Kapitel 3

[31] Nachdem nun erkannt worden ist, was mit dem Wort »Wesen« im Falle der zusammengesetzten Substanzen bezeichnet wird, muß man erkennen, wie Wesen sich zu dem Begriff der Gattung, der Art und des Unterschieds verhält. Weil aber das, dem der Begriff der Gattung oder der Art oder des Unterschieds zukommt, von dem bezeichneten Einzelnen ausgesagt wird,ist es unmöglich, daß der Begriff des Allgemeinen, nämlich der Gattung oder der Art, dem Wesen zukommt, insofern es nach Art eines Teils bezeichnet wird, wie durch das Wort »Menschhaftigkeit« oder »Sinnenwesenhaftigkeit«. Und daher sagt Avicenna, daß die Vernunfthaftigkeit nicht der Unterschied, sondern das Prinzip (Ursache) des Unterschieds ist; und aus demselben Grund ist Menschhaftigkeit keine Art und Sinnenwesenhaftigkeit keine Gattung. Ebenso kann man auch nicht sagen, daß der Begriff der Gattung oder der Art dem Wesen zukommt, insofern es ein außerhalb des Einzelnen existierendes Ding ist, wie die Platoniker behaupteten, weil so die Gattung und die Art von dem Individuum nicht ausgesagt würden; man kann nämlich nicht sagen, daß Sokrates das ist, was von ihm getrennt ist, und jenes Abgesonderte würde außerdem zur Erkenntnis des Einzelnen nicht beitragen. Und daher bleibt übrig, daß der Begriff der Gattung oder der Art dem Wesen zukommt, insofern es nach Art eines Ganzen bezeichnet wird, wie durch das Wort »Mensch« oder »Sinnenwesen«, insoweit das Wesen implizite und auf unbestimmte Art und Weise das Ganze, was im Individuum ist, enthält.

Natur oder Wesen aber, so verstanden, kann auf zweifache Weise betrachtet werden. Auf eine Weise dem eigentlichen Begriff nach, und dies ist die absolute Betrachtung der Natur. Und auf diese Weise ist von der Natur nur das wahr, was ihr als solcher zukommt. Daher wird alles, was sonst ihr zugewiesen werden mag, eine falsche Zuweisung sein. Zum Beispiel kommt dem Menschen, insofern er Mensch ist, das Vernunfthafte und Sinnenwesen und anderes zu, was zu seiner Definition gehört. Weiß aber oder schwarz oder was auch immer dergleichen, das nicht zu dem Begriff »Menschhaftigkeit« gehört, kommt demMenschen, insofern er Mensch ist, nicht zu. Daher, wenn man etwa fragt, ob die Natur, so betrachtet, nur eine oder mehr (als eine) genannt werden kann, so ist keines von beidem zuzugeben, weil beides außerhalb der Bedeutung »Menschhaftigkeit« steht und beides dieser zuteil werden kann. Wenn nämlich Mehrheit zu der Bedeutung »Menschhaftigkeit« gehören würde, so könnte die Natur niemals nur eine sein, obwohl sie doch nur eine ist, insofern sie in Sokrates ist. Ebenso, wenn Einheit zu dem Begriff »Menschhaftigkeit« gehören würde, dann würde zu Sokrates und Platon ein und dieselbe Natur gehören und diese könnte nicht in mehrerem vervielfältigt werden. Auf eine andere Weise wird die Natur betrachtet nach dem Sein, das sie in diesem oder in jenem hat. Und so (betrachtet) wird von ihr etwas akzidentellerweise (nebenbei) ausgesagt auf Grund desjenigen, in dem sie ist, so wie man sagt, daß der Mensch weiß ist, weil Sokrates weiß ist, obwohl dies dem Menschen nicht zukommt, insofern er Mensch ist.

Diese Natur aber hat ein zweifaches Sein: eines in den Einzeldingen und ein anderes in der Seele, und gemäß jedem der beiden Sein begleiten die genannte Natur Eigenschäften. In den Einzeldingen hat sie überdies ein vielfaches Sein gemäß der Verschiedenheit des Einzelnen. Und dennoch ist der Natur selbst gemäß ihrer ersten, nämlich absoluten Betrachtung keines dieser Sein verschrieben. Es ist nämlich falsch zu sagen, daß das Wesen des Menschen als solchen Sein in diesem Einzelnen hat, weil, wenn dem Menschen, insoweit er Mensch ist, zukäme, in diesem Einzelnen zu sein, er niemals außerhalb dieses Einzelnen wäre. Ebenso auch, wenn dem Menschen, insoweit er Mensch ist, zukäme, nicht in diesem Einzelnen zu sein, wäre er niemals darin. Aber es ist richtig zu sagen, daß dem Menschen, nicht insoweit erMensch ist, eigen ist, in diesem oder in jenem Einzelnen oder in der Seele zu sein. Also ist offenbar, daß die Natur des Menschen, absolut betrachtet, von jedem beliebigen Sein absieht, jedoch so, daß kein Ausschluß irgendeines dieser Sein geschieht. Und die Natur, so betrachtet, ist die, die von allen Individuen ausgesagt wird.

Man kann jedoch nicht sagen, daß der Begriff des Allgemeinen der so aufgefaßten Natur zukommt, weil zu dem Begriff des Allgemeinen Einheit und Gemeinsamkeit gehören. Der menschlichen Natur aber kommt gemäß ihrer absoluten Betrachtung keines dieser beiden zu. Wenn nämlich Gemeinsamkeit zu der Bedeutung des Menschen gehören würde, dann würde Gemeinsamkeit vorgefunden, worin auch immer Menschhaftigkeit vorgefunden würde. Und das ist falsch, weil in Sokrates keine Gemeinsamkeit vorgefunden wird, sondern alles, was in ihm ist, ist individuiert. Ebenso kann man auch nicht sagen, daß der Begriff der Gattung oder der Art der menschlichen Natur zukommt gemäß dem Sein, das sie in den Individuen hat, weil in den Individuen die menschliche Natur nicht gemäß Einheit vorgefunden wird, so daß sie ein allen Individuen zukommendes Eines ist, was der Begriff des Allgemeinen verlangt. Es bleibt also übrig, daß der Begriff der Art der menschlichen Natur zukommt gemäß jenem Sein, das sie in der Vernunft hat.

In der Vernunft nämlich hat eben die menschliche Natur ein von allem Individuierenden losgelöstes Sein. Und daher hat sie eine einförmige Beziehung auf alle Individuen, die außerhalb der Seele sind, insoweit die menschliche Natur in gleichem Maße eine Ähnlichkeit aller Individuen ist und zur Erkenntnis aller Individuen, insoweit sie Menschen sind, führt. Und aufgrund der Tatsache, daß die menschliche Natur ein solches Verhältnis zu allen Individuen hat, findet die Vernunft den Begriff der Art und teilt diesen der menschlichen Natur zu. Daher sagt der Kommentator zum Anfang von »Die Seele«, daß »es die Vernunft ist, die in den Dingen die Allgemeinheit zustande bringt«; dies sagt auch Avicenna in seiner »Metaphysik«. Und obwohl dieser mit der Vernunft erkannten Natur der Begriff des Allgemeinen eigen ist, insofern sie sich auf die Dinge außerhalb der Seele bezieht, weil sie ein und dieselbe Ähnlichkeit aller ist, ist sie dennoch, insofern sie Sein in dieser oder in jener Vernunft hat, eine mit der Vernunft erkannte besondere Form. Und daher ist der Fehler des Kommentators zum 3. Buch von »Die Seele« offenbar, der aus der Allgemeinheit der mit der Vernunft erkannten Form die Einheit der Vernunft in allen Menschen folgern wollte. Denn die Allgemeinheit gehört zu jener Form nicht gemäß dem Sein, das die Form in der Vernunft hat, sondern insofern die Form sich auf die Dinge wie eine Ähnlichkeit der Dinge bezieht, so wie auch, wenn es eine einzelne körperliche Statue gäbe, die viele Menschen repräsentierte, feststeht, daß jenes Bild oder jene Gestalt der Statue ein einzelnes und eigenes Sein hätte, insofern es (sie) in dieser Materie wäre, aber den Begriff der Gemeinsamkeit hätte, insofern es (sie) der gemeinsame Repräsentant mehrerer wäre. Und weil der menschlichen Natur gemäß ihrer absoluten Betrachtung zukommt, von Sokrates ausgesagt zu werden, und ihr der Begriff der Art nicht zukommt gemäß ihrer absoluten Betrachtung, sondern der Begriff der Art zu den Eigenschaften gehört, die die menschliche Natur begleiten gemäß dem Sein, das sie in der Vernunft hat, daher wird das Wort »Art« nicht von Sokrates ausgesagt, so daß man sagt, Sokrates ist eine Art. Das würde notwendigerweisegeschehen, wenn der Begriff der Art dem Menschen zukäme gemäß dem Sein, das der Mensch in Sokrates hat, oder gemäß der absoluten Betrachtung des Menschen, nämlich insoweit er Mensch ist; alles nämlich, was dem Menschen, insoweit er Mensch ist, zukommt, wird von Sokrates ausgesagt.

