§ 40. Darstellung des Charakters von Mann und Frau.

[323] Das Mittel für die Vereinigung des Liebhabers mit dem Mädchen oder einer Wiederverheirateten ist mit allen Einzelheiten behandelt worden. Da nun bei der Hetäre bloß Liebe, bei fremden Frauen Vermögen und Liebe zu holen ist, so wird, um das Mittel, zu solchen zu gelangen, anzugeben, vor dem Abschnitte über die Hetären derjenige über die fremden Frauen abgehandelt. Weil es nun unmöglich ist, zu weiteren Taten zu schreiten, bevor man den Charakter von Mann und Frau festgestellt hat, so wird jetzt über die »Darstellung des Charakters von Mann und Frau« gesprochen.

Die Liebe zu fremden Frauen ist ja aber verboten? – Darauf erwidert (der Verfasser):


Der Besuch bei fremden Frauen geschieht aus den mitgeteilten Gründen.


»Aus den mitgeteilten Gründen«: die Gründe, die Ehefrau eines anderen zu besuchen, sind, abgesehen von der Wollust und dem Verlangen nach Kindern, unter Vorausschickung der lauteren in der Erörterung über die Liebhaberin angegeben. Daran erinnert (der Verfasser):


Bei diesen prüfe man die Erreichbarkeit, Ungefährlichkeit, Besuchswürdigkeit, Aussichten und Wesen von Anfang an.


»Bei diesen«, den fremden Frauen. – Auch wenn Gründe vorliegen, sie zu besuchen, »prüfe man« doch erst von Anfang an folgendes: so sagt (der Verfasser): »Erreichbarkeit«, ob es möglich ist, sie zu gewinnen; »Ungefährlichkeit«, ob keine Gefahr dabei ist; »Besuchswürdigkeit«, ob sie nicht aussätzig, verrückt usw. ist; »Aussichten«, Ansehen infolge der Vereinigung mit ihr; »Wesen«, durch Kundtun des eignen Wesens.[323]

Als Hauptursache, eine fremde Frau zu besuchen, sehe man die (sonst drohende) Schädigung des Leibes an. So sagt (der Verfasser):


Wenn man aber sieht, daß die Liebe von Stufe zu Stufe fortschreitet, dann besuche man fremde Ehefrauen, um Schutz gegen die Schädigung des eignen Leibes zu haben.


»Wenn man aber« irgendein Weib gesehen hat und die in dem Wunsche nach geschlechtlicher Vereinigung bestehende Liebe entstanden ist und »man sieht«, merkt, daß dieselbe von der ersten »Stufe« zur anderen, von einem Zustande zum anderen »fortschreitet«, gelangt, und man nicht imstande ist, durch Gegenankämpfen sie zu dämpfen usw.

Wie viele Stufen gibt es bei ihr? – Darauf antwortet (der Verfasser):


Die Liebe aber hat zehn Stufen.


Die Liebe nämlich fängt mit Geistesverwirrung an, wächst bei Nichterlangung ihres Zieles infolge des zusagenden Vertrauens mit jedem Augenblicke und geht bis zum Aufgeben des Geistes. Da sie nun ungewöhnliche Taten zeitigt, haben ihr die alten Meister für die Praxis »zehn Stufen« gegeben. Diese nennt (der Verfasser) der Reihe nach:


Augenliebe, Gedenken im Herzen, Entstehen von Vorsätzen, Schlaflosigkeit Abmagern, Abwenden von der Sinnenwelt, Aufhören des Schamgefühls, Wahnsinn, Ohnmacht und Tod: das sind deren Zeichen.


