewegung längs des Landes, ein paar Schritte, sondern ein Freisein vom Lande, auch wenn man es im Auge behält, und der Entschluß, gegen das Wetter zu kämpfen.

Drei Dinge hat die primitive Westkultur geschaffen: – den Steinbau, schwer, dauernd, machtvoll, die Ferne der Zeit. – Das Schiff, [um] die Ferne [zu] erreichen. – Den Bogen, [um] den Feind sich fernzuhalten. Das eine ist Opfer aus Angst, das zweite Streben nach Beute, das dritte Feigheit. Von hier [d.h. vom Westen aus] über die ganze Erde verbreitet. Nordsee, Felszeichnung, Megalith. Idee der Ferne: Die Ferne wird erlebt als Vorteil oder Hindernis, noch nicht als Sehnsucht, zweites Ich, Seele. Rein praktisch, nicht ethisch!

Emsiger Bienenfleiß, um nachher genießen zu können. Nicht Idee der Tat. Das Gefühl des exegi monumentum fehlt ihm; der Pharao schaut [nicht] stolz auf die Leistung der Pyramide, sondern froh, daß sie fertig und so groß ist.

Trotz der Hochseefahrt fehlt der Ehrgeiz des Entdeckers, der erste zu sein, die Sehnsucht, in die Ferne zu fahren. Alles ist geschäftlich – nüchtern. Es haftet an der Erde. Es will sich nicht mit Riesenflügeln über sich selbst erheben. Die Hybris fehlt. Sie erfanden den Bogen, aber sie wurden keine Krieger mit dem Ehrgeiz des Eroberers. Sie[204] erfanden, das Schiff, aber sie entdeckten nichts. Sie erfanden den Steinbau, aber die Vertikale fehlte. Er strebt nicht in die Wolken. Die Pyramide ist als Masse, nicht als Vertikale so groß. [Diese] Säulenhallen und Kuppeln binden an die Erde, sie wollen gar nicht mit Leichtigkeit eine Last überwinden.


2


Nordische Begriffe der Erbfreiheit, Erbteilung, der nordische Individualismus, der mit der Einfügung in einen Verband ein Opfer bringt (Treue, Gefolgstreue) – ewige Fehde, Eidbruch, Uneinigkeit. Immer wieder das starke Ich. Auch in Eigentumsfragen. Was ich habe, verteidige ich gegen die ganze Welt. Pathos des Eigentums als Teil des Ich.


3


Lebensgefühl der Ebene. Trieb nach rastloser Bewegung. Abneigung, Verachtung des bäuerlichen Wurzeins im Boden, in der Stadt. Immer wieder ausbrechend: Wanderlust, Sehnsucht nach Ferne, Abenteuer, Reisen. Deutsche Wanderer, englische Weltreisende, russische Wanderarbeiter, Kreuzzüge, Wikinger, Ritterfahrten. Ubi bene –

Das fehlt dem Westen (Ägypten, Franzosen, Spanien, Italien). Der Conquistadorentyp ist nordisch. Der Steinbau haftet ewig am Ort. Das nordische Haus ist Fahrhabe. Der Deutsche, durch das Elend der Jahrhunderte verkümmert, träumt und schwärmt wenigstens in Fernen, reist in Büchern, liest von Reisen, Geographie. Aus Wandern wird Sehnsucht (Italien).


4


So erfolgt der Zusammenstoß des Nordens und [des] Westens im nord-östlichen Mittelmeer: Die Steppeneroberer unterwerfen die altwestlichen Volkstümer. Auf dieser Tatsache beruht die Geschichte der Antike.[205]


5


Der nordische Mensch ist ein Ich im All – trotz der seelischen Verbundenheit des Blutes und der Sippen. Je mehr einer ›Rasse‹ hat, desto entschiedener ist sein Ichgefühl. Er kann das Ich einer Sache opfern, aber freiwillig. Der Zwang ist es, der den Edlen tötet und dem Gemeinen behagt, weil er dem Ich entrinnen will.

Zum Ich gehört Wille. Eigentum ist Wille, Entscheidung. Wer in meine freie Verfügung über mein Eigentum eingreift, greift mein Ich an. Gemeinschaftsgefühl und Herdengefühl sind ganz verschiedene Dinge. Das eine opfert das Ich, das andre kriecht aus Mangel an einem Ich zusammen. In den Westgräbern sind die Toten für ein behagliches Dasein versorgt, in den nordischen wird zum letzten Male ein Ich respektiert.


6


3. Jahrtausend, das Ornament: Daß der eurasische Norden (Skandinavien – China) die ornamentale Symbolik – abstrakt, durchgeistigt – als herrschenden Ausdruck besaß, [wurde] längst bemerkt (Scheltema, Strzygowski). Der alte Westen hatte kümmerliche ›Verzierung‹, aber kein bedeutsames Ornament. Er baute und bildete, denn die Statue, vor allem die ägyptische, ist architektonisch gedacht, aufgebaut aus schwerem Material, nicht von innen heraus (Gotik), nicht als Körper im Raum (antik), sondern lastend, von unten nach oben.


7


Im Süden klare Umrisse – also Plastik, Zeichnung –, [gilt] heller Tag, blauer Himmel als selbstverständlich. Ihn sieht man gar nicht, sondern die Sonne. Im Norden – Nebel, Wolke, Ornament, Impressionismus –, wo der Himmel selten durch die Wolken scheint, ist das blaue Gewölbe selbst göttlich. Himmel statt Sonne. Und Himmel als anonyme Macht, Sonne als Gott, plastisch. Götter also plastisch vorgestellt, entweder [als] Tier (Stier, Schakal etc.) oder als Mensch, dann entweder[206] [als] Vater, Sohn, Kind, oder Mutter, Jungfrau, Greis oder Herrscher, Richter, Krieger, Berater.


8


Im Norden [ist] das Tragische der Sinn aller bedeutenden Dichtung. Man kann den inneren Rang der großen Dichter nach diesem Schwergewicht ihrer tragischen Konzeption bestimmen. Mahabharata und Ilias sind in der Urgestalt Tragödien, von Aischylos zu schweigen. Von chinesischen Dichtern der Dschouzeit wissen wir leider nichts mehr. Im faustischen Norden aber, wo der tragische Grundgedanke ohne Kompromiß sein Gesetz [verwirklicht], nicht für die banale Masse, sondern für den großen und starken einzelnen, steht an der Schwelle der großen Dichtung der größte tragische Gedanke, der je konzipiert wurde: Götterdämmerung. Und dann folgen Lear, Don Juan, Faust, bis unsre Gegenwart so seelenlos und flach geworden ist, daß sie das Tragische der Geschichte als ›Pessimismus‹ beschimpft und sich an einem seichten dummen Optimismus wärmt, der ihrem kümmerlichen Horizonte entspricht und ihren banalen Seelenzustand stärkt.

Im Süden aber ist die Idylle die Grundidee der zugehörigen Dichtung und Malerei, das heitere Drama, die Erlösungsdichtung.


9


Die ›südasiatischeKultur: Pflug [für den] ›Ackerbau‹. ›Ackerbau‹ ist nicht die Gewinnung von Getreide, sondern eine besondere Form dieser Gewinnung. Die Ägypter hatten auch Getreide – ohne Ackerbau. Idee des ›Ziehens‹ – Pflug und Wagen, statt Schieben, Tragen. Der Wagen zum Fahren von Menschen war längst bekannt, bevor er Waffe wurde. Erst Jagd, dann Schlacht, die [Waffe] einer Steppe.

Von hier aus die Idee des Ziegels und des Tontopfes (Ägypten, Steintopf und Steinbau): Zwei Tendenzen aus zweierlei Ansätzen: Lehmbewurf und Feldsteinpackung, die beide gemeinsam vorkommen.[207]


10


Westleute zu Schiff von Westfrankreich, England nach Westschweden, Dänemark, bis Finnland. Hünenbetten. Riesenstuben. Nichtindogermanen. Noch frühere Rassen unterwerfend. Dann seit 2000 indogermanische Eroberer (Einzelgräber, Streitaxt) bis Schweden und Italien vordringend (u.a. H. Güntert, Deutscher Geist 1932, S. 44 ff.). Diese Indogermanen waren Viehzüchter, die den Ackerbau als Sklavenarbeit den Unterworfenen zuwiesen. Die Westleute waren Kenner des Getreidebaus (vielleicht ohne Pflug?). [Die] Wohnung der Lebenden [war bei ihnen] gering gegenüber den Totenpalästen.


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Die nordischen Völker meinten nicht die Sonne als Gestirn, sondern das Licht, die Röte, Helle, Wärme ›des Himmels‹. Morgenröte und Sonnenschein waren identisch. Nichts Astrales, das eine Abstraktion ist, sondern anschauende Sehnsucht nach Helle: Tag, Sonnenschein, Röte, heller Himmel. Also statt Sonne Sonnenschein sagen. Das ist Dies, Aither etc. Ebenso ist Nacht, trübes Wetter, Wolke dasselbe: Mangel an Helle, Düsterkeit. Also die helle und [die] düstre Welt. Um Astronomie und ›Sonnenkult‹ haben sich die Indogermanen und die nordischen Menschen nicht gekümmert. Der helle sonnige Tag war ihnen, pantheistisch, die äußere Welt überhaupt. Sonnenglanz.


12


Kasch und Atlantis: Die toten Feinde verstümmelnd, Frauen schändend, aus deren Schoß ein neues Geschlecht hervorwuchs, die gefangenen Krieger, geblendet, im Käfig beim Schmause verhöhnend, so zogen sie gen Osten, Könige, langsam von Jahrhundert zu Jahrhundert dringend, so daß die Enkel kaum wußten, daß die Ahnen hier noch nicht gesessen hatten.[208]


13


Heldentum: Man soll nicht glauben, daß Hunger oder Landnot diese Stämme nach Süden trieb. Sie waren nicht flach und nicht blind. Sie wurden von einer tiefen Sehnsucht nach einer Heimat im Sonnenlicht verzehrt. Damals zuerst in weltgeschichtlicher Form erscheint das Heimweh nach dem Süden, nach der lebensverwandten Sonne. Und sie waren nicht blind: Der Handel an nordischen Straßen, Flüssen, Küsten brachte Kunde von den sonnendurchglühten Welten des Südens: von dem goldschimmernden Ägypten und seinen Pyramiden, dem sagenhaften Babylon, dem drawidischen Prunk Indiens; dem gelben fruchtbaren Lande China. Dahin wollten sie. Sie gingen einer Sage nach. Sie flogen in das Licht wie die Mücken. All diese Bahnen der Dschou [nach China], der Arier zum Ganges, der Mitanni, der Seevölker richteten sich auf Ziele, die man kannte. Und wie die Germanenvölker nach Rom und Byzanz, so wollten sie alle nach Memphis und Babel, [zum] Indus und [zum] Hoangho.


14


Heldentum: Es ist das Ethos des Nordens, dort, wo die Natur selbst die Feindin des Lebens ist und jeden Schritt zu einem Kampf, einer Überwindung macht. Im Süden war die Tonne des Diogenes möglich. Hier gibt es nur Kampf oder Erlöschen.


15


Europa [im] Neolithikum, nordische Kunst, Bandkeramik, ägäisch. Im Norden ein Bruch um 2000. Neue Ornamentik [gegen] 1800: Da bilden sich die Germanen aus einer Völkerwanderung von der Donau her nach Norden, wo bis dahin nordische Hamiten (Megalithgräber) saßen. Diese Bildung des Germanentums ist also gleichzeitig mit dem Vordringen andrer Stämme nach Hellas, Indien, China! – Bronzezeit. (Reallexikon Nordische Kunst, Scheltema, Hoernes, Schuchhardt lesen!)[209]


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Kasch und Atlantis: Zur inneren Form der Tempelkultur gehören geistige und geschäftliche Expansion, nicht Völkerströme: Geist (Sprache, Maß, Kalender), Geschäft (nicht als ob der wirtschaftliche Sinn stärker als anderswo gewesen wäre, aber er richtet sich mit abstrakter Sicherheit auf Fernmögliches und erfindet die Formen des ausge[dehnten] beruflichen Fernhandels). In Atlantis ist der Händler, der Kaufmann kein Berufstyp.

Vielleicht ist das Hämmern und Treiben von Kupfer atlantisch (Spanien). Aber erst Kasch macht daraus die Herstellung zu Exportzwecken, schnitzt, stellt Barren als Ware her.


17


Die beiden großen c-Kulturen: Sie erklären alles im Mittelmeer (Inhalt des ersten Kapitels). Die eine [von] Nordwesten [nach] Südosten: Ahnen, Totenpflege, straffe Staatsorganisation, Kalender: also Libyen, Rasena, Kreta, Lydien, Ägypten, Akkad, immer schwächer werdend. Leiche konservierend, Grabmal als Denkmal. Die andre [von] Südosten [nach] Nordwesten: Abstraktion, Templum, kosmogonischer Aufbau, Mythensystem, Ritus, Omen: Sumer, Vorägypter, Etrurier, Hatti. Keine Ahnen, Grabdenkmäler. Der Lebende hat Recht. Mehr Kirche als Staat.

Diese beiden Kulturen verbreiten zugleich Sprachtypen, welche den ornamentalen entsprechen. Hamitisch und Elamisch. Zu welchem [Sprachtyp] Baskisch, Rasena gehören, [ist] ganz ungewiß.


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›Nordisch‹ muß klar gedeutet werden:

Im 4./3. Jahrtausend ist [der] Schwerpunkt nordischen Wesens die Solutréen-bandkeramische Zone bis China, unter kaschitischem Einfluß, gern empfangend und gelehrig. Erst im 3. Jahrtausend bildet sich[210] die hochnordische Amöbe [an der] Ostsee heraus, die sich den Rest Europas einverleibt und die drei Heldenkulturen endlich wirklich erzeugt. Diese beiden amöboiden Gebilde müssen genau unterschieden werden.


19


Kasch, Atlantis: Wenn die Atlantiker das unpassierbare, noch kaum vorhandene [Nil-]Delta mieden und über Südarabien nach Nord gingen, dann ist auch die Unterschicht von Kasch [und] Ur atlantisch-akkadisch und Sumer nur die Oberschicht. Die Atlantiker hätten also bis zum Zagros alles besiedelt. Kasch dagegen stößt vor [entlang der] Schiffahrtbahnen: Indus, Persischer Golf, Rotes Meer.


20


Wir kennen Kaschfunde nur von zufälligen Orten: Anau, Astrabad, Elam, Harappa. Es wäre falsch, das für Hauptpunkte zu halten; wo das Zentrum lag, wissen wir nicht. Aber ein Anhalt ist die Wegrichtung der indischen Invasion gegen ›Sindh‹, woher die Namen Hindu, Indien und die ›iranischen‹ bis Palästina [stammen]. Offenbar war ganz Iran und West-Indien ›Kasch‹.


21


1. Hier die großen Umrisse festlegen, aus höchster Höhe, die im folgenden dann ausgefüllt werden! Am Rande der Eis- und Regenzeit. Klima. ›Weltlage‹ – Rangunterschiede –.

2. Das Bauen, Tempel, Gräber. Mithin sind die ›Leitmotive‹ verschieden. Die Religion, Wagen, Kalender und Vorstufen der Schrift. Genealogisch – kosmologisch. Opfer: Die Schlachten, Rinderzucht. (Hier noch nicht die profanwirtschaftlichen Folgen.)

3. Die Sprache.

4. Staatsidee, Volk, Stand, Führung, Rechtsidee, Krieg als Urform der Politik. Hier beginnt der ›Friede‹ als rechtliches Intermezzo des ewigen Krieges als des eigentlichen ›Lebens‹.[211]

5. Symbolik der Wirtschaft. Verhältnis zu Pflanze und Tier (konkret oder künstlich). Was ist da Not, was ist Ausdruck (Wahl)?

6. Temperament: Ideal der Bewegung, Wandern, Handeln (Punt ist Kasch). Menschenstrom und Formenstrom.


22


Wenn die drawidischen Sprachen ›zur Kaschgruppe gehören‹, so sind sie nach Indien gelangt wie das Latein nach Rumänien, das Griechische nach Baktrien und das Spanische nach den Philippinen, nicht durch ›Völkerwanderung‹, sondern politisch und wirtschaftlich.


23


Kasch, Atlantis: Die Expansion infolge der Wüstenbildung: [War] das Vordringen der Osthamiten (›Semiten‹) nach Arabien, Kanaan, Akkad – um 3000? – etwa gleichzeitig mit der Besetzung von Südostspanien, Malta, Punkten Italiens und Griechenlands? Gleichzeitig auch mit der Megalithkultur in Dänemark [an der] Elbe? Mit der Wanderung der Glockenbecherleute? Mit der Besetzung von Troja I? Vorher war Kasch bis nach Mittelägypten gerückt (4. Jahrtausend). Es weicht bis nach Syrien und Euphrat zurück, dehnt sich aber im Norden aus. Die Austrocknung von Mittelasien führt dann zum Druck auf Europa (Ende der Tripoljekultur), China, Persien.


24


Die Germanen [sind] ein hamitisch gemischtes Element. Bohuslän-Bilder sind westlich. Nordisch ist allein das Ornament. Und zwar das unendliche Ornament irgendwelcher Art – unendlich laufend, flächenfüllend, spiralig bewegt. Der tiefe Sinn ist immer die Unendlichkeit. Es ist falsch, von den fertigen Motiven auszugehen, wie Bandkeramik, Spirale. Das Ornament ist einsam, persönlich. Ein Bild, eine Statue ist ein Du, ein nordisches Ornament ist ein Ich, es spricht nicht[212] zu andern, es spricht nur aus. Die von Scheltema beobachtete Tatsache, daß es die Körper des Gefäßes betont, ist symbolisch. Also: das unendlich einsame Ornament.


25


Seele: Nordische Seele [ist] ›persönlich‹, d.h. einsam. Ich, nie Wir. Das ›Wir‹ ist für sie ein Opfer, ethisch; für den Süden ist es die normale Verfassung. Deshalb [ist] das ›Mit sich selbst sprechen‹ nordisch. Die Verantwortlichkeit.


26


Norden: Die Gräber in Ur [sind] ›Gutäer‹bestattungen: mit Beute. Die Namen auf den Gefäßen [sind] also nicht die [von] Bestatteten, sondern Besiegten.

Rassetyp der Veden, Perser, schwarzhaarig. [Sind] vielleicht die Ainu ein Rest dieses Typus (bis in die Alpen)?


27


Wehmut aller Volkspoesie, Lied, Tanz. Daneben berauschende Wildheit. Schwermut der Ebene – warum? Russische Steppe, Prärie. Warum trösten Berge, Inseln, Meere, Seen? Es ist wegen des Unendlichkeitsgefühls – der Horizont verzehrt die Seele, nagend. Einst, nie wieder, Zukunft, endloses Vorübergehen. Es ist die Heimat der Heldenkultur, Bandkeramik.


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Bauen! Das gilt nur von Kasch und Atlantis. Die Nordkulturen ›bauten‹ eigentlich nicht, sondern webten die Holzwand ornamental. Deshalb ›schauten‹ sie weniger die Gesamterscheinung des Hauses als die Bedeutung einzelner Ornamente (Dach, Balken). Kultbauten [sind] also hamitisch und kaschitisch.[213]


29


Kasch und Atlantis: Es gibt noch keine Völker. Die große Form des erlebten und gefühlten Zusammenhangs ist der Stamm, ein paar tausend ›Seelen‹, ein paar hundert ›Köpfe‹. Namen gibt es nur für diese Stämme, ihr Revier (›Gau‹, ›Revier‹), nicht für Flüsse, sondern für Flußabschnitte, nicht für Gebirge, sondern einzelne Berge und Höhenzüge, nicht für Länder, sondern eine Küstenstrecke, ein Tal, eine Insel. Der geographische Horizont begrenzt auch den Bereich eines Stammes. Darüber hinaus liegt die sagenhafte Ferne mit dunkler Kunde, Ahnen, Neugier (erlebter und gekannter Horizont).


30


Namen: Ich will für diese beiden Kulturen altmythische Namen einführen, um zu vermeiden, daß spätere Gebilde damit verwechselt werden. (Karte!) Atlantis: Die Griechen nannten zwei Gebirge so, den mauretanischen und den äthiopischen Atlas. Die Atlantissage richtet sich ganz allgemein dorthin, der Ozean erhielt seinen Namen davon: in alledem hegt eine alte Tradition von etwas Hochgeschichtlichem, das früh zu Ende ging. Heute noch sind die Spuren in der Tiefe zu entdecken: Megalithgräber – Tod, Leben. Sprache – Flexion. Felsbilder – augenhaftes Schaffen. Waffen, Festungen. Dann Erythraea: Bekanntlich hieß in der Urzeit das Meer zwischen Bombay und Aden so. Hier lag Punt. Sumer ist der Persische Golf, Elam ist der Südrand von Susa bis Indus. Südindien und Somaliland mit Feuerstein erfüllt. Kultbauten. Astrallehre. Sprache. Agglutination. Bronze, Keramik: Technik. 6-System abstrakt. Kreisteilung, Hellespont.

Atlantis: Bau- und Verwaltungstechnik, ›Überwindung‹, konkret.

Kasch: Bronze, Keramik, Saat, Zucht: Ausnützung, abstrakt.

Zikkurat (Dombart).[214]


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Der hohe Norden: Hier kurz, großartig den Beweis führen, daß wir aus den heutigen Völkern keine Rückschlüsse ziehen dürfen. Hier, in dem unendlichen Streifen bergloser Ebene mit Wald und Sumpf, Gebüsch und Strom, harten Wintern und heißen Sommern wachte eine neue Art Mensch zu welthistorischer Sendung auf. Wie sie aussahen, wissen wir nicht. Zu oft sind Stürme von Völkern durch diese Ebene gegangen: Alanen aus der Mongolei bis Portugal, Tocharer von Europa bis nach China. Und seitdem hat durch die Inzucht geschlossener Kulturvölker sich in China und Europa ein Typus der Städter ausgeprägt, der jede Spur verwischt – von den unberührten Bauern kennen wir nichts. Was soll demgegenüber die ›indogermanische‹ Sprache bedeuten? Irgendwie gab es diese Gruppe von Dialekten um 1000 v. Chr. in zwei Zweigen. Aber was wissen wir denn von all den verschollenen, im Norden erloschenen, im Süden preisgegebenen Arten dieser Sprache – und andrer Sprachgruppen, die ganz verloren sind? In Afrika und Amerika gibt es Hunderte von Sprachen, und daß es zwischen Atlantik und Indien einmal nicht anders war und in Urchina ebensowenig, beweisen die Trümmer von Dutzenden in den Inschriften.

Daß schließlich eine Sprache die andre ablöst, ist die Regel. Den Dialekt von Latium hat Westeuropa geerbt, den von Mekka [die Welt vom Irak] bis [Marokko]. Also ist die Sprache eine glückliche Erbin – aber in welchen Winkeln mag sie vorher geschlummert haben? Und wer waren vor allem ihre vorgehenden Träger? Denn mit welchem Recht nehmen wir an, daß die Arya und Hellenen diese Sprache nicht entlehnt haben? (Hierzu Meyer, Volksstämme Kleinasiens S. 256!) Wenn wir heute die Westeuropäer, Russen, Tataren, Mongolen etc. unterscheiden, so ist das das Ergebnis geschichtlicher Ereignisse: die ›Russen‹ seit der goldenen Horde, die Mongolen und ›Europäer‹ seit den Imperien der Römer und Chinesen.[215]


32


Kasch [ist] sehr alt, [war] schon vor Atlantis in Ägypten, vielleicht sogar auf zwei Wegen [gekommen], zur See von Nubien nilabwärts, von Nordarabien zum Delta. Von der atlantischen Völkerwelle dann unterdrückt, während ›Sumer‹ der Sieger über das atlantisch-semitische Element ist. ›Kasch‹ [ist] also vorsumerisch, Sumer schon das Ergebnis einer Befruchtung. In Arabien und Aram-Assur siegt die Menschenmasse Atlantis', nur ›Sumer‹ ist das Ergebnis eines Sieges durch Nachschub. Sumer ist aber nicht nur Sinear, sondern der ganze Umkreis des Persischen Golfs.


33


Die Größe, hoch im Norden, [steht] gegen den Sonnengeist. Heldentrotz. Das Fatum bin ich. Die Götter [werden] kameradschaftlich behandelt, die Härte gesucht, Stolz. Einzelkampf, Tapferkeit. Den Feind töten [ist] nicht einfach notwendig, sondern schön. Kampf [gilt] als Lebensinhalt. Ideal. Die Schiffahrt [wird] entdeckt als Heldentum, Hochsee, Abenteuer. Brennende Paläste, Ströme von Blut, Jauchzen der Manneskraft. Völker sind kriegerische Männerbünde, nicht [eine] kultische Einheit.


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Heldentum: Hier [gilt] das echte nordische Ornament, als Ausdruck eines neuen Seelentums. Von China bis zum Rhein. Noch in der faustischen Kultur ist französische Gotik atlantisch: steinern; deutsche ornamental: Backsteinbau. Keramik ist nur ein kümmerlicher Seitenzweig! Vor allem Holz, geschnitzt, bemalt, Haus und Hausgerät, dann Flechten, Weben, Muster. Die Hausurnen verraten noch die chinesische Linie in der Landschaft. Russischer, skandinavischer Holz- und Fachwerkbau. Das Heldische [zeigt sich] nicht in Tempel und Grab, die beide Opfer, Demut sind; das Leben will nur sich selbst. Sehr unreligiös, wenig Kult. Das Ornament ist webend unendlich, jubelndes Weltgefühl, dunkles Ahnen, Schicksalsfreude.[216]


35


Kasch und Atlantis: Während des Reifens dieser Wanderkulturen vollzieht sich, als Fortsetzung des Erdenschicksals, das hinter dem Worte Eiszeit steht, die hemmungslos fortschreitende Verwandlung der Randzone aus Wald in Steppe und [aus] Steppe in humuslosen Sand, von Westafrika bis China und an den Südspitzen der drei Kontinente. Und wie das Eis einmal urtümliche, seltene Menschenschwärme nach Süden trieb, so drängt die Wüste jetzt Völkermassen nach allen Richtungen: aus Nordafrika, der späteren Sahara, nach Spanien, Italien, [der] Ägäis, [dem] Nilgebiet, [dem] Kongo, aus Arabien gegen den Euphrat, aus Turkestan nach Indien und China. Die ganze Geschichte der ägyptischen und babylonischen Kultur steht unter diesem Druck.


36


Lehnswesen: Es ist eine gehobene Form der Land- im Gegensatz zur Stadtwirtschaft. Und außerdem ein Ausdruck genealogischen, nicht priesterlichen Sozialgefühls, also Atlantis näherliegend als Kasch. Es ist, nach kriegerischen Erschütterungen, ein natürliches Verhältnis, in dem man nicht mit heutigen städtischen Gefühlen werten darf. Es wurde als selbstverständlich empfunden. Die Auflehnung war entweder ein echter Krieg zur Wiederherstellung der alten Macht des Besiegten oder später die Auseinandersetzung von der Stadt her, aus rationalistischen Motiven. Schutz gegen Gefolgleistung (nicht Bezahlung wie in städtischem Verhältnis). Der Herr schenkt auch, ist gastfrei. Das ist der Sinn von Anax.

[Es ist] lächerlich, die Verhältnisse von Naturvölkern heranzuziehen. Hier handelt es sich um Symbole. Es ist 1) eine Form des Kriegsdienstes, 2) [eine Form] der Wirtschaftsordnung, 3) ein Ausdruck der Idee ›Hoheit‹.[217]


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Sozialstruktur: In Kasch ist ein Adel undenkbar: hier wie in der magischen Kultur (z.T. atlantisch?) eine kultische Sozialordnung, Schwerpunkt die Priesterschaften, der König ihr Exponent. In Atlantis dagegen [ist] der Herrenstand [Schwerpunkt]. Die Sozialstruktur von strengster Symbolik [ist] in jeder cd-Kultur anders. Die Stände sind da, aber der Oberbau ist [jeweils] anders fundiert: priesterlich oder adlig, das heißt räumlich-abstrakt oder zeitlich-vital.


38


Die amöboide Kaschkultur (Seelenverwandtschaft der drawidischen, afrikanischen, sumerischen Sprachen) ist früh nach Nordwesten gedrungen, durch das Rote und [das] Persische Meer bis Etrurien (dieses sehr jung, um 2000) – verwandte Art der Namengebung, Taufe von Orts- und Personennamen. Lingam und Yoni (Steinkern im schüsselförmigen Untersatz mit Ausguß) und der heilige Stier ›Nandi‹ – alles aus dem urdrawidischen Shiwakult. Von hier aus dringt der heilige Stier bis Etrurien. Diese Kaschkultur ist die des heiligen Pfluges (Pflanzenbau in Furchen), daher die heilige Bodengeometrie, templar, aus der dann Babylon ein System macht.

Ferner [kommt] von hier die exklusiv heilige Metalltechnik, die dem Fernhandel nordischer Idee den Anstoß gibt. Denn der Bedarf ist südlich, die Form des Fernhandels ist absolut nordisch, geht von Grenzelementen (Assur, Minos, Tartessos) aus und läßt deshalb das ›Gesicht‹ der beiden Südkulturen dem Norden zuwenden, während das Monsungebiet verkümmert. Zu Urkasch gehört die chthonische Göttin der Geschlechtswollust, [in] Indien Paravati, in Syrien Astarte, ›Venus‹. Von Urkasch her [kommt] die Kosmologie der Inder, vorarisch, Lehre vom Weltenberg (sumerisch Land = Berg!), Gliederung des Weltgebäudes, Affe, Hanuman – alles auch in Afrika.[218]


39


Eine c-Kultur hat die Bewegungsrichtung Indische Welt – Peru (mit Madagaskar als späterer Spezialisierung) – Japan. Eine andre um 2000 (nordisch) die zum Süden. Ihr Lebensausdruck ist ›Lebensstil‹, nicht Abstraktion in Bau oder Gedanke: es sind Formen der Lebenshaltung, nicht von leblosen Objekten. Das entspricht der neuen Idee des Schicksaltstrotzes: Achill, nicht Tontöpfe. Aber das kann der Archäologe eben nicht ausgraben.


40


Die beiden Südkulturen sind Zusammenprall gleichzeitiger c-Ströme (Atlantis und Kasch), deren Ausdrucksbedürfnis teils abstrakt (kosmologisch), teils kritisch (Umrißbild, Grabkammer, Baukörper) war. In den drei Nordkulturen liegt eine junge c-Kultur mit [ihrem] Ausdruck in [der] Lebenshaltung auf altgewordenen, die wieder durchschlagen: Unter der Antike hegt Atlantis, wenig Kasch; unter Indien Kasch; – [was] unter China?


41


Ich möchte allgemeine Namen wie Atlantis und Kasch, weil ich die geographische Lage absichtlich verschleiern will. Denn es kann keine Rede von einem festumzogenen Bezirk sein wie in den wurzelnden Hochkulturen. Deshalb kann Atlantis Westiberien oder Marokko oder die nördliche Sahara oder alles zusammen oder in jeder Zeit etwas anderes bedeuten. Kasch ist Persischer Golf, Oman, Baludschistan bis Haiderabad. Sumer reichte von Ur bis Maskat, Elam von Susa bis [zum] Indus.


42


Eine dritte c-Kultur ist die indonesische. Sie ist ohne Zweifel jünger als die beiden andern, von denen Kasch die älteste ist. 5000 Kasch, Lemuria. 4000 Atlantis. 3000 Sunda, Polynesien von Ostafrika bis[219] Japan und Peru. (Ich muß Worte wählen, die in der Vorzeit liegen, nichts Späteres, das schon feste Bedeutung hat.) Diese dritte c-Kultur liegt in China stark, in Indien teilweise in der Tiefe, und sie hat um alle Ränder des großen Ozeans geführt, wo sie sehr spät als Hochkultur in Mexiko und Peru zeugend wurde. Ist die indonesische Kultur ein Rest der Kaschamöbe? So wie die Heldenkultur ein Rest von Atlantis?


