I. Die Idee der Form überhaupt

[35] Die allgemeine oder richtiger die naive und ursprünglichere Auffassung der Dinge richtet sich auf ein Begreifen der Substanz, ihres innern Wesens. Erst eine fortgeschrittene Analyse des Erkenntnisvorganges lehrt, daß die Welt, die wir wahrnehmen, eine Schöpfung der Sinne, und daß die Vorstellung des Stoffes (und der Energie) selbst Gebilde unseres Denkens sind. Damit gewinnt ein anderes Element der Erscheinung an Wert, die Form oder das mathematische Verhältnis. Man macht sich durch die Vorstellung einer Substanz und der in ihr gedachten Eigenschaften ein Bild von der inneren Struktur der Dinge, um die Naturvorgänge restlos zu erklären. Nachdem man einmal erkannt hat, daß es unmöglich und selbst widersinnig ist, die Natur auf diesem Wege aufzuschließen, wird man überhaupt darauf verzichten, eine sichtbare Darstellung ihrer innersten Beschaffenheit zu geben. Es liegt dann nahe, das wichtige und bezeichnende der Erscheinung in ihrem mathematischen Maß, in den Formverhältnissen zu finden. Es ist sogar möglich, Naturerscheinungen rein zahlenmäßig vollständig zu bestimmen, ohne eine Hypothese ihres »Wesens« hinzuzufügen, und damit ist auch alles erschöpft, was sich infolge der Grenzen der Erkenntnistätigkeit durch Untersuchung der Beziehungen der Objekte untereinander und zum Subjekt mit Gewißheit feststellen läßt. (Ein Beispiel ist die elektromagnetische Lichttheorie von Maxwell, die ausschließlich durch eine Anzahl von Differentialgleichungen festgelegt ist.) Die Pythagoräer und Heraklit haben diese wertvolle und fruchtbare Seite der Erscheinung entdeckt und zuerst einer Beobachtung unterzogen. Bei dieser Betonung des Formalen dem Materialen gegenüber muß noch einmal auf den wichtigen. Unterschied[35] in der Zerlegung des in der Anschauung Gegebenen in seine Komponenten verwiesen werden. Die materialistische Naturwissenschaft und die meisten neuern Philosophen unterscheiden Masse und Energie als nebengeordnete Größen wie die Substanzen Descartes' und die Attribute Spinozas. Heraklit, die meisten griechischen Philosophen und auch die Energetik der Gegenwart unterscheiden Substanz und Form. Substanz ist hier als die Summe alles dessen, was uns erscheint, aufzufassen (Masse + Energie, wenn man will, wogegen die Summe aller Naturgesetze als »Form« anzusehen ist. Aristoteles unterschied ähnlich ὕλη und μορφή, Heraklit das »Werden« als das Gegebene, den λόγος als dessen Form). Die Substanz wird nicht in Teile oder Funktionen zerlegt, vielmehr interessiert außer diesem schlechthin Gegebenen nur noch dessen Form, die sich in einer Reihe (zahlenmäßiger) Beziehungen darstellt.

Über den Wert der Form in diesem Sinne kann kein Zweifel sein. Das gesetzmäßige Verhältnis ist die einzige Konstante in den Naturvorgängen. »Könnte man sämtliche sinnliche Elemente messen, so würde man sagen, der Körper bestehe in der Erfüllung gewisser Gleichungen, welche zwischen den sinnlichen Elementen statthaben. – Diese Gleichungen oder Beziehungen sind also das eigentlich Beständige.« (Mach, Prinzipien der Wärmelehre S. 423). Je tiefer das Denken in die Natur eindringt, um so mehr gewinnen die Zahlen gegenüber den Bildern an Wichtigkeit. Die Form hat einen Erkenntniswert. Nach dieser Stelle hin lernten sie den Pythagoräer schätzen. Philolaos lehrt: καὶ πάντα μὰν τὰ γιγνωσκόμενα ἀριθμὸν ἔχοντι. οὒ γὰρ ὁτιῶν οἷόν τε οὐδὲν οὔτε νοηθῆμεν οὔτε γνωσθῆμεν ἄνευ τούτω. (Stob. Ecl. 22, 7, S. 456.) Für Heraklit, dessen Neigungen ganz andere Wege gingen und dessen Geschmack an dem Geschehen der Welt vor allem die Harmonie der Verhältnisse bewunderte, kommt der ästhetische Wert der Form, also auf das »Werden« bezogen, dessen Rhythmus in Betracht.

