7. Arbeit und Eigentum

In der gegenwärtigen Wirtschaftswelt ist die Industrie das wichtigste Element. Seitdem sie durch die Verwendung von Naturkräften zur Leistung von Arbeit die Arbeitskraft des Menschen ins Unbegrenzte gesteigert hatte, vermochte sie eine stärkere Bevölkerung in den betreffenden Gebieten zu erhalten, als es der Landwirtschaft und dem Handwerk bis dahin möglich war. Da aber die Industrie bei wachsender Ausdehnung zur Bedienung ihrer Maschinen immer mehr[279] menschliche Arbeitskräfte brauchte, so entwickelte sich ein Kreislauf, in welchem zuletzt jedes Menschenleben kostbar wurde und die Entwicklung der modernen Hygiene nach sich zog, weil die Wirtschaft auf kein einziges verzichten konnte, und gleichzeitig die Maschine kostbar wurde, weil sie für den Unterhalt dieser Menschenmasse nicht mehr zu entbehren war.1 Das hat zu der ungeheuren Bevölkerungszunahme der letzten 60 Jahre geführt. Sie ist ein Produkt der Maschine2 und macht die Menschen von dieser abhängig. Daher die Angst in den großen Industrieländern um die Sicherung von Rohstoffzufuhr und Absatzgebieten für ihre Betriebe. Es handelt sich um Leben und Tod ganzer Bevölkerungen. Daher auch das Gefühl des Industriearbeiters, die ausschlaggebende Macht zu sein. In der Tat hängt seine ganze Existenz von der Lebensfähigkeit seiner Industrie ab, und von ihm wieder die Existenz aller Menschen, die über die Bevölkerungsziffer von 1800 hinaus in Westeuropa und Nordamerika vorhanden sind.

Die Industrie ist heute wichtiger als die Landwirtschaft. Versagt diese, so besteht wenigstens die Möglichkeit, daß der Rest sich mit dem Ertrag seiner Arbeit durch Zufuhr erhält. Versagt jene, so ist der Bevölkerungsüberschuß verloren.

Es war ein Unglück, daß die Industriearbeiterschaft, und zwar sicherlich nicht durch ihre Schuld, einer politischen Bewegung erlag, deren überzeugende Schlagworte ihre Weltanschauung heute noch völlig bestimmen. Sie lernte sich selbst nicht als Glied, sondern als Ziel und Krönung der Wirtschaftsgeschichte sehen und damit alle treibenden Kräfte falsch einschätzen. Wenn es richtig ist, daß gegenwärtig die Industrie den Ausschlag gibt – und darin hat Marx ohne Zweifel recht –, so doch der Maschine selbst und nicht des Arbeiters wegen.

Außer ihm ist noch der Techniker da, der die Industrie als geistige Größe geschaffen hat, indem er Kenntnisse von der Natur in Macht über die Natur verwandelte und die Wissenschaft[280] zwang, ihre Ansichten von vornherein als Arbeitshypothesen zu konstruieren, so daß jedes neue Gesetz sogleich ein Hebel im Bilde der Außenwelt war. Dann kam der Unternehmer, um aus dem technischen Verfahren ein wirtschaftliches Lebewesen zu schaffen. Der Arbeiter fand ihn vor, wurde von ihm angesetzt und lebte von ihm. Es ist richtig: er kann »alle Räder still stehen lassen«, aber er kann sie nicht allein in Gang halten. Er ist auch nicht der einzige, der arbeitet, wie es der Marxismus in alle Arbeiterköpfe hineingehämmert hat. Im Gegenteil, Techniker und Unternehmer arbeiten mehr als er, intensiver, verantwortlicher, weiterhin wirkend.

Es gibt Führerarbeit und ausführende Arbeit.3 Beides zusammen erst ist Industrie. Sie können nicht getrennt werden, denn jede hört ohne die zweite auf. Ihnen gegenüber steht als etwas ganz anderes die Gewinnarbeit der Spekulation, die nichts erzeugt, sondern die Erzeugung voraussetzt, um von ihr zu zehren.