Wenn jemand ein Weib erblickt hat, so werden infolge der in dem Wunsche nach geschlechtlicher Vereinigung bestehenden Liebe sogleich seine Augen verliebt; darauf folgt, wenn das Ziel nicht erreicht wird, »Gedenken im Herzen«, die Seele haftet daran; und da sie daran hängt, »entstehen Vorsätze«: ›Wie werde ich sie erlangen? Und wenn ich sie erlangt habe, will ich so und so auftreten!‹ – Während er nun so nachdenkt, erfolgt »Schlaflosigkeit«, dann, da er keinen Schlaf findet, »Abmagern«, Abnehmen des Leibes; darauf »Abwenden von der Sinnenwelt«: da seine Gedanken durchaus nur darauf gerichtet sind, kümmert er sich nicht um die übrigen Sinnesobjekte, die ihm brennendes Feuer zu sein dünken. Da er sich von diesen abwendet, so ergibt sich das »Aufhören des Schamgefühles«:[324] selbst vor seinen Eltern hat er keine Scheu mehr, da er scham los geworden ist. Nachdem also sein Schamgefühl erloschen is und er keine Scheu mehr empfindet, kommt der »Wahnsinn«; dann die »Ohnmacht«, eine Bezeichnung für das Nichtbeisichsein; darauf der »Tod«, das Aufgeben des Geistes. – »Das«, die Augenliebe usw. sind »Zeichen«, die zur Erkenntnis »deren«, der Stufen der Liebe, dienen, indem sie durch sie hervorgerufen werden.


Hierbei erkenne man an der Haltung und den Merkmalen Charakter, Wahrhaftigkeit, Lauterkeit, Erreichbarkeit und Temperament der jungen Frau, sagen die Meister.


»Hierbei«, bei dieser Annäherung aus Leidenschaft, »erkenne man« ganz besonders den Charakter usw. »an der Haltung«, Stellung des Körpers, »und den Merkmalen«, im Sinne von ›Äußeres des Körpers‹. – »Charakter«: wird noch behandelt werden; »Wahrhaftigkeit«, entsprechendes Reden; »Lauterkeit«, Reinheit des Wandels.


Infolge des Fehlgehens des Mittels der Haltung und der Merkmale ist das Wesen der Frau zu beurteilen nach den Gebärden und dem Äußeren, lehrt Vātsyāyana.


Trotz des Mittels der Haltung ergeben sich durch das Mittel der Merkmale mit Sicherheit nur Charakter, Wahrhaftigkeit und Lauterkeit: Erreichbarkeit und Unerreichbarkeit, feuriges oder mattes Temperament jedoch lassen sie nicht erkennen. Wie beurteilt man das also? – Darauf antwortet (der Verfasser): »Nach den Gebärden und dem Äußeren ist das Wesen der Frau zu beurteilen«, d.h., ob sie mit Charakter usw. versehen ist. – Gebärden und Äußeres nun sind in dem Abschnitte über den Verkehr mit Mädchen besprochen worden. – »Wesen«, Art und Weise. – Abgesehen von den Gebärden erkennt man nach jenen drei die besonderen Eigenschaften, Wahrhaftigkeit, Charakter und Lauterkeit nach ihrem Auftreten bei Mann und Frau.

Wie ist nun die Natur einer jeden? – Darauf entgegnet (der Verfasser):


Die Frau empfindet Liebe, wenn sie irgend einen schmucken Mann erblickt; und ebenso macht es auch der Mann gegenüber der Frau; aus gewissen Rücksichten aber wird (bisweilen) nichts daraus. So lehrt Gonikāputra.
[325]

»Irgend einen Mann«, den eignen oder einen fremden. – »Schmuck«, von Person und Toilette. – »Empfindet Liebe«, verspürt Leidenschaft. Ebenso empfindet auch der Mann Liebe, wenn er eine schmucke Frau erblickt. – »Aus gewissen Rücksichten aber«, aus irgend welchem Grunde, »wird nichts daraus«, vereinigen sich die beiden geschlechtlich nicht. – Dieses beiderseitige Verheben in das Schmucke und das Rücksichtnehmen auf Gründe bildet ihren Charakter. – Goṇikāputra wird erwähnt, um anzudeuten, daß er hier Autorität ist.


Hier gibt es mit Bezug auf die Frau einen Unterschied.


»Hier«, wenn auch beide von gleicher Natur sind. – »Unterschied«: mit Bezug auf jeden einzelnen wird dieser Unterschied aufgezeigt:


Nicht bedenkt die Frau Recht oder Unrecht: sie liebt eben! Aus besonderen Gründen zeigt sie aber kein Entgegenkommen. Wird sie in der entsprechenden Weise von dem Manne umworben, so tritt sie zurück, wie gern sie auch darauf eingehen möchte. Wenn sie immer und immer wieder umworben wird, wird sie glücklich gewonnen. – Der Mann jedoch, der die Satzungen der Moral und die Überlieferung der Edlen bedenkt, tritt zurück, auch wenn er Liebe empfindet. Voll von dieser Überzeugung wird er nicht gewonnen, auch wenn er umworben wird. Ohne Grund wirbt er; und auch wenn er geworben hat, tut er es nicht wieder. Hat er die Frau gewonnen, so wird er gleichgültig. Er verschmäht die leicht zu Gewinnende und verlangt nach einer, die schwer zu gewinnen ist. – So lautet die allgemeine Meinung.


»Nicht bedenkt die Frau«, bei ihrem Handeln, ob etwas recht ist oder nicht. »Sie liebt eben« jenen, wegen ihrer tiefen Verblendung. »Aus besonderen Gründen zeigt sie aber kein Entgegenkommen«, indem sie dabei für sich eine Sünde sieht. Das ist der Charakter, soweit er in dem Erkennen einer sichtbaren Sünde besteht. – »Wie gern sie auch darauf eingehen möchte«, trotzdem sie Verlangen trägt, mit ihm sich zu vereinigen, »tritt sie doch zurück« von der Umwerbung seitens des Liebhabers. Das ist der Charakter, soweit er in dem Lieben des (soweit es die Rücksicht auf die Gründe zuläßt) Umworbenen[326] und dem Berücksichtigen der Gründe besteht. – »Wenn sie immer wieder umworben wird, wird sie schließlich gewonnen«: das ist der Charakter, der in dem Lieben des ausdauernd Werbenden besteht. – »Die Satzungen der Moral«, das Überirdische, welches in Śruti und Smṙti niedergelegt ist. – »Die Überlieferung der Edlen«, das Herkommen der Gebildeten, welches man sichtbar vor Augen hat. – »Auch wenn er Liebe empfindet«, selbst wenn er Verlangen empfindet, »tritt er zurück«, das ist der Charakter, der in dem Erkennen sichtbarer und unsichtbarer Sünde besteht. – »Voll von dieser Überzeugung«, die Satzungen der Moral und die Überlieferung der Edlen berücksichtigend »wird er nicht gewonnen«, geht nicht darauf ein, »auch wenn er umworben wird«, von der Frau. Das ist derselbe Charakter von ihm wie oben; der Unterschied besteht nur in dem Unterschiede zwischen Subjekt und Objekt. – »Ohne Grund«, ohne Rücksicht auf Wonne oder bestimmte Gründe. – »Wenn er geworben hat, tut er es nicht wieder«: wenn der Grund nicht ausreichend ist: das ist der Charakter, der in der Liebe zum Lauteren besteht. – »Hat er die Frau gewonnen, so wird er gleichgültig«: er wirbt, vereinigt sich aber geschlechtlich nicht mit der Betreffenden. Das ist der Charakter, der in dem Lieben des Lauteren besteht. – »Er verschmäht die leicht zu Gewinnende und verlangt nach einer, die schwer zu gewinnen ist«: das ist das Wesen des verkehrten Charakters.


Hier gibt es folgende Gründe der Zurückhaltung: Liebe zu dem Gatten, Rücksicht auf die Kinder, vorgeschrittenes Alter, Gedrücktsein durch Unglück, Unmöglichkeit, ein Alleinsein ausfindig zu machen; Zorn darüber, daß er ohne Achtung seine Anträge macht; Mangel an Interesse, da er nicht vorgestellt werden kann; die Aussichtslosigkeit, da er bald wieder gehen wird und seine Gedanken anderswo gefesselt sind; Unwille darüber, daß er sein Wesen nicht enthüllt; da er sein Sein den Freunden anvertraut hat, Rücksicht auf diese; Befürchtung, daß er zwecklos freit; Ängstlichkeit, weil er eine hochstehende Persönlichkeit ist; bei der ›Gazelle‹ die Befürchtung, daß er von feurigem Temperamente oder stark versehen ist; Scham, weil er ein Elegant und in den Künsten erfahren[327] ist, und weil er in freundschaftlichem Verhältnisse zu ihr gestanden hat; Unwille darüber, daß er Ort und Zeit nicht kennt; Unehrerbietung, weil er eine Ursache der Erniedrigung für sie ist; Verachtung, weil er nichts merkt, wiewohl er ermutigt worden ist; bei der ›Elefantenkuh‹, daß er ein Hase von mattem Temperamente sein könne; Mitleiden: ›Durch mich soll er keine Unannehmlichkeiten haben!‹ – Ekel, da sie an ihm Gebrechen entdeckt; Furcht, sie könne, wenn durchschaut, von ihren Angehörigen verstoßen werden; Gleichgültigkeit, weil er ein Graukopf ist; der Verdacht, er könne, von dem Gatten beauftragt, sie auf die Probe stellen wollen; und endlich: die Rücksicht auf die Moral.


