§ 3. Die Naturphilosophie des 16. Jahrhunderts.

[299] (1. Paracelsus und seine Anhänger. 2. In Italien: Cardano, Telesio, Bruno, Campanella.)


1. In den germanischen Ländern.

a) Die tiefsinnige Philosophie des Kusaners trug, im Verein mit der Renaissancestimmung der Zeit überhaupt, mächtig dazu bei, die freieren Geister gerade für ein unbehindertes Studium der Natur zu begeistern. Es machte sich ein leidenschaftlicher Drang nach Natur- und Erfahrungserkenntnis geltend, wie er uns aus dem ersten Monologe von Goethes Faust entgegentönt. Freilich warf sich dieser Drang, namentlich in seinen ungeklärten Anfängen, vielfach noch auf kritikloses Ausbauen eigener Eingebungen und Lieblingsideen. Dahin gehört der vielgewanderte, ruhelose schweizerische Arzt und Chemiker Theophrastus Bombast von Hohenheim (1493[299] bis 1541), der sich selbst gräzisierend Paracelsus nannte. Seine ursprünglich deutsch, in sinnlich-kraftvoller Sprache geschriebenen Hauptwerke sind später von seinen Anhängern ins Lateinische übersetzt und mehrfach herausgegeben worden: u. a. deutsch von Huser, Basel 1589 ff. und Straßburg 1618, lateinisch Straßburg 1603 ff. und Genf 1658; im Urtext jetzt in einer schön ausgestatteten Neuausgabe von F. Strunz (bei E. Diederichs, Jena) 1904. Strunz hat auch eine populär gehaltene, knappe Monographie: Theophrastus Paracelsus, sein Leben und seine Persönlichkeit (ebenda 1903) veröffentlicht, in der sich Näheres über die neuere Paracelsus-Forschung findet, deren bedeutendstes Werk: Sudhoff, Versuch einer Kritik der Paracelsischen Schriften, 2 Bde. 1894-98 ist.

Zum Mittelpunkte seines Systems macht Paracelsus den schon bei Lullus (s. § 67) auftauchenden Gedanken von der Einheitlichkeit alles Lebens, dem geistigen Zusammenhange des ganzen Universums, der großen und der kleinen Welt (Makrokosmus – Mikrokosmus). Der Mensch (Mikrokosmus) ist nur durch die Welt, die Welt nur durch den Menschen zu erkennen. Nichts in der Natur geschieht durch äußere, alles durch innere Ursachen. Alle Dinge sind beseelt. Entsprechend den drei Welten: der irdischen (»elementarischen«), Sternen- (»siderischen«) und göttlichen (»dealen«), besitzen alle Wesen einen sichtbaren elementarischen und einen unsichtbaren astralischen Leib, wozu bei dem Menschen noch die aus der »dealen« Welt stammende Seele tritt. Alleiniger Gegenstand der Philosophie ist die Erkenntnis der Natur, die man nur durch Belauschen derselben, nicht durch Bücherweisheit erhält. Die Erforschung der siderischen Welt ist Sache der Astronomie, die für Paracelsus und seine Anhänger freilich zum Teil noch in Astrologie aufgeht. Die Theologie hat mit dem »natürlichen Licht« der Philosophie nichts zu tun, sondern ist Sache der Offenbarung und des Glaubens, der er in der letzten Periode seines Lebens eine große Anzahl theologischer Schriften widmete.