Die Industrie hat in ihrer Frühzeit an einer starken Entpersönlichung der Arbeiter gelitten. Im 18. Jahrhundert lichtete sich ganz plötzlich der wissenschaftliche Horizont und die Technik lag in großen Umrissen da. Was damals gearbeitet wurde, war im Vergleich zu heute außerordentlich roh, einfach, gleichförmig und mechanisch. Heute stehen die großen Linien fest und die Arbeit richtet sich auf die Verfeinerung und Vertiefung der Einzelgebiete. Statt der Dampfmaschine überhaupt handelt es sich um äußerst komplizierte Spezialmaschinen, statt der bloßen Verbrennung um die Aufschließung und Auswertung der Kohle. Jede moderne Industrie wird von durchgeistigten Methoden beherrscht, die sich in eine große Menge von Einzelaufgaben auflösen, deren jede ein hohes Maß von Intelligenz, Schulung und persönlicher Fähigkeit voraussetzt. Der demokratische Zug, welcher im 18. Jahrhundert die Zünfte und Gewerbe auflöste und undifferenzierte Massen in die Fabriken trieb, verwandelt sich heute langsam in einen aristokratischen, der aus der[281] Masse von Arbeitenden eine Schicht von Kennern und überlegenen Köpfen heraushebt, welche die an die höchsten Gebiete der wissenschaftlichen Technik streifenden Fachaufgaben bewältigen. Dieser aristokratische Zug geht gleichmäßig durch Politik und Wirtschaft, mit Notwendigkeit, da beide nur Seiten des gleichen Lebens sind, und führt dort zur Auflösung parlamentarischer Zustände, hier zur Ausbildung einer Schicht von gehobenen Arbeitern, die allerdings allem widerspricht, was die marxistische Theorie als Ergebnis der Entwicklung vorausgesagt hatte und was sie für die Partei gebrauchen kann. Nirgends ist der Kampf gegen diese allgemeine Entwicklung so erbittert wie hier, denn der Sozialismus als politische Tatsache, als Parteiprogramm, steht auf dem Spiele.

Es gehörte zu den unermüdlich verfolgten Zielen Bebels und ist das größte Verbrechen, das an der deutschen Arbeiterschaft begangen worden ist, daß man ihr den Ehrgeiz persönlicher Leistungen nahm und den Aufstieg innerhalb der Wirtschaft als Verrat an der Arbeitersache brandmarkte. Es wurde davon geschwiegen, daß die Hälfte der großen Industrieschöpfer Arbeiter gewesen waren. Es wurde nur eine Art des Aufstiegs geduldet und als Ziel des Ehrgeizes an den Horizont gezeichnet: die Laufbahn als Sekretär und Abgeordneter innerhalb der Partei. Der Begabte mußte der Arbeit den Rücken kehren, wenn er die Achtung der Arbeiterschaft erwerben wollte. Sie sollte eine abgeschlossene Kaste sein, in der alle Werturteile umgekehrt waren als draußen. An dem Aufblühen der Industrie, an neuen Erfindungen, Methoden, Organisationsmöglichkeiten, an der Erschließung neuer Rohstoff- oder Absatzgebiete hatte man, mit Betonung, kein Interesse, um sich in demselben Atemzuge mit der Industrie für gleichbedeutend zu erklären.

Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben heutiger Volkserziehung, Erziehung des Volkes zur Zukunft, diese Zentnerlast zynischer Begriffe von den Tatsachen und den Menschen zu nehmen. Die Arbeiterschaft muß frei werden von dem seelischen Druck im Interesse einer Partei, die nur in gedrückten[282] Menschen ein brauchbares Material erblickt. Die Technik gibt dem heutigen Arbeiter wachsende Möglichkeiten zur Entfaltung der freien Persönlichkeit, zur Eroberung eines ganz gewaltigen Einflusses auf die Anlage und Entwicklung fabrikmäßiger Verfahren, zur Heranbildung eines Nachwuchses von Führern aus ihrer eigenen Mitte. Der Ehrgeiz nach solchen Zielen müßte in die Arbeiterschaft gepflanzt werden, das Bewußtsein einer realen Macht, die ausschließlich in Intelligenz und Qualitätsleistungen liegt. Führerleistungen, und nur sie, machen einen Menschen unersetzlich und unentbehrlich. Und deshalb muß im öffentlichen Bewußtsein die infame Methode geächtet werden, für welche die Partei und das Parteiprogramm zugunsten der Ziele einer bezahlten Führerschaft das Interesse der Arbeiter selbst opfern: das Lohnsystem, welches die höhere Leistung straft, den Fleiß verdächtigt, die Qualität zum Verrat, das Lernen zur Lächerlichkeit stempelt, indem es an der mechanischen Gleichförmigkeit von 1800 festhält und vor den Tatsachen der Differenzierung von 1900 die Augen schließt, und zwar wider besseres Wissen. Wenn denn von Rußland die Rede sein soll, so möge es als Beispiel dafür dienen, daß die besten Facharbeitergruppen dort das Zwei- und Dreifache der entsprechenden deutschen Löhne erhalten, die ungelernten Arbeiter dagegen erheblich weniger als bei uns, und daß innerhalb derselben Gattung die Spannung zwischen den Löhnen der untersten und der obersten Gruppe in Deutschland 1923 kaum ein Fünftel, in Rußland mehr als das Doppelte betrug. Was wir brauchen, sind Artelle4 nach russischem Vorbild, Facharbeitergruppen verschiedenen Umfangs mit Selbstorganisation, strenger Auslese der Mitglieder und eigner Führung, die mit den Werkleitern über den Umfang der Arbeit, die Höhe des Lohns und die Intensität der Leistung verhandelt, während sie im Interesse der Gruppe selbst für die Einhaltung der Verpflichtung durch jeden einzelnen Arbeiter mit aller Strenge sorgt.

