Aufstieg der Antike

[423] 1


Auch Tyros, Sidon, Karthago gehören zur Antike. [Es sind] Poleis. Erst die Tatsache, daß die heutige Geschichte des ›Altertums‹ aus der Philologie herauswuchs, hat da den Unterschied von ›Semiten‹ und ›Indogermanen‹ hereingebracht. In Wahrheit ist es der Unterschied von West (See, Seevölker) und Nord (Binnenländer), aus dem die Antike herauswuchs: Tyros, Milet, Korinth, Athen, Etrusker, Jonier, Phöniker, Karthago, Sparta, Rom, Makedonier, Dorer, Italiker. Das ist der Unterschied von dionysisch und apollinisch, Mutterrecht und Vaterrecht, See und Land, Handel und Herrschaft, Aphrodite und Poseidon.


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Alt-Rom: Es gab mehrere vornehme Sippen, aus denen der König durch Zuruf gewählt werden konnte – für den Krieg –, dem sich dann die einzelnen Krieger gelobten (lex curiata). Streit zwischen den Geschlechtern, in Sparta. Folge das Doppelkönigtum. Germanen, Chinesen, Inder. Ausgedehnte Clane (China, Fabier, Tarquinier, Claudier, Alkmäoniden). War auch Numa ›Etrusker‹? Westlicher Priesterkönig. Tarquinier deshalb nicht Heerkönige, sondern erbliche Diktatoren, unnordisch: Liktoren (Henker). Tracht (roter Streifen), Sella. Fasces. Religion. Volk als Eigentum (Virginia, Lucretia). [Es war das] Glück der Römer, daß sie die diktatorische Gewalt (Imperium) behielten (West und Nord).[423]


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K. Latte, Nachr. Ges. Wiss. Gött. 1934, Phil. hist. Klasse, S. 59 ff. (S. 64) Lex ursprünglich Bindung (des Gefolges an den Führer) an ein Gelübde, d.h. an die Macht, die in dem Schwur liegt. Mitra Varuna. Also ›Macht‹ ist Glück, Magie, Zauber (wie beim Händedruck, Ring, bei der Bruderschaft). Magischer Akt: Treueid des Heeres, des Gefolges, des Gatten. – Sparta, Germanen, Makedonien der Herrscher (auch der erbliche) schwört dem Volk, worauf ihn das Volk anerkennt. Bricht er das Recht, so kann man ihm ›aufsagen‹: Ursprünglich freiwillige Bindung der Mannen an den Heerkönig, Herzog. ›Treue‹ ist gegenseitig, Lohn. Ego: Im Westen herrscht eine theokratische Bindung der Untertanen an den Gottherrscher: Papst, Pharao, Ludwig XIV. [wurden] im Dom gesalbt. Im Norden individuell: jeder einzelne schwört. Ebenso dachten die homerischen Griechen (um 1000): Gelübde der Heroen an Agamemnon für den Zug nach Troja. Ursprünglich konnte im Staat jeder Freibeuterzüge unternehmen (coniuratio). Fabier an der Cremera (Mommsen sagt richtig, daß die spätere Ausgestaltung der Fabiersage das Mißfallen an diesen Privatraubzügen ausdrücke, weil eigentlich der Staat das Monopol der Kriegführung an sich genommen hatte). Aber selbst Scipio bot im Spanischen Kriege sein Privatgefolge (Clientes) auf. Solon nimmt im Vereinsgesetz die Gruppen der ἐπὶ λείαν οἰχόμενοι auf (Seeräuber). Dem Staat erscheint die coniuratio als Verbrechen (Latte 68, 71): Die ›lex curiata‹ entstammt der Einwanderungszeit, dem frühesten Königtum, das auch sehr von der Kriegerschaft abhängig war. Privates Vertrauen der einzelnen in die Person des Führers.


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Apollinisch ist der nordische, dionysisch der westliche Geist in der Antike: die beiden Formen, die in ihrem Gegensatz gereift sind. Damit ist aber gesagt, daß apollinisch die Form des Herrschenden ist, die ritterliche Oberschicht; dionysisch ist das Leben der zahlreichen[424] Unterworfenen, das in dem Grade zur Geltung gelangt, als der Herrschende an die Kultur sich anpaßt. Apollinisch ist das patriarchalische, männliche Lebensgefühl; dionysisch das matriarchalische: in jenem steht der Mensch gegen das Schicksal. Der Kampf adelt ihn. Dionysisch [ist die] Flucht vor dem Sinn des Lebens irgendwie. Dionysisch ist das Matriarchat, das Leben als Tatsache zwischen Geburt und Tod; die Freude am Geschlechtsleben, die Angst vor dem Jenseits.


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Antike Völker: Es gab um die Mitte des 2. Jahrtausends überhaupt noch keine ›Griechen‹. Es gab Stämme, die sehr verschiedene Sprachen nordischer Herkunft, darunter sicherlich indogermanische Sprachen, teils von verschollenem Typus, geredet haben. Erst die ägäische Wanderung hatte die Bildung eines verhältnismäßig einheitlichen Sprachgebietes zur Folge, dessen Bewohner sich seitdem langsam als Einheit, als ›Hellenen‹ fühlen lernten. Diese ideelle Einheit ging dem Gefühl nach weder von den Dorern noch von den Äolern aus, sondern von der Mitte, den Joniern, Attika etc. Es war die Einheit der Herren, des Adels über fremdsprachigem, unterworfenem Volkstum.


6


Eteokles: Dann sind auch andre, scheinbar griechische Namen, wie Herakles, Dionysos, Menelaos fremder Herkunft verdächtig. Wir sollten endlich über die Zeit der philologischen Begeisterung hinaus sein, die jeden griechischen Namen aus dem Griechisch[en] erklären will, weil etwas andres als möglich anzunehmen ein Majestätsverbrechen sei. Gerade die leicht erklärbaren Namen sind verdächtig, nämlich der Volksetymologie. Plumbum – Pflaumbaum. Hans und Liese sind hebräische Namen. Wenn man will, kann man natürlich die Silben jedes Wortes aus der eigenen Sprache erklären. Aber wenn man Spektralanalyse mit Speck, Tralala, Anna, Liese erklärt, hat man keine Deutung, sondern eine Albernheit fertig, und nicht besser steht es mit[425] der Deutung sehr vieler griechisch aussehender Namen. Was ist denn Aphrodite – ›Schaumgeborene‹ – anderes als eine Albernheit? Fachpatriotismus. Herakles, Herkules, Herkle: Welcher Name ist älter?


7


Die verschiedenartigen und -sprachigen Nordstämme, aus verschiedenen Räumen zwischen Norddeutschland und Aralsee stammend, aber doch in ihrer seelischen Grundkonzeption nordeurasisch, individualistisch, breiteten sich hier unterwerfend, ausrottend, sich vermischend unter viel zahlreicheren und ebenso verschiedenartigen Bevölkerungen von altwestlicher Prägung aus. So entstand die antike Seele, ahistorisch, euklidisch, dem Augenblick hingegeben – die erste der uns durch ihre Werke bezeugten Südfahrten, wie wir sie aus eigener Kultur von Otto dem Großen bis Nietzsche kennen.

Nordisches Eis auf lauem Meer, das langsam zernagt und gebrochen wird, bis in der Kaiserzeit der alte Westen und die junge arabische Seele allein herrschen, jener als Grundton, diese als Dominante. Anders war es in Indien, wo das Indusgebiet als Lebensraum zum Iran, nicht zum eigentlichen Indien des Ganges und Dekan gehört. Da schmolz die Seele in tropischer Glut vollkommen hin.


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(Glotta 11,195. Kretschmer): Ares ist Appellativ (Der Rächer), kein Eigenname.

In den Schwurformeln des arkadischen Synoikievertrages erschienen als Schwurgötter Ζεύς, Ἀρης, Ἀδάνα, Ἄρεια und Ενυάλιος, Ἄρης, Ἀθηνη, Ἀρεια. In Smyrna und Pergamon [erscheint] hinter Ares Ζευς Ἄρειος im Schwur der epirotischen Könige, ist also nach dem (chthonischen) rächenden Prinzip genannt – daher die Verbindung mit den rächenden Erinnyen. Enyalios [ist] ein Kriegsgott in Thrakien-Nordwestkleinasien. Das Beiwort Ares wird zum Namen eines Kriegsgottes, weil die Nordvölker ursprünglich keinen hatten – ebenso wie[426] Hera. Es war keine Person, sondern ursprünglich die rächende Macht im Weltall, irgendwo, geheimnisvoll. Man rief die Mächte auf, den gebrochenen Schwur zu rächen (›Mithra Varuna‹, Römer, Germanen, Perser). Ebenso sind Zeus, Hermes, Poseidon keine Namen, also keine Götter. God [ist] neutrum pluralis. Zeus ist ›das Oben‹. Γη, Δα, Ποτιδαν das ›Unten‹.

Hier, bei Römern und Germanen, läßt sich der Übergang zu persönlichen Göttern noch erkennen. [Es gibt] keine alten Theophorennamen, sondern ›Ich-Namen‹. Thor in Namen der Wikingerzeit ist Protest gegen das Christentum. Wenn Αιδης, Νυξ, Ωκεανος und andre zu Personen werden, heiraten, Kinder haben, so ist das ein Zeichen für das fortschreitende Vordringen der Unterschicht.


9


Die Dorer sind als ver sacrum, ohne Familie, eingewandert. Männerhaus, daher homosexuell, was die Jonier gar nicht kannten. Deshalb nahmen sie die Sprache der Unterworfenen, der Weiber an. Das ist das spätere ›Dorisch‹. Lächerlich, von der Sprache auf die Herkunft zu schließen. Juden, Haitineger.


