§ 8. Galilei (1564-1642).

  • [335] Literatur: Aus der ziemlich umfangreichen Spezialliteratur über Galilei seien hier nur die beiden deutschen Hauptwerke über seinen Prozeß: v. Gebler, Galilei und die römische Kurie, 2 Bde., Stuttgart 1876 f., und Wohlwill, Galilei und s. Kampf. Bd. I, 1909, ferner die lehrreiche Abhandlung von P. Natorp, Galilei als Philosoph, Philos. Monatsh. 1882, S. 193-229, und de Portu, Galileis Begriff der Wissenschaft, Diss. Marb. 1904 hervorgehoben. Galileis Werke sind oft herausgegeben worden, zum letztenmal 1842-1858 in 17 Bänden zu Florenz. Seit 1887 erscheint auf Staatskosten eine neue Ausgabe unter der Leitung von Favaro, der auch eine Monographie G. G. (Modena 1910) veröffentlicht hat. Der interessante Briefwechsel mit Kepler findet sich im 2. Bande von Keplers Werken. Eine deutsche Übersetzung der »Unterredungen und mathemat. Demonstrationen« in Ostwalds Klass. d. exakten Wissensch. Bdch. 11, 24 und 25 (hrsg. von A. von Oettingen).

[335] Galileo Galilei wurde am 15. Februar 1564 zu Pisa geboren, wo er auch studierte und von 1589 an lehrte. Seit 1592 Professor der Mathematik zu Padua, wohin ihm die Zuhörer aus allen Ländern zuströmten, machte er eine Reihe glänzender astronomisch-physikalischer Entdeckungen, von denen wir nur die mit Hilfe des von ihm selbst verbesserten, kurz zuvor in Holland erfundenen Fernrohres erfolgte Auffindung der Jupitertrabanten und die Entdeckung der Planetenphasen (1610) erwähnen. Durch sie wurde die kopernikanische Lehre bestätigt, zu der sich Galilei bald auch öffentlich bekannte. Die einzelnen Phasen des deshalb 1632 gegen ihn eingeleiteten Inquisitionsprozesses sind oft genug dargestellt worden. Vor dem tragischen Schicksale Brunos blieb er bewahrt dadurch, daß er sich schließlich zur Ableugnung seiner Lehre verstand. Einiges aus der Überlieferung ist durch die neueren Untersuchungen als höchstwahrscheinlich legendenhaft nachgewiesen: so die berühmten Worte »eppur si muove«, in die er nach Ableistung des erzwungenen Eides ausgebrochen sein soll, wie auch die Nachricht von seiner im Gefängnis erduldeten Folterung. Die größte Folter für den greisen Gelehrten war jedenfalls die, daß ihm für die neun noch übrigen Jahre seines Lebens (bis 1642) in den wichtigsten Fragen der Mund geschlossen war, während seine Augen erblindeten.

Galilei war Mathematiker und Astronom, Physiker und Philosoph, Beobachter und Experimentator in einer Person. Wir haben hier nur die methodisch-phi losophische Seite seines Wirkens zu schildern, die er zwar nicht in besonderen erkenntnistheoretischen Büchern dargelegt hat, die aber sein ganzes wissenschaftliches Forschen durchdringt. Die in dieser Beziehung wichtigsten seiner Schriften sind: 1. Der Goldwäger (Il Saggiatore), 1623; 2. der Dialog über die beiden Weltsysteme (sc. das ptolemäische und kopernikanische) 1632, der ihm die Verfolgung der Inquisition zuzog (deutsch von E. Strauß Leipzig 1892); 3. die 1638 erschienenen Untersuchungen über zwei neue Wissenschaften, nämlich die Mechanik und die Lehre von den Ortsbewegungen (in Holland gedruckt!).

Auch Galilei erscheint zunächst als echter Vertreter der Renaissance: in seinem Gebrauch der Muttersprache, seiner Opposition gegen die Autorität des Aristoteles (an den er nur zu Anfang seiner Wirksamkeit angeknüpft hat), seinem Drängen auf Natur und Erfahrung.[336] »Nur Blinde bedürfen des Führers im offenen und ebenen Lande. – Studiert den Aristoteles, aber gebt euch nicht ganz und gar seiner Autorität gefangen, oder nennt euch nicht Philosophen, sondern Historiker und Gedächtniskünstler. Kommt mit Gründen, nicht mit Texten und Autoritäten, denn wir haben es mit der Welt unserer Sinne, nicht mit einer Welt von Papier zu tun. – In den Naturwissenschaften, deren Folgerungen wahr und notwendig; sind, können tausend Demosthenes und tausend Aristoteles nicht der Sache zum Trotz wahr machen, was falsch ist.«

Hiernach könnte Galilei als reiner Empirist erscheinen. Und in der Tat lobt er an Aristoteles gerade, daß er die sinnliche Erfahrung dem Vernunftschluß vorausgehen lasse. Er habe sich – anders als die zeitgenössischen Aristoteliker – zuerst durch Sinne, Erfahrungen und Beobachtungen des Schlußsatzes versichert und dann nach analytischer Methode, »wie es in demonstrativen Wissenschaften gewöhnlich geschieht«, die Beweisgründe aufgesucht, die geeignet sind, den Satz a priori zu stützen. In dem letzten Gedanken liegt die Ergänzung. Galilei begnügt sich nicht mit zusammenhanglosen Einzelerfahrungen, sondern er will nach Keplers Ausdruck die »wahren Ursachen« der Dinge entdecken und findet sie, noch bestimmter als jener, im Gesetz, das jeder theologische oder animistische Erklärung der Natur, etwa die des Magnetismus durch »Sympathie«, völlig ausschließt. Noch für Kopernikus bildete die »Vollkommenheit« der geometrischen Gestalt die letzte Ursache und den letzten Beweisgrund des Universums. Das hat bei Galilei aufgehört, ja er spottet gelegentlich darüber. Auch ihn leitet zwar bei seinen Entdeckungen das Prinzip der »Einfachheit« der Natur, allein um diese, die nur von Gott unmittelbar erschaut wird, zu begreifen, bedarf es für uns oft mühseliger Untersuchungen.

Das Hilfsmittel aber, dessen sich die Wissenschaft hierbei bedienen muß, ist ihm wie Kepler, mit dem er in freundschaftlichem Briefwechsel gestanden hat, nicht mehr die aristotelische Logik, sondern die Mathematik. Wohl ist die Natur, das Universum, das große, offen vor uns aufgeschlagene Buch, in dem wir lesen sollen, aber dies Buch kann nur der verstehen, der die Lettern kennt, in denen es geschrieben ist. »Es ist in mathematischer Sprache geschrieben, und die Schriftzüge sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren, ohne deren Hilfe[337] es unmöglich ist, nur ein Wort davon zu verstehen.« Die Logik ist wohl dazu geeignet, den Gedankengang zu korrigieren und zu regeln, aber kein Mittel zur Erkenntnis neuer Wahrheiten. »Beweise lernen wir nicht aus den logischen, sondern aus den mathematischen Büchern.« Die Geometrie ist das mächtigste Instrument, den Geist zu schärfen und zum vollkommenen Schließen und Nachdenken tüchtig zu machen, während die formale Logik nur erkennen lehrt, ob die schon fertigen und gefundenen Schlüsse und Beweise folgerecht sind. »Wer es auch nur einmal erprobt hat, eine einzige Sache vollkommen zu verstehen und in Wahrheit gekostet hat, was Wissen heißt (come è fatto il sapere), der wird erkennen, von wie unendlich Vielem er nichts weiß.« Extensiv weiß der Mensch fast nichts, dagegen, intensiv genommen, kommt unsere Erkenntnis »in Geometrie und Arithmetik der göttlichen an objektiver Gewißheit gleich«, da sie zulangt, die »Notwendigkeit zu begreifen, über die es eine größere Gewißheit nicht gibt«. Wahre Naturwissenschaft besteht demnach in der Verbindung des Experiments mit mathematischem Denken.

Das führt uns weiter zu der Rolle, die der Verstand (bei Galilei gewöhnlich: discorso, seltener intelletto oder ragione) bei dem Zustandekommen wissenschaftlicher Erkenntnis spielt. Was wahr und notwendig ist, weiß sogar ein mittelmäßiger Verstand. Durch ihn lernen wir, weshalb etwas so ist: das aber ist von viel größerem Werte als die bloße Kenntnis der Tatsachen. Der Verstand dringt weiter als die Sinneswahrnehmung, er ergänzt den Mangel der Erfahrung. Die Sinneswahrnehmung allein, ohne die Kontrolle des Verstandes, trügt, wobei jedoch der Irrtum im Urteilen liegt (ganz so später Kant). Der aus sich selbst schöpfende Verstand erst hilft die »Realität« der Erscheinungen feststellen oder ihre Trüglichkeit entdecken. Das beste Beispiel für die Überwindung des Sinnenscheins durch das berichtigende Urteil des Verstandes liegt in der Lehre des Kopernikus. Dieser gehörte nicht zu den »puren«, bloß rechnenden, sondern zu den philosophischen Astronomen; er wollte die wahre Verfassung des Weltganzen ergründen, die »unmöglich anders sein kann«. Den philosophischen Zug in Kopernikus sieht Galilei in dem Kriterium der »gewissen und notwendigen Ordnung«, in die durch jenen das Weltall kam, sodaß nun »das Ganze mit den Teilen auf die wunderbarste Weise zusammenstimmte«. Ästhetisch-religiöse[338] Motive (der Sparsamkeit, Weisheit des Schöpfers und ähnliches) fehlen zwar auch bei Galilei nicht ganz, aber sie treten bei ihm noch stärker als bei Kepler zurück gegen die rein wissenschaftlichen. Gott und die Natur werden einander fast gleich gesetzt. Jene »Ordnung und Einfachheit« ist für ihn zwar von großer Überzeugungskraft, aber doch nicht so strikt beweisend, wie eine notwendige Demonstration.

Galilei legt ausdrücklich und häufig das Gesetz der Ursächlichkeit aller Wissenschaft zugrunde. Die wahre Ursache muß sich in allen Folgerungen bestätigen. Die Kennzeichen letzter Ursachen sind Gleichförmigkeit, Einfachheit, Identität. So ist das höchste Ziel der Naturwissenschaft Einheit des Gesichtspunktes, aber in strenger Anlehnung an die sorgfältig beobachteten Tatsachen der Erfahrung und in mathematisch-straffer Schlußfolgerung. Überall sind die verwickelten Erscheinungen der sinnlichen Wahrnehmung in ihre einfachsten Elemente zu zerlegen (metodo risolutivo, d.h. analytische Methode), um dann aus ihnen die Erfahrungsvorgänge zu erklären, eigentlich »zusammenzusetzen« (metodo compositivo, wir: synthetische Methode). Dagegen kann die bloße Summierung von Einzelfällen niemals einen Beweis abgeben.

Diese Vereinigung von induktiver und deduktiver Methode wendet Galilei nun zur Begründung seiner neuen Theorie der Bewegung an, einer »ganz neuen Wissenschaft von einem sehr alten Gegenstand«. Die Ableitung seiner Fall- und Wurfgesetze geschieht durch Zurückführung der zusammengesetzten Wirkungen auf einfache, unzerstörbare, beständig und gleichförmig wirkende Ursachen. Die Bewegung wird zur berechenbaren Größe, deren Einheit durch kleinste Zeitteilchen bestimmt wird (Vorbereitung der Differentialrechnung eines Leibniz und Newton). Gegenstand der Naturforschung – und durch unsere Forschung wird die Natur erst entdeckt! – ist das mathematisch Bestimmbare (Meßbare), das Quantitative. »Ursachen« sind nicht mehr, wie bei den Scholastikern, die »Dinge« (Substanzen), sondern die Bewegung, die eins ist mit der Ruhe, der Stoß und Gegenstoß der Korpuskeln. So erhalten die obersten Grundbegriffe der Naturwissenschaft, Kraft und Substanz, erst durch die Forschung Galileis einen streng wissenschaftlichen Sinn, indem sie mathematisch meßbar werden. Seitdem erst beginnen die aristotelisch-scholastischen[339] »Formen«, »Zweckursachen«, »verborgenen Qualitäten« allmählich aus den physikalischen Lehrbüchern zu verschwinden. Was jenseits der quantitativen Bestimmbarkeit liegt, das sogenannte »Wesen« der Kraft, bleibt uns unbekannt. Daß durch eine solche »qualitas occulta« nichts erklärt wird, ist für Galilei selbstverständlich. Selbst die Schwere ist für ihn nur ein Name. Das Problem der extensiven Größe hat er weniger verfolgt, ihn hat wesentlich das der intensiven Realität beschäftigt. Die Kraft ist Intensität, das Unendlich-Kleine intensive Größe. Ein unveränderlich Beharrendes ist die Grundlage des Veränderlichen; nur in Beziehung auf ein unbewegt »Angenommenes« fassen wir die Bewegung auf. Es gibt keine Verwandlung des Stoffes, sondern nur eine Umlagerung seiner Teile. Die »neue Wissenschaft« lehrt die Erhaltung des Stoffes wie die der Bewegung.

Auf Galileis Lehre von der Subjektivität der Sinnesqualitäten in seinem Saggiatore (1623) hat Natorp (a. a. O. S. 134 ff.) zuerst aufmerksam gemacht, während man bis dahin Descartes (1637) und Hobbes (1650) als die ersten Verkünder derselben betrachtete. Geruch, Geschmack, Farbe- und Wärme-, ja selbst die Widerstandsempfindungen haben allein im empfindenden Körper ihren Sitz, sodaß sie, wenn man sich diesen wegdenkt, ebenfalls wegfallen; sie sind daher bloße »Namen« und entstehen nur durch die Bewegung zwischen den Sinnesorganen und den Gegenständen. Die »ersten« und realen Eigenschaften, die wir den »Dingen« notwendig beilegen müssen, sind vielmehr: Gestalt, Zahl und Bewegung.

So werden wir bei Galilei von allen Seiten auf die mechanische Grundauffassung der gesamten Natur geführt. Wenn einer unserer vorzüglichsten Physiker (Helmholtz) es als das Endziel der Naturwissenschaft erklärt hat, alle elementaren Kräfte in Bewegungskräfte, also sich selbst in Mechanik aufzulösen, so hat Galilei dazu den Grund gelegt und dadurch auch für die Entwicklung der Philosophie als Wissenschaft tatsächlich weit mehr geleistet als diejenigen seiner Zeitgenossen, die sich als »Philosophen« ausgaben, aber nicht in seine Fernrohre schauen wollten, um sich nicht von den Bewegungen der Planeten überzeugen zu müssen. Wir haben nicht zum wenigsten deswegen Galilei ausführlicher behandelt, als es in den philosophiegeschichtlichen Darstellungen zu geschehen[340] pflegt, weil wir ihn als den eigentliche Wegbahner der neueren Philosophie betrachten, und nicht Baco von Verulam.

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 51919, S. 335-341.
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