Mag die Arbeit auch eine Ware sein, wie sie der Materialismus von 1850 auffaßte, sie ist noch etwas anderes, nämlich[283] eine persönliche Leistung. Der Unternehmer arbeitet als Führer auch, aber er leistet Arbeit von höherer Qualität, ohne die er sich nicht halten würde, und der begabte, fleißige und ehrgeizige Arbeiter sollte mit dem Gefühl auf ihn blicken, daß eigenes Können den Weg zu gleicher Führerarbeit eröffnet und tausendmal eröffnet hat. Dieser Ausblick sollte den jungen Arbeiter beherrschen – es liegt eine Weltanschauung darin – und ebenso der Gedanke, daß die Führung der Arbeiterschaft den Arbeitern gehört, den starken, klugen, überlegenen, und zwar innerhalb der arbeitenden Wirtschaft selbst, und nicht dem Schwarm bezahlter Parteibeamten unter Führung ehemaliger Journalisten und Advokaten, welche von der Arbeit der Arbeiter leben und durch Pflege gereizter Stimmungen die Unentbehrlichkeit ihrer Posten sichern müssen.

Aber auf der andern Seite sollte über der Lebensaufgabe des Unternehmers der Satz stehen: Eigentum verpflichtet. Eigentum, das Wort mit dem ganzen sittlichen Ernst germanischen Lebens aufgefaßt, enthält in sich auch eine Art von Sozialismus, einen preußischen, nicht englischen Imperativ: Verfahre mit deinem Eigentum so, als ob es dir vom Volke anvertraut sei. Betrachte es als einen Inbegriff von Machtbeziehungen, die Arbeit und Glück schaffen können, nach allen Richtungen hin, wenn sie richtig verwendet werden. Wenn man das Schlagwort des vorigen Jahrhunderts gebrauchen will, so gibt es zwei Arten von Kapitalisten: den Unternehmer und den Spekulanten. Dieser hat ein Kapital, jener hat ein Werk. Der erste erzeugt, der zweite beutet das Erzeugte aus. Dem einen dient das Geld als Betriebsmittel, dem andern als Gegenstand eines Spiels. Als Marx lebte, war die Börse bereits eine Macht, aber sie lag seinem eigenen Instinkt so nahe, daß er nur die andern als Gegner empfand. Expropriation der Expropriateure – das bedeutet, wie die russische Enteignung bewiesen hat, Unterwerfung des Industrieführers, des »Vorarbeiters« vom ersten Range, unter die Spekulation und, was nicht nur Rußland ebenfalls beweist: der Typus des berufsmäßigen Arbeiterführers, der mit Taktik spekuliert, ist dem der Hochfinanz stets nahe verwandt.[284]

Eigentum verpflichtet – und die Verletzung dieser Pflicht sollte allerdings eine entsprechende Verkürzung der Rechte herbeiführen. Die Gesetze, welche den Mißbrauch des Eigentums verhindern, können nicht streng genug sein. Darin sollte vor allem auch eine Aufgabe der Aktiengesetzgebung liegen, welche die Ausbeutung unbeweglicher Werke und Güter durch die Spekulation nach Möglichkeit in Grenzen hält, indem sie die Wertverschreibungen jeder Art in Formen bringt, die eine beständige Kontrolle gestatten.

