§ 5. Weitere Nachwirkungen des Humanismus, besonders in Frankreich: Empiristen (Vives, Ramus), skeptische Individualisten (Montaigne, Charron, Sanchez), Neuthomismus (Suarez).

[316] 1. Die humanistische, auf unverfälschte und vorurteilslose Erkenntnis des Menschen und der Natur gerichtete Bewegung pflanzte sich von Italien allmählich in alle europäischen Kulturländer fort. Ihre Vorkämpfer in Deutschland haben wir schon zu Anfang des vorigen Paragraphen kennen gelernt.

a) In Spanien war es namentlich Lodovico Vives (geb. 1492 in Valencia, längere Zeit am englischen Hofe, † 1540 in Brügge), ein duldsam denkender Katholik und Freund des Erasmus, der in seiner Flugschrift Gegen die Pseudo-Dialektiker (1519) wider den Autoritätsglauben, die Sprachverderbung und das Wissensideal der Scholastiker samt ihrem Meister Aristoteles zu Felde zog und in seinem großen Werk De disciplinis (1531) auf eine Neubegründung der Wissenschaft durch die Erfahrung drang. Die Metaphysik schätzt er gering, hoch dagegen die Einzelwissenschaften, besonders die experimentelle Naturwissenschaft. Man muß die Natur selbst befragen, wie die Alten es getan. Freilich führt er selbst dies Verfahren noch nicht folgerecht durch. In der Ethik neigt er dem Platonismus und der Stoa zu, deren Lehre auch dem Christentum verwandter sei als die Glückseligkeitslehre des Aristoteles. Am wichtigsten aber ist Vives, wie namentlich F. A. Lange (Artikel Vives in der Schmidschen Enzyklopädie IX, 737-814) nachgewiesen hat, als Begründer einer rein empirischen Psychologie und Erziehungslehre. Wichtiger als die schwierige Frage, was die Seele sei, dünkt ihm zu erforschen, wie sie tätig sei. Demgemäß hält sich sein Buch De anima et vita (Brügge 1538) nicht mehr an die üblichen metaphysisch-theologischen Spekulationen, sondern an die Beschreibungen von Tatsachen, die allerdings zum großen Teil aus Büchern geschöpft sind. Die niederen Formen des organischen Lebens sind die Grundlagen des höheren, bewußten. Die Erkenntnis verlegt er bereits in das Gehirn, mit dessen Schwingungen die Bewußtseinsvorgänge verbunden sind. Die Lebenskraft und die Gemütsbewegungen hängen mit dem Herzen zusammen, wo sich das erste und letzte Lebenszeichen kundgibt. Nur die[316] menschliche Seele ist unmittelbar von Gott geschaffen, die der Tiere und Pflanzen wird von der Natur erzeugt. Vives kann in mancher Beziehung als Vorläufer von Baco und Descartes betrachtet werden, die ihm manches verdanken, ohne ihn zu nennen, während Gassendi (§ 10) ihn rühmend erwähnt und auch Ramus ihm folgt.

b) In ähnlicher Weise eiferte im Italien des 16. Jahrhunderts Nizolius (1498-1576) gegen die »allgemeinen Begriffe« der Scholastiker. Das Wirkliche sind die Einzeldinge, die Wahrnehmung allein gibt unmittelbare Gewißheit. An die Stelle der Metaphysik müssen Physik, Politik und formale Logik bezw. Rhetorik trete. Sein Antibarbarus ist von Leibniz zweimal (1670 und 1674) herausgegeben worden. Unter den Philosophen des Altertums will er keinen als sicheren Führer in der Philosophie betrachtet wissen.

Zu den Reformatoren der Scholastik kann man auch die beiden Italiener Zabarella und Fracastoro zählen, von denen ersterer, Aristoteliker im Sinne Pomponazzis, die Selbsttätigkeit des Erkennens hervorhebt und die kompositive (deduktive) von der resolutiven (induktiven) Methode bestimmt abgrenzt, während der letztere, den Cassirer (a. a. O., S. 208 ff.) zum ersten Male aus seiner Vergessenheit gezogen hat, bereits eine Psychologie des Erkennens, mit einer methodischen Stufenfolge seelischer Tätigkeitsformen, zu begründen versucht. Im allgemeinen aber rücken Kultur und Wissenschaft gegen den Ausgang der Renaissancezeit hin von Süden nach Norden. Italien verliert, Frankreich, England und Deutschland erhalten die Führung.

c) In Frankreich trug als begabtester und formvollendetster Vertreter des Humanismus der durch die Lektüre Platos angeregte Pierre de la Ramée (Petrus Ramus), geb. 1515 als Köhlerssohn, als Calvinist in der Bartholomäusnacht 1572 ermordet, am meisten zur Erschütterung der Scholastik bei. In jugendlicher Überteibung verteidigte er 1536 öffentlich die These, daß alles, was Aristoteles behauptet habe, falsch sei. Seine anfangs verbotenen Schriften und seine glänzende Lehrtätigkeit zogen zeitweilig gegen 2000 Zuhörer nach Paris. Als sein Hauptgebiet betrachtete er die Reform der Logik. In seinen Institutiones dialecticae (1543) suchte er an die Stelle der aristotelischen eine »natürliche« Dialektik zu setzen, ohne doch darin etwas wirklich Neues und Eigenartiges zustande zu bringen. Seine Verbesserungen bezogen[317] sich mehr auf den äußerlichen Gang der logischen Wissenschaft, als deren ersten Teil er die »Erfindung« (inventio), als zweiten die Urteilskraft (iudicium, daher noch bei Kant als Secunda Petri bezeichnet) behandelte, und sind meist grammatisch-rhetorischer Art. Einen wichtigen Fortschritt dagegen bedeutet seine Hochschätzung der Mathematik. Im ganzen aber ist Ramus mehr ein Wortführer der neuen Zeit als selbst schöpferisch. Auch in Deutschland – er lehrte mehrere Jahre in Heidelberg – fand er viele Anhänger; es entstand eine eigene Schule von Ramisten, zu denen u. a. Johannes Sturm (vgl. S. 310) gehörte, die als Anhänger der »neuen« Logik mit den »Antiramisten« in heftiger Fehde lagen.

2. Der Humanismus dieser Männer und noch mehr derjenigen, die wir im folgenden zu betrachten haben, ist, wir möchten sagen, ciceronianischer Art; er charakterisiert sich durch den Überdruß an metaphysischen Begriffen und Erörterungen und sucht den Zusammenhang mit dem Leben und der verfeinerten Kultur. Das führte dann weiter zu einem mehr oder weniger weltmännischen Skeptizismus, der sich mit dem aus der Renaissance entsprungenen Individualismus zu einem Ganzen verbindet. Er stellt sich im 16. Jahrhundert in Frankreich unter den drei Typen des Edelmannes (Montaigne), des Priesters (Charron) und des Arztes (Sanchez) dar. Die beiden ersteren schreiben schon in der Landessprache, der letzte, ein geborener Portugiese, lateinisch.

a) Michel de Montaigne (1533-1592), der Erfinder des leichten Essais, noch heute von seinen Landsleuten als hervorragender Schriftsteller, von uns wenigstens als geistreicher und liebenswürdiger Plauderer geschätzt, gehört allerdings nicht zu den Philosophen im strengeren Sinne. Seine zuerst 1580 zu Bordeaux erschienenen Essais bilden eine mit antiken Reminiszenzen gefüllte Fundgrube keck hingeworfener Ideen, die er äußert, wie sie ihm gerade einfallen, absichtlich jeden systematischen Zusammenhang verschmähend. »Als Skeptiker ist Montaigne kein müder Geist wie Pyrrho..., kein beißender Zweifler wie Timon, kein dröhnender wie Karneades, kein Dialektiker wie Arkesilaos, kein Systematiker wie Änesidem, kein Pedant wie Sextus, sondern ein ruhig genießender, über den dogmatischen Wahn seiner Mitmenschen mehr humoristisch als sarkastisch lächelnder Beschauer des Lebens« (R. Richter, Der Skeptizismus II S. 65). Aber hinter all dem scheinbar leichten Esprit[318] steckt doch eine ernstere Weltanschauung, die sich dem Nil admirari der Alten nähert, wie er denn neben dem Skeptiker Sextus Empirikus auch Seneka und Plutarch als Muster verehrt. Es gibt für ihn keine sichere, allgemein zugestandene Erkenntnis, weder durch die Sinne, noch durch das Denken. Wir selbst sind es, die den Wert in die Dinge hineinlegen und die Begriffe von Gut und Böse erst schaffen. Daher soll man die Welt wie ein Schauspiel betrachten und das Leben heiter, jedoch »der Natur gemäß« genießen. Hinter seinem skeptischen: que sais-je? steckt eben doch das Festhalten an der Natur als der großen Lehrerin der Menschen, das sich u. a. auch in seinen vielfach schon an Rousseau erinnernden Erziehungsgrundsätzen ausdrückt. Natürlichkeit, Ehrlichkeit gegen sich und andere, Treue gegen sich selbst: das sind seine Leitsterne. Er ist zwar ein überzeugter Anhänger der göttlichen Offenbarung und zieht, namentlich in seinem ausführlichsten Essai, der »Apologie des Raymond de Sebonde« (vgl. oben S. 277), gegen den Hochmut der menschlichen Vernunft und Philosophie zu Felde. Aber er legt doch den Hauptwert auf die innere Gesinnung; Dogmatik und Kirchenlehre überläßt er den Theologen als den »Würdigeren«. Da wir das Göttliche (Religion) und Gerechte (Staat) nicht zu erkennen vermögen, fügen wir uns in die bestehenden Ordnungen! Von den wilden Parteiungen seiner Zeit (der Religionskriege) hielt sich der kühle Lebenskünstler mit Bewußtsein fern. Eine gute deutsche Übersetzung Ausgewählter Essais (in 5 Bänden) hat E. Kühn (Straßburg 1900 ff.) herausgegeben, eine andere, vollständige W. Vollgraff (Berlin 1908 f.). Die historisch-kritische Ausgabe seiner gesammelten Schriften (8 Bände) von Flake und Weigand ist zurzeit noch nicht vollendet. Vgl. über ihn Bonnefou, M. et ses amis, 2 Bde., 1898; F. Strowski, Montaigne, Paris 1906; Weigand, Montaigne, Mchn. 1911.

b) Verwandt und doch in mancher Beziehung wieder entgegengesetzt ist dem südfranzösischen Edelmann sein jüngerer Freund und Anhänger, der als Kanzelredner ausgezeichnete Pariser Priester Pierre Charron (1541 bis 1603). Auch seine Grundlage ist die menschliche Natur, aber bei ihm, tritt deren sittlich-praktische Seite mehr hervor. Sein Hauptwerk De la sagesse (Bordeaux 1601), schulmäßiger, daher auch weniger unterhaltend als Montaignes kurzweilige Essais, ist das erste in einer[319] neueren Sprache geschriebene moralphilosophische, nicht theologische Buch. Die Religionskriege mit ihrer moralischen Verwirrung hatten einen abschreckenden Eindruck auf das heiter-weise, wenn auch mitunter leidenschaftlich aufflammende Gemüt des menschenfreundlichen katholischen Priesters gemacht. Das Leben erscheint ihm als eine Kette von Irrtümern und Übeln, der Mensch nur des Mittelmäßigen fähig, in beständigem Elend lebend. Worin liegt unter solchen Umständen die wahre Weisheit? In der durchdringenden Erkenntnis der menschlichen Natur und damit der Schranken unseres Wissens, die uns zur Rechtschaffenheit, Natürlichkeit und Frömmigkeit und ihren Früchten: Gleichmut und Seelenruhe, leitet. Ein wie treuer Sohn seiner Kirche Charron auch ist – er hat sie auch literarisch gegen Protestanten und Freidenker verteidigt –, höher stehen ihm Natur, Vernunft und echte Sittlichkeit. Du sollst rechtschaffen sein, »weil Natur und Vernunft, das heißt Gott, es gebieten«. Sittlichkeit muß der Religion vorausgehen, nicht umgekehrt. »Man traue niemand, dessen Moralität allein auf religiösen Skrupeln beruht.« Ja, er erhebt sich einmal zu dem Ausruf: »Ich will, daß man ein guter Mensch sei, auch wenn es kein Paradies und keine Hölle gibt!« Diese neuen Elemente setzen sich freilich nur erst stellenweise bei ihm durch. Die freiesten Stellen hat er später aus seinen Schriften ausgemerzt, die Lehre des Kopernikus verwirft er, und das Höchste bleibt ihm schließlich doch die göttliche Offenbarung.

c) Wie Montaigne, war auch der Arzt Franz Sanchez aus Portugal (1562-1632) in Bordeaux gebildet; bereits mit 22 Jahren lehrte er als Professor an der berühmten medizinischen Hochschule zu Montpellier. Schon der Titel seiner philosophischen Hauptschrift Quod nihil scitur verrät seinen skeptischen Standpunkt, den er mit größerer Schärfe als Montaigne und Charron vertritt und vor allem gegen die scholastische Syllogistik und Dialektik herauskehrt. Aber auch er bleibt nicht dabei stehen. Das wahre Wissen besitze allerdings nur Gott, die oberste Ursache aller Dinge; aber in dem Aufsuchen der »Zwischenursachen« stehe der Wissenschaft (Philosophie) ein reiches Arbeitsfeld offen, auf dem sie durch eifrige Forschung zu neuen Entdeckungen und Erfindungen gelangen könne. Er selbst freilich leistet noch keinen Beitrag zu der neuen Wissenschaft, und in den Einzelproblemen zeigt er sich vielfach von der italienischen Naturphilosophie (§ 3) abhängig.[320] Die Betrachtung des menschlichen Tuns und Treibens stimmt auch ihn zu Nachsicht und Duldsamkeit.

Die geistreiche Lebensweisheit der drei vorgenannten Denker fand gerade in Frankreich, dem klassischen Lande des Esprit, viele Anhängerand drängte die trockene Schulgelehrsamkeit der Universitäten immer mehr zurück.

3. Selbst die alte Kirche blieb von dem Hauche des Humanismus nicht völlig unberührt. Sie hatte zwar um diese Zeit im Tridentiner Konzil (1546-63) ihre Lehre endgültig fixiert und schloß sich fortan gegen alle Neuerungen ängstlich ab. Aber innerhalb dieser Schranken regte sich auch in ihr, durch die notwendig gewordene Polemik gegen den Protestantismus veranlaßt, etwas mehr philosophisches Leben, das jetzt fast ausschließlich von dem neuen Orden der Jesuiten geleitet ward. Das Collegium Romanum und das Collegium Germanicum zu Rom waren von Ignaz von Loyola ausdrücklich zur Belebung des philosophischen Studiums, d.h. natürlich der mittelalterlichen Scholastik, gegründet worden. Von dem Kollegium in Coimbra (Portugal) rühren eine Anzahl fleißiger Kommentare zu Aristoteles her. Der weitaus bedeutendste dieser den Thomismus erneuernden katholischen »Philosophen« ist der spanische Jesuit Suarez (1548-1617), dessen Metaphysische Disputationen in ihrem besseren Stil und ihrer klaren und geordneten Gliederung entschieden den Einfluß des Humanismus verraten. Auf den Inhalt brauchen wir nicht einzugehen, da wir in I, § 65 den Thomismus in einer für die Zwecke dieses Buches ausreichenden Ausführlichkeit behandelt haben. Suarez, dem es im einzelnen nicht an Scharfsinn fehlt, erfreute sich im 17. Jahrhundert nicht bloß auf katholischen, sondern sogar auf manchen protestantischen Universitäten großen Ansehens, sodaß einzelne Gedanken von ihm bei einem Teil der neueren Philosophen Aufnahme gefunden haben; er wird selbst von Schopenhauer noch geschätzt. Mit der Blüte dieses »Neuthomismus« war es indes nach Suarez' Tode bald vorbei. Nur die Staatslehre einzelner Jesuiten hat noch etwas Eigentümliches und wird daher im folgenden Paragraphen zu erwähnen sein.

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 51919, S. 316-321.
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