Was »hier«, bei der Prüfung des Charakters von Mann und Frau, für Möglichkeiten des Rücktrittes sich finden, das sind »die Gründe der Zurückhaltung«, die in einem besonderen Paragraphen behandelt werden. – »Liebe zu dem Gatten« ist ein Grund für die Zurückhaltung, mag auch ein anderes Verlangen gehegt werden. – »Rücksicht auf die Kinder«, wenn sie gerade einen Säugling hat. – »Vorgeschrittenes Alter«; eine Frau von reifen Jahren schämt sich, ihren Leib fremden Männern ungestüm hinzugeben. – Eine, die »durch Unglück«, Tod von Lieben usw. niedergedrückt ist, tritt zurück, selbst wenn sie Verlangen empfindet. – »Unmöglichkeit, ein Alleinsein ausfindig zu machen«: da der Gatte immer in der Nähe ist, findet sie keine freie Zeit, in der sie sich mit jenem geschlechtlich vereinigen könnte. – Eine Ursache zur Zurückhaltung ist »der Zorn« aus Furcht »darüber, daß er ohne Achtung seine Anträge macht«, ohne Ehrerbietung wirbt. – »Da er nicht vorgestellt werden kann«, da sein Sinn schwer zu erfassen ist, deshalb ergibt sich ihm gegenüber ein »Mangel an Interesse«, d.h., das Herz beschäftigt sich nicht mit ihm. – »Da er bald wieder gehen wird«, die Vereinigung mit ihm nicht lange dauern wird, so folgt »Aussichtslosigkeit«, Mangeln einer Zukunft: auch das ist ein Grund. – Oder, »da seine Gedanken anderswo gefesselt sind«, so ist das auch eine Aussichtslosigkeit, die aber der Gegenwart angehört. – »Unwille« wegen der ihr zugedachten Demütigung, indem er sie vor der Welt lächerlich machen will, da er »sein Wesen nicht enthüllt«, eine Darlegung seines Wesens[328] nicht gibt. »Da er sein Sein den Freunden anvertraut hat« und das tut, was diese sagen, so nimmt er also »Rücksicht auf diese« und mißachtet die Frau. – »Die Befürchtung, daß er zwecklos wirbt«, ohne Gründe. – »Ängstlichkeit, weil er eine hochstehende Persönlichkeit ist«: indem er ihr bei einem unbedachtsamen Fehltritte Verderben bereiten kann. – »Bei der Gazelle«, einer Frau von mattem Temperamente. Bei der Gazelle »die Befürchtung, daß er von feurigem Temperamente oder stark versehen«, ein Hengst, ist. – »Ein Elegant«, der in dem Kapitel: »Leben des Elegants« geschildert wird; »und in den Künsten erfahren ist«, ein anderer als ein Elegant. – »Scham«, wegen ihres bäuerischen Wesens und ihrer Unerfahrenheit. – Ferner Scham: ›Ich habe zu ihm »in freundschaftlichem Verhältnisse«, befreundet zu ihm gestanden: wie darf ich nun so etwas tun?‹ – »Unwille darüber, daß er Ort und Zeit nicht kennt«, daß er nicht nach Ort und Zeit wirbt. – »Eine Ursache der Erniedrigung für sie«, wegen seiner niedrigen Stellung: ›Dann werden mich meine Angehörigen oder jemand anders erniedrigen!‹ Daher ist sie nicht bereit und befolgt den Grund der »Unehrerbietung«. – »Verachtung«, daß er dumm ist, »weil er nichts merkt«, wiewohl ihm ihre Absichten gezeigt worden sind. »Bei der Elefantenkuh«, einer von feurigem Temperamente. – »Bei der Elefantenkuh« Verachtung, »weil er ein Hase von mattem Temperamente ist«. – »Durch mich«, um meinetwillen, »soll er«, wenn er mich besucht, »keine Unannehmlichkeiten haben«, entweder am Leibe oder am Vermögen: daher »Mitleiden«. – »Ekel, da sie an ihm Gebrechen entdeckt«: da sie an seinem Leibe Krankheiten, üblen Geruch usw. findet. – »Furcht, sie könne« von den Angehörigen als auf schlechten Wegen wandelnd »durchschaut« und daher »ausgestoßen werden«. – »Gleichgültigkeit, weil er ein Graukopf ist«, ein Greis. – »Der Verdacht, er könne, von dem Gatten beauftragt«, angestellt, um zu erfahren, ob sie treu ist oder nicht, »sie auf die Probe stellen wollen.« – Endlich ist auch »die Rücksicht auf die Moral« ein Grund. Es gibt nämlich wirklich hier und da Frauen, die (trotz der Verliebtheit) Recht und Unrecht bedenken.