Und dennoch kommt der Gattung als solcher zu, ausgesagt zu werden, da es in ihrer Definition angeführt wird. Die Aussage nämlich ist etwas, das durch die Tätigkeit der Vernunft, die verbindet und trennt, zustande gebracht wird und das als Grundlage im Ding selbst die Einheit derer hat, von denen das eine von dem anderen ausgesagt wird. Daher kann der Begriff der Aussagbarkeit eingeschlossen werden in die Bedeutung des Begriffs, der die Gattung ist und der ebenso durch die Tätigkeit der Vernunft zustande gebracht wird. Trotzdem ist das, dem die Vernunft den Begriff der Aussagbarkeit zuteilt, indem sie jenes mit einem anderen verbindet, nicht der Begriff der Gattung selbst, sondern vielmehr das, dem die Vernunft den Begriff der Gattung zuteilt, so wie das, was durch das Wort »Sinnenwesen« bezeichnet wird.

So ist also offenbar, wie Wesen oder Natur sich zu dem Begriff der Art verhält. Denn der Begriff der Art gehört nicht zu dem, was dem Wesen gemäß seiner absoluten Betrachtung zukommt, noch gehört der Begriff der Art zu den Eigenschaften, die das Wesen begleiten gemäß dem Sein, das das Wesen außerhalb der Seele hat, wie Weiße oder Schwärze, sondern der Begriff der Art gehört zu den Eigenschaften, die das Wesen begleiten gemäß dem Sein, das das Wesen in der Vernunft hat. Und auf diese Weise kommt dem Wesen auch zu der Begriff der Gattung oder des Unterschieds.[41]

Quelle:
Thomas von Aquin: De ente et essentia – Das Seiende und das Wesen. Stuttgart 21987, S. 31-43.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Das Seiende und das Wesen
Das Seiende und das Wesen
De ente et essentia /Das Seiende und das Wesen: Lat. /Dt.
De ente et essentia. Über das Seiende und das Wesen: Lateinisch - Deutsch
De Ente et Essentia. Vom Seienden und Wesen: Lateinisch - Deutsch
Über das Seiende und das Wesen

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Horribilicribrifax

Horribilicribrifax

Das 1663 erschienene Scherzspiel schildert verwickelte Liebeshändel und Verwechselungen voller Prahlerei und Feigheit um den Helden Don Horribilicribrifax von Donnerkeil auf Wüsthausen. Schließlich finden sich die Paare doch und Diener Florian freut sich: »Hochzeiten über Hochzeiten! Was werde ich Marcepan bekommen!«

74 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon