§ 68. Erneuerung des Nominalismus im 14. und 15. Jahrhundert: Wilhelm von Ockham und seine Nachfolger.

[277] Vorläufer Ockhams sind zwei Franzosen: der Franziskaner und Scotist Petrus Aureolus († 1322) und der[277] Dominikaner Durand, der sich von seinen anfänglich thomistischen Ansichten allmählich dem Nominalismus zuwandte und nur im individuellen Sein das wahre Sein erblickte. Weitaus bedeutender als sie ist jedoch der Engländer


1. Wilhelm von Ockham (um 1300-1350),

einem Burgflecken der Grafschaft Surrey. Ebenfalls Franziskaner und scotistisch gebildet, dann Lehrer zu Paris, trat er in dem damals entbrannten Kampfe zwischen Papsttum (Bonifaz XIII.) und weltlicher Gewalt entschieden für die letztere ein. Vom Papste verfolgt, fand er Zuflucht und Schutz bei Ludwig dem Baiern. »Verteidige du mich mit dem Schwerte, ich will dich mit der Feder verteidigen.« Er starb auch wahrscheinlich in München, vielleicht am »schwarzen Tod« (1349 oder 1350). Von seinen zahlreichen Schriften sind die wichtigsten: die Summa der ganzen Logik, der Kommentar zu den Sentenzen des Lombarden, die Expositio aurea super totam artem veterem und der kirchenpolitische Dialogus inter magistrum et discipulum de imperatorum et pontificum potestate. Eine Gesamtausgabe seiner Werke existiert noch nicht, ebensowenig eine zusammenhängende Monographie über ihn, den wegen seines Scharfsinns gefürchteten »Dr. invincibilis«. Über seine und seiner Nachfolger Psychologie vgl. Siebeck, Zeitschr. f. Philos. 1897/8.

a) Als wichtigste philosophische Tat Ockhams wird in der Regel seine Erneuerung des Nominalismus bezeichnet. Im Gegensatz zu dem gemäßigten Realismus, den die Hauptführer der Scholastik (Anselm, Thomas, Scotus) vertreten hatten, lehrt er, entgegen diesen »Platonikern« an den »echten Aristoteles« sich anschließend: Nur die Einzeldinge sind das Wirkliche. Die allgemeinen Begriffe existieren nur im denkenden Geiste, d.h. objective, nicht substantiell oder subjective22. Unsere Begriffe sind keine wirklichen Abbilder der Dinge, sondern nur Zeichen (termini) für dieselben (der Nominalismus wird daher neuerdings oft auch als Terminismus bezeichnet), deren Behandlung der Logik, Ockhams Lieblingswissenschaft, zufällt. Es gibt kein Ding, z.B. keinen Menschen »an[278] sich«; das wäre eine unnütze »Vervielfachung des Seienden«, entgegen dem Grundsatz unseres Scholastikers: entia praeter necessitatem non sunt multiplicanda. Der Satz »der Mensch ist sterblich« bedeutet nichts anderes als: alle einzelnen Menschen sind sterblich.

b) Dementsprechend fällt – und das ist für uns wichtiger als das bloße Schubfach des »Nominalismus« – das Hauptgewicht auf die der reinen Abstraktion gegenüber gestellte »intuitive« Erkenntnis, die (innere und äußere) Wahrnehmung und ihr Erzeugnis, die (innere und äