§ 25. Die Enzyklopädisten.

  • [138] Literatur: Eine populäre Einführung gibt E. Hirschbergs Übersetzung von d'Alemberts ›Discours préliminaire‹ mit zahlreichen, für weitere Kreise bestimmten Erläuterungen (Phil. Bibl. 140), Lpz. 1912. – Über Diderot vgl. K. Rosenkranz, Diderots Leben und Werke. Lpz. 1868 (gut), auch Morley, D. and the Encyklopaedists. 2. Aufl. 1886.

Im Jahre 1750 erschien der Prospekt einer Enzyklopädie der Wissenschaften, Künste und Gewerbe, zu der sich eine Gesellschaft französischer Gelehrter vereinigt hatte. Als Herausgeber zeichneten Diderot und d'Alembert. Fast alle geistigen Koryphäen Frankreichs hatten ihre Mitarbeiterschaft zugesagt: Montesquieu und Voltaire, Quesnay und Turgot, Holbach, Grimm und Rousseau. Bereits[138] die erste Auflage gewann 4250 Subskribenten. Vergeblich verboten, dann wieder freigegeben, aufs neue verboten und doch weiter erschienen, wuchs das Riesenwerk allmählich auf 35 Bände an; der Schluß, zwei Registerbände, erschien 1780. Die Enzyklopädie wurde in Wahrheit das Reallexikon der Aufklärung in Europa und verbreitete weit über die Grenzen ihres Entstehungslan des hinaus, neben einer Menge nützlicher Kenntnisse, die freigeistige Weltanschauung. Indem sie in vorsichtiger, zuweilen raffiniert schlauer Form das Kühnste zu sagen wußte, untergrub sie in wirksamster Weise die alten Autoritäten, vor allem die kirchliche.

1. Die wissenschaftliche Einführung in die Enzyklopädie, den Discours préliminaire, hatte der bedeutende Mathematiker d'Alembert (1717-83) verfaßt, eine liebenswürdige und bescheidene Gelehrtennatur (er lehnte schmeichelhafte Berufungen Friedrichs des Großen und Katharinas von Rußland ab), aber als philosophischer Schriftsteller ebenso zaghaft wie in seinem Charakter; weshalb er sich denn auch später von der Enzyklopädie zurückzog. Von Locke und Newton ausgegangen, schrieb er 1759 auf Friedrichs II. Veranlassung einen Essai Über die Elemente der Philosophie, der eine streng sensualistische Logik enthielt; gleichwohl wagte er darin nicht offen gegen den Offenbarungsglauben zu polemisieren, während er sich in vertraulichen Briefen als völlig resignierter Skeptiker gibt. In diesen Elementen verfocht er die Sätze: Die Philosophie soll eine Wissenschaft der Tatsachen, nicht der Chimären, eine »Experimentalphysik der Seele« sein. Alle unsere Begriffe und Definitionen sind nichts anderes als abgekürzte Bezeichnungen für bestimmte Erfahrungstatsachen. Aber vor den Grundbegriffen der Mathematik und allgemeinen Physik macht diese sensualistische Kritik gleichwohl halt; denn nur dem System, nicht dem systematischen Geist will er den Abschied geben. Abgesehen von der exakten Mathematik dagegen, kann man nach d'Alembert fast über alles alles sagen, was man will. Seine anregenden, wenn auch nicht tiefen, auf der Basis des wohlverstandenen Interesses ruhenden moralischen Erörterungen haben Friedrich II. Anlaß zu einer Abhandlung Über die Eigenliebe als Prinzip der Moral betrachtet gegeben. (Näheres s. bei Franz Vorländer, a.a.O. S. 618-628.)

2. Weit entschiedener als der vorsichtige d'Alembert war der zweite Herausgeber, die eigentliche Seele des[139] ganzen Unternehmens, zu dem er allein gegen tausend Artikel beisteuerte: Denis Diderot (1713-84). Ein vielseitiger Kopf, der auch auf dem Gebiete des Dramas und des Romans von Bedeutung ist, stellt er in seiner persönlichen philosophischen Entwicklung zugleich die der französischen Aufklärungsphilosophie im ganzen dar. Ausgehend von Locke und namentlich Shaftesbury, tritt er zuerst (1745) als Theist, sehr bald aber, von Bayle beeinflußt, als skeptischer Deist auf, um einige Zeit darauf in seinen Pensées sur l'interprétation de la nature (1754) zu einem pantheistischen oder, wenn man will, atheistischen Materialismus in der Art Buffons überzugehen, bei dem er dann verharrte. Deutlicher als in den zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Abhandlungen lernt man Diderots Innerstes in seinem Briefwechsel und anderen erst 1830/31 veröffentlichten Inédits kennen, unter denen besonders die Unterhaltungen zwischen d'Alembert und Diderot (Diderot liebt die Dialogform) und der Traum d'Alemberts (1769) zu nennen sind. Seine sämtlichen Werke sind zuletzt 1875 ff. in 20 Bänden (Paris) herausgegeben worden.

Während Diderot in seiner skeptischen Periode noch ausgerufen hatte: »O Gott, ich weiß nicht, ob du bist, aber ich will in meinen Gesinnungen und Taten so verfahren, als ob du mich denken und handeln sähest,« erklärt er später: Es gibt nur ein einziges großes Individuum, das Weltall. Das Gehirn, ja die ganze Welt ist ein sich selbst spielendes Klavier. Die Natur bedarf keines persönlichen Gottes, ebensowenig wie der Mensch einer anderen Unsterblichkeit als des Fortlebens im Nachruhm. Er verwahrt sich indessen gegen eine bloß mechanische oder atomistische Auffassung der Natur. Er setzt der passiven, unorganischen eine aktive, organische Natur entgegen, wie z.B. der Organismus die Nahrung in Blut und Nerven umsetzt, und auch »der Stein fühlt«. Das Bewußtsein freilich, gesteht er einmal zu, läßt sich als bloßes Aggregat empfindungsfähiger Stoffteile nicht erklären.

Auch in seinen ethischen Ansichten ist ein Schwanken bemerkbar. Anfangs verteidigt er lebhaft die Existenz eines besonderen moralischen Sinnes; später setzt er ihn aus einer unendlichen Menge kleiner Erfahrungen zusammen, deren wir uns nur nicht immer bewußt sind. Aber seine ursprüngliche Tugendbegeisterung tritt doch immer wieder hervor; er kämpft gegen Helvetius und La Mettrie. Die geschichtlichen Zusammenhänge versteht[140] auch dieser Aufklärer nicht; er hält die verderblichen politisch-sozialen Zustände seiner Zeit für das Machwerk herrschsüchtiger Schurken; man brauche dem Menschen nur seine ursprüngliche Freiheit wiederzugeben. »Wollt ihr, daß der Mensch frei und glücklich sei, so mischt euch nicht in seine Geschäfte!« Der religiöse Glaube ist ihm eine Quelle verderblicher Wirkungen; die Übel in der Welt zeugen gegen das Dasein eines gütigen Gottes. Es gibt nirgends absolute Normen. – Auch die Kunst (Essai de peinture 1765, übersetzt mit Anmerkungen von Goethe) soll nur das Wirkliche darstellen. Der Bucklige ist für die Natur in seiner Art ebenso vollkommen wie die mediceische Venus. Das Schöne wird von ihm den Naturformen untergeordnet und büßt damit seine Selbständigkeit ein.

Trotzdem Diderot, durch seine kühn-geniale Persönlichkeit fast noch mehr als durch seine Schriften, in seinem engeren Kreise sehr einflußreich war, hat er doch weder eigenartige philosophische Gedanken geäußert noch auf seine Zeit im großen nachhaltig eingewirkt. Die Revolution führte die Asche Voltaires und Rousseaus, nicht die seinige in das Pantheon über. Während Diderot im Grunde doch ein begeisterter Idealist blieb, den nur die Zeitströmung in das Lager des Materialismus getrieben hatte, sind die eigentlichen folgerechten Vertreter des letzteren zwei eingewanderte Deutsche: Grimm und Holbach.

3. Das systematische Hauptwerk des französischen Materialismus im 18. Jahrhundert ist das Système de la nature (1770), das auf seinem Titelblatte den Nebentitel Gesetze der natürlichen und der moralischen Welt trug und als Verfasser den 1760 gestorbenen Mirabaud nannte. Erst zwei Jahrzehnte später fand sich, daß als der wahre Verfasser der früh aus der Pfalz nach Frankreich ausgewanderte deutsche Baron Dietrich von Holbach (1723 bis 1789) zu gelten habe. Dieser hatte sich, nachdem er anfangs vor allem chemische Studien getrieben und auf dies Gebiet bezügliche Artikel für die Enzyklopädie geschrieben, unter Diderots Einfluß der Philosophie zugewandt und sein gastliches Haus zu Paris, wie desgleichen seinen Landsitz, zum Sammelpunkt eines Kreises von Freigeistern gemacht, von denen Diderot, Grimm und der Mathematiker Lagrange an einigen Abschnitten des Système mitgearbeitet zu haben scheinen. Holbach selbst wird als eine bescheidene, edle und warmherzige Natur geschildert.[141]

Die Bedeutung seines häufig als Bibel des Materialismus bezeichneten und in der Tat dogmatisch gehaltenen Buches liegt nicht sowohl in der Entfaltung neuer, fruchtbarer Gedanken, als in der systematischen Folgerichtigkeit und ehrlichen Energie, mit der hier der Kampf gegen allen Spiritualismus und Dualismus geführt wird: nach deutscher Art ernst und wuchtig, aber auch lehrhaft und trocken, ohne den französischen Esprit. Holbach will, gleich Epikur und Lukrez, die Menschen von der Furcht vor dem Übersinnlichen befreien und zur Natur zurückführen. Es existiert in Wahrheit nichts als die ewige, durch sich selbst bestehende Materie und ihre Bewegung; alles stammt aus ihr und kehrt zu ihr zurück, Übersinnliche, übernatürliche Wesen sind bloße Geschöpfe unserer Einbildungskraft. Die Natur steht unter den ewig unverbrüchlichen Gesetzen streng mechanischer Notwendigkeit. Alles in ihr ist in beständiger Bewegung und Entwicklung, Ruhe und Stillstand nur scheinbar. Die sogenannten toten und lebendigen Kräfte, die Diderot noch unterschieden hatte, sind von derselben Art; es findet ein fortwährender Kreislauf und Austausch (Anziehung und Abstoßung) zwischen ihnen statt, von dem Sonnensystem bis zu den kleinsten Teilchen. Ordnung und Unordnung, Zwecke und Werte sind Dinge, die wir erst in die Natur hineintragen; sie handelt nach ihren eigenen, notwendigen, jeden Zufall ausschließenden Gesetzen: eine, wenn auch unkritische, so doch in sich festgeschlossene Weltanschauung, gegen die Voltaire vergeblich mit seinen gefühlsmäßigen Argumenten ankämpfte. Descartes, Malebranche und Leibniz werden von Holbach ziemlich geringschätzig behandelt. Weil er ihren metaphysischen Trieb nicht versteht, so erblickt er in ihren Hypothesen nur theologische Vorurteile. Am schwersten, meint er bezeichnenderweise, sei Berkeley zu bekämpfen.

Auch der Mensch steht durchaus unter den Naturgesetzen der Materie, seine »Seele« ist abhängig von den Gehirnnerven. Keine Willensfreiheit, keine Unsterblichkeit. Der Tod ist nur ein Übergang in eine andere Daseinsform. Auch die Ethik ruht auf physiologischem Grunde: was in der Physik Trägheit, Anziehung, Abstoßung, ist in der Moral Selbstliebe, Liebe, Haß. Ihr Zweck und einziges Motiv ist die Erlangung dauernder Glückseligkeit, ihr letzter Maßstab der praktische Nutzen und das »wohlverstandene« Interesse. Indessen erheben sich auf diesem materialistischen Fundamente manche[142] ganz idealistische Sätze. Nachdrücklicher als viele seiner Gesinnungsgenossen hebt Holbach die Wichtigkeit der sozialen Tugenden hervor. Der wahre Wert der menschlichen Handlungen bestimmt sich nach dem Grade, in welchem sie die Zwecke der Gesellschaft fördern oder hemmen. Zum wahren Glück gehört nicht bloß die Liebe und der Beifall der Mitmenschen, sondern auch die Selbstachtung und das Bewußtsein, für die anderen gewirkt zu haben, ferner Arbeit und Bedürfnislosigkeit. Die Regierung hat ihre Gewalt nur von der Gesellschaft und ist zu deren Wohl erwählt. Statt dessen treibt die heutige, entartete Gesellschaft durch ihre Einrichtungen die Menschen selbst in Laster und Verbrechen hinein. Übrigens straft die Natur selbst schon die Wollüstigen, Habsüchtigen, Despoten usw.

Die größte Feindin dieser natürlichen Moral ist die Religion, gegen die der zweite Teil des Werkes seine scharfen Pfeile sendet. Sie entfremdet die Menschen der Natur und dem wirklichen Leben, sie trennt sie, anstatt sie zu einigen. Das Glück der Menschheit hängt am Atheismus. Schwerlich hat sich vor Holbach jemand – selbst Lukrez, Hobbes und La Mettrie nicht ausgenommen – so unumwunden als Atheisten bekannt wie er: er verdarb es dadurch auch mit den Deisten wie Voltaire und den Pantheisten. Uns, die 100 Jahre nach Kant Lebenden, ermüdet die Weitschweifigkeit, mit der Holbach gegen den ontologischen und kosmologischen Gottes»beweis« zu Felde ziehen zu müssen glaubt. Obwohl er den Hang des Menschen zum Geheimnisvollen und Wunderbaren als fast unüberwindlich anerkennt, schiebt er doch ein andermal alles den Erfindungen der Priester in die Schuhe. Für das innerste Wesen des Christentums fehlt ihm, wie fast allen französischen Aufklärern, das Verständnis. Holbach verschließt sich nun freilich der Einsicht nicht, daß seine Ideen heftigem Widerstand begegnen werden. Er will zwar keineswegs, wie manche andere, der »Masse« die Religion als Surrogat für die Philosophie überlassen, aber er fürchtet, es werde ihr noch auf lange an Zeit und Neigung zu den ernsten Studien fehlen, welche die Sache erfordere. Allein er hofft auf die Zukunft. Es gibt nur eine Wahrheit, und Wahrheit kann niemals schaden; deshalb muß sie allen verkündet werden. Den (wahrscheinlich von Diderot herrührenden) Schluß des Système bildet ein feuriger Appell der als Person dargestellten Natur an die Menschheit.[143] Die Natur und ihre drei Töchter: Tugend, Vernunft und Wahrheit sollen für immer unsere einzigen Gottheiten sein!

Daß Geistlichkeit und Parlament gegen das aufrührerische Buch einschritten, war selbstverständlich. Aber diesmal stand auch die öffentliche Meinung, mit ihrem Wortführer Voltaire an der Spitze, auf der Gegenseite; auch ein von Holbach verfaßter populärer Auszug (1772) vermochte ebensowenig wie ein solcher von Helvetius (1774) hieran etwas zu ändern. Selbst so freie Geister wie Friedrich der Große, d'Alembert und der Italiener Galiani lehnten das Buch ab; und welchen Eindruck es auf die deutsche Jugend der Sturm- und Drangperiode machte, zeigt die bekannte Charakterisierung in Goethes »Dichtung und Wahrheit«: »Grau, cymmerisch, totenhaft.« Zu Holbachs Anschauungen bekannte sich nur Diderot und sein engster Kreis, darunter der Deutsche Melchior Grimm (1723-1807) aus Regensburg, der unter Gottsched in Leipzig studiert hatte, dann als junger Mann (1748) nach Paris gegangen war und seit 1763 die Correspondance littéraire, philosophique et critique übernommen hatte, d.h. die Abfassung eines alle vierzehn Tage an eine Anzahl deutscher und nordischer Höfe versandten handschriftlichen Berichtes über die neuesten Erzeugnisse der französischen Kunst und Literatur. Diese heute in 16 Bänden (ed. Tourneux, Paris 1878-82) vorliegende Korrespondenz, die als Beilage u. a. auch polizeilich verbotene Schriften Voltaires (La Pucelle) und Diderots (La Religieuse, Le Rêve de D'Alembert) brachte, war für das geistige Leben in Deutschland und Frankreich von nicht geringer Bedeutung. Grimm, eine kühle und diplomatische Natur, war seit 1776 russischer Staatsrat und Gesandter für Sachsen-Gotha in Paris. Bei dem Ausbruch der Revolution ging er nach Deutschland zurück, wo er 1807 in Gotha starb.

Endlich gehört hierher das schon den Enzyklopädisten (Voltaire und Holbach) bekannte, aber erst 1864 vollständig herausgegebene Testament des nordfranzösischen Dorfpfarrers Meslier (1664-1730) (Le Testament de Jean Meslier par R. Charles, Amsterdam, 3 Bde. 1864), das einen konsequenteren und philosophisch tieferen Materialismus und Atheismus als selbst Holbach predigt und in seinem kurzen positiven Teile sozialistische Anschauungen vertritt; während seine Hauptstärke in der kühnen[144] und leidenschaftlichen Kritik der staatlichen und kirchlichen Zustände Frankreichs besteht33.

4. Als letzten der dem Kreise der Enzyklopädisten nahe Stehenden nennen wir den bereits kurz erwähnten Helvetius (1715-1771), eine persönlich achtungswerte und menschenfreundliche, aber der wissenschaftlichen Schärfe entbehrende und philosophisch keineswegs originale Persönlichkeit. Sein Hauptwerk De l'esprit (1758) trug auch ihm Verfolgung seitens der Kirche und des Staates ein, sodaß er eine Zeitlang ins Ausland zu Friedrich dem Großen ging, gewann aber trotz der vielen (wie es heißt, fünfzig!) Auflagen, die es erlebte, nicht einmal Diderots, Buffons und Rousseaus Beifall. Nach seinem Tode erschien aus seinem Nachlaß eine Neubearbeitung und Weiterführung desselben unter dem Titel: De l'homme, de ses facultés et de son éducation (1772).

Helvetius' Bedeutung für die Geschichte der Philosophie beruht darauf, daß er Condillacs Sensualismus entschiedener als dieser auf das ethische Gebiet an wendet und so eine materialistische Sittenlehre ausbildet, deren alleiniges Prinzip, die Selbstliebe, er auf Condillacs Ableitung alles geistigen Inhalts aus der Empfindung (Sensibilität) zu gründen sucht. Gut und böse sind nach ihm völlig relative Begriffe, der Egoismus die Norm aller Handlungen. Unter Erziehung versteht Helvetius die Gesamtheit aller auf die Menschen einwirkenden Einflüsse; deshalb ist der Zustand der öffentlichen Verhältnisse und die diesen bestimmende Gesetzgebung von großer Wichtigkeit. Da nur Interesse und Leidenschaft die Seele wahrhaft befruchten und in Erregung versetzen, so muß die Gesetzgebung dieselben auf das öffentliche Wohl (bien public) als einzige Richtschnur zu lenken wissen. Neben den natürlichen Gesetzen des Egoismus und der von der staatlichen Gesetzgebung gelenkten Sittlichkeit sind religiöse Gebote entweder überflüssig oder schädlich. Die wahre Religion, die Helvetius von der Zukunft erhofft, nährt keine Geheimnisse und ist mit der wahren Moral einerlei.

Seine Schüler, St. Lambert (1717-1803) in seinem erst 1797 veröffentlichten Catéchisme universel und Volney (Graf Chassebœuf, 1758-1820) in seinem »Katechismus des französischen Bürgers« (1793), suchen das Prinzip der[145] Selbstliebe weiter auszubauen und die Lehre des Meisters zu popularisieren. Sie ragen bereits in die Revolutionszeit hinein. Deren philosophischer Lehrer aber ist in erster Linie Jean Jacques Rousseau.

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 2, Leipzig 51919, S. 138-146.
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