Auf den drei Grundpfeilern der Philosophie, Astronomie und Theologie erhebt sich als höchste Wissenschaft die Medizin. Die wichtigste Aufgabe ist daher ihre Reform. Sie besteht vor allem in der Stärkung des jedem Individuum innewohnenden Lebensprinzips, von Paracelsus archeus = Regierer genannt, beziehentlich in der Befreiung desselben von fremden, schädlichen Mächten. Von solchen Mächten oder Kräften, die oft auch als[300] individuelle »Elementargeister« (Salamander, Undinen, Sylphen und Gnomen) beschrieben werden, ist die uns umgebende Natur voll. Die Befreiung erfolgt durch entsprechend zusammengesetzte Stoffe. Seine Alchimie brachte zu dem Zweck eine Musterkarte von Wundertränken und Tinkturen, darunter übrigens auch einige nützliche Neuerungen; den »Stein der Weisen« freilich als Allheilmittel (Panacee) suchte er mit vielen seiner Zeitgenossen vergebens. Der Autoritätssucht, die bis dahin auch in der Medizin geherrscht hatte (Aristoteles, Galen, Avicenna), und allem »Bücherkram« trat Paracelsus kräftig entgegen, zugunsten von Natur und Erfahrung (Experiment), auf die er, bei aller Phantastik (Einzelheiten siehe in Erdmanns Grundriß I, 506-516), doch mit Nachdruck hinweist; wie er denn überhaupt energisch auf die Elemente der modernen Chemie hinstrebt. Allerdings ist bei ihm das Neue mehr naiv-genial erschaut als begrifflich begründet. Der Grundsubstanzen alles Irdischen sind drei: 1. das, was brennt (Sulphur), 2. das, was raucht und sich verflüchtigt (Mercurius), 3. was als Asche zurückbleibt (Sal). Durch das erste wird das Wachstum, durch das zweite die Flüssigkeit, durch das dritte die Festigkeit der Körper bewirkt.

b) Paracelsus fand anfangs fast nur erbitterte Gegner, allmählich aber, besonders nach seinem Tode, doch zahlreiche Schüler, die freilich zumeist die philosophischen Bestandteile seiner Lehre beiseite ließen und sich nur auf das Praktische warfen. Als Nachfolger im weiteren Sinne kann man den fast ein Jahrhundert später lebenden Niederländer Joh. Bapt. van Helmont (1577-1644) betrachten, der für die Entwicklung der Chemie nicht ohne Bedeutung gewesen ist. Ähnlich Paracelsus, nimmt er ein inneres Lebensprinzip als Urferment, daneben eine Urmaterie an. Von den Elementen sind nur Wasser und Luft unwandelbar; Dunst und »Gas« (ein von ihm eingeführtes Wort!) sind nur umgelagerte Wasserteilchen. Auch er will sich ganz auf die Natur, d.h. auf die experimentierende Physik und Chemie verlassen, womit er freilich einen von Neuplatonismus und christlicher Mystik durchsetzten Offenbarungsglauben verbindet. Religion ist für ihn das Streben nach dem Eingehen der menschlichen Lichtnatur in das ewige Lichtzentrum, Gott die eine, absolute Kraft, das wahre Wesen und die bewegende Ursache aller Dinge. Von ihm stammt der unsterbliche, unkörperliche, reine Geist (mens), der jedoch im Menschen[301] mit der vergänglichen, alles Denken, Fühlen und Wollen umfassenden Seele (anima sensitiva), dem Prinzip des physischen Lebens, umkleidet ist, welches die wahre Wesenheit der Dinge nicht zu erkennen vermag. »Ein jedes Ding wird nicht erfaßt, wie es an sich selbst ist, sondern nach der Art dessen, der es annimmt, d. i. dessen, der es betrachtet.« Dieser empfindenden Seele ist wieder, ähnlich wie bei Paracelsus, ein innerer Archeus und diesem die verschiedenen Lebenszentren (archei insiti) unterworfen. Vgl. über Helmont F. Strunz, Johann Baptist von Helmont, Wien 1907. Sein Sohn (†1699) stellte zugleich eine eigentümliche Monadenlehre auf. – Eine Allbeseelung der Natur nimmt auch der schon S. 295 genannte Agrippa von Nettesheim (bei Köln) an, der die Stärke und den Einfluß der vier Elemente quantitativ zu bestimmen suchte, aber einen über ihnen waltenden Weltgeist (Spiritus mundi) als fünftes Element (Quintessenz) annimmt.

Jedenfalls zeigt sich von Nikolaus von Kues an über Paracelsus bis zu den Helmonts ein zunehmendes Bestreben, im Gegensatz zu den »verborgenen Eigenschaften« (qualitates occultae), die nach der aristotelisch-scholastischen Anschauung, von Gott in die Dinge gelegt, in diesen herumspuken, in die Materie selbst den Sitz des Lebens zu verlegen, und unter der vielfach phantastisch mystischen Sprache verbirgt sich doch ein neuer wissenschaftlicher Inhalt. So war wenigstens Raum geschaffen für eine gesetzmäßige Erforschung der Natur, wie wir sie im zweiten Kapitel werden entstehen sehen. Vorläufig jedoch müssen wir die Entwicklung weiter verfolgen, welche die Naturphilosophie im Geburtslande der Renaissance, in Italien nahm.


