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[77] Aber auch die Moral von Marx ist englischen Ursprungs. Der Marxismus verrät in jedem Satze, daß er aus einer theologischen und nicht aus einer politischen Denkweise stammt. Seine ökonomische Theorie ist erst die Folge eines ethischen Grundgefühls und die materialistische Geschichtsauffassung bildet nur das Schlußkapitel einer Philosophie, deren Wurzeln bis zur englischen Revolution mit ihrer seitdem für das englische Denken verbindlich gebliebenen Bibelstimmung zurückreichen.

So kommt es, daß seine Grundbegriffe als moralische Gegensätze gefühlt sind. Die Worte Sozialismus und Kapitalismus bezeichnen das Gute und Böse dieser irreligiösen Religion. Der Bourgeois ist der Teufel, der Lohnarbeiter der Engel einer neuen Mythologie, und man braucht sich nur ein wenig in das vulgäre Pathos des kommunistischen Manifests zu vertiefen, um das independentische Christentum hinter der Maske zu erkennen. Die soziale Evolution ist der »Wille Gottes«. Das »Endziel« hieß früher die ewige Seligkeit, der »Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft« das jüngste Gericht.

Damit lehrt Marx die Verachtung der Arbeit. Vielleicht hat er das nicht einmal gefühlt. Arbeit, harte, lange, ermüdende Arbeit ist ein Unglück, müheloser Erwerb ist ein Glück. Hinter der echt englischen Geringschätzung des Mannes,[77] der nur seine Hände hat, um leben zu können, steht der Instinkt des Wikingers, dessen Beruf es ist, Beute zu machen und nicht – seine Segel zu flicken. Deshalb ist in England der Handarbeiter mehr Sklave als irgendwo. Er ist es moralisch; er fühlt, daß sein Erwerb ihn vom Namen eines Gentleman ausschließt. In den Begriffen Bourgeoisie und Proletariat stehen die rein englischen Wertungen von Händlergewinn und Handarbeit1 sich gegenüber. Das eine ist Glück, das andre Unglück, das eine vornehm, das andre gemein. Der Haß des Unglücklichen aber sagt: das erste ist der Beruf des Bösen, das zweite der des Guten.

Und so erklärt sich die Geistesverfassung von Marx, aus der seine Gesellschaftskritik hervorgegangen ist und die ihn für den echten Sozialismus so verhängnisvoll gemacht hat. Er kannte das Wesen der Arbeit nur in englischer Auffassung, als das Mittel reich zu werden, als ein Mittel ohne sittliche Tiefe, denn nur der Erfolg, das Geld, die sichtbar gewordene Gnade Gottes war von ethischer Bedeutung. Dem Engländer fehlt der Sinn für die Würde der strengen Arbeit. Sie entadelt, sie ist eine häßliche Notwendigkeit – wehe dem, der nichts hat als sie, der nichts besitzt ohne immer neue Arbeit und vor allem, der nie etwas besitzen wird. Hätte Marx den Sinn der preußischen Arbeit verstanden, der Tätigkeit um ihrer selbst willen, als Dienst im Namen der Gesamtheit, für »alle« und nicht für sich, als Pflicht, die adelt ohne Rücksicht auf die Art der Arbeit, so wäre sein Manifest vermutlich nie geschrieben worden.

Aber hier unterstützte ihn sein jüdischer Instinkt, den er selbst in seiner Schrift über die Judenfrage gekennzeichnet hat. Der Fluch der körperlichen Arbeit am Anfang der Genesis, das Verbot, den Sonntag durch Arbeit zu schänden, das machte ihm das alttestamentliche Pathos des englichen Empfindens zugänglich. Und deshalb sein Haß gegen[78] die, welche nicht zu arbeiten brauchen. Der Sozialismus Fichtes würde sie als Faulenzer verachten, als Überflüssige, Pflichtvergessene, Schmarotzer des Lebens, der Instinkt von Marx aber beneidet sie. Sie haben es zu gut und deshalb soll man sich gegen sie auflehnen. Er hat dem Proletariat die Mißachtung der Arbeit eingeimpft. Seine fanatischsten Jünger wollen die Vernichtung der ganzen Kultur, um die Menge der unentbehrlichen Arbeit möglichst herabzusetzen. Luther hat die schlichteste Werktätigkeit als gottgefällig gerühmt, Goethe die »Forderung des Tages«; vor den Augen von Marx aber schwebt das Ideal des proletarischen Phäaken, der alles mühelos besitzt – das ist der Endsinn jener Expropriation der Glückseligen. Und er hat recht dem englischen Instinkt gegenüber. Was der Engländer Glück nennt, der geschäftliche Erfolg, der körperliche Arbeit erspart, der den Menschen damit zum Gentleman macht, sollte allen – Engländern zukommen. Für uns ist das gemein, der Geschmack von Mob und Snob.