Λόγος ist für Heraklit mit μέτρον identisch. Dieser Begriff bezeichnet nicht eine Kraft, noch viel weniger eine Intelligenz, sondern eine Beziehung. Diese in der spätem griechischen Philosophie verlorengegangene Vorstellung ist unter dem Einfluß stoischer,[36] christlich-hellenistischer und vor allem unsrer dualistischen Anschauungen meistens falsch verstanden worden. Der moderne Dualismus stammt aus der christlichen Weltanschauung, aus welcher und gegen die sich die neuere Philosophie entwickelt hat. Es ist natürlich, daß der Glaube an eine Weltordnung irgendwelcher Art von Einfluß auf die Bildung metaphysischer Ideen ist. Die christliche Antithese Welt-Gott, welche die mittelalterliche Naturphilosophie beherrschte, wirkte in einer Reihe weiterer Antithesen fort: Denken und Ausdehnung, Intelligenz und Substanz, Materie und Energie. Trotz wachsender Abstraktion ist die Grundeinteilung dieselbe geblieben. Der Grieche steht unter dem Eindruck eines andern Weltbildes. Die Götter wurden von ihm nicht als Herrscher empfunden. Sie sind liebenswürdige und hilfreiche Gefährten des Menschen, mit denen sie Tugenden, Schwächen, Schmerz, Unglück, Leidenschaften, Ohnmacht gemein haben, mit denen sie unter einem gleichen überlegenen Schicksal stehen. Die Vorstellung der εἱμαρμένη ist für die griechische Philosophie entscheidend. Die εἱμαρμένη ist vollkommen unpersönlich – sie ist in der bildenden Kunst niemals dargestellt worden – ein unerbittliches Gesetz, für alle Zeiten feststehend und unentrinnbar. Von den Göttern konnte der Hellene mit Freude und Zufriedenheit reden, an die εἱμαρμένη dachte er mit leisem Grauen. Man kennt sie aus der griechischen Tragödie, deren letzter Sinn eine resignierte Anerkennung dieser furchtbaren Macht ist. In diesem Glauben fand die geheime Gewißheit, daß zuletzt doch etwas den Lauf der Ereignisse bestimmt, das nichts Menschliches, keine Seele hat, das durch keinen Willen, keine Vernunft, kein Gefühl bestimmt wird und keiner Bitte zugänglich ist, ihren Ausdruck, derselbe Glaube, der in der Philosophie zu einem Wissen von der ἀνάγκη (dem λόγος), dem ausnahmslosen Weltgesetz wird. Dies: keine Ausnahme zulassen ist die frühe große Erkenntnis Heraklits, die er jenem Glauben verdankte. Bis auf Sokrates kennt keiner der griechischen Philosophen einen persönlichen Gott; θεός ist in ihrem Munde ein physikalischer Begriff; für wissenschaftliche Einsichten in die Natur ist der Olymp niemals in Betracht gekommen. Man kennt[37] also nur die sichtbare Welt, in der man lebt, den Kosmos, und nichts außerdem. Nichts verleitete zur Annahme einer substantiellen Energie oder Weltseele. Das Gesetz liegt in der Welt als Beziehung, möge es θεός, λόγος, ἀνάγκη oder τύχη heißen. Es ist wichtig zu bemerken, daß alle diese Begriffe einer Norm und gesetzlichen Ursache der Veränderung in gerader Linie von dem Schicksalsbegriff abstammen. Der λόγος ist die εἱμαρμένη, ein immanentes Schicksal, keine persönliche Ursache, was man im Altertum nicht verkannt hat: ἣν (= ἀνάγκην) εἱμαρμένην οἱ πολλοὶ καλοῦσιν· Ἐμπεδοκλῆς δὲ φιλίαν ὁμοῦ καὶ νεῖκος· Ἡ. δὲ παλίντροπον ἁρμονίην κόσμου ὅκωσπερ λύρας καὶ τόξου (Plut. de anim. procr. 27 p. 1026).