Nun nennt (der Verfasser) die Gegenmaßregeln:


[329] Was man unter diesen bei sich wahrnimmt, das beseitige man zuerst.


»Was man unter diesen« Gründen der Zurückhaltung als Grund »bei sich wahrnimmt«, daß derselbe einen treffen könne, »das beseitige man zuerst«, gebe es auf, damit es nicht mehr gilt.

Mit Hilfsmitteln beseitige man die bei sich selbst oder der Frau vorliegenden Gründe; so sagt (der Verfasser):


Die von Edelmut eingegebenen durch Steigerung der Leidenschaft; die aus Unfähigkeit sich ergebenden durch Offenbaren von Hilfsmitteln; die aus Ehrerbietung geschehenden durch recht innigen Verkehr; die auf Erniedrigung beruhenden durch besonderen Stolz und Erfahrenheit; die aus ihrer Demütigung sich ergebenden durch Ehrerbietung; die von Furcht eingegebenen durch das Gewinnen ihres Vertrauens.


»Die von Edelmut eingegebenen«: die Liebe zu dem Gatten, die Rücksicht auf die Kinder, das vorgeschrittene Alter, das Gedrücktsein durch Unglück und die Rücksicht auf die Moral: das sind seitens der Frau »die von Edelmut eingegebenen« Gründe. Diese beseitige man »durch Steigerung der Leidenschaft«: es ist so zu verfahren, daß ihre Leidenschaft wächst. – »Die aus Ehrerbietung geschehenden«: die Unmöglichkeit, ein Alleinsein ausfindig zu machen; daß er keine Unannehmlichkeiten haben soll; da sie an ihm Gebrechen entdeckt; da er nicht vorgestellt werden kann; da er ein Elegant und in den Künsten erfahren ist; weil er in freundschaftlichem Verhältnisse zu ihr gestanden hat; und weil er, von dem Gatten beauftragt, sie auf die Probe stellen wollen könne: diese persönlichen Gründe beseitige man »durch recht innigen Verkehr«: wenn außerordentliche Vertrautheit hergestellt ist, wird ihre Sprödigkeit gegen ihn schwankend. – Daß er zwecklos wirbt; daß er Ort und Zeit nicht kennt; weil er eine Ursache der Erniedrigung ist; weil er nichts merkt, wiewohl er ermutigt worden ist, und weil er ein Graukopf ist: diese persönlichen, »auf der Erniedrigung« der Liebhaberin beruhenden Gründe beseitige man »durch besonderen Stolz«, durch Aufhebung der Erniedrigung »und durch Erfahrenheit«, durch den Beweis, daß man Lehrbuch und Künste versteht. – Daß er ohne Achtung seine Anträge macht; daß er sein Wesen[330] nicht enthüllt; und da er sein Sein den Freunden anvertraut hat; diese persönlichen »aus ihrer Demütigung sich ergebenden«, aus der Demütigung der Liebhaberin sich ergebenden Gründe beseitige man »durch Ehrerbietung«, die sich ganz ausschließlich auf diese Frau beschränkt. – Daß er eine hochstehende Persönlichkeit ist; daß er von feurigem Temperamente oder stark versehen ist; daß er ein Hase von mattem Temperamente sein und daß sie, wenn durchschaut, von ihren Angehörigen verstoßen werden könne: diese persönlichen, »von Furcht eingegebenen« Gründe beseitige man »durch das Gewinnen ihres Vertrauens«: es ist so zu verfahren, daß sie keine Furcht mehr empfindet.

Quelle:
Das Kāmasūtram des Vātsyāyana. Berlin 71922, S. 323-331.
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