2. In Italien.

a) Ähnlich wie Paracelsus in den deutsch redenden Ländern, wirkte in Norditalien der Mathematiker, Arzt und Astrolog Jeronimo Cardano aus Mailand (1501-1576). Auch für ihn ist das Weltall durchaus beseelt, alle Dinge durch Sympathie und Antipathie verbunden. Sich in Gott, Gott in sich erkennen ist die edelste Weisheit. Die Weltseele, auch als Wärme oder Licht bezeichnet, stellt das formende Element dar, welches die Materie durchdringt und verknüpft. Das Wesen der Wärme besteht in Bewegung. Im Gegensatz zu Paracelsus bestimmt Cardano jedoch seine Lehre nur für die Wissenden; die[302] Masse muß von Staat und Kirche mit drakonischer Strenge im Zaume gehalten werden, denn bei ihr entstehen aus dem Wissen und dem Nachdenken über die Religion – Tumulte. Keine religiöse Diskussion daher und keine wissenschaftliche Abhandlung in der Muttersprache!

b) Philosophisch bedeutender als Paracelsus und Cardano ist der Süditaliener Bernardino Telesio aus Cosenza (1508-1588), der sich durch sein Hauptwerk De natura iuxta propria principia (1565-1586) zwar zahlreiche Feinde unter den norditalischen Aristotelikern machte, aber unter seinen Landsleuten als Stifter der »Cosentinischen Akademie« zu Neapel großen Einfluß gewann. An Stelle phantastischer Mystik will er vorurteilslose Erforschung der Erfahrung gesetzt wissen, an Stelle geheimnisvoller Sympathien wenige unveränderliche Prinzipien; eine solche Annahme ehre Gott mehr als der Glaube an fortwährende willkürliche Eingriffe. Neben dem bloß leidenden »Stoffe« (moles) nimmt Telesio zwei solcher »tätigen Prinzipien« oder Urkräfte in der Natur an: eine ausdehnende, die Wärme, und eine zusammenziehende, die Kälte, jene von der Sonne, diese von der Erde ausgehend. Auch der Geist (Spiritus) ist nur feine, warme, empfindende Materie, durch Klima, Nahrung und Lebensweise beeinflußbar. Dadurch, daß er die äußeren Dinge in sich aufnimmt, entsteht das Erkennen, das somit im Grunde nichts anderes als Tastwahrnehmung ist. Selbst die Mathematik bleibt für Telesio wesentlich sinnlicher Natur. Bei dem Menschen kommt noch die gottgegebene, unsterbliche Seele hinzu. Seine Ethik gründet Telesio, ähnlich den Stoikern und später Spinoza, auf das Prinzip der Selbsterhaltung, von dem die vier Kardinaltugenden: Weisheit, Geschicklichkeit, Tapferkeit und Güte nur besondere Ausprägungen sind.

Ähnliches lehrte F. Patrizzi (1529-1597), dessen vier Elemente Raum, Flüssigkeit, Licht und Wärme heißen und ein Medium zwischen Materie und Immateriellem (Göttlichem) bilden; doch treten in seiner Neuen Philosophie über das Universum neben eine fast moderne Würdigung der Mathematik auch phantastische, neuplatonische Momente, neben die Anerkennung der christlichen Heilslehre ein schönheitstrunkener Pantheismus.

Telesio verstand sich schließlich zu der ihm abverlangten Unterwerfung unter die römische Kirche. Anders sein berühmter Landsmann
[303]

c) Giordano Bruno (1548-1600),

dessen Persönlichkeit und Lehre infolge seines Märtyrerschicksals die Aufmerksamkeit von jeher auf sich gezogen und namentlich seit 1889 (Errichtung seines Denkmals in Rom) und 1900 (300 jährige Gedenkfeier seines Todes) in und außerhalb Italiens häufig behandelt worden ist. Die italienischen Schriften Brunos sind von Paul de Lagarde (2 Bände, Göttingen 1888/89), die lateinischen in 4 Bänden zu Neapel und Florenz (1870-1891) herausgegeben worden. Die wichtigste, der Dialog Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen, ist unter diesem Titel von Ad. Lasson verdeutscht worden und, mit Einleitung und Erläuterungen, in der Philos. Bibliothek (3. Auflage 1902) sowie bei Reclam erschienen; verschiedene übersetzt von L. Kuhlenbeck, bei Diederichs (Jena, 6 Bände). Außer den zahlreichen, bei Ueberweg zitierten Einzelschriften über Bruno vgl. den geistvollen vierten Vortrag in H. St. Chamberlains Imman. Kant, München 1905 und Cassirer, a. a. O. Buch II, Kap. 3. In Berlin bildete sich sogar ein besonderer Giordano Bruno-Bund, der Flugschriften über Bruno veröffentlichte.

Giordano (eigentlich Filippo) Bruno, 1548 zu Nola geboren, trat mit 15 Jahren in den Dominikanerorden, verließ ihn aber, als er wegen seiner freien Anschauungen beargwöhnt wurde, und führte seit 1576 ein unstetes Wanderleben von Ort zu Ort, überall mit dem ganzen Feuer seiner leidenschaftlichen Natur für seine Ideen eintretend. Anfangs in Norditalien, dann in Genf, wo er mit der kalvinischen Orthodoxie gleichfalls in Zwiespalt geriet, darauf in Toulouse, zwei Jahre in England (wo er mehrere seiner philosophischen Dialoge verfaßte), später in Paris und mehreren deutschen Universitätsstädten wie Marburg, Wittenberg, Helmstedt, Prag – er preist die deutsche Wissenschaft eines Cusanus, Paracelsus, Kopernikus und Luthers Kampf wider den Papst – : überall, wo es ihm nicht verwehrt wurde, dozierend und schriftstellernd. Von Frankfurt a. M. kam er über Zürich in sein Vaterland zurück, fiel aber hier 1592 in Venedig durch Verrat in die Hände der Inquisition, bekannte sich, nach anfänglicher Bereitschaft zum Widerrufe, standhaft zu seiner Überzeugung, die er als die wahrhaft christliche bezeichnete, wurde darauf nach Rom ausgeliefert, wo er noch sieben Jahre im Kerker schmachtete, und am 17. Februar 1600 auf dem Campo di Fiore öffentlich verbrannt. Als[304] ihm das Todesurteil verkündet wurde, hatte er seinen Richtern zugerufen: »Ihr möget mit größerer Furcht euer Urteil fällen, als ich es empfange.« Auf demselben Platze, wo er für seine Überzeugung – gerade zwei Jahrtausende nach Sokrates – den Tod erlitt, ist am 9. Juni 1889 unter Anwesenheit zahlreicher Abordnungen, auch aus dem Auslande, feierlich sein Standbild enthüllt worden.

Brunos Märtyrergeschick darf nicht gegen die Mängel seines Charakters und seiner Philosophie verblenden. Eine starke Sinnlichkeit – wie er denn in seinen Jugendjahren ein dem Zeitgeschmack angepaßtes, nicht gerade züchtiges Lustspiel verfaßte –, eine Leidenschaftlichkeit, die auch sein Denken nicht zu völlig klarer, methodischer Ausgestaltung kommen ließ und die von Eitelkeit nicht frei ist, sind Züge, die freilich bei dem Süditaliener nicht verwundern dürfen. Ihnen steht gegenüber ein unwiderstehlicher Trieb zur Wahrheit und Erkenntnis, verbunden mit einer wahrhaft poetischen Kraft in der Auffassung des Universums. In den mehr als 70 Sonetten seiner Eroici furori besingt er die begeisterte Liebe zum Göttlichen, die Sehnsucht nach dem Ideal des Schönen. Auch seine teils italienisch, teils lateinisch geschriebenen Prosaschriften sind, wohl unter platonischem Einfluß, meist in Dialogform abgefaßt und stark rhetorisch gehalten.

Unsere Darstellung übergeht die erste der drei nach den Untersuchungen des italienischen Brunoforschers Tocco (1889) in Brunos Entwicklung zu unterscheidenden Stufen, in der er den Neuplatonikern noch nahe steht oder im Anschluß an Lullus Mnemotechnik treibt, und wendet sich sogleich der ihm eigentümlichen, besonders während seines Aufenthaltes in London von ihm ausgebildeten Lehre zu.

α) Unendlichkeit der Welten. Pantheismus. Bruno ist von der neuen Lehre des Kopernikus ergriffen, die er mit begeisterter Dichterphantasie zu einem großartigen Weltbild erweitert. Das Universum ist unendlich – so unendlich wie unsere Einbildungskraft selbst –, unser Sonnensystem nur eins unter unzähligen anderen, sich bildenden und wieder vergehenden, unsere Erde gleich einem Atom. Ein ewiges Gesetz, eine einzige göttliche Kraft, wie es dem Wesen Gottes als des Unendlichen entspricht, durchwaltet das Weltall und hat alles harmonisch geordnet. Nur der Theologe sucht die Gottheit außer und über, der wahre Philosoph findet sie in der[305] Natur. Die Weltseele wohnt vielmehr als die alles bewirkende Ursache, als das zweckvoll handelnde innere Prinzip aller Bewegung dem Stoffe, den sie formt, allerorten, wenngleich nicht körperlich, inne. Alle Dinge, z.B. auch der Wassertropfen, sind beseelt, weil geformt, alles erfüllt von Sympathie und Antipathie. Aber die Form steht nicht im Gegensatz zum Stoffe. Auch dieser ist ein »göttliches Wesen«, das sich aus sich selbst heraus zu immer höheren Formen entfaltet, ja im Grunde eins mit der Mutter Natur. Beide treffen zusammen in dem einen Absoluten, das allen Dingen zugrunde liegt. Gott ist die »höchste Ursache, das Prinzip und das Eine«. Freilich wird kein Menschenverstand je diese absolute Einheit völlig zu erfassen vermögen; in dieser Hinsicht teilt Bruno den Standpunkt des Kusaners von der docta ignorantia.

β) Monadenlehre. In der spätesten Gruppe seiner Schriften beschäftigt unseren Naturphilosophen weniger der Zusammenhang, als vielmehr die Zerlegung des Alls in seine kleinsten Teile, das Problem des Individuums und des Atoms oder, wie er sagt, des Minimums oder der Monade. Um die Vielheit zu begreifen, müssen wir auf die Einheit zurückgehen, die sich nicht nur im Größten und Umfassendsten, sondern auch im Kleinsten und Einfachsten – räumlich im Punkt, physisch im Atom – wiederfindet. Aber das Atom ist für ihn, darin liegt sein erkenntniskritisches Verdienst, nicht bloß das Letzte der Teilung und nicht bloß Grenze, sondern auch Anfangspunkt der Zusammensetzung und so Ausgangspunkt der Betrachtung, Grundbedingung der Existenz, mithin erkenntnistheoretisches Denkmittel. Freilich vermag Bruno diesen Standpunkt noch nicht bewußt und folgerichtig durchzuführen, wie ihm denn überhaupt das echte wissenschaftliche Mittelglied zwischen Sinnlichkeit und reinem Denken, die Mathematik, in ihrer wahren Bedeutung entgangen ist, an deren Stelle er vielmehr die Einbildungskraft (imaginatio) setzt. Und so fällt er alsbald wieder in die Metaphysik seiner Zeitgenossen zurück. Seine Minima werden, zu mechanisch-physikalischen, wenn auch bis zu einem gewissen Grade beseelten, Stoffteilchen. Es gibt unzählige Monaden (Minima) verschiedener Grade. So ist z.B. die Erde ein Minimum im Verhältnis zur Sonne, das Sonnensystem ein solches im Verhältnis zum Weltall, und Gott heißt »die Monade der Monaden«.