Diese Ethik beherrscht seine ökonomischen Vorstellungen. Sein Denken ist durchaus manchesterlich; es gleicht vollkommen dem Cobdens, der gerade damals die Freihandelslehre der Whigs zum Siege führte. Marx bekämpft den Kapitalismus, der seine Rechtfertigung aus Bentham und Shaftesbury holt und sie von Adam Smith formulieren läßt; da er aber nur Kritiker ist, verneinend und unschöpferisch, so empfängt er sein Prinzip von eben der Sache, die er verneint.

Arbeit ist ihm eine Ware, keine »Pflicht«: das ist der Kern seiner Nationalökonomie. Seine Moral wird zur Geschäftsmoral. Nicht daß das Geschäft unsittlich ist, sondern daß der Arbeiter ein Narr war, es nicht zu machen, liest man zwischen den Zeilen. Und der Arbeiter hat es verstanden. Der Lohnkampf wird Spekulation, der Arbeiter wird Händler mit seiner Ware »Arbeit«. Das Geheimnis der berühmten Phrase vom Mehrwert ist es, daß man ihn als Beute empfindet, die der Händler der Gegenpartei davonträgt. Man gönnt sie ihm nicht. Der Klassenegoismus ist zum Prinzip erhoben. Der Handarbeiter will nicht nur handeln, sondern er [79] will den Markt beherrschen. Der echte Marxist ist dem Staat aus genau demselben Grunde feindlich gesinnt wie der Whig: er hindert ihn in der rücksichtslosen Verfechtung seiner privaten Geschäftsinteressen. Marxismus ist der Kapitalismus der Arbeiterschaft. Man denke an Darwin, der Marx geistig ebenso nahe steht wie Malthus und Cobden. Der Handel ist stets als Kampf ums Dasein gedacht. In der Industrie handelt der Unternehmer mit der Ware »Geld«, der Handarbeiter mit der Ware »Arbeit«. Marx möchte dem Kapital das Recht auf Privatinteressen entziehen, aber er weiß es nur durch das Recht der Arbeiter auf Privatinteressen zu ersetzen. Das ist unsozialistisch, aber echt englisch.

Denn Marx ist auch darin Engländer geworden: In seinem Denken kommt der Staat nicht vor. Er denkt im Bilde der society, staatlos. Es gibt wie im politisch-parlamentarischen Dasein Englands, so im wirtschaftlichen Leben seiner Welt nur ein System zweier souveräner Parteien, nichts was über den Parteien steht. Es ist also nur Kampf, kein Schiedsgericht, nur Sieg oder Niederlage, nur die Diktatur einer der beiden Parteien denkbar. Die Diktatur der kapitalistischen, der bösen Partei, will das Manifest durch die der proletarischen, der guten, ersetzen. Andre Möglichkeiten sieht Marx nicht.

Aber der preußisch-sozialistische Staat steht jenseits von diesem gut und böse. Er ist das ganze Volk, und seiner unbedingten Souveränität gegenüber sind beide Parteien nur – Parteien, Minderheiten, die beide der Allgemeinheit dienen. Sozialismus ist, rein technisch gesprochen, das Beamtenprinzip. Jeder Arbeiter erhält letzten Endes den Charakter eines Beamten statt eines Händlers, jeder Unternehmer ebenso. Es gibt Industriebeamte und Handelsbeamte so gut wie militärische und Verkehrsbeamte. Das ist im größten Stile in der ägyptischen Kultur und wieder ganz anders in der chinesischen durchgeführt worden. Es ist die innere Form der politischen Zivilisation des Abendlandes und schon in den gotischen Städten mit ihren Zünften und Gilden, schon im System gotischer Dome symbolisch ausgedrückt, wo jedes kleine Glied[80] notwendiger Teil eines dynamischen Ganzen ist. Das hat Marx nicht verstanden. Sein Horizont und seine geistige Gestaltungskraft reichten nur so weit, um eine private Händlergesellschaft in eine private Arbeitergesellschaft umzustülpen. Als Kritiker von erstem Range, ist er als Schöpfer ohnmächtig. Sein beständiges Ausweichen vor der Frage, wie er sich denn die Regierungsform dieses riesenhaften Weltmechanismus denke, sein dilettantisches Lob des aus den besonderen Verhältnissen einer belagerten Großstadt entstandenen und auch so nicht lebensfähigen »Rätesystems« der Pariser Kommune von 1871 beweisen es. Das Schöpferische lernt man nicht. Man hat es oder hat es nicht. Die gesamte Sozialdemokratie des 19. Jahrhunderts hat nur einen Schöpfer großen Stils hervorgebracht, einen Politiker, der nicht zu schreiben, sondern zu regieren wußte: Bebel, sicher nicht die erste Intelligenz seiner Partei, aber ihr erster und einziger Organisator. Für einen Herrscher kommen ganz andre Talente in Betracht als Intelligenz im Literatensinne. Napoleon duldete keine »Bücherschreiber« um sich.

