III. Die Idee der Einheit und Notwendigkeit

[44] Der Gedanke der Gesetzlichkeit innerhalb der Natur war neu. Heraklit ging noch weiter und fand, daß ein einziges Gesetz für die Gesamtheit aller Vorgänge maßgebend ist. Den Gedanken einer innern Einheit der Welt hatte auch Xenophanes gefunden und zum Mittelpunkt seiner Lehre gemacht. Sein ἓν καὶ πᾶν bedeutete eine Einheit des Seienden schlechthin, ohne eine Inhaltsbestimmung dieses Begriffes. Das ist etwas wesentlich anderes und Unvollkommeneres. Xenophanes kennt keine Norm, keine Gestaltung oder Qualität des Seienden, nur die Welt und »Gott«, die eins sind. Seine Einheit ist eine qualitative und begriffliche zugleich, eine ganz allgemein und pantheistisch gehaltene Vorstellung. Für Heraklit kann diese Bestimmung, da[44] eine Substanz nicht angenommen wird, sich nur auf die Form des energetischen Prozesses beziehen und diese als beständig und geregelt ansetzen. Man begreift den großen Unterschied. Heraklits Idee ist konkret gefaßt und klar vorgestellt; die Einheit ist die des λόγος innerhalb der Bewegung. Alle im Kosmos sich vollziehenden Veränderungen unterliegen derselben Regel. Wir finden die Wirkungen desselben einen und ewigen Gesetzes im unsichtbaren Werden, in der sichtbaren Natur, im Leben, in der Kultur. Das Gesetz der ewigen Wiederkunft ist dasselbe im großen, was der Wechsel von Leben und Tod und die Umwälzungen von Staaten, Sitten, kulturellen Zuständen im kleinen. Deshalb nennt Heraklit den λόγος, (Fr. 2) und πόλεμος, (Fr. 80) ξυνός (vgl. auch ἓν τὸ σοφόν Fr. 32). Hier ist noch einmal an die Harmonie zu erinnern, die auf der Voraussetzung eines gleichen Rhythmus in allen Vorgängen beruht. Aus dieser Annahme, die eine gemeinsame Regel alles Geschehens neben- und nacheinander, enthält und damit bereits ein Ende der Welt ausschließt, folgt die Kongruenz aller physikalischen, ethischen, sozialen und andern Gesetze und zugleich ihre Notwendigkeit und Folgerichtigkeit. Der Satz: τρέφονται γὰρ πάντες οἱ ἀνθρώπειοι νόμοι ὑπὸ ἑνὸς τοῦ θείου (Fr. 114) kann als Beweis dieser weitgehenden Folgerungen gelten, Alle Verhältnisse und Bedingungen, von denen das Leben des einzelnen und ganzer Gemeinschaften abhängt, sind die hier in anderer Gestalt herrschenden Gesetze des Kosmos, also ebenso unbedingt, unabwendbar, jedem Versuch, ihnen zu entgehen, trotzend, eine tiefe und furchtbare Erkenntnis, die dieser unbeugsamen und tapfern Persönlichkeit angemessen war. Es ist ein starker Fatalismus darin enthalten. Das widerspricht dem hellenischen Empfinden nicht; die εἱμαρμένη ist das einzige Dogma, das keiner ihrer Denker angezweifelt hat. Die Hellenen liebten es, diese εἱμαρμένη, die wie eine Gewitterwolke schweigend über Menschen und Göttern lag und in jedem Augenblick unerwartete vernichtende Blitze herabsenden konnte, mit einer geheimen Freude am Grauenhaften sich vorzustellen. Daraus entstand die Tragödie. Man kann sich in der Tat keinen bessern Begriff von dem Gesetz, das den Kosmos beherrscht, machen, als wenn man das Schicksal, das beispielsweise im Leben[45] des Ödipus waltet, zum Vergleich wählt. Unsichtbar und unabwendbar ist es von schweigender, um so eindrucksvollerer Gegenwart. In der Idee des Logos hat sich Heraklits Überzeugung vom Dasein der εἱμαρμένη seiner Lehre tief eingeprägt. Es ist wahrscheinlich, daß er den Ausdruck εἱμαρμένη geradezu für λόγος verwandte. In jedem Fall ist beides dasselbe, wie man einsieht; die Gleichheit beider Begriffe wurde allgemein empfunden: Ἡ. οὐσίαν εἱμαρμένης ἀπεφήνατο λόγον τὸν διὰ οὐσίας τῆς τοῦ παντὸς διήκοντα· αὕτη δ᾽ἐστὶ τὸ αἰθέριον σῶμα, σπέρμα τῆς τοῦ παντὸς γενέσεως· καὶ περιόδου μέτρον τετραγμένης· πάντα δὲ καθ᾽ εἱμαρμένη, τὴν δ᾽αὐτὴν ὑπάρχειν καὶ ἀνάγκην· γράφει γοῦν· Ἔστι γὰρ εἱμαρμένη πάντως (Stob. Ecl. I, 5 p. 178).1 Ebenso bemerkt Diogenes Laertius über seine Lehre: πάντα τε γίνεσθαι καθ᾽ εἱμαρμένην (IX, 7) und: τοῦτο (= τροπαί) δὲ γίνεσθαι καθ᾽ εἱμαρμένην (IX, 8). Endlich wird der Ausdruck dreimal bei Aëtius als heraklitisch erwähnt (Diels Anhang B. 8). Es ist danach sehr wahrscheinlich, daß Heraklit auch das Wort für die entsprechende Idee gebrauchte. Diese Gleichartigkeit von λόγος mit εἱμαρμένη muß die Meinung, daß λόγος ein persönliches oder wenigstens intellektuelles Prinzip sei, unmöglich machen. Jede denkbare Intelligenz, sei sie als Gott, Weltseele oder etwas anderes aufzufassen, ist damit bereits der εἱμαρμένη untergeordnet. So verlangt es der hellenische Glaube, der das Schicksal unbedingt an die Spitze stellt. In diesem System bleibt nicht für den geringsten Zufall mehr Raum. Hesiod, der an die Vorbedeutung gewisser Tage glaubte, forderte dadurch den Spott Heraklits heraus, der die Annahme geheimnisvoller »Mächte« als Naivetät empfand (Fr. 57). Nach seiner Überzeugung ist jede Möglichkeit des Abweichens von dem gesetzlichen Ablauf des Geschehens undenkbar.

Heraklits Gedankenwelt, als Ganzes angesehen, erscheint als eine großgedachte Dichtung, eine Tragödie des Kosmos, den Tragödien des Äschylos in ihrer kraftvollen Erhabenheit ebenbürtig. Unter den griechischen Philosophen, Plato vielleicht ausgenommen, ist er der bedeutendste Dichter. Der Gedanke eines[46] seit Ewigkeiten währenden und nie aufhörenden Kampfes, der den Inhalt des Lebens im Kosmos bildet, in dem ein gebieterisches Gesetz waltet und eine harmonische Ebenmäßigkeit aufrecht erhält, ist eine hohe Schöpfung der griechischen Kunst, der dieser Denker weit näher gestanden hat als der eigentlichen Naturforschung. Ein letzter Gedanke, in dem er die Welt übersieht und sich des Mühelosen, Unschuldigen, Leidlosen im Anblick ihres Werdens und Wirkens freut, ist erhalten geblieben: αἰὼν παῖς ἐστι παίζων πεσσεύων παιδὸς ἡ βασιληΐη.2

1

Fr. 137. Von Diels als Zitat angezweifelt. Es kommt hier nur auf den allgemeinen Gedanken an.

2

Fr. 52. Bei Luc. vit. auct. 14: παῖς παίζων πεσσεύων, συνδιαφερόμενος (Bernays). Zeller sieht hier ein Bild der Ziellosigkeit der weltbildenden Kraft (I S. 536), Bernays ein Bild des Weltbaus und der Zerstörung (Rhein. Mus. VIII S. 112), Teichmüller (II S. 191 ff.) erkennt das Mühelose, Leichte in dieser Vorstellung.

Quelle:
Oswald Spengler: Reden und Aufsätze. München 1937, S. 44-47.
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