γ) Aus der physikalischen Weltauffassung des Nolaners ergibt sich von selbst seine ethisch-religiöse Grundstimmung.[306] Sie ist mit einem Worte – pantheistisch. Wer das innerste Wesen der Welt mit begeistertem Blicke zu erfassen vermag, für den verschwinden nach Bruno alle scheinbaren Mängel und alle einzelnen Schattenseiten in der Schönheit und Vollkommenheit des großen Ganzen, dessen Spiegel er auch in dem Kleinsten erblickt. Jede Monade ist eine endliche Darstellungsform des einen göttlichen, unendlichen Seins, dem sie wieder zustrebt. Dieses Zustreben ist die wahre Religion. Freilich, was das Wissen des Menschen vermehrt, vermehrt auch seinen Schmerz, indem er sein bisheriges Ziel als zu niedrig gesteckt erkennt; und wenn er den tatsächlichen Widersprüchen des Lebens gegenübersteht, wird er oft genug der »heroischen Affekte« bedürfen, um sich über sie zu erheben. Aber er genießt doch die Seligkeit des Bewußtseins, stets seiner Bestimmung, der Selbstvervollkommnung, nachzuleben und sich dem Urquell des Wahren, Guten und Schönen immer mehr zu nähern, sodaß auch der Tod keine Schrecken für ihn hat. So findet sich der Mensch, der sich in der Unendlichkeit des Alls völlig zu verlieren schien, in der Unendlichkeit seines inneren Lebens und seiner Bestimmung wieder. Nicht im Anschauen der Gestirne und der Himmelskugel, sondern durch die Umkehr in die Tiefe des eigenen Ich wird der Aufstieg zur Welt der Idee vermittelt. Für den rastlos zur Form, zum idealen Urbild strebenden Stoff aber bildet den Mittler das Schöne und die Kunst. Die wahre Philosophie ist zugleich auch Musik, Poesie und Malerei. Wie schon in Michelangelos Sonetten, so wirkt auch in dieser ästhetischen Stimmung Brunos der Grundgedanke des platonischen Symposion und Phädrus nach.

Nach alledem ist Bruno, wenngleich kein »Humanist« im gewöhnlichen Sinne – er liebt es, über die Pedanterie der Philologen und Wortkrämer zu spotten –, so doch ein echter Philosoph der Renaissance, an deren Ende er steht. Von den Alten erwähnt er denn auch den Aristoteles nur mit Kälte, mit Anerkennung; dagegen Plato und Pythagoras, in seiner Atomenlehre auch Epikur und Lukrez; von seinen Vorgängern verdankt er am meisten dem Kusaner. Aber während dieser, trotz mancher neuen Ideen, in anderen mit dem Mittelalter noch eng verwachsen und auch äußerlich der gefeierte Kardinal der römischen Kirche blieb, so bricht Bruno – zum erstenmal von allen christlichen Philosophen – offen mit der Kirche und trägt das trotz aller ihm noch anhaftenden Unfertigkeiten[307] und Widersprüche berechtigte Bewußtsein in sich, einer neuen Zeit anzugehören. Wohl hat er im ganzen mehr phantasiereiche und zum Teil noch von anderen entlehnte Anregungen gegeben als eine wirkliche Förderung der wissenschaftlichen Naturerkenntnis gebracht. Er kämpft zwar für das Erfassen der Wirklichkeit, wie auch für das Recht des reinen Denkens, aber er hat diese beiden Vorbedingungen der modernen Wissenschaft weder in ihrer wechselseitigen Bestimmung durcheinander erfaßt, noch im einzelnen folgerichtig festgehalten. Seine dichtende Metaphysik begnügt sich nur zu oft mit dem Bilde statt der Sache, ganz abgesehen von unhaltbaren und phantastischen Einzelvorstellungen, z.B. der einer mathematischen Magie, die freilich bei dem damaligen Stande des Naturwissens nicht verwundern dürfen. Die neue Naturwissenschaft (Kap. II) mußte einen anderen Weg einschlagen und das Walten des Weltgeistes, das Bruno in allem sah, in den Mechanismus meßbarer Einzelvorgänge auflösen. Allein auch so ist er nicht ohne Bedeutung geblieben; er hat zwar nicht Wissenschaft, wohl aber eine Weltanschauung gegeben, welche die Geister großer nachlebender Denker (Spinoza, Leibniz, Goethe, Schelling) befruchtet hat.

Im Gegensatz zu Bruno erscheint sein Landsmann und Ordensgenosse


d) Thomas (Tommaso) Campanella. (1568-1639)

aus Calabrien, kirchlich gesinnt. Trotzdem entging auch er, vielleicht als Gegner der »Tyrannei der Geister«, des Aristoteles und der Jesuiten, mehr aber wohl wegen seiner als Neuerungen betrachteten politischen Ansichten und Pläne – er war, wie er selbst sagt, von jeher ein Gegner der Tyrannei, Sophistik und Heuchelei –, der kirchlichen Verfolgung nicht und verfaßte viele seiner zahlreichen Schriften in den fünfzig Kerkern, in denen er beinahe dreißig Jahre seines Lebens (1599-1626) zugebracht hat. Seine letzten Lebensjahre verlebte er in Paris, unter der Gönnerschaft Richelieus und in angeregtem Verkehr mit Gassendi und dem Mersenneschen Kreise (vgl. S. 352).