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Bei den Germanen halten die Großbauern Pferd und Rind, die Kleinbauern vor allem Schaf und Ziege. Daher fährt Thor mit Böcken. Ebenso Dorer: Karnos – Dionysos? Die ›Dorer‹ waren Bauern und Jäger. Die Viehzüchter kommen mit dem Streitwagen und dem Rind aus Südrußland. Ist das Wort Dorer aus einer nichtgriechischen, nordischen Sprache und erst später auf Speer bezogen worden? Thor – Dorer?

(Grönbech, 571. Gruppe, Kreta.)


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Der Bauer ist Sklave des Bodens geworden, verwurzelt, unbeweglich. Seine Art von Arbeit zieht ihn nie der. Seine Seele ist dumpf und[427] demütig, stolz nur auf den Besitz, den er durch Geiz, List, Gewalt zu mehren trachtet. Der Übergang zum Viehzüchter befreit ihn seelisch von der Arbeit, dem Gebundensein, der Ängstlichkeit. Alle Erobererstämme sind von Viehzüchtern her entstanden, keiner aus dem Bauerntum. Seeraub, Jagd gehören dazu. Alle nordische Kultur entstand, indem sich solche Erobererstämme des Landes samt dem darin wurzelnden Bauerntum bemächtigten, in das sie zum Teil selbst versanken. Nicht die Spartiaten, Patrizier, die Herrengeschlechter der Antike. Der attische, messenische, latinische Bauer war zum Teil, oft ganz, von andrer Abstammung.


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Was den frühantiken Schatz von Sagen und Mythen betrifft, so ist man sich noch lange nicht seiner vielfältigen Herkunft so bewußt geworden, daß man die Untersuchung wirklich darauf aufgebaut hätte. Was z.B. die Sagen betrifft, die nach Nilssons Beobachtung an den ›kretisch-mykenischen‹ Hauptsitzen haften, so gibt es da dreierlei Sagen:

1. die der ursprünglichen Bewohner dieser Sitze,

2. die an die Tatsache von deren Besiegung und Eroberung geknüpft sind,

3. die sich an die Ruinen knüpfen.

Zu 1. mag Minos gehören, zu 2. Danaos und Aigyptos, zu 3. das Labyrinth. – Ferner die Sagen der Seevölker – Pelasger, Böoter, also mitgebrachte und neue, die sich an die Irrfahrt knüpfen. Sagen der Landstämme. Die unterworfene Bevölkerung. Endlich neue Sagen der geometrischen Zeit.


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Die hellenische Sprache (sichtlich sind einige Dialekte früh zugrunde gegangen) dringt etwa 1400–1200 ein. Letzte Welle der ›dorischen‹ Stämme, die damals nicht so hießen. Peloper [waren] vielleicht die Eroberer der Argolis, Seevolk: Kekroper. Vorher die afrikanischen Achäer, noch früher die ›iranischen‹ Mykener. (Streitwagen, Spirale,[428] wenig seßhaft, kaum Ackerbau, aber Viehherden?) Der Name Peloponnesos muß von Seefahrern geprägt sein – wann? Danaer und Peloper – wie verhält sich das? Danaos und Aigyptos. Peloper und Pelas-ger.-oper [ist] demnach Endung, die aus einer mittelgriechischen, nicht westindogermanischen Sprache stammt. Pel-oper, Helloper; Pel-asger, Etrusker; Pel-eseti, Ker-eti. Geographische Verbreitung dieser Endungen? Chronologische Verbreitung dieser Endungen?


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Das Problem ist: Wie ist das Volkstum entstanden, das der Träger der antiken Kultur wurde? Man pflegt infolge der Alleinwertung der ›griechischen‹ und ›römischen‹ Literatur das ›Mutterland‹ und die Stadt Rom in den Mittelpunkt der Erwägungen zu stellen. Das ist falsch. Um 700 z.B. war[en] Jonien [und] Toskana wichtiger als Attika und Lakonien und Latium. Später Böotien, Argos – d.h. Sitze der ehemaligen mykenischen Kultur. Die Osker früher als die Latiner. Das Gebiet der Kultur im Anfang reicht von [der] Toskana nach Cypern und vom Hellespont nach Kyrene, und dahinter liegen die alten Kulturen in Ägypten und Indus und Babylon und Syrien, und die großen Völkerbewegungen vom Norden nach Südeuropa und Vorderasien und von Afrika und Westeuropa nach Südeuropa.


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Gegen die reiche Welt Tartessos und Alaschia brachen Stämme von Süd und Nord vor (vgl. Sarazenen und Wikinger, Kelten und Parther). Gegen Ägypten: Libyer und Aithiopen, gegen Babylon im 1. Jahrtausend v. Chr. [im] Nordwesten Aramäer, im Süden Araber. Der Einbruch der ältesten Schicht nordischer (vielleicht noch nicht hellenischer?) Stämme: Schachtgräber, satem? Dann Achäer, dann vordorische Griechen. 1200 zuletzt ›Dorer‹, vor denen die vorhergehenden nach Kleinasien flüchteten: ›Jonier‹ und Äoler, und nach Cypern. Achäer war damals ein Landname für Peloponnes etc. Die kyprischen[429] (arkadischen) Hellenen sind also aus dem Ostpeloponnes um 1200 geflohen, auf der alten Bahn nach Alaschia.


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In der Tatsache, daß die hellenischen Sprachen das indogermanische Wort rex verloren und statt dessen Fremdworte [erworben haben] wie βασιλευς [und] τυραννος, [liegt] ein Beweis, daß die einwandernden Nordstämme von Fremden (Achäern, Lydern, Karern) unterworfen worden sind – Kuppelgräber. Wie die Goten von den Hunnen (Hünengrab) und den Römern (Kaiser). Daher auch die nichtgriechischen Namen der Heldensage.


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Ebenso wie der Mißbrauch der Wörter Volk und Staat hat der des Wortes Stadt Unheil angerichtet. Es gibt in c-Kulturen keine Stadt. Stadt und Staat gehören zusammen, ebenso Schrift und Verwaltung.

Troja war eine Burg, keine Stadt. Vielleicht mit ein paar Dörfern in der Nachbarschaft, ebenso Mykene. Es gab Märkte mit vorübergehender Bevölkerung, Dörfer, Herrensitze und Fluchtburgen. ›Stadt‹ verführt zu falschen Vorstellungen über [die] Bevölkerungszahl. Knossos und Chattusas waren Städte. Es gab im Abendland um 1000 nur Reste von antiken Städten. Die Germanen blieben draußen. So haben sich auch die Nordstämme um 1000 v. Chr. neben den Resten der mykenischen, mi[noischen] Städte angesiedelt. Eine antike Stadt ist nicht vor 900 entstanden. Was Homer ἀστυ (Siedlung) und πτολις (Burg) nennt, ist nicht als Stadt gemeint. In den jüngeren Teilen der Ilias hat das Wohnen der Dichter in jonischen Städten das Bild geschaffen: 700. Erst die echte Stadt bildet den Staat, die Nation aus der primitiven Verbundenheit der Stämme und Geschlechter. Nation ist staatlich organisiertes und städtisch wohnendes Volkstum. Rom (Gregorovius) [war] um 1000 ein Ruinengebiet, in dem eine Zahl von Burgen und ländlichen Siedlungen lag. Die Idee einer Stadt beginnt erst seitdem (Hansa, Lombardei). Senigallia, Siena, Florenz:[430] burgartige Palazzi, Bau[ten], Märkte. Erst Verwaltung, Beamte, Bürgertum machen eine Stadt daraus. Urbs. oppidum. Cité, ville, town (dunum: Autun). Συνοικισμος, damit entsteht die πολις, als Stadt und Staat zugleich. Sie bekommt Regierung, Gesetz, Verwaltung, statt Rat und Brauch.


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Teile von Kreta [waren] vor [der] Eroberung durch die Dorer von andren Griechenstämmen besetzt. Wie in den Schachtgräbern von Mykene auch anderswo nordisch, nicht hellenisch sprechende Stämme (›arisch‹? Südrußland). Noch andre mit dem cyprisch-arkadischen Dialekt (ist es der, der in Kreta unter dem Dorischen liegt? Wahrscheinlich). Das wären vielleicht die Danaer, die gegen Ägypten kämpften. 1400. Zerstörung der Paläste. Die späteren Dialekte gaben ein unzuverlässiges Bild der Eroberung. Wie läßt sich z.B. durch die Lautbildung scheiden, was die Aussprache der Unterworfenen und was die der Eroberer spiegelt? Wer schrieb denn und setzte die Orthographie fest? Steinmetze mußten das doch lernen oder sich aufzeichnen lassen.


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Zu πτολις: Keine indogermanische Sprache hat wie das Griechische so viel Anlaute mit πτ, κτ, σθ, σβ, χθ, φθ, γδ (aber, ego: sie sind im vorgriechischen Kleinasien – und in Afrika! – zu finden). Das ist also eine Lautgebung fremder Rasse. Die Wörter πτολις und πτολεμος; sind also durch ein fremdes Volk hindurchgegangen, bevor sie zu den Griechen kamen. Die ›Griechen‹ haben manchen indogermanischen Wörtern solche Anlaute erst zugefügt, weil sie ihnen mundgerecht waren: Σδεύς; cutis Haut, scutum, σκυτος Fellschild. Sind das Nachwirkungen von Präfixaussprache? (Protohattisch, Hamitisch?) Ähnlich in einem Sondergebiet der germanischen Sprachen pf für p: Pfosten, Pfeffer, Pfau, Pfister, Pflaume usw.[431]


20


Vorgriechische Personennamen: Es fallen die vielen zweistämmigen Namen mit nichtindogermanischem Element auf: also eine indogermanenartige Schicht desselben Heldendenkens, aber von sehr abweichendem Wortschatz. Manche Hethiternamen sind offenbar so gebildet, z.B. Sipylo-liuma, Ma-yssolos. Die große Menge der Personennamen (Heroen, Götter) epischer Zeit ist nichtgriechisch und volksetymologisch angeglichen. Echt griechisch ist z.B. die Gruppe Heros – Hera (Heldin, Heerfrau). (Herakles [kommt] nicht von Hera, sondern [von] Hrapa, Held.) Die Züge des starken Hans, Simson, Gilgamesch sind der Urbevölkerung eigen, griechisch ist das Tragische daran, wie Parsifal umgedeutet, der große Helfer, stets für andre, Opfer seines Ethos. Die Seevölker haben wie die Normannen oft die Sprache gewechselt. [Die] Philister [kamen] vielleicht mit lydisch-karischer Sprache nach Kanaan. Bei Homer Σ 288–292 klagt Hektor über die Armut von Ilios gegenüber Phrygien und Maionien. Vielleicht ist der ältere Lydername erst mit Gyges wieder durchgedrungen: da ist die indogermanische Herrenschicht gestürzt worden. Assurbanipal spricht von Gugu, König von Ludi, dessen Namen seine Vorgänger nicht gehört hätten. Sehr oft nehmen Leute (z.B. die griechischen und karischen Söldner in Ägypten ägyptische) noch einen Namen in der neugelernten Sprache an (Normannen französisch, Juden).


21


Etymologie: Die Neigung, jeden antiken Namen für echt griechisch oder römisch zu erklären, wenn er sich aus dieser Sprache erklären läßt, ist verhängnisvoll. Im Gegenteil sollte jeder Name verdächtig sein, der sich allzu gut erklären läßt, verdächtig nämlich der Volksetymologie. Namen wie Mailand, Nimwegen, Braunschweig, Neumagen sind echt deutsch, nicht wahr? (Aber genauso steht es mit Eteokles, Diomedes etc., die alle an geläufig griechische Wortelemente angeglichen sind, ohne Rücksicht auf den Sinn. Kein Grieche[432] wird seinerseits so alberne Namen wie Alexander, Eteokles gebildet haben. Ebenso unterliegen die Endungen der Sprachmode: früher sagten wir Japanesen (Chinesen, Indonesen), jetzt Japaner (Amerikaner). Agamemnon ist Memnon angeähnelt. Stets an geläufige Wörter, vor allem Wortenden, ohne Rücksicht auf den Sinn.


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›Griechen‹: Es handelt sich in Wahrheit um zwei Fragen: Wer waren die hellhäutigen Schwärme, welche die Oberschicht der meisten Griechenstädte gebildet haben, und wer waren die Bringer der Sprache oder der indogermanischen Mundarten, aus denen später die griechischen Dialekte entstanden sind? Die Eroberer im 2. Jahrtausend, immer neue, Wikinger, Landfahrer, Räuber- und Bauernschwärme, waren ohne Zweifel vielsprachig und von sehr verschiedener ›Rasse‹. ›Griechen‹ gab es überhaupt noch nicht, denn jedes Volk wird erst auf dem neuen Boden das, was es dort ist.

Die Sprachen, welche man schon als urgriechisch bezeichnen könnte, sind aber sicher erst im 12./9. Jahrhundert und durch dicht aufeinanderfolgende Schwärme landhungriger Siedler mitgekommen. Die Eigennamen bei Homer und [in] Chatti sind nichtgriechisch, auch wenn sie durch Volksetymologie im Munde der Sänger längst griechische Prägung erhalten haben: Andreus, Agamemnon, Eteokles, Alexander sind ebenso an gewohnte Wortklänge assimiliert wie Etzel, Bern (Verona), Mailand.


23


Einen hellenischen Dialekt sprach ein Teil der Bevölkerung des Peloponnes, der von libyschen Achäern unterworfen war. Diese Sprache der Bauernschicht hielt fest und setzte sich durch. Es war der arkadisch-cyprische Dialekt. ›Achaja‹ entsprach vielleicht dem ganzen Peloponnes. Zuletzt blieb der Name an der Nordküste hängen. Aber wenn in Unteritalien der Name Achaja herrschend wurde, so war das sicher, weil er Seefahrer überhaupt bezeichnete. Ein Achäerzug in[433] diesem Sinne war der Überfall auf Troja. Das Ereignis selbst, die Eroberung einer Königstadt durch ein Heer, hat vielleicht ganz woanders stattgefunden. Im wirklichen Troja saß nur ein Seeräuberhauptmann.

In die Sage wurden allmählich alle Seevölker hineingezogen. Liste der Trojanamen. Das geschah vor Homer, vielleicht im 12./11. Jahrhundert, wo die Erinnerung an diese wilden Völker noch lebendig war und in alten Liedern erklang. Die Namen Agamemnon, Odysseus, Priamos sind sicher echt. Ebenso die Namen der Teukrer, Dardaner etc. Vielleicht auch das innerrussische, iranische Reitervolk der Amazonen, bei denen vielleicht wirklich gelegentlich Weiber mitkämpften, wie bei den Germanen, Turkmenen, [in] Novilara.


24


Man hat sich unter den Kennern der frühgriechischen Geschichte längst den Kopf zerbrochen, wie die süditalienische Küste zu dem Namen Großachaja gekommen ist. Denn die Kolonie dort wurde von Joniern, Spartanern etc. angelegt (genauer!), unter denen der Name Achäer nicht üblich war. Aber er kam überhaupt nicht in Gebrauch, außer für zwei kleine Landschaften (Thessalien, Peloponnes). Homer hat ihn mit den Sagengestalten von Mykene übernommen, schon im jüngeren Epos (Odyssee) wird er selten. Im 7. Jahrhundert wäre es keinem Hellenen eingefallen, sich als Achäer zu bezeichnen. Also ist vielleicht die Möglichkeit zuzugeben, daß der Name schon vor den hellenischen Koloniegründungen an der Küste haftet, d.h. daß dort ebenfalls im 12. Jahrhundert Aquivascha hier und dort gelandet sind und ihren Namen hier und dort hinterlassen haben. Der Name kann im Laufe der Jahrhunderte eine ganz andre Form erhalten haben und wäre dann von den Joniern mit der homerischen Form Achäer wiedergegeben worden (vgl. Galizien). Möglich ist es, daß die Gruppe der Aquivascha überall landete, von Apulien über Pylos, Tiryns bis Orchomenos (vgl. Normannen), daß der Name, dessen Sinn wir nicht kennen, auch auf andre Stämme von derselben Furchtbarkeit[434] angewandt wurde – was ist alles Wikinger genannt oder Goten! Ihre Versuche in Kleinasien wurden dann von Hethitern vereitelt. Eine stolze Höhe erreicht der Stamm, der die Argolis erobert.


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[Sardes] Stadt ›lydisch‹ (Herbig, Reallexikon III, 138). Es wird eher Burg, Veste bedeuten. Eine Verwirrung ist entstanden, weil die griechischen Schriftsteller westkleinasiatische Sprachen mit deren Landesnamen zu bezeichnen pflegten, der zu ihrer Zeit der gebräuchlichste war, und die heutigen Philologen das kritiklos hingenommen haben. Die Inschrift aus Sardes gilt also als lydisch, weil die Griechen ein Lyderreich erlebt hatten, dessen Hauptstadt eben S[ardes] war. Aber diese Stadt, einst Hyde, hieß erst spät Swart (wie Sparta) nach einem Stamm Saparda, der dort vielleicht als Söldnerschwarm eine Rolle gespielt hat. Die Gegend kannten die homerischen Dichter auch als Maionien, der südliche Teil hieß außerdem Karien, der nördliche Asia (Hesione). Und wieviele Namen kennen wir nicht?! Wessen Sprache war also die der Inschriften von S[ardes]? Wir wissen es nicht. Die ›karischen‹ Söldner haben eine kleine Zahl von Graffitti hinterlassen, die also als ›karisch‹ bezeichnet werden, obwohl bei der Kürze nicht einmal feststeht, ob es immer dieselbe Sprache gewesen ist. Aber was heißt ›karisch‹?


26


Wenn Tavaglavas aus einer vorgriechischen, nichthethitischen, vielleicht einer der zahllosen verschollenen altindogermanischen Sprachen stammt, so könnte das – wegen des 2. Elementes glavas – auch von Herakles gelten (das ist schon vermutet worden!), also etwa Saraglavas. Hängt vielleicht damit der lateinische atavus oder der altitalische Herkuleskult zusammen? Dann wären Herk und Herak spätere Formen aus einer sehr frühen – ähnlich wie Odysseus und Ulixes. Ich behaupte nichts, ich frage nur. Gibt es noch mehrere alte Namen auf -kies? Tavanannas könnte also aus der Sprache der Herrenschicht stammen,[435] nicht aus dem sog. ›Hethitischen‹. Nur Hellenen, Germanen, Kelten haben zweigliedrige Namen(?).


27


Eteokles, [der Name stammt] aus einer der vorantiken Sprachen – sie könnte deshalb doch indogermanisch gewesen sein, aus einer ganz verschollenen Gruppe indogermanischer Sprachen. Vielleicht dem Element verwandt, welches die Kanzleisprache in Boghazköi – die nichtindogermanisch ist – so schlecht sprach, daß ihre eigne Flexion und ein paar Vokabeln in die Texte gerieten. Dann ist aber auch die Endung kies = glavas nichtgriechischen Ursprungs verdächtig wie fast alle episch-griechischen Namen dieser Art.


28


Mittelmeer, 3./2. Jahrtausend: Kein Zweifel: Die ägyptische Schiff-[fahrt ist] wirtschaftlich (staatlich organisiert, also bürokratisch, schwach) nicht bedeutend: Kafti, Byblos, Punt. Mehr Export als Privatunternehmen. Um so stärker [ist] die das ganze Mittelmeer beherrschende Schiffahrt ›atlantischer‹ Küsten und Inselhäfen: Tarsis – Elisa, Atlantis – Massilia, minoische seit 2000 in Syrien – Kanaan. Tart-essos. Odessos; Kuppelgräber. Turscha in Bethsean. Unsinn, [daß] der Sargonzug auch nur bis Cypern ge[kommen] sei – auf wessen Schiffen denn? Eine Gräberkultur in Kanaan von Westen her: Ain Schems, Bethsean, Gezer. Im Alten Testament das Antigoneverhalten der Rizpa.


29


Javones: Es hat einen starken Seehandel (und Seeraub) von Westkleinasien her gegeben, zwischen dem Zusammenbruch der Kaftiwelt und dem Aufkommen des ›hellenischen‹ orientalisierten Handels, mit einer nichtgriechischen Sprache. Als die antike Kultur seelisch begann, eine neue Einheit zu werden, und zwar von Etrurien bis Cypern, war[436] zunächst die neue Herrenschicht grundbesitzend, [ein die] Bauern und Städter beherrschender Adel, der den Handel verachtete. Das gilt von Turscha und Pelasgern ebenso wie von den griechisch sprechenden Geschlechtern der Ägäis. Der Handel, so gering er war bis ins 6. Jahrhundert, wurde also zum großen Teil von Bevölkerungselementen getrieben, die unterworfen und verachtet waren, in Italien von den Trägern der ›etruskischen‹ Sprache, in Jonien von Kafti und Kleinasien. Kriegeradel gab es vom nordeuropäischen Schlage in Italien und Hellas, der den dorisch-nordwestgriechischen Dialekt und das Italische ausbildete. In Jonien hat er keine Rolle gespielt. Es gibt kein einheitliches Griechentum. Das ›Mutterland‹ mit seiner Herrenschicht verstand die jonischen Pelasger seelisch nicht. Sie glichen den ›Etruskern‹, d.h. deren Oberschicht, die sich seit dem 8. Jahrhundert aus Turscha und Rasena bildete und Handel trieb.


30


Ares, Laran, Mars: Einen spezifischen Kriegsgott haben solche Völker nicht. Der Krieg ist viel zu selbstverständlich: ebenso, daß alle eigenen Götter im Kriege helfen. Arne (nach Noack die Festung Gla, Böotien) [ist] ein häufiger Burgname. Vielleicht mit Ares verwandt, der vor allem in Böotien wichtig war? Überall haben sich die Namen Mars und Ares an alle Fruchtbarkeitsnumina geheftet, also das Prinzip männlicher Kraft, oft neben dem entsprechenden weiblichen Numen der fruchtbaren Erde. Erst mit Homer wird Ares der ›Krieger‹ – aber auch Apollo, Artemis, Athene sind [Krieger].


31


[Im] 8. Jahrhundert [erscheint] Saparda neben Skythen und K[immeriern]: Das sind die Leute in Sardes, deren Heername Lyder war (wie Römer, Quiriten). Ebenso Spartaner und Lakedaimonier. Saparder, Sparten, Sparta [ist] eine Namensgruppe, die wohl im 11. Jahrhundert [sich bildet]: Homer kennt Sparta, [nennt] aber Sardes stets Hyde.[437]


32


Saparda, Sardes: Die Gräber [wurden] also offenbar von den Leuten des Gugu (Mermnaden, von denen der Name Lyder stammt) angelegt. Alles westliche Kriegergeschlechter. Die Saparda [waren] alle Reiter (Söldner), Herren geworden: Sie nannten Hyde die Sapardastadt.


33


Auch die ›Lyder‹ [waren] sicher sprachlich den Karern gleich, während ihr Volksname phrygisch ist. Die Priesterfürsten in Olbe (Kilikien) [haben] ständig die Namen Aias und Teukros (Archäologisches Jahrbuch 1909, Anzeig. S. 435), hellenisiert aus Jan- und Tarku.


34


Die massenhaften Kriegerstatuetten aus Blei mit Rundschild in Sparta, etwa 1000–700. Was bedeutet das? [Sind sie] ›dorisch‹? Woher [kam] das Blei? Wo [kam es] sonst [vor]? Sparta, Saparda, Sparten.


35


Wenn Pel-oper = Pel-asger, Pel-eseti (Wurzel Pelas?), waren dann vielleicht die Träger des ›arkadischen‹ Dialektes diese Leute? Enaksöhne? Die z.B. die Achäernamen führten? Was bedeutet dann die Verteilung der Dialekte? Nicht Sprachen wandern, sondern sprechende Menschen, die die Sprache wechseln, verderben können. Die für uns namenlosen Eroberer von Lakonien mögen fünfhundert Mann stark gewesen sein. Die Bewohner des Landes vielleicht 3000, Amyklai, Sparta vielleicht zweihundert.

Der Name Dorer haftet in Argos, Sparta [ist] vorgriechisch. Die Leute nahmen triumphierend den Namen des eroberten Hauptsitzes an. ›Dorer‹ ist erst später parteipolitisch Mode geworden. Kennt es Herodot überhaupt? Und Homer? Die dorischen[438] Mundarten [haben sich] erst durch nordische Stämme aus der vorgefundenen Sprache entwickelt, wie die Franken das Romanische zu ›Französisch‹, die Normannen das Sächsische zu Englisch, die tatarischen Bulgaren das Slavische [zu Bulgarisch umformten].


36


Die sogenannte orientalisierende Periode (8. Jahrhundert), die auf die geometrische folgt: Es ist der Unterschied der dörflich-bäuerlichen Ritterzeit, wo es noch keine Städte gab, und der beginnenden Verfeinerung in Handelsstädten (Patriziat). Die jonisch-phönikisch-etruskische Patrizierkultur ist eine Einheit, nicht wie Poulsen glaubt, von Tyrus übernommen. Überall ägyptisierend – wie im Abendland seit den Kreuzzügen die späte islamische Zivilisation auf die Gotik Einfluß nahm.


37


Aufstieg der antiken Völker: Jonier [sind] ein Volkstum für sich. Verschiedene Stämme asiatischer und afrikanischer Herkunft. Viele vorgriechische Sprachen, dann Kafti, Seevölker, Saparda, ein G[emisch] von Namen (Volks-, Land-, Stadtnamen), dann in den Handelsstädten ein hellenisches Patriziat, dessen Sprache nicht ausschließlich, aber doch als Verkehrssprache herrscht. Hier, wo hethitische, babylonische, Kafti-, ägyptische Dinge bekannt waren, entstand die jonische Säule (Musasir), ein Mischstil wie der phönikische und etruskische. Alle drei [sind] patrizisch. Kaufmannsgeschmack; Wissenschaft, Geschichtsschreibung, Auflösung des Heldenepos in den Reiseroman (Odysseus).

Auch politischer Gegensatz der Jonier gegen die übrigen Griechen, Perserzeit. ›Später Nationalismus‹ führt zum Aufstand. Seit wann fühlten sich die Jonier als ›Hellenen‹? Läßt die Phyleneinteilung auch den Unterschied des hellenischen Patriziats in andren Teilen erkennen?[439]


38


(Nachdem Javones = Japhet gezeigt worden ist:) Nach der wilden Zeit der Seevölker, die ganz ohne Zweifel alle Küsten geplündert, ausgemordet, zeitweilig besetzt hatten, regten sich die Reste der seefahrenden Familien in den wichtigsten Emporien wieder. Es muß noch einige Kaftigeschlechter in Milet gegeben haben. Aber anderswo waren es Leute aus den griechisch sprechenden Nordstämmen, die die Seefahrt lernten. Ein Mittelpunkt dieser jungen Seefahrerkreise lag im Bereich von Böotien – Euböa – Südthessalien – Nordattika etwa. Von da fuhren sie von einer Insel zur andren und setzten sich endlich an einigen Punkten der Javoneswelt fest – etwa Etrurien etc.

Es ist Unsinn und zeigt den Mangel geschichtlicher Anschauung, von ›Wanderung‹ infolge ›Überbevölke rung‹ zu reden. Es sind zunächst sicher nur ein paar tausend gewesen, die sich vielleicht infolge der wüsten Ereignisse der ›dorischen‹ Wanderung bedroht fühlten. Sie kamen herüber, vielleicht gern gesehen, tapfer, weil es sich um ihr Leben handelte. Sie waren in den alten Emporien die Schützer, und ganz langsam begann ihre Sprache die Handelssprache zu werden, dann die Umgangssprache der werdenden ›Städte‹. Auf dem Lande hat das Jonische sicherlich noch zur Zeit Herodots keine Geltung gehabt. Der alte Name der Jonier blieb an den Handelskreisen haften, in griechischer Aussprache vielleicht.


39


Karthago [ist] seit 700 mächtig, Schutzmacht der phönikischen Siedlungen, gründet ein Reich, wendet sich gegen die Jonier, die das Tyrrhenische Meer und Massilia beherrschen. Mit und gegen die ›Etrusker‹, d.h. die südetrurischen Häfen und Rom. Der Vertrag von 509 wird ebenso auch mit Caere und Tarquinii geschlossen sein. Karthago, erst 804 gegründet, ist die erste Stadt mit antikem Staatsgeist und semitischer Sprache. Alle andren sind Mächte, Städte. Von Anfang an jonisch-dorischer Einfluß.[440]


40


Wenn es richtig ist, daß die Namen Athen und Attika, Assuwa, Asia identisch waren, dann müssen die Beziehungen zwischen den Ufern der Ägäis sehr alt sein. Da es dort also Seeverkehr gegeben hat, wäre die Eroberung der kleinasiatischen Küstenorte von Attika her durch griechisch sprechende Expeditionen auf Grund dieser Beziehung erfolgt, vielleicht auf Grund von inneren Kämpfen in Javonien, wo eine Partei die griechischen Kämpfer drüben zu Hilfe rief, in Sold nahm oder dergleichen.