43


Kasch: Ich rechne mit der Annahme, daß dieses Urgebiet von Ostarabien bis Malabar, im Norden aber bis tief nach Turkestan reicht. Der große Völkerstrom über Zagros und Kabul gehören dazu. Vielleicht ist das Solutréen hier zu Hause! Oder von hier aus lokal erzeugt.

Die altsumerische Religion kennt vor allem den Wisent und den ›wilden Mann‹ (nicht ›Gilgamesch‹), der nackt, Beschützer des Wisent, Ur, Hirsches gegen den Löwen ist, Ringellocken und Kinnbart wie der Wisent.

Dann wäre Ägypten: Atlantis über Kasch, Babylon: Kasch über Solutréen.


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Kunstform: Atlantisch ist der Ausdruck im Raum: Grab. Die Malerei ebenso: ›Komposition‹ der Szene. Die scheinornamentalen Verzierungen (wie Sterne etc.) sind Imitation irgendwelcher Gebilde (Seestern), nicht Symbolgebilde. Sinn für Physiognomie (Porträt, Rassetypen).

Nordisch: Alles ist Ornament von Ahnungsschwere, auch Grab und Hausform, Dach, Fachwerk. Nicht der Raum, sondern die Zier, das Spiel der Linien hat Bedeutung. Nicht die Gefäße, sondern das Spiel mit seiner Fläche. Schon damals muß es tiefe Musik gegeben haben, nicht loses Spiel, Dur und Moll.

Kaschitisch [ist] die abstrakte, kaum gefühlte ›Kunst‹. Unkünstlerische Sekte, Sinn für abstrakte Denkgebilde, geheimnisvolle Zahlen und Maße. Zikkurat wirkt nur als Verkörperung von Zahlen. Die Statuen wurden[220] sicher nur so empfunden: sieben Reihen Palmblätter. Kein Sinn für Porträts. Das scheint nur so.


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Ich nenne die beiden Kulturamöben, welche hier erscheinen, nach dem vorherrschenden Zug ihres Ausdrucks, die Gräber- und die Tempelkultur. Und ich nenne die Weltanschauung, welche sich hier ausdrückt, die genealogische und die kosmologische.


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Atlantis, Kasch, Turan: Die Religion:

A: heiß, beweglich, genealogisch. Gräberbau.

K: tropisch, gesättigt, kosmologisch. Tempelbau.

T: kalt, sehnsüchtig, Naturseele, Zauber, Mystik. Ohne Architektur. Der künstlerische Ausdruckstrieb haftet sich in

A: an Steinbau, Steinrelief, Wucht, Kraft, Masse, Überwindung. Ganz ungepflegt bleibt die Verzierung der Gefäße und Kleidung. ›Schmuck‹ als besondere Schmucksache (Diadem etc.): tektonischer Stil, konkret.

K: Tempel, Malerei: malerischer Stil, abstrahierend.

T: Haus, Kleid, Gerät: ornamental, mystisch. An der Notwendigkeit des Wohnens und Wärmens haftend: intime Kultur von Haus und Zelt, warmen Kleidern, Teppichen, Innenräumen, Balken, Dach, Fenster.

Also:

A: Megalithbau und Felszeichnung

K: Ziegelbau und Farbenauflage

T: Zelt und Holzbau, Schnitzen.


47


Das Haus ist in Atlantis und Kasch als Ausdrucksträger unbedeutend. In Atlantis [ahmt es] bei größter Pracht sogar Grabformen nach. Das[221] ägyptische Haus [ist ein] ›Grab der Lebenden‹, [das] minoische [ein] ›templum der Anwesenden‹. Das nordische Heldentum aber baut in seinem ersten, reinsten Aufstieg Lebendiges, nicht Totes: Herrschaften statt Palästen, einen Lebenslauf wie Achill statt eines Grabes.

Wohnhütten gibt es überall in c. Aber das Haus als Träger großer Symbolik ist turanisch: Zunächst das Haus des Häuptlings, dann das aller. Grab, templum, Haus ist so, daß eigentlich jeder Stamm nur eines haben sollte, das des Mächtigsten.


48


[Zur] Geisteskultur Turans: Ich lasse die Frage offen, ob es in Amerika noch eine vierte gegeben hat, pazifisch-andisch, aber ich glaube es. Eine den Heldenamöben gleichzeitige.

Turan: Untersuche, ob hier die sakrale Prostitution zuhause ist! Überhaupt die Formen, welche ›phrygisch-syrisch‹ sind. Zu den Randamöben müßten dann die chaldische, böhmische, Aino gehören. Da sich neue Sprachtypen nicht mehr bilden, denn um 4000 reden alle Menschen schon Wortsprachen, so muß der indogermanische Typ der grammatischen Struktur turanisch sein.


49


Also auch die Idee des Menschenloses [ist] verschieden:

Atlantis: Leben nach dem Tode, Familie

Kasch: Segen im Diesseits

Turan: Amor fati oder Zerknirschung.

Die erste Tat des entfesselten Geistes ist die Deutung der Welt im Bilde (sehend – denkend), ein Bild der Angst des Freigewordenen, aus dem All-Leben Verstoßenen. Erst um 2000 der Stolz auf dies Dem-All-Gegenüberstehen.


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Atlantis: Es ist damit zu rechnen, daß das Capsien jünger als das Aurignacien ist und daß beide gemeinsamen Ausgang haben: Nord-[222] und Südkristalle. Dann beruht die atlantische Amöbe auf dem Humus beider und hat den Schwerpunkt mehr in Spanien und Marokko.

Dann ist aber das Endcapsien bereits der Anfang der c-Kultur selbst. Daß das ›älteste Neolithikum‹ in Spanien fehle, ist also nur der Eindruck auf Grund einer falschen Gesamtansicht. Tatsächlich ist Endcapsien schon 5. Jahrtausend.


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Zwei c-Kulturen: In dieser Amöbenzeit entstehen Staat und Religion als Organisiertes, aber nicht ›überhaupt‹, sondern sogleich in wenigen Grundideen, Ursymbole, von denen alles Spätere in c- und d-Kulturen seelisch abstammt, durch Erstarren, Zersetzen [und] Kreuzung.

