Spätantike und Magische Kultur

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Jesus (Pseudomorphose): Er darf nur in einer Zeile erwähnt werden. Auch hier klirren die Panzer germanischer Legionen, und neben dem großen Altar des herodianischen Tempels schimmerten Säulen des Palastes, in dem Varus, Pilatus befahlen – damals, als an einem Tag der Zimmermannssohn Jesus von Nazareth die Verkäufer im Vorhof verjagte und am Morgen darauf seines Aufruhrs wegen am Kreuze starb.


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In der arabischen Pseudomorphose ist das Heldentum nordischen Typs gegen die südlich-kosmologische Gelassenheit gestellt: es entsteht[473] der Typus des religiösen Helden und Märtyrers: Jesus. Hier hat zeugend gewirkt der Volksstrom von 600, alles nordisch: Schon der Mitanniheld, dann Perser, Meder, Hellenen. Die Helden der Consensusvölker sind die Blutzeugen. Je heldischer, desto größer das Volk: Christen, Manichäer, weniger die Juden (doch 70 n. Chr.!).


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Jesus – Weltgeschichte, Einleitung: Die große Tragik hier ist der Kampf eines tiefen Individuums mit seinen Erlebnissen und Folgerungen gegen den großen Atem der Welt, der in den Menschen und auch in ihm selbst ›Natur‹ bleibt.

Natur gegen Kultur: denn Jesus hat Kulturgefühle. Die Weltenlogik, die organische, siegt über die Geistes- und Gemütslogik des Weltverbesserers. Aber sie hat, indem sie die Idee ›Kulturmensch‹ bis zum Extrem fortentwickelt, diesen verlorenen Typus selbst geschaffen. Sie ist in ihm und gegen ihn.

Was Goethe (Gespräche 126) über die Wahlverwandtschaft sagte, trifft zu: Das Sinnliche und Sittliche (Natur und Geist) im unlösbaren Widerspruch. Gethsemane, ungeheuer, da ahnt er die rettungslose Verstricktheit. Das fürchterliche Umsonst.


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Christus und Augustus: Der letzte Akt des antiken Weltgefühls war der Herrscherkult: der Raum ist nichts, die Körper bilden allein den Kosmos. Die vollkommensten Körper sind Götter. Da der Leib verbrannt wurde – man hat diesen Zusammenhang bisher nicht geahnt – so konnte sich der Genius, der göttliche Hauch nur im lebenden Körper zeigen: so empfand sich Alexander, als er sich den Sohn Gottes nannte, so Cäsar – was sich mit tiefem Skeptizismus wohl vertrug. Versenkt man sich in das antike Weltgefühl – was nur wenige von uns können –, so begreift man, daß gerade die feinsten Geister zugleich über die alten Götter spotten und den Herrscherkult ehrlich[474] anerkennen konnten. So wurden Cäsar und Augustus zu divi, Ptolemäus, Seleukos erhielten den Titel ›soter‹ – Heiland – und ›epiphanes‹ – von Gott gesandt –, und hier enthüllt sich der tiefe Akt der Weltgeschichte: die sterbende Antike erwies der aufblühenden arabischen Kultur den letzten Dienst, indem sie noch einmal die Vergöttlichung eines Menschen vollzog. Jesus wurde ›soter‹, ›epiphanes‹ in den ersten zwei Jahrhunderten nach seinem Tode in der Weise, wie es die Herrscher geworden waren: es war die letzte Tat des Hellenismus: er – Jesus – blieb der einzige Gottmensch. Als Konstantin ihn zum Gott des Imperiums machte, waren die Kaiser seine Diener: der Monotheismus des gerade regierenden Herrschers ging in den des für immer regierenden über.


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[Die] Nord›germanen‹ [sind] die beweglichen, nicht nur als Wikinger. Auch Goten, Vandalen, Burgunden [kommen] von dort nach Kleinasien, Spanien, Afrika. Die träge Masse – Schwaben, Franken, Sachsen – blieb sitzen.


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Überall die große politische Kombination: China, Antike, Arabien, Abendland, nämlich Staatensysteme, Gruppierungen, die großen aktuellen Fragen, die zu Kriegen führen. So ist in der Antike der reiche alte Osten der Magnet, nachher die Gruppe der Randländer. So in Arabien die noch nie entdeckte große Kombination, welche die byzantinische und sassanidische Politik leitet, Omajaden. Die Ideen des heiligen Byzanz, die Rechtgläubigkeit, die Nationen der magischen Komplexe. Zeigen, wie Byzanz Züge von Jugend hat!


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Pseudomorphose 0–300: So ordnen: erst die große Politik von Rom, Byzanz, Ktesiphon, dann werden die neuen Religionen zu Nationen und politischen Mächten. Es gibt kein ›Christentum‹, sondern geschichtlich[475] erst anarchistische Sekten, dann Stadt und Staat, endlich den christlichen Staat. Weltgeschichtlich kommt nur diese aktive Seite in Betracht: die Ausbildung der politischen Einheiten magischen Stils.