41


Athene [ist] eine allgemeine hellenische Göttin in der Ilias. Sie kann also kaum nach einer Stadt heißen (aber Hera von Argos, Pallas von Athen?). Wenn aber Attika, Athen (Assuwa) nach der Göttin heißen soll, wird es noch schwieriger. Wäre [dann] Hesione etwa Athene?


42


Wenn Sara und Milka ([zu männlich:] Sar, Melek) harrische Göttertitel sind (Melchisedek, Abimelek), dann kommen sie in Hellas vor als Hera, Zeus, Meilichios (usw.). Meilichios – Melek; Dephinios – Telibinus. Sipylos, Sibylle – Subbiluliuma.


43


Die ›jonisch‹ sprechenden Hellenen brechen etwa im 12. Jahrhundert dort auf, in der Zeit des Sturzes von Chatti, [wurden] vielleicht zuerst in Kriegen zu Hilfe gerufen, dann die Herrschaft in einigen Städten unter Condottieri an sich nehmend (Phyleneinteilung). Die hellenische Sprache [war] zunächst nur die der kleinen Herrenschicht in diesen Städten, neben sehr vielen andren (darunter Kafti? Das später so genannte Lydische, Karische etc.). Das Gebiet behielt den alten Kaftinamen.[441]


44


Griechische Kolonisation: Man hat scharf zwischen zwei Kolonisationen zu scheiden, die besser anders genannt werden. Die erste ist eine Landnahme: die fremde Stadt wurde zerstört, unterworfen, die Einwohner [wurden] zum Teil ermordet, die Weiber in den eigenen Harem genommen: Hier ist Heroismus das Motiv. Herodot 1,146: Andeutung des Hasses der Unterworfenen. Von ihnen blieben Unterschicht, Name, Kulte, Sitten. Vor der planmäßigen Eroberung [lag] sicherlich schon achäische Einzeleinwanderung. Das ganze Handwerk blieb in den Händen vorhellenischer Schichten. ›Den Siegern die Ebene, den Besiegten das Gebirge!‹ Nach der Landnahme entstand der feindliche [Gegensatz] zwischen der Küste und dem inneren Kleinasien, so daß die hethitischen Verkehrsbahnen abgesperrt wurden: die ägäische und die kappadokische Welt für sich, Voraussetzung für die Geschichte von Urartu, Phrygien, Assyrien – und für die Westexpansion der Griechen. Der Stil dieser Kolonisation ist vorgriechisch, ebenso Namen, Bahnen, Tendenzen.


45


Herakles [ist] ein Bauernideal: Durch Mühe und Arbeit zum Gott werden (Wilamowitz 11,241 Heldensage). Achilleus [ist ein] Ideal der erobernden Stämme: Ehre und Schlachtentod. Odysseus Seevölkerideal: listig, händlerhaft. Herakles: dorisch, bäuerlich, tumb. Achilleus: äolisch, ritterlich. Odysseus: tyrrhenisch, seeräuberhaft. Odysseus [ist] vor der Ilias der Burgenbrecher, Pirat; nachher [ein] fliegender Holländer.


46


Tartessos, Etrusker, Seevölker: Die Griechen [sind] keine ›geborenen‹ Seefahrer, [sondern] Landratten. (Wilamowitz 224.) Sie nahmen die Schiffe der unterworfenen Völker. Ihre Seefahrt [war] nur Nachahmung derjenigen des 2. Jahrtausends. Kolonien [sind] nur Wiederaufbau[442] älterer Handelsplätze. Die Seeleute [waren] meist die unterworfene Bevölkerung. Seit 800 schwindet das Interesse, die Kühnheit langsam. Hätte die euklidische Antike den geringsten Willen zum Entdecken, zum Erobern in der Ferne gehabt, so hätte sie die Kenntnisse des 2. Jahrtausends ausgedehnt, statt darüber Märchen zu erfinden.


47


Das hohe Lied der Täter. Heldenzeit. Die unermeßliche Sehnsucht des Gerichtetseins auf Taten. Die Ausdehnung erwacht kaum. Richtung ist alles. Das stürmt vorwärts, in die weite ahnungsschwere Welt hinein und ebenso in das Leben. Die Gefahr ist die Luft, in der man lebt. Der tägliche Anblick des Blutes auf klaffenden Leibern, das tägliche Hören, wie das Schwert einschneidet, wie Stöhnen und Röcheln ein Leben beschließt. Dahinter etwas Unergründliches, als ob das alles ein Geheimnis ausspreche – und das Ahnen nun wieder in ein Bild von Göttern umgesetzt. Wenn man die Art und Richtung dieser wilden Seefahrt kleiner, mannhafter Schwärme kennen will, muß man dieses Ethos der Fahrenden kennen, unter einer warmen Sonne, einer nie vorgeahnten Heimat von Azur und Atlas, ein tägliches Märchen, ein jauchzender Überschwang südlicher Natur. Incipit tragoedia: hier unten saß eine andre Menschheit, seelisch eine Schöpfung des altbesessenen Bodens. Die Seele der Fahrenden wehrt sich – und erliegt. Dieses Schauspiel ist das, was wir Geschichtsbild antiker Kultur nennen. Das gewaltigste Symbol steht in ihrer Mitte: Aischylos' Orestie, und hier hat Bachofen gesehen, was in der Welttiefe lag. Das Vaterrecht siegt, Apollo! Aber dieser Sieg ist eine Niederlage. Apoll bändigt Dionysos, aber es ist doch der gebändigte Dionysos, der der folgenden Zeit als Symbol voransteht, die Bande werden loser in den größer werdenden Städten. An einer andren Stelle: in Rom ... Da fallen sie: die Kaiserzeit beginnt, dumpfes Fellachentum, urtümliche Erd-Sonnenkulte, Verzicht, Erlöschen.[443]


48


Antike:

1. Kapitel Urzeit. Hier die Geschichte der Seele. Die kosmischen Ströme des Pendelschlages. Mensch, Tier und Pflanze. Wälderzeit, Steppenzeit. Uralte Handelsbahnen. Die erste ›Persönlichkeit‹: der Pfadfinder dieser Wege. Der Handel war heilig. Der große Geber und Vermittler. Die Idee des Gastfreundes [ist] uralt. Die ewigen Gäste von Horde zu Horde. Die idealen Nomaden. Gewaltiges Bild vom Erwachen der Menschenseele, als deren Skelett die Steinzeit dasteht. Frobenius zeigt nur Karten, ich aber die ›Richtung‹ in die Zeit und Zukunft. Hier beginnt der Bogen. Also was wandert? Was ruht?

2. Seevölker. Mystischer Zug zum Süden, zur Sonne. Die Seele solcher Männerschwärme. Hier das Ideal der Kameradschaft, des Vaterrechts. Hier ein gewaltiger Umriß des Seelenbildes, dessen Kreuzung mit dem Vorgefundenen [das] Auftauchen und Welken der ›Antike‹ ist.

Parallele der Antike und Indiens, die hier von gleichen Wanderschwärmen befruchtet werden. ›Arier‹, Feuerbestattung. Arya und Agathoi. Helden. Stoa und Buddha – Minos, Drawida und Reaktion.

Die ›Rassen‹: Seit wann sieht man in Ostasien ›mongolisch‹ aus? Das ist nicht Knochenbau, sondern Ausdruck.

Ihr Weltbild. Der Mythos war da. Er ist urnordisch, turanisch. Von China bis Irland. In China verdunstet er, im Westen werden Reste zu einer ›Mythologie‹ umgebaut.

3. Apollo und Dionysos. Homer. Geburt der antiken Seele. Gegenseele. Überall so aufteilen.

a) Die innere Form der Seele. Ihr Ausdruck in Grab und Haus, Form von Stamm, Stand, Sippe, Familie, Sitte. Mit der Schicksalsempfängnis (denn Geschichte ist das Abbild dessen, wie man Schicksale trägt). Imitation (›Tanz‹).

b) Das Verstehen. Werkzeug, Mythos, Moral, Ornament (›Kunst‹). Zu b) gehört die Sprache, nämlich Namenschatz und grammatisches System, die nicht fest verbunden sind. Umgestaltung durch die[444] Rasse, nämlich Aussprache und Syntax. Menschenschlag und Dialekt durch Kreuzung. ›Dorisch‹.

Namenschatz: Polynesische und arische Grammatik: Basken und Indien. Seevölker (Eisen) ins Mittelmeer und Rossevölker nach Indien, von da nach Mitanni, wo sie die Pelasger treffen. Goliath der Pelasger.

Den Wortschatz der Seevölkersprache kennen wir kaum noch. Zu den alten Namen gehören Pelagos, Goliath etc. Mit der apollinischen Seele entstand eine neue Namengebung, auch in Etrurien. Ohne Zweifel seit 1100 geographische Lautverschiebungen.


49


Antike: Wenn Wissowa sich gegen die Minerva Akropolis [äußert], so ist das philologisch richtig, aber religionsgeschichtlich falsch. Das auf der Akropolis verehrte Numen war allerdings nicht identisch mit der Minerva auf [dem Kapitol]. Aber ebensowenig war sie identisch mit der Athena des Epos. In Rom und Athen sind die Kulte rein örtlich und staatsmäßig gebunden ohne jeden Zusammenhang mit der großen frühen Mythologie.

Diese Verknüpfung ist vielmehr literarischer Herkunft und war, sagen wir seit 500 v. Chr., Gemeingut der Gebildeten. Aber das gilt nur noch für Rom. Es ist ganz zweifellos, daß die homerischen Gedichte, die in äolischem und jonischem Gebiet entstanden sind, aus der vornehmen ritterlichen Kultur längs der Ränder des nördlichen Ägäischen Meeres, sehr bald nicht nur der dorischen Ritterschaft von Kreta bis Sizilien und Unteritalien geläufig waren, sondern auch dem etruskischen Adel.

Dafür zeugt nicht nur die etrurische Version schon in der Odyssee und [bei] Hesiod, sondern auch eine Namensbildung wie Ulixes. Homer ist am Tyrannenhofe der Tarquinier ebenso bekannt gewesen wie an dem des Peisistratos. Und die echt antike Beziehung dieser Mythen auf die Numina der örtlichen Kulte ist überall erfolgt, in Athen, Sparta, Rom, Veji (Vasen!). Was uns an römischen Dichtern auffällt, ist genau dasselbe, was überall erfolgt ist. Es ist ganz sicher,[445] daß die spurlos verschwundene etruskische Dichtung, von deren Vorhandensein wir Zeugnisse genug besitzen, die etruskische Minerva schon 500 mit der Athene der trojanischen Sagenwelt verbunden hat, um dieselbe Zeit, wo dasselbe mit der Athena in Athen geschah. Es ist sehr bedauerlich, daß die Sprachgebung ›Antike Geschichte‹, die in Goethes Zeit sehr eingebürgert war und es heute noch z.B. in Frankreich ist (Fustel), durch Mommsen beseitigt wurde. Erst seitdem sind wir gewöhnt, Griechisch und Römisch wie zwei Welten statt einer zu behandeln.


50


In der Vor- und Frühgeschichte der antiken Religion hat man zu unterscheiden (sorgfältig!): die Götternamen – sind sie ortsgebunden oder eingeführt, gehören sie der Sprache der Verehrer an, oder welcher sonst? So der Zeus – Jupitername altnordisch, Aphrodite vielleicht achäisch, Artemis dorisch? Dann die Numina! Die alteinheimischen am Orte, dann die der eingesessenen Bevölkerung, die nicht am Orte, sondern an der Tradition der Menschen haften, endlich die mit neuen Menschenströmen ins Land kommenden. Alle diese Numina gehen Neubildungen ein, und es fragt sich nun wieder, wie es mit den Namen dafür wird.

Endlich ist ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Volksglauben, der u.a. in den offiziellen Stadtkulten, z.B. Roms, einen Niederschlag findet, und der Religion höherer Ordnung, die sich seit 1100 im Priestertum bildet und zu einer Philosophie und Weltanschauung führt. In beiden verläuft die Entwicklung sehr verschieden. Z.B. kann trotz Wissowa ›Juno‹ im römischen Staatskult ein Hausnumen (Genius), im höheren Glauben die weibliche Gottheit [neben] Jupiter bedeutet haben.

So hat man den altnordischen Zeus (z.B. Orakel von Dodona) sehr zu unterscheiden von der kretischen Gottheit, welche diesen Namen erhielt – von den Achäern, also [den] Seevölkern.[446]


51


Zeus – deivos um 2000.

a) Substantiv djaus – Zeus – dies, diespiter.

b) Adjektiv deivos: das Göttliche – tiwaz – Ziu – Tyr, deus.

Auch Slaven und Litauer hatten den deivos, tien, tinia. Der alte Donner-, Gewitter- und Eichengott (die Eiche zieht den Blitz an, ›vor den Eichen sollst du weichen‹). Zeus Keraunos. Litauisch Perkunos, Perkus (lat. quercus), später Perkunas. Slavisch Perun (Donner). Eiche: hängt das mit Zeus Herkaios zusammen? Dodona! Dann wäre Herkaios später umgedeutet in Schirmer des Hauses, als das indogermanische Wort für Eiche wie im Litauischen und Slavischen verschwand. Brückner (Chantepie II 520) nimmt als litauisch-slavische Stufen an: a) Perkunoszeit. Jupiter tonans. Keraunos; b) Dazbogzeit. Sonnenkult; c) seit Metallzeit Feuerkult. Japan, Ainoschicht. Sonnengöttin.


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Hephaistos, vorgriechisch, in Lemnos. Athen: Poseidon (Erechthonios) das ältere, Athene das jüngere Numen. Poseidon, ursprünglich nicht Meergott, ist urgriechisch, haust auf der Burg (1400) so wie auf dem Panionion, dem jonischen Bundesheiligtum. Für den Urhellenen des 2. Jahrtausends ist vielleicht Zeus [die] Himmelsgewalt, Poseidon [die] Erdgewalt (Erschütterer), beides Numina der Tat, [der] Kraft, des Willens! Athene siegt erst in Athen, als sie bereits Stadtgöttin und Poseidon schon Meergott ist, also späthomerisch. Athene gehört zur Rasenaschicht!


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Athene: Die ›minoische‹ Athene ist eine Muttergottheit, vor allem in Kreta, in Hieraphythra sind die Korybanten ihre Kinder. So erscheint sie in Ephesus, Priene, Milet, im homerischen Troja. Erst die Griechen haben aus ihr (Standespoesie) die lanzenschwingende Jungfrau gemacht. Tritogeneia, Athene und Triton – libysch? Hat mit ›3‹ nichts zu tun.[447]


54


Hellenen: Der Name hat sich wohl deshalb von dem kleinen Stamm des Achill über alle andren verbreitet, weil seine sagenhaften Fürsten Peleus und Achilleus die berühmtesten waren (so wie der Achäer Agamemnon vorher). Damit wurde der Zeus vom Olymp der Herrengott der Herrenschicht. Ihr Ahnenstolz ließ, zwischen Homer und Hesiod, die Skaldenzunft, alle Fürsten von Zeus abstammen. Das war der antike Ausdruck für ›Uradel‹. In Thessalien (äolisch) muß die ›Troubadourzeit‹ ihren Mittelpunkt gehabt haben, und die jonische Zunft Homers hat erst den Abschluß gebildet mit Beginn der Schrift. Alkaios [ist] der letzte äolische Ritter und Troubadour, Archilochos und Simonides [sind] die ›jonischen Dichter‹. Am Hofe des Sonnenkönigs Peisistratos blüht die orphisch-mystische Hofpoesie. Athene (Kuh, Vogel, Schlange) [ist die] mykenische Hausgöttin: Das Palladion ist das heilige Bild, mit dessen Entwendung das Numen aus dem Palast entweicht. Apollon (Namenstyp wie Sarpedon) ist Lykier, den Griechen vor Troja erbittertster Feind, später als Krankheits- und Heilgott rezipiert. Hera vor allem bei altjonischen Stämmen. Poseidon in Thessalien, Arkadien, Böotien Pferde- und Erdgott, dazu von Libyen her Meergott.


55


Vor antike: ›Römer und Griechen‹. Landkartenbild.

Sturz der Tarquinischen Gens durch eine kleine Gruppe führender Familien. Es gab stets einige Geschlechter mit demokratischer Neigung: Alkmäoniden. Agiaden? Ämilier?

Übrigens heißen die Könige in Sparta nicht Basileis, sondern [Archageten]. Das läßt tief blicken (= consul). Das 5. Jahrhundert in Rom kannte Parteikämpfe in Form von Ämterschaffungen. Zuerst Praetor-Judex, dann Tribun, dann staatsstreichartig die Dezemvirn, Konsulartribunen. Ist der Konsultitel erst aus ›consulari potestate‹ hervorgegangen? Und woher stammt das?[448]

Epoche der Geschlechterfaktionen. Viel später erst ›Parteien‹. Der Adel [ist] durch die Phylen der Polis verbunden. So [ist] Porsena, der Rom nimmt, ohne Zweifel mit [den] Tarquiniern verbunden, vgl. Kleomenes nach dem Sturz des Peisistratos. Ebenso die alte Verbindung Cumä – Rom, Sparta – Syrakus, Marcius – Coriolanus.

Mommsen [ist] schädlich: 1. formal statt historisch (siehe die römischen Ämter, bei denen ihn die Kompetenz interessiert), 2. irreligiös: Religion als formale Staatssache, 3. antigriechisch: er hat den Zwiespalt zur Methode gemacht.

Mit dem Sieg der Polis hört das früher ganz allgemeine Conubium innerhalb der Phylen von Stadt zu Stadt auf.

Ich kombiniere politisch, nicht philologisch, und darüber [hinaus] seelisch religiös, nicht philologisch. Tatsache ist, daß die Poleis ein Eigenleben führen, und um so entschiedener, je reifer sie sind. Die etruskische Stadt hat ebensowenig wie die dorische eine politische Einheitsmacht gebildet. Andrerseits geht das Familieninteresse der großen Geschlechter durch Phylen so hindurch wie später das Parteiinteresse.


56


Antike, Probleme und Methoden: Jede Betrachtung der politischen Struktur muß von der Kernfrage des agnatischen Geschlechtes ausgehen. Der einzelne bedeutet wenig, und das Ganze ist eine Summe, keine Einheit. Hier ist die Grundform. Nur durch die Phratrie gehört der einzelne zur Phyle, nur durch diese ist er Teil des Staates.

Und so ergibt sich, was mit dem altertümlichen Namen der Dorer, Jonier, Etrusker als Form nie gemeint sein kann: keine ›Nation‹, sondern die Summe der adligen Phylen. Die Namen stammen aus stadtloser und deshalb rein adliger Zeit. Was außerhalb der Phylen existiert, ist Anhang und Objekt.

Plebs. Bis 350 handelt es sich um sehr reiche Kaufmannsgeschlechter, die in den alten Grundadel eindringen wollten. Patres und Plebs [entsprechen] landed and funded interest.[449]

Religion: Wissowa sagt: Aphrodite ist Venus. Das ist richtig, aber es gilt von der gesamten Altertumswissenschaft. Sie hat überall Religion mit Literatur verwechselt, und der berühmteste und schlimmste Fall steht am Anfang: Homer. Es muß durchaus versucht werden, die antike Religion unter Ausschluß von Homer zu gewinnen.


