II. Die Form als Bedingung der Bewegung

[39] Der Gedanke vom Wert des Maßes hat bei Heraklit eine besondere Bedeutung. In einer Welt ohne jede stoffliche Qualität, die nichts ist als ein unaufhörliches Entgegenstreben von Differenzen innerhalb des Verlaufs einer Bewegung, gibt es nichts Bleibendes als das Maß. Suchen wir das Verhältnis des Maßes zur Bewegung genau zu bestimmen, so erhalten wir seinen Charakter als Form der Bewegung. Damit ist bereits seine unbedingte Notwendigkeit für die Bewegung ausgesprochen. Bewegung läßt sich ohne eine Form so wenig denken wie ein Körper ohne Gestalt. Für dies Prinzip, das den Takt des Werdens berücksichtigt, ist das Wort Rhythmus am geeignetsten, denn es ist sicher, daß Heraklit vor allem das Künstlerische, Musikalische dieser Vorstellung empfand und festhalten wollte. Der Grieche verlangte Schönheit der Abmessungen in allem, was für das Auge geschaffen wurde. Darin macht keiner eine Ausnahme. Anaxagoras schrieb seinem νοῦς Schönheit und (ästhetisch-ethische) Vollkommenheit zu; bei einem neuern Philosophen wären es Liebe und Mitleid gewesen. »Weisheit«, das heißt vollkommene Logik und Klarheit in allen Handlungen, gehörte zu den ersten Merkmalen griechischer Schönheit. Heraklit gebraucht ein mal geradezu den Ausdruck τὸ σοφόν für das Prinzip: Ἓν τὸ σοφὸν μοῦνον λέγεσθαι οὐκ ἐθέλει καὶ ἐθέλει Ζηνὸς ὄνομα (Fr. 32). Der ὁδὸς ἄνω κάτω ist entschieden rhythmisch aufzufassen; es ist die Arsis und Thesis der griechischen Metrik. Um sich in Heraklits Vorstellung des rhythmischen Fließens zu versetzen, könnte man sich etwa den rhapsodischen Vortrag homerischer Verse vergegenwärtigen. Ἁρμονίη ist der λόγος, sofern er schön ist (daher καλλίστη ἁρμονία Fr. 8), und zwar ist der unsichtbare Rhythmus des großen Weltgeschehens, der eine fehlerlose Harmonie besitzt, der schönere. (Fr. 54. Die wichtige Stelle lautet ganz: Ἁρμονίη ἀφανὴς φανερῆς κρείττων, ἐν ᾖ τὰς διαφορὰς καὶ τὰς ἑτερότητας ὁ μιγνύων θεὸς ἔκρυψε καὶ κατέδυσεν. Plut. de anim. procr. 27 p. 1026.)

Der Rhythmus der Bewegung gehorcht einem Gesetz. Der Hinweis auf das Gesetzmäßige in der Natur ist in der griechischen[40] Philosophie ein neuer Gedanke. Anaximander und Xenophanes kennen ihn noch nicht. Der Ausdruck νόμος für ἁρμονίη, λόγος ist mithin für Heraklit charakteristisch: ξὺν νόωι λέγοντας ἰσχυρίζεσθαι χρὴ τῶι ξυνῶι πάντων, ὅκωσπερ νόμωι πόλις καὶ πολὺ ἰσχυροτέρως, τρέφονται γὰρ πάντες οἱ ἀνθρώπειοι νόμοι ὑπὸ ἑνὸς τοῦ θείου· κρατεῖ γὰρ τοσοῦτον ὁκόσον ἐθέλει καὶ ἐξαρκεῖ πᾶσι καὶ περιγίνεται (Fr. 114). Es ist zu bemerken, daß der Begriff νόμος umfangreicher ist als unser »Gesetz«, nicht nur die eigentlichen Gesetze, sondern die ganze Summe der Institutionen, Gebräuche, Verfassung und Verwaltung der πόλις, begreift, also die gesamte Regel und Form des öffentlichen Lebens. So ist die Anwendung des Begriffs νόμος auf die Art und Weise des Werdens zu verstehen. Der Unterschied menschlicher und göttlicher, d.h. physikalischer Gesetze in dem eben angeführten Aphorismus fällt mit der Unterscheidung der sichtbaren und unsichtbaren Harmonie (Fr. 54) zusammen.

Es ist anfangs auffallend und hat zu Irrtümern Anlaß gegeben, daß Heraklit für den Gedanken des Gesetzes der Bewegung eine größere Anzahl von Bezeichnungen (λόγος, νόμος, ἁρμονίη, τὸ σοφόν, μέτρον, γνώμη, εἱμαρμένη, δίκη, θεός, Ζεύς)1 verwendet, die alle durch einen treffenden und erschöpfenden Ausdruck hätten ersetzt werden können. Sicher hat nur der Mangel eines solchen für die eigenartige neugeschaffene Idee dazu geführt. Λόγος ist der verhältnismäßig vollkommenste; er enthält Eigenschaften dieses Prinzips, die mit νόμος oder ἁρμονίη nur einzeln gegeben werden konnten. Eine Identität dieser Begriffe ist nicht vorhanden, nur eine Identität der durch sie vertretenen Idee. Sie sollen jenen einen nicht vorhandenen Begriff ersetzen und werden daher abwechselnd gebraucht, je nach der Beziehung, die gegerade in Betracht kommt und die sie am vorzüglichsten wiedergeben.

So findet sich einmal γνώμη: Εἶναι γὰρ ἕν τὸ σοφόν, ἐπίστασθαι γνώμην, ὁτέι ἐκυβέρνησε πάνδα διὰ πάντον (Fr. 41). Beachtenswert ist das Wort κόσμος für den Gesamteindruck der uns umgebenden Welt. Κόσμος hat bei Heraklit noch nicht den umfassenden[41] substanziellen Sinn »Weltall«; dies Wort wurde von ihm und Pythagoras zuerst überhaupt in philosophischer Absicht gebraucht und hat seiner Herkunft nach die Bedeutung Anordnung. Die Wendung κόσμος ὁ αὐτὸς ἁνάντων (Fr. 30. Gomperz übersetzt: Diese eine Ordnung der Dinge = Welt. Schuster: Die eine Welt, die alles in sich befaßt) ist für Heraklit mit der sichtbaren Harmonie beinahe identisch: Die formstrenge Ordnung im Verlauf des Geschehens, die für alle sichtbar und gleich ist (Fr. 89: τοῖς ἐγρηγορόσι ἕνα καὶ κοινὸν κόσμον εἲναι). Κόσμος kann also nur der Eindruck der Erscheinungswelt, das ganze Bild der Natur, das sich vor unsern Sinnen entrollt, nicht die Welt als Masse sein.

Der wichtigste Begriff, nach Heinze2 von Heraklit zuerst in diesem Sinne gebraucht, ist λόγος. Es wurde schon früher auf die Neigung, in Heraklit einen Pantheisten und Mystiker3 zu suchen, hingewiesen. Nirgends ist dies verhängnisvoller gewesen als in der Beurteilung dieses Begriffs. Zeller (I S. 555) findet hier den »ausgesprochenen Pantheismus«, Pfleiderer (S. 132 ff.) konstruiert einen Zusammenhang mit den Mysterien, Teichmüller hat Heraklit überhaupt als religiösen Phantasten aufgefaßt. Immer wird der Begriff λόγος dem Gottesbegriff nahegebracht. Pfleiderer übersetzt »bewußte Intelligenz« (S. 234 u. ff.), Bernays ähnlich »wirkende Intelligenz« (Rhein. Mus. IX S. 252), Teichmüller »Weltseele« (I S. 198), Schuster »die im entzündeten Feuer sich regende Intelligenz« (S. 345), dagegen ganz widersprechend, aber richtig »Gesetz der Bewegung« (S. 93), Schäfer »Weltvernunft« und »alles ordnende Kraft« (S. 55). Um diese oft ganz unklaren Begriffe eines Wesens zu vermeiden, ist auch Lassalles Ausdruck »objektives Vernunftgesetz«, der zu sehr an den νοῦς des Anaxagoras erinnert, nicht geeignet.4[42]

Auf eine Übersetzung muß man verzichten; der ganze Sinn dieses Begriffs ist mit keinem der neuern Philosophie zu erschöpfen. Heinze (S. 19) erkannte die Identität von λόγος und εἱμαρμένη; daraus folgt das vollkommen Unpersönliche und Mechanische im λόγος. Ebenso ist die Identität mit νόμος, μέτρον und ἁρμονίη gewiß. In der Nachbarschaft dieser Worte kann λόγος nicht im entferntesten den Sinn haben, den er später in der hellenistisch-christlichen Philosophie annahm. Diese Umwandlung vollzogen die Stoiker, die Heraklits λόγος (als πνεῦμα) den aktiven Prinzipien der Philosophie seit Anaxagoras (νοῦς, δημιοῦργος) gleichsetzten und mit dem heraklitischen Feuer (in Erinnerung an die Feueratome der Seele bei Demokrit) zu einer transzendenten, handelnden, substanziellen Weltseele, λόγος σπερματικός, erhoben, die den andern sich passiv verhaltenden Substanzen gegenübersteht. Damit ist das heraklitische Werden (πάντα ῥεῖ) in eine materielle Bewegung (ποιεῖν καὶ πάσχειν) verwandelt und das ganze System zu einem materialistischen gemacht worden.