Im Unternehmertum selbst liegt aber eine andere Gefahr, die beinahe niemand beachtet und die nicht bedenklich genug angesehen werden kann: In der Frühzeit der Werke, die jedes für sich standen, wurden die großen Talente früh sichtbar, früh freigemacht und früh an die verantwortlichen Posten gestellt. So sind Siemens, Krupp, Borsig und hundert andere aufgestiegen. Seitdem hat die zunehmende Vertrustung ganzer Wirtschaftsgebiete dahin geführt, die Verwaltung bürokratisch zu gestalten, so daß die Begabungen in ihr vorzeitig förmlich werden und jedenfalls schwer zu entdecken und zu erziehen sind. Die größte Gefahr der Konzernbildung ist die Vernichtung eines ebenbürtigen Nachwuchses, und dazu kommt die tief im deutschen Wesen liegende, auch für das Werk Bismarcks verhängnisvoll gewordene Grundneigung, für sich allein stehen zu wollen, alles selbst zu tun, keinen vertrauten Mitarbeiter, Stellvertreter oder Nachfolger heranzubilden, so daß die Nachteile jeder Zwangswirtschaft und Sozialisierung, die Verkümmerung der Führerschicht, sich hier aus ganz andern Ursachen ebenfalls bemerkbar machen. Die Freiheit der Wirtschaft hat die ungeheuren Erfolge herbeigeführt, denen wir Deutschlands Aufschwung und Reichtum vor dem Kriege verdanken. Die persönliche Auswirkung persönlicher Fähigkeiten ist es, mit welcher Industrie, Schiffahrt, Handel und jeder andere Wirtschaftszweig steigen oder sinken. Und diese Freiheit wird von den Konzernen ebenso gefährdet wie durch den staatlichen Zwang. Sie nehmen beide den schöpferischen Persönlichkeiten den freien Willen, um ihn durch ein Schema zu ersetzen. Sie[285] hemmen beide den Aufstieg der Tüchtigen, weil das Arbeiten mit der Mittelmäßigkeit bequemer ist.

Zum Schlusse noch eins, das in der Regel unterschätzt wird: Jedes große Unternehmen der Wirtschaft ist politischer Natur.5 Es mag ausführen, was es will: Von einer gewissen Größe an hat alles auch eine politische Seite, und wenn jemand in solcher Stellung das politische Tun und Nachdenken unterläßt, so ist das ebenfalls eine Haltung von politischen Folgen. Die Gefahr wirtschaftlicher Fachbegabungen liegt aber viel weniger in einer Unterschätzung der Politik, als in deren Verwechslung mit rein wirtschaftlichen Aufgaben. Wirtschaftspolitik kann eine wesentliche Seite der großen Politik sein und ist es immer gewesen, aber es ist kein Ersatz für sie. Wer daran glaubt, endet mit einem notwendigen Mißerfolg. Das wirtschaftliche Leben der heutigen Menschen vollzieht sich in großen Körpern, welche durch die politischen Grenzen gebildet werden. Es ist also richtig zu sagen, daß das Dasein der Staaten eine wirtschaftliche Seite hat, um so richtiger, als die politische Seite immer entscheidend bleibt und ein Irrtum darüber sich stets und bitter gerächt hat. So scheint es mir endlich, daß dies die großen Ziele der deutschen Wirtschaft sein sollten: Züchtung einer führenden Arbeiterschicht mit Eignung für die höchsten Aufgaben der Werke selbst; Pflege des Ehrgeizes in dieser Richtung; Erziehung eines Nachwuchses durch freie Gestaltung der Struktur der Werke; Auffassung des Eigentums an produktiven Gütern als einer Verpflichtung gegen die Nation, und Auffassung dieser Pflicht als einer solchen auch für die hohe Politik.

1

S. 322 ff.

2

Unt. d. Abdl. II, S. 624.

3

Unt. d. Abdl. II, S. 616, 625 ff.

4

S. 111.

5

S 313 ff.

Quelle:
Oswald Spengler: Politische Schriften. München 1933, S. 279-286.
Lizenz:
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