57


Die beiden spartiatischen Könige hießen ursprünglich Archageten. Das klingt wie ein Titel in der Art des athenischen Archon und des römischen Prätor. Ist das ursprüngliche Könighaus wie anderswo vom Adel gestürzt und aus zwei führenden, gleich mächtigen Geschlechtern je ein Statthalter bestellt worden, der allmählich den Königstitel, aber niemals auch nur entfernt Königsmacht erhalten hat? Die römischen Konsuln besitzen von sich aus Vollmacht. Ebenso muß in Rom schon vor 600 der Prätor dem König gegenübergestanden haben, vor den Tarquiniern.

In der Phäakenstadt regieren 12 Archoi mit dem Königstitel neben dem eigentlichen König. In Athen sollen die Kodriden auf die Königswürde verzichtet haben, um Archonten zu werden. Die vier ›ersten‹ römischen Könige – vor der Tyrannis – tragen etruskische Namen. Da in diesen wenigstens 200 Jahren eine viel größere Zahl von Persönlichkeiten an dem Schicksal der Stadt beteiligt waren, so müssen diese Namen, die sehr altertümlich und doch wohl alle echt sind, aus irgendeinem Grunde in der sagenhaften Erinnerung haften geblieben sein: Numa vielleicht wie Teiresias als Heiliger und Priester, andre vielleicht durch die Macht des Geschlechtes von gleichem Namen. Aber es ist zweifelhaft, ob der Name Numa wirklich der eines Königs war.


58


Es ist möglich, daß in Sparta die Ephoren 754 eingesetzt wurden, aber selbstverständlich nicht mit der Allmacht, die sie zur Zeit der Perserkriege besaßen. Als die Archageten den beiden Adelshäusern die[450] Königsmacht wirklich gesichert hatten, war die Eifersucht der andren wohl erklärlich. Ephoren gab es auch in anderen dorischen Staaten sehr früh. Zwischen 700 und 500 muß dann die Macht von den Archageten auf die Ephoren hinübergeglitten sein, womit jene die natürlichen Anwälte der Nichtadligen wurden und in die Rolle der Tribunen gerieten.


59


Antike: Wie eng noch um 700/600 diese ganze Welt sich verbunden fühlt, zeigen die italisch-etruskischen Angaben bei Hesiod und Herodot. Nicht nur, daß sie eine genaue Kenntnis der italischen Lage und Tradition selbst in Böotien verraten; die Teilnahme daran muß so groß gewesen sein, daß die Erwähnung gerechtfertigt war. Aber dann folgt die Seesperre [durch] Karthago (500?); daß die antike Welt sie geschehen läßt, ohne gemeinsam dagegen aufzustehen; daß sie so wenig davon sprach, daß man sie eigentlich heute als historische Tatsache erst entdecken muß – das beweist, wie euklidisch das antike Sein zunehmend wird. Und als dann die großen römischen Entscheidungen fallen: der 1. Punische Krieg – da ward selbst das Tyrrhenische Meer den Anwohnern des Ägäischen gleichzeitig genommen, und dieser Riesenkrieg kam ihnen kaum zu Gehör.


60


Was den antiken Mythus betrifft, so hat man einen volkstümlichen zu unterscheiden, der überall lebendig und in Wandlung bleibt, und einen großen der homerischen Zeit, der einmal entstand und seitdem erhalten blieb. Was den ersteren betrifft, so ist er überall zuhause, wo antike Menschen leben, in jedem Dorf, auf jedem Berge, in jedem Fluß, ob wir davon wissen oder nicht, in Rom so gut wie in Milet oder Tanagra. Und wenn von dem römischen behauptet wird, er sei literarische Mache nach berühmten Vorbildern, so ist ihm dasselbe geschehen wie jedem andren: in hellenistischer Zeit sind sie alle, soweit sie in der Nähe einer poetischen oder gelehrten Literatur vorkommen,[451] literarisch aufgeputzt worden, in Athen wie in Rom. Die großen Mythen aber knüpfen sich nicht an einen Ort oder ein ›Volk‹ sondern an eine Gesellschaft, und zwar in homerischer Zeit. Sie sind deshalb an fünf oder sechs Höfen zuhause, die um 1200 Mittelpunkt ritterlichen Lebens waren: dazu gehörten Sparta [und] Korinth ebensowenig wie Rom, aber sie sind später überall gesungen worden, gleichviel ob in dorischer, lateinischer oder etruskischer Sprache. Die Legende vom Raub der Sabinerinnen ist genauso echt oder unecht wie die von Midas, Lykurg [oder] Kodros.


61


Apollinisch [ist] die Weltanschauung der Herren, dionysisch die der Besiegten, die des ›Landes‹, die mit der Tyrannis wieder hervorbricht. Nicht zu verwechseln mit orphisch, der größten Priesterreligion der Antike.


62


Antike: Auch hier die großartige Geschichte als Kriegsgeschichte schreiben (Delbrück). Es beginnt mit Ajax. Die Bauernlegionen. Die allgemeine Wehrpflicht der Bürger, an welcher das Heldentum (wie an den Massenheeren des Weltkriegs) stirbt: der geborene Kämpfer tritt zuletzt wieder in sein Recht, nicht der gepreßte. Die großen Momente menschlichen Heldentums auch hier. Thermopylen. Hannibal.


63


Urzeit: Schon hier muß man festhalten, daß von dem Augenblick an, wo nicht Schwärme sich ausweichen, sondern Völkerschaften Bevölkerungen unterwerfen, die herrschende Minderheit nur die Rasseformen wahrt: die politischen, dazu – für sich – die geschlechtliche Sitte und Form der Familie, den politischen Teil der Wirtschaft (Besitz, Recht auf Dinge), während Theorie und Technik in Religion, Kunst, Wissenschaft vorwiegend hingenommen werden als etwas, dessen[452] sich der Sieger bedient, das er z.T. achtet und fürchtet. Die Religion der homerischen Zeit war die vorantike, mit Kulten, Stätten, Mythen, Namen; die Religion der siegenden Geschlechter war in einigen nicht ortsgebundenen Zügen (Zeus!) die eigne alte. Die Religion der homerischen Gesänge ist das, was der Skalde in die Standespoesie mischen durfte, weil es in diesem Kreise geläufig war und in einer Form, die der Sitte des Kreises entsprach und also gefiel.

Die kriegerischen Götter und Göttinnen haben in keiner Religion wirklich existiert, weder hier noch in Indien oder Germanien; aber den Herren gefiel es so, und also wurde es so gedichtet. Ganz anders Hesiod; der erzählt, was sich aus der Priesterlehre der Tempel und dem Bauernglauben mischte. Heraklit und Aischylos, beide in alten Priestergeschlechtern aufgewachsen, kennen aber die uralten, vorantiken Priestertheorien in der damaligen durchdachten Fassung. Heraklit gibt sogar den sibyllischen Stil der Formeln wieder.


64


Familie, Phyle, Staat (Busolt 135 und 256): Diese Phylen sind in ihrer entwickelten Form – etwa 600 – etwas Einzigartiges, das nur antiken Menschen zukommt, hier aber auch nicht allen. Da wäre eine Untersuchung von Wert: Wann bildeten sich diese Phylen? Hat der Synoikismos sie erst zur Reife gebracht oder schon zersetzt? Welches ist ihr Ursprung? Lehren ihre sehr altertümlichen Namen etwas darüber? Ihre Summe stellt den Adel dar. Der Stamm ist aber älter. Es müssen sich in den Wikingerscharen solche Blutsverbände gebildet haben, die fest zusammenhielten mit Brauch, Namen, Conubium, auch als der Schwärm in weitem erobertem Lande saß. Ein Zeichen des Verfalls ist es, als sie lokal begrenzt wurden, bei neuer Landteilung oder durch Revolution wie der Tribus Roms (Ersatz der Blutphylen durch lokale in Sparta etc. Busolt 257). Sie fehlen in den äolischen und den meisten nordwestgriechischen (Thasos, Paros) Kolonien.

Zwischen Phyle (Tribus) und γένος oder πάτρα (gens, pater familias) stehen familienrechtliche Verbände, Phratrien (Busolt 133). Sehr tief[453] reichend. In Rom vielleicht bewiesen durch den wechselseitigen Austausch von adoptierten Söhnen! Welche Familien hängen da zusammen? Gemeinsame Kulte (Fustel, Münzer). Bei Homer: Ein Mann ohne Phratrie ist hostis (135). Die Phylen bilden den Urstaat (Lehnsstaat): 3 Tribus: Rat der Dreihundert (Rom); 4 [Phylen]: Rat der Vierhundert (Athen).


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Phylen: Es ist zu wenig gesagt, daß diese Blutsverbände überall ›vorkommen‹. Die ›Städte‹ jener Zeit sind nichts als gemeinsame Siedlungen von Phylen-Phratrien. Was sonst noch an ›Volk‹ da wohnte, kam um 1000 nicht wirklich in Betracht. Die ›Jonier‹ sind kein Volk, sondern ein Wort für die Summe der Edlen, welche den vier Phylen angehörten.