Die Urformen [sind] der atlantische Staat [und] die asiatische Religion! Für alles Staatliche der Erde ist Atlantis, für alles Hochreligiöse ist Kasch vorbildlich. Der Urgedanke von Kasch: Die Welt ist um des Menschen willen da, Makroanthropos und Mikrokosmos. Das Weltsystem hat seinen Sinn im Menschen. Der Stolz von Kasch: die Götter können den Menschen nicht entbehren, der ihnen erst Sinn gibt durch Verehren [und] Opfer. Himmel und Erde sind Symbole des Menschenwesens. Dieses ist der Ursinn aller großen Religion. Erst ›Akkad‹ bringt zum Stolz das Winseln, Flehen, die Zerknirschung, das Sündengefühl (das ist die Reaktion nach der großen Zeit, um 2600, städtischbürgerlich). Während der hohe Norden den Menschen wägt: Ritterlichkeit, Ahnen, Rasse, vornehm, wird er hier gezählt. Kein genealogischer Rangunterschied.


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c-Kultur. Atlantis: Die Dehnungskraft dieser Kulturseele ist ungeheuer. Der Strom fließt nordwärts nach Orkney, Dänemark Deutschland (Glockenbecher), dann aber hat sie in ›vorsaharischer‹ Zeit Afrika erobert, [den] Sudan. Auf der Linie Timbuktu, Ostafrika, Tschad – Nil – Arabien, Akkad zum Teil von Südarabien her, weil das Delta unpassierbar war, Sambesi, Süden, wo die Felszeichnungen (viel älter als die ›Buschmänner‹) zeigen, wo mächtige Ruinen liegen müssen.[223]


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Atlantis und Kasch, [das ist] ›Okzident und Orient‹. Diese Begriffe sind hier schon entstanden, ebenso Nordland und Südsee: diese beiden sind jüngeren Typs. Der Wüstengürtel ist damals der große Weidegürtel. Das sind zugleich vier Urtypen der Sprachbildung (nicht ›Ursprachen‹), die nach dem Rande zu immer weniger typisch werden.

Atlantischer Typ: Okzident: semitohamitisch. Nordland, jünger: indoeuropäisch. Kaschitischer Typ: Orient: sumerisch-kaukasisch. Südsee: austroasiatisch. Okzident und Orient [sind] heute noch c-Amöben unter verfallenen d-Kulturen.


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Atlantis: Das Wort ist in Verruf gekommen und bezeichnet doch eine Wirklichkeit. Deshalb möchte ich es rehabilitieren.


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AtlantisKasch

Konkretabstrakt

politisch-soziale Ideereligiös-soziale Idee

StaatWeltsendung

Ägyptendie vier Weltgegenden

Ordnung, VerwaltungErlösung, Besserung

VerwaltungspraxisPrivatrecht

Nationaluniversal

keine Expansion,grenzenlos

Landesgrenze


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Atlantische Kunst: Die stilisierte und trotzdem naturwahre Alperakunst steht am Ende des Paläolithikums, ist örtlich, 5000. Zu dieser[224] ›Idee‹ gehört die Negadekunst, aber auch die minoische mit ihrem Naturalismus, die aus Libyen stammt und bis nach Kleinasien hineinreicht. Ihr Wesenskern ist Skizze des Vitalen: nicht der Körper überhaupt, sondern der lebende Körper – Lauf, Umblick, Flug. Kasch ist abstrakter.


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Kasch, Schwerpunkt irgendwie Turkestan – Persien – Indien, also auch eine Landmasse, noch sehr unbestimmt. Solutréen als Vorstoß. Indisches Paläolithikum. Anau. Bandkeramik als Randzone, Teilamöbe bis China hin. Andrerseits Spuren bis Spanien: Malta, Molfetta, Dimini.

Es sind trotzdem zwei Zonen: Bandkeramisch und elamisch. Tatsache ist eben, daß die urbabylonische Kultur (Elam, Sinear) von Ostarabien bis Pandschab geht. Der Schlüssel hegt in der prähistorischen Durchforschung Arabiens und Turkestans.


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Kasch und Atlantis: Zu Kasch, wo die Götter den Kosmos der Dinge bestimmen, gehören die Omina: in abstrakter und berechenbarer Form ist alles starr vorausbestimmt. Ganz Hellas ist von Orakeln überschwemmt. Mathematik. Zu Atlantis, wo der Sinn des Lebens nicht mathematisch, [sondern] weltrhythmisch gefühlt wird, ist das, was geschehen soll, nicht Mathematik des Kosmos, sondern rhythmisches Ergebnis, organisch-logisch, der Lebenstendenz. Nicht Zeit und Ort des punktuellen Ereignisses, sondern das Gesamtresultat des Geschehens ist wichtig, und das weiß man innerlich voraus, nicht durch Omina. Gerade weil dieser Lebensstrom der Sinn des Alls ist, kann er mit dem Sterben nicht plötzlich aufhören, während das Leben als Fazit einer Göttermathematik nach dem Tode gleichgültig wird.

Innere Verwandtschaft der faustischen und ägyptischen Kultur, erste und letzte Blüte von Atlantis. So wie Sumer und Arabien erste und letzte Blüte von Kasch [sind]. In der Antike kreuzen sich Atlantis und[225] Turan wie in Indien Kasch [und Turan], in der faustischen Kultur Nord und Antike (in dieser wieder Atlantis in der Tiefe), sehr kompliziert. In China die alte Mundakultur mit Nord.


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Amöboide ›Tendenzen‹: Die Megalithkultur ist die einzige, die in ›Masse denkt‹, nicht nur in Stein, sondern im Kubischen, Voluminösen, schon an der atlantischen Küste, dann klassisch in Ägypten, schwächer schon in Babylon (während die drei Nordkulturen abstrakt in Raum statt [in] Stoff denken und also Vergänglichstes schaffen, Formideen, aber keine Monumente). Also muß die semitohamitische Grammatik ähnliches bezeugen, massiv sein, südlich satt und träge geworden, lichtgebadet, ohne Sehnsucht.

Die Monsunamöbe ›Kasch‹ dagegen, von der Spuren in Sumer, Drawida, Sudan [leben], brachte eine andre Tendenz mit (präsumerisch, Oannes), nämlich Erdmutter, Ackerbau und Viehzucht als Ausdruck eines chthonischen Denkens. Hierher [gehört] Harappa. Die Amöboidkulturen reifen weiter, unbeschadet der örtlich darauf gebauten Hochkultur. Die Verwandtschaft der germanischen Systeme ist nicht kausal aus einer Ursprache zu verstehen, sondern konvergent aus gleichzeitiger Weltanschauung (Paideuma, Amöboid, Kulturseele). Die Veden und Homer [sind] stark nordisch, der [jeweilige Volks-] Glaube (wie in Rhodes Psyche) bauernhaft südlich.


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Der Norden um 2000: [Es ist] zu unterscheiden: Der Nordmensch ist beweglich, aktiv. Er dringt vor im Sturm, indem seine Stammesverbände das, was im Wege liegt, vor sich herjagen, oder wenn es festhält, unterwerfen oder ausrotten.

Der Südmensch – Gaia – schiebt sich ganz langsam vor, einzeln, in Trupps, von Dorf zu Dorf, zäh, bodenfest. So hat er sich vom Indischen Ozean (Kasch) langsam an Strömen und Küsten nach Norden [bewegt].[226]

Niltal – Mittelmeer (Küstenfahrt, Nordafrika, Kreta, ›vorindogermanische‹ Siedlungen mit den Ortsnamen). Sinear bis Kaukasus und Bosporus. Indus, Ganges – drawidisch. Von Tonkin bis zum Hoangho (Yüeh) und Japan und Polynesien.

Von hier stammt der somatische Typ des Chinesen und Japaners, die ›ewige‹ Bauernschicht, der homo dinaricus, mediterraneus.

4000 v. Chr. Der Nordmensch ist im Süden schöpferisch – alle Kulturen! –, aber er stirbt dafür. Oberschicht, auch als Bauer! Denn in Italien und Hellas hat der orientalische Sklave die neuen Völker gebildet! Der älteste Stoß von Norden ist der semitohamitische über Nordafrika nach Ägypten und Babylon!


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West-Ost-Zug des 4. Jahrtausends: Von Spanien bis zur Südsee. Das neue ist eine tapfere Lebenstendenz, Mut. Aber nicht bewußter Mut, nicht eine mutige Weltanschauung. Man wagt, aber nicht um des Wagens willen, und man leidet an der Notwendigkeit des Wagenmüssens. Das bestimmt die innere Form dieses gewaltigen Zuges einer amöboiden Kultur. Noch fühlt sich der stolze Einzelne nicht als Person. Er weiß nichts von sich. Und man tastet sich mit den Schiffen von Küste zu Küste ins Unbekannte hinein, man schiebt sich durch unendliche Steppe vorwärts, aber nicht mit dem epischen Gesicht des Entdeckers und Eroberers. Wenn auch der ägyptische Krieger, der Herrscher den Feind erschlägt, so ist er nicht Held, sondern erlöst von einer Gefahr. Man wagt oder man stirbt, aber das Pathos des Wagens und des Heldentums sind unbekannte Erlebnisse.


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Nordkulturen: Die Verachtung der Nordseele gegenüber allem, was die Südkultur als ihre höchsten Ideale ausgewählt hatte, erkennt man an dem heroischen Nein zu allem: Aus dieser ersten Zeit hat sich nichts erhalten, weder Astronomie noch Recht (babylonisch), weder Bau[227] noch Verwaltung (ägyptisch). Man lebte das trotzige Dennoch vor sich hin. Das Leben braucht keine Zeugnisse. Es fühlt sich selbst, das genügt. Dann erst kommt die niedergeschmetterte Unterseele wieder zum Bewußtsein und setzt sich durch, als ›Volk‹, erst religiös, dann auch politisch.


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Die Nordvölker [um] 2000 bringen die Idee des Wettkampfes und die Hochschätzung persönlicher Gefahr, des Mutes, der Todesverachtung. Idee der Wettspiele, Agon – auch in Stonehenge? Eine andre Idee ist die des Zuschauens bei grausamen Spielen, Gladiatoren (Osker? Rasena?), Stierkämpfe in Kreta, uralt in Spanien.


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Kasch und Atlantis: Wieviele Amöben in diesem Jahrtausenden um die Mitte des Jahrzehntausends vor Chr. entstanden sind, wissen wir nicht und werden es niemals wissen. Gewiß ist, daß mehrere davon nie zu einer größeren Bedeutung gelangt sind. Zwei aber wuchsen zur äußersten Höhe auf, die einer solchen Kultur möglich war, und sie haben mehr als andere und spätere den Gang und den Stoff der Weltgeschichtebestimmt. Sie sind ungefähr gleichzeitig entstanden; sie haben je nur einen Teil der Menschenwelt innerlich ergriffen, und sie beweisen durch die Geschichte ihres heute noch nicht erloschenen Daseins, daß primitive Kultur höheren Stils nicht ›Kultur der Menschheit‹ ist, sondern eines Teils der Menschen.


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Neolithikum und Bronzezeit [in Europa] fallen in die subboreale Trockenzeit, wo der Lößboden waldfrei war. Deshalb liegen alle bandkeramischen Siedlungen auf dem Löß: Ackerbau, Dorf. Die Schnur- und Zonenkeramik dagegen hatte kaum echten Ackerbau, keine Wohnplätze gefunden, also wenig seßhaft. Das heißt: mehr Viehhaltung in freien Herden, atlantisch! Rind, Schwein, Schaf, Ziege.[228]


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Expansion von Atlantis: Sie geht so langsam vor sich, daß gar kein Bewußtsein der Expansion in bestimmten Richtungen entsteht: man dehnt vom Vater zum Enkel die Weideplätze aus, verläßt gelegentlich die Gebiete der Großväter. Die Enkel sitzen etwas weiter westlich. [Das ist] sehr verschieden von dem nordischen Heldendrang ins Ferne.


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Ich nehme eine fließende neolithische Kultur von Marokko her an, die sich längs der alten Verkehrswege durch die Wald- und Steppenlandschaft nach dem Nil bewegt mit einem uralten Seezentrum in Tunis (Phratrien, vorkarthagisch, atlantisch). Diese Tehenu (Hamiten) von ägyptischer Hautfarbe haben auch Kreta und Sizilien erreicht, auch Sardinien, Ligurien, Nubien. Sie haben die Sitte der kultischen Felszeichnungen, der Tumuli. Ferner fließt eine Kultur jünger, kaschitischen Stils, von Sinear nach Kreta – Etrurien, mit verwandten Sprachtypen, templar, priesterhaft. Um 2500 tauchen Tuimah auf, vielleicht kriegerische Stämme, nicht Völkermasse.

Die Entleerung der Sahara bringt einen Völkerdrang nach Norden (Europa, Mittelmeer) und Süden (Felszeichnung der ›Buschmänner‹). Capsien in Palästina. Die Schiffahrt im Mittelmeer [ist] vorägyptisch.

Quelle:
Oswald Spengler: Frühzeit der Weltgeschichte. München 1966, S. 204-229.
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