Heinze, der für λόγος Ausdrücke wie »Vernunftgesetz«, »vernünftiger Weltprozeß«, »vernünftiges Verhältnis« vorschlägt (S. 35), fügt hinzu: »Wir haben dies Gesetz als den in allem waltenden Logos kennen gelernt in seinen nähern Bestimmungen und müssen nur noch hervorheben, daß dieser durchaus immanent in der Welt, nie transzendent gedacht wird; es ist materiell gefaßt das Feuer, und das Feuer vergeistigt ist der Logos« (S. 24). Dies ist nicht richtig. Man hat das Werden und das Gesetz dieses Werdens; eine Identität von πῦρ (einer Erscheinungsart des Werdens) und λόγος ist prinzipiell unmöglich. Halten wir fest, daß es sich um ein Gesetz handelt, nach welchem die Bewegung sich vollzieht: γινομένων γὰρ πάντων κατὰ τὸν λόγον[43] τόνδε ἀπείροισιν ἐοίκασι(Fr. 1). Θάλασσα μετρέεται εἰς τὸν αὐτὸν λόγον (Fr. 31). Die Wendung κατὰ τὸν λόγον ergibt den Sinn mit voller Gewißheit. Die Bezeichnungen θεός und Ζεύς5 sollen an die unbedingte Notwendigkeit und Macht des νόμος (vgl. Fr. 114: κρατεῖ γὰρ τοσοῦτον ὁκόσον ἐθέλει καὶ ἐξαρκεῖ πᾶσι καὶ περιγίνεται) nachdrücklichst erinnern. Demselben Zwecke dient der einem seefahrenden Volke geläufige Begriff des Steuerns, der hier Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit zugleich geben soll. (Fr. 64: τὰ δὲ πάντα οἰακίζει κεραυνός. Fr. 41: γνώμην, ὁτέη ἐκυβέρνησε πάντα διὰ πάντον; Vgl. dazu Pseudo-Linus 13 Mullach: κατ᾽ ἔριν συνάπαντα κυβερνᾶται διὰ παντός. Hierher gehört Fr. 94: Ἥλιος γὰρ οὐκ ὑπερβήσεται μέτρα εἰ δὲ μὴ, Ἐρινύες μιν Δίκης ἐπίκουροι ἐξευρήσουσιν.)

Λόγος ist das formale Gesetz des Werdens und als solches zu dessen Vorstellung notwendig. Bewegung ohne Form ist undenkbar.

1

Der ebenfalls vorkommende Ausdruck δόγμα ist gefälscht (Bernays, Rhein. Mus. IX S. 248).

2

Lehre vom Logos S. 9. Auch nach Lassalle II S. 264.

3

Am weitesten geht Tannery (Rév. philos. 1883, XVI S. 292): Au milieu des »physiologues« ioniens, Héraclite a une position tout spéciale, ou plutôt il n'est rien moins que physiologue, c'est un »théologue«.

4

Teichmüller (I S. 167–181) gibt eine ausführliche Zusammenstellung der Bedeutungen von λόγος in der vorheraklitischen Zeit. Man findet hier nirgends die Bedeutung Vernunft, sondern Sinn, Inhalt der Gedanken. Heraklit gebraucht das Wort sehr verschieden. Fr. 45: ψυχῆς πείρατα ἰὼν οὐκ ἂν ἐξεύροιο, πᾶσαν ἐπιπορευόμενος ὁδόν· οὕτω βασὺν λόγον ἔχει (etwa Anlage, Bildung, Organisation); Fr. 108: ὁκόσων λόγους ἤκουσα ... (Auseinandersetzung); Fr: 87: βλὰξ ἄνθρωπος ἐπὶ παντὶ λόγωι ἐπτοῆσθαι φιλεῖ (Wort); Fr. 139: οὗ πλέων λόγος ἢ τῶν ἄλλον (von dem die Rede ist). Jedenfalls ergibt sich hieraus, daß die Bedeutung Intelligenz unmöglich ist.

5

Fr. 32: Ἕν τὸ σοφὸν μοῦνον λέγεσθαι οὐκ ἐθέλει καὶ ἐθέλει Ζηνὸς ὄνομα. Nach Diels und andern handelt es sich um den Unterschied der volkstümlichen Idee eines persönlichen Gottes und der philosophischen (physikalischen) Anwendung des Namens. Nach Bernays (Rhein. Mus. IX S. 257) ist Ζεύς, wegen des Anklangs an ζῆν gewählt worden.

Quelle:
Oswald Spengler: Reden und Aufsätze. München 1937, S. 39-44.
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