Die sogenannte phönikische Kolonisation: Bei Homer findet sich nicht einmal eine Andeutung phönikischer Schiffahrtsausdrücke, und ohne schwere Kriege würde man phönikische Verbände in diesen adelsstolzen Siedlungen der großen Phylenzeit nicht geduldet haben. Nein: als die Seevölker zur Ruhe gekommen waren und die antike Kultur ihren Aufstieg [erlebte], setzten sich phönikische Händler überall auf die Märkte, wie die spanischen Juden seit 1000 im Abendland. Sie mögen sich schon kleine Kastelle rings um ihre Warenhäuser gebaut haben, aber von einer phönikischen Staatshoheit oder gar [einem] phönikischen Staate kann keine Rede sein. Sie genossen den Schutz der mächtigen Könige, die diese Händler in Waffen und Schmucksachen zu schätzen wußten; sie haben manche semitischen Namen mit der Ware zugleich gebracht, vielleicht auch manchen Kult, wenn sie irgendwo ein Ghetto in größerer Zahl bewohnten. Diese Händler haben auch die Schrift – als Kaufleute! – mitgebracht; und wie ihr überlegenes Rechnungswesen – spätbabylonisch – diese Barbaren zur Nachahmung lockte, so auch die geistigeren Kulte. Man weiß doch, wie manche Kreuzfahrer ungezwungen dem islamischen Zauber erlagen – von den sizilianischen Normannen gar nicht zu reden. Aber Untertan blieben diese Händler den Königen von Tyrus und Sidon.[454]


66


Wichtig: Die Ähnlichkeit zwischen persischer und jonischer Architektur beruht nicht auf Entlehnung, sondern auf Entwicklung aus einer gemeinsamen Unterlage von Milet bis Persien. Das ist ein Beweis für den ›hethitischen‹ Charakter von Milet und Ephesus. Elamisches durch ganz Persien!


67


Antike: Wald ist Herrschaft der Pflanze über das Tier, Steppe umgekehrt. Umwelt der Menschen also damals wurzelnd, grün, später beweglich. Der Wald ist vor der Eisenzeit unangreifbar überlegen. Man weicht ihm aus, man fürchtet ihn. Tiere sind einzeln, der Wald ist ein Unendliches.


68


Antike: Untersuchen: [sind] die Sitze der antiken Heldensage – (Danaiden) der minoischen Kulte (Orchomenos) und die mykenischen Burgen identisch? Der Hexameter ist erst an den Adelshöfen entstanden (aus Seevölker- oder Eingeborenenmetren?) als Takt einer vornehmen Gesellschaft. Alle Heldenlieder sind in alten Maßen entstanden.


69


Der antike Tempel ist dorisch, zuerst bloßer Temenos, dann ein Viereck, erst viel später Megaron (noch nicht z.B. [der der] Artemis Ortygia in Sparta, [der des] Apollon zu Gortyn, kaum [der des] Diktäischen Zeus auf den Ruinen von Paläkastro, [noch das] Heraion auf den Ruinen von Tiryns). Diese Tempel auf dem Brandschutt der vernichteten Seevölkerstädte [sind] die ersten ›dorischen‹. Der ›orientalische‹ Stil des 8./7. Jahrhunderts bringt dann das elegant Patrizische der jonischen Säule hervor, mit feinen Anklängen an das Fremde.[455]


70


Antike: Homer und Orpheus sind Standespoesie. Wie die ›Renaissance‹ als patrizischer Geschmack in die entsprechenden Kreise der nordischen Handelsstädte dringt, so der Orientalismus der Jonierzeit nach Etrurien.


71


Antike: Hansazeit in Etrurien. Hier beginnt der ›orientalische‹ Stil der Stadtpatrizier, die ›Gründung‹ von Rom, Tarquinia, Caere. Rom von Vetulonia aus? Die Bestattung in Sarkophagen.


72


Die Geschichte ein Meer des Leidens, aus dem Wissen geschöpft. Das höchste, was möglich ist, ist Heldentum und Heiligkeit: das große Bejahen oder Entsagen. Der Aufstieg [dahin führt vom] 5. zum 2. Jahrtausend: Von der Lebensangst zum Heldentum: Der Sieg des Trotzdem. Gipfel der Seele. Am ausgeglichensten in der Antike.


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Antike: Im Vordergrund die tiefen Prinzipien: Eine längst einheimische, dichte Bevölkerung. Von Norden die Wikingerschwärme von starker Rasse, allenthalben eine Herrenrasse bildend. Ihr Rasseideal wirkt züchtend, durch Leben mit dem Idealbild, Sehen, Wahl des Gatten, durch bildende Kunst, Träume und Wünsche, die alle den Leib gestalten.

Und hier in der kleinen Ebene zwischen Hügeln und Meer blüht die neue antike Welt auf. Die Landschaft, übermächtig in ihrer Sprache: das Sonnenlicht, die herrschenden Farben (gelbbraun und blau), die Linien der Hügel, die Macht und Tracht der Pflanzenwelt, der Wind und [die] Wolken schaffen den Menschenschlag. Gewisse Züge nehmen alle Einwanderer an; sie werden ›einverleibt‹.[456]

Aber anderes ist uralte Sprache des Blutes: die apollinische der herrschenden Erobererrasse, die dionysische der gehorchenden Eingeborenen. Beide haben den Stil einer Seele, der antiken, und beide kämpfen innerhalb dieser Seele einer großen Kultur um die Vormacht. Bachofen hat das zuerst gesehen: Ödipus, und es in den Gegensatz: Mutter- und Vaterrecht gekleidet. Nietzsche folgte und schuf die Worte dazu.

Dieser Kampf durchzieht die gesamte Politik: die Polis gründeten die apollinischen Herren, aber der dionysische Demos erobert sie und gibt ihr im Divus Augustus den Herrn; in der Religion: der große Mythus entsteht in der herrschenden Schicht, aber die Bauernkulte durchdringen sie und unterwerfen sie im Kaiserkult. In der Kunst: denn der Kampf, der in Aischylos' Ödipus nicht nur um zwei Rechte, sondern auch um zwei Kunstideen geführt wird, entscheidet sich im Hellenismus zu Gunsten der rustikalen.

Das ist die Geschichte der Antike als des Schicksals einer einheitlich durchseelten Menschenwelt. Am Anfang sitzen in den mykenischen Burgen vom Arno bis nach Rhodos hin die neuen Herren über einem bevölkerten Lande; es folgen Tyrannis gegen Adel, Athen gegen Sparta, Tribunen gegen Senatoren, Cäsar gegen Pompeius; am Ende sitzt wieder ein Herr auf dem Palatin, und die Bevölkerung lebt wie ein Jahrtausend zuvor.


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In Rom wurde im 2. Jahrhundert v. Chr. Todes- und Prügelstrafe für den civis Romanus abgeschafft – also in demselben Augenblick, wo der Pöbel seine Todesstrafe ausübte. Der Militärdienst brachte damals die Leute zur Landflucht. Er schmeckt ihnen nicht mehr. Ab 150 ist es der internationale Großstadtpöbel, der demagogisch das ›Imperium‹ schafft; da ist Rom also nur noch Spielball asiatischafrikanischer und nordischer Instinkte. Jedenfalls ist es der ›Römergeist‹ als wundervolle Idee, der noch hundert Jahre lang der Diplomatie den Stempel aufdrückt, obwohl die Pest der Zivilisation: Großstadt, Jakobinismus, Nomadentum, Kapitalismus, herrscht.[457]


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[Die] dorische Wanderung (um 1100) [war] ein scharfer vernichtender Schnitt. Augenscheinlich eine derbe, brutale, bildungslose Masse, die alles niedertritt: Musik statt Augenkunst. Das sieht eher russisch aus. So klingt uns heute das Wort Sparta. In Sparta ist das urdorische Heiligtum der Artemis Ortygia ganz unachäisch über dem Schutt des Menelaions, das rein achäisch ist. Gleichzeitig gehen thrakisch-phrygische Stämme nach Kleinasien, illyrische nach Italien. Die Kolonisten Süditaliens sprachen dorisch, nannten sich Achäer – es waren die Nachkommen der Seebären, der Unterworfenen und sprachlich Assimilierten, in denen das alte Blut noch war. Deshalb nannten sie das Land Großgriechenland nach der kleinen Landschaft Hellas in Phthiotis – von da erst ist ›Hellas‹ ein Sammelname geworden wie Jonien. (Ego:) Diese seefahrenden Dorer stammten nämlich aus Phthiotis.


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Antike: Gerade Arkadien [war] der Hauptsitz alter Seevölkerkulte: Gerade hier [war] der dorische Anprall am furchtbarsten, was durch die Formenergie des spartanischen Staates noch spät bezeugt wird. Gerade hier [wurde] also das Seevölkerelement teils verwüstet, teils ins Gebirge gedrängt, wo es durch das Schicksal hart und konservativ wurde. Eben deshalb sind die arkadischen Formen in Kult und Staat besonders wertvoll. (Arkadien bei Pauly-Wissowa.) Alles altertümlich Arkadische ist also ›Danaer‹ gut.


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Griechische Hansazeit: Milet kolonisiert den Pontus, das heißt vorher hatten die Karer dort gesiedelt, und Milet legte seine Eier ins fremde Nest. Das aber ist ein Beweis für Seevölkerwege, von Südrußland her. Milet, Ephesus, Samos aber ist ein uralter Hethiterschwerpunkt. Assyrer, Ägypter hatten dort Einfluß. Überhaupt hatten erst die jonischen Barbaren diese blühende Küste okkupiert, verwüstet.[458] Dann mischten sie sich mit ihnen, und in der patrizischen Kolonisation knüpft die Unterschicht der Einheimischen die alten Fäden wieder an.

Verschiebung des Schwerpunkts der antiken Geschichte: Gebiet um 1100 Äolis, Thessalien, Kreuzungszeit dorisch-etruskisch, Hansazeit milesisch, Renaissance Athen, eventuell korinthisch.

Man sollte den Begriff ›Mutterland‹ aufgeben. Das ›Festland‹ war keineswegs der Stammsitz der erobernden Bevölkerung, Kleinasien keineswegs bloß die Tochtergründung.

Quelle:
Oswald Spengler: Frühzeit der Weltgeschichte. München 1966, S. 423-459.
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