Heraklit faßt die Welt als reine Bewegung auf. Der λόγος ist demnach ihr Rhythmus, der Takt der Bewegung. In diesem System, das kein beharrendes Sein kennt, liegt die Wertschätzung des Metrischen um so näher. Erinnern wir uns noch einmal, in welchem Maße das Feingefühl für Formen bei den Griechen entwickelt war; es beschränkte sich nicht etwa auf die bildende Kunst; alle Lebensäußerungen geschehen unwillkürlich in den Grenzen eines gewissen Maßes (dies ist der Sinn der καλοκἀγαθία, σωφροσύνη, αὐτάρκεια und aller ähnlichen Ideale hellenischer Lebensführung). Wir empfinden heute diese ganze Kultur als formvolles Kunstwerk. Heraklit hatte in dem Kampf der Gegensätze die Harmonie hervorgehoben. Diese Harmonie ist eine metrische. Es sind mehrere Aussprüche dieser Art erhalten: Κόσμον τόνδε τὸν αὐτὸν ἁνάντων, οὔτε τις θεῶν οὔτε ἀνθρώπων ἐτοίησεν, ἀλλ᾽ ἦν αἰεὶ καὶ ἔστι καὶ ἔσται πῦρ αείζωον, ἁπτόμενον μέτρα καὶ ἀποσβεννύμενον μέτρα (Fr. 30). Ἥλιος γὰρ οὐκ ὑπερβήσεται μέτρα· εἰ δὲ μὴ, Ἐρινύες μιν Δίκης ἐπίκουροι ἐξευρήσουσιν (Fr. 94). Θάλασσα διαχέεται καὶ μετρέεται εἰς τὸν αὐτὸν λόγον ὁκοῖος πρόσθεν ἦν ἢ γενέσθαι γῆ (Fr. 31 »Die Umwandlung des Wassers vollzieht sich in demselben mathematischen Verhältnis«). Es ist hiernach deutlich, daß in den kosmischen Vorgängen jeder Art ein μέτρον enthalten ist. Man darf annehmen, daß die mehrmalige Nennung der Δίκη die strenge Regelmäßigkeit dieser Beziehung hervorheben soll. Jedenfalls ist für[38] Heraklit der Wert der mathematischen Form der Naturvorgänge ein sehr hoher.

Es wäre noch nach der Verwandtschaft dieser Idee Heraklits mit dem entsprechenden Gedanken des Pythagoräismus zu fragen. Pythagoras selbst, von dessen eigener Lehre nichts feststeht und der nach allgemeiner Annahme kein Schriftsteller war, wird einmal von Heraklit, und zwar nur seiner wissenschaftlichen Methode wegen genannt.1 Ein Verhältnis der Abhängigkeit wird man nie nachweisen können. Es ist auch ebenso unwahrscheinlich wie unwichtig. Nur der tatsächliche Parallelismes beider Systeme ist von Interesse. Der älteste Pythagoräismus beginnt mit der Beobachtung des Vorhandenseins mathematischer Beziehungen in allen Gestalten und Vorgängen der Natur. Die Zahlenlehre ist erst eine spätere Folgerung aus dieser Tatsache.2 Man geht von der Unterscheidung von Stoff und Form (ἄπειρον-πέρας) aus, ganz im Sinne Heraklits (τὰ πάντα, κόσμος - λόγος, μέτρον). Eine Stelle des Philolaos läßt diesen Parallelismus deutlich werden: Ἀνάγκα τὰ ἐόντα εἶμεν πάντα ἢ περαίνοντα ἢ ἄπειρα ἢ περαίνοντά τε καὶ ἄπειρα· - ἐπεὶ τοίνυν φαίνεται οὔτ᾽ ἐκ περαινόντων πάντων ἐόντα οὔτ᾽ ἐξ ἀπείρων πάντων, δῆλόν τ᾽ ἄρα, ὅτι ἐκ περαινόντων τε καὶ ἀτείρων ὅ τε κόσμος καὶ τὰ ἐν αὐτῷ συναρμόχθη (harmonisch geordnet). Man erkennt die Ähnlichkeit beider Auffassungen, die sich aber auf die allgemeinste Grundlage beschränkt. Das Formale des Philolaos, das als geometrisch-arithmetische Bestimmbarkeit der Dinge aufzufassen ist, wurde in der Folge etwas ganz anderes als Heraklits μέτρον, das man als Zeitmaß der Bewegung anzusehen hat. Das Problem selbst ist ein allgemein hellenisches; die Gestaltung im einzelnen ist durchaus individueller Art.

1

Fr. 40 und ähnlich Fr. 129. Letzteres wird von Diels für unecht erklärt, ist aber inhaltlich von 40 und 80 bestätigt.

2

Vgl. Bauer, Der ältere Pythagoräismus S. 200 ff. Aristoteles hat die Zahlenlehre widerspruchsvoll und sicher falsch gegeben. Philolaos ist der älteste und zuverlässigste Autor (Bauer S. 181 ff.). Die Idee der Zahl als ἀρχὴ τῶν ὄντων (Arist. Metaph. I, 5. 985 b. 23) ist eine von spätem Pythagoräern stammende Verzerrung der ursprünglichen Lehre.

Quelle:
Oswald Spengler: Reden und Aufsätze. München 1937, S. 35-39.
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