Campanella nimmt eine doppelte Erkenntnisquelle an: den Glauben, aus dem die Theologie, und die Wahrnehmung (sensus), aus deren wissenschaftlicher Verarbeitung die Philosophie hervorgeht. Neben dem codex scriptus der biblischen Offenbarung existiert eine zweite[308] Offenbarung Gottes in dem codex vivus der Natur, auf deren gründliches Studium er als Antiaristoteliker und Telesianer dringt. Sein naturwissenschaftliches Prinzip bleibt dabei freilich die bloße Häufung der Einzelbeobachtungen und die Mathematik die »Magd der Physik«. Interessant ist der an Augustin und Descartes zugleich erinnernde Ausgangspunkt: Was ich sicher weiß, ist, daß ich bin. So erkennt denn der Mensch alles übrige nur von seinem Bewußtsein aus, sogar das Dasein und die Ureigenschaften (primalitates) Gottes: Macht, Weisheit und Güte (posse, nosse, velle). Das Sein des Erkennenden besteht in der Erkenntnis seines Selbst. Anderseits wandelt sich das Ich in die Dinge um. »Erkennen heißt: zu dem erkannten Ding werden.« Jeder besitzt daher eine eigene Philosophie, je nachdem er in verschiedener Weise von den Dingen sinnlich bestimmt wird. Aber die Dinge in ihrer Gesamtheit sind schließlich doch nur Teile und Offenbarungen der Gottheit, womit das Selbst zu seinem wahren Quell zurückkehrt. Das »reine« Wissen ist ein Schauen der Dinge in Gott, dem Unendlichen. Die Naturphilosophie verliert sich freilich auch bei ihm in eine mehr poetische als wissenschaftliche Auffassung des Weltgetriebes. Alles ist beseelt und fühlt, sogar der leere Raum, der nach Füllung strebt. Die beiden Urprinzipien, die er mit Telesio als Wärme und Kälte bezeichnet, bewegen sich durch Liebe und Abneigung! Ihnen gegenüber verhält sich die Materie, deren kleinste sichtbare Teilchen die Sonnenstäubchen sind, bloß leidend; aber auch sie ist beseelt, denn sie besitzt den Trieb zur Selbsterhaltung.

In einem gewissen Zusammenhange mit der Metaphysik des Kalabresen steht auch seine politische Philosophie. Während nämlich sein späteres, im Hinblick auf die derzeitige Weltlage geschriebenes Werk Über die spanische Monarchie, in striktem Gegensatz zu dem Nationalitätsprinzip Macchiavellis (§ 6), ein spanisches Universalreich mit päpstlicher Spitze empfiehlt, so entwirft sein Sonnenstaat (1623), der einen Anhang zu seiner »Wirklichkeitsphilosophie« (Philosophia realis) bildet, ein Staatsideal, das auf der Abhängigkeit des Willens (velle) und der Macht (posse) von dem Willen (nosse) beruht. Er bildet eine Art Gegenstück zur platonischen Republik, dieser sozialistische Zukunftsstaat, der auf strenger Abstufung des Wissens mit mathematischer Abzirkelung aufgebaut ist und von einem priesterlichen Herrscher (Sol oder[309] Metaphysicus) und seinen drei Unterfürsten Pon (Potestas), Sin (Sapientia) und Mor (Amor) gelenkt wird. Der erste leitet das Kriegswesen, der zweite die wissenschaftliche und technische Erziehung, der dritte die Erhaltung und Fortpflanzung der Bürger des Sonnenstaats. Alles, auch die Kindererzeugung seiner »Solarier«, wird staatlich geregelt. Frauen, Kinder, Wohnung, Mahlzeiten usw. sind gemeinsam, Privateigentum existiert nicht. Ein vierstündiger Arbeitstag genügt, wenn alle wirklich arbeiten (Näheres bei Lafargue in Geschichte des Sozialismus in Einzeldarstellungen I, 469-506).

Mit Campanella sind wir schon in das 17. Jahrhundert hineingelangt. Wir müssen zum Beginn der Neuzeit zurück, indem wir die philosophische Bewegung in Deutschland verfolgen.

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 51919, S. 299-310.
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