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[Die] Frühzeit [der arabischen Kultur] darf mit demselben Recht aramäisch genannt werden wie die [der] faustischen germanisch: ein Volkstum mit einheitlicher Seele und Sprache zu ihrem Ausdruck beginnt unter den Volksbildungen der A[raber], Israeliten, Chaldäer eine neue Welt aufzubauen.


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Pendel des Christentums: Von der gewaltigen Zentrale eines neuen Solarmonotheismus (Mithras, Baal) bis Irland, wo das langsam fortschreitende Keltische resp. Germanische überholt wird. Dann Rückschlag: aus dem vorkeltischen Irland die Idee des Papsttums, die Conceptio etc. nach Rom. Bonifatius.


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Anfang der arabischen Kultur: Was der politischen Kirche die Überlegenheit gibt, ist ihre Organisation, die genial ist gegenüber [den Kulturen des] Mithras, Sol etc. Aber wer hat sie geschaffen? Z.T. Paulus. Aber die Hierarchie? Vgl. Karl Müller, Kirchengeschichte I (1926), ausgezeichnet! Dazu Harnack in DLZ 30. April 27. Kunst der alten Christen DLZ 1927, S. 804. Wichtige Neugedanken. Kittel, Die Probleme des palästinischen Spätjudentums und das Urchristentum – vgl. OLZ 1927, Nr. 4.


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Antike: Der grandiose Pendelschlag: 200–0 das rätselhafte Aufflammen der Sonnenreligion westlich der Linie Pontus – Petra (Mithras,[476] Baal) überall. Alle Religionen werden solar umgedreht und westwärts bis Island getragen, Mithras vom Heere, während der Oststrom Edessa – China ganz frei davon – lunar? – bleibt, so Juden und Parsen. Der Weststrom überspringt die Spitze der germanischen und der keltischen Invasion (Themse, Pikten) und geht bis ins urnordisch gebliebene Irland. In diesem Strom geht das solar gewordene Christentum mit den Substanzproblemen von Vater und Sohn, zugleich patriarchalisch (Seevölkerausklang).

In Urirland aber (von wo Island befruchtet wurde) setzt der Gegenstrom ein, matriarchal (die Mutter Gottes statt Theotokos oder Theogonos, Christus durch Maria überwunden). Hier der geheimste Urgrund altnordischer Seele, tiefe märchenselige Unendlichkeit, Artus, Parzival, Gralssage – vorkeltisch, echt nordisch, ein wesentlicher Zug im Faustischen. Das Faustische also ist urnordisch und keltisch und germanisch. Von Irland geht die neue mystische Idee des Katholizismus aus: Papsttum, Marienkult, Unendlichkeit. Die irischen Missionen bekehren auch Rom, und zwar vom Byzantinismus. Es ist also tief Nordisches auch im Papsttum, überall da, wo seine Idee neu ist. Dieser Gegenstrom beginnt 500 und stößt in den Kreuzzügen – der eigentliche Aufschwung vorkeltischen Nordens, nicht germanisch – bis zum Ausgang der Sonnenreligion vor. Rom wird matriarchal, Rasena.


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Gotenzug: Sie zogen nach Süden, kleine tapfere Schwärme ohne sicheren geographischen Horizont. Brandgeröteter Himmel, Leichen am Weg, rauchende Städte zeichnen den Weg, geraubte Weiber zogen mit, geschändet, Mütter künftiger Helden. So brachen sie in die reiche und späte Welt der Antike ein, die sich in Frieden wiegte und deren Weltanschauung ihnen den Gang der Welt verbarg: wie heute (Böcklins Bild!). Von Sulla bis Aktium ein gewaltiges kurzes Bild geistiger Größe: Kontrast zur Phrasenhaftigkeit von heute.[477]


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Spätantike: Nun bedeckt sich das Gebiet von Spanien bis zum Euphrat mit weißen Städten, die sich gleichen; alle mit Mamorhallen, Amphitheatern, Tempeln in einem verwaschenen griechischen Stil, unzähligen Statuen, Brunnen. Mit einer Menge, die Latein oder Griechisch spricht, obwohl sie aus den Völkern von der Nordsee bis zum Indischen Ozean gemischt ist, rasselos, müde, genußsüchtig, abergläubisch. Die alten Sprachen sterben ab oder werden in verschollenen Dörfern geredet, über den Bauernglauben legt sich eine Mischmaschreligion.

Die Wälder werden selten, der Regen auch. Die Bauern verschwinden. Die großen Städte haben sie aufgesogen. Entlassene Sklaven aller Kontinente leben spärlich auf den Vignen. Das große Leben des Geistes geht nur in vier bis fünf Städten vor sich und in diesen nur in einer kleinen gesellschaftlichen Oberschicht. Verschwindet diese, so ist nichts mehr da. Und sie verschwindet. Neue Familien, denen innerlich die Reife fehlt, ersetzen das erloschene Blut, aber ihre große Verfassung ist äußerlich. Sie machen die Römer nach, sie sind keine Römer.

Quelle:
Oswald Spengler: Frühzeit der Weltgeschichte. München 1966, S. 473-478.
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