Aus dem wirtschaftlichen Darwinismus des Engländers und dem Zweiklassensystem von Marx ergibt sich nun die natürliche Waffe im Kampf zwischen Händlertum und handelnder Arbeiterschaft: der Streik. Durch den Streik wird dem Käufer die Ware »Arbeit« verweigert. Durch den Streik der Gegenpartei, die Aussperrung, wird dem Käufer die Ware »Geld« verweigert. Eine Reservearmee von Arbeitern sichert den Käufern von Geld, eine Reservearmee von Unternehmern (Arbeitermangel) den Käufern von Arbeit ihren Absatz. Der Streik ist das unsozialistische Kennzeichen des Marxismus, das klassische Merkmal seiner Herkunft aus einer Händlerphilosophie, der Marx aus Instinkt und Gewöhnung angehörte.

Im Staate ist dagegen Arbeit keine Ware, sondern eine Pflicht der Allgemeinheit gegenüber, und es gibt – das ist preußische Demokratisierung – keinen Unterschied in der sittlichen Würde der Arbeit: der Richter und Gelehrte »arbeiten« so gut wie der Bergmann und Eisendreher. Es war deswegen[81] englisch gedacht, daß in der deutschen Revolution der Handarbeiter das übrige Volk ausbeutete, indem er für möglichst wenig Arbeit möglichst viel Geld erpreßte und seine »Ware« an Bedeutung über jede andre erheben wollte. Im Kampfmittel des Streiks liegt die Voraussetzung, daß es kein Volk als Staat, sondern nur Parteien gibt. Marxistisch, also englisch ist der Gedanke des freien Lohnkampfes und nach dem Siege der proletarischen Partei die einseitig souveräne Festsetzung der Löhne.

Der preußische Gedanke ist die unparteiische staatliche Festsetzung des Lohnes für jede Art von Arbeit, nach Maßgabe der wirtschaftlichen Gesamtlage planmäßig abgestuft, im Interesse des Gesamtvolkes und nicht einer einzelnen Berufsklasse. Das ist das Prinzip der Beamtengehaltsordnung, auf alle Arbeitenden angewandt. Es schließt das Verbot des Streiks als eines antistaatlichen und händlerischen Privatmittels ein. Die Festsetzung der Löhne muß Arbeitgebern und Arbeitern entzogen und einem allgemeinen Wirtschaftsrat übertragen werden, so daß beide mit einer festen Größe zu rechnen haben, wie das bei andern Größen der Betriebsführung und Lebenshaltung längst der Fall ist.2

Der Marxismus ist gegenüber den angebornen Formen des preußisch-sozialistischen Menschen sinnlos. Er kann sie verneinen und abschwächen, aber sie werden sich endlich wie alles Lebendige und Natürliche dem Theoretischen gegenüber als stärker erweisen. Im Bereich des englischen Wesens aber ist er zu Hause; hier wird er besser verstanden als der echte Sozialismus und hier ist mit der ernsthaften Eröffnung des Zweikampfes der wirtschaftlichen Parteien der Parlamentarismus alten Stils zu Ende. Die beiden von der Oberklasse gebildeten Parteien des Reichtums waren politisch konstituiert[82] und in wirtschaftlichen Fragen im letzten Grunde einig. Selbst der Kampf um das Freihandelssystem, in welchem um 1850, der letzten Zeit des klassischen Parlamentarismus, die Whigs siegten, wurde in vollendeten Formen ausgetragen. Tories und Whigs unterschieden sich nur, indem sie Krieg und Unterwerfung oder kaufmännische Durchdringung, den Mut oder die List des Piraten vorzogen.. Jetzt aber bildet ein wirtschaftlicher Gegensatz zwei neue Parteien – des Geldes und der Arbeit – und dieser Kampf läßt sich nicht mehr mit parlamentarischen Mitteln führen. Hier ist nicht mehr die Form, sondern die Sache bestritten, und da gibt es, wenn man sich nicht einem fremden Prinzip, dem des Staates als einer parteilosen Autorität unterwerfen will, nur die endgültige Unterdrückung der einen Wirtschaftspartei durch die andre.

1

Und nicht von Handarbeit und Kopfarbeit. Wie zu Tories und Whigs, hat der »Kopfarbeiter« auch zu diesen Wirtschaftsparteien Stellung zu nehmen, und im damaligen England optierte er – als Gentleman – für das Händlertum.

2

Dabei wäre an ein System zu denken, wonach jeder Arbeitende, der Offizier und Verwaltungsbeamte so gut wie der »Handarbeiter«, ein Konto bei einer Art Staats- und Sparbank hat, welcher die Einheitsbeträge von den zur Zahlung Verpflichteten im Ganzen zu überweisen, sind. Dem einzelnen wird dann nach einem bestimmten Verteilungsmodus ein nach Dienstalter und Zahl der Familienglieder abgestufter Betrag gutgeschrieben.

Quelle:
Oswald Spengler: Politische Schriften. München 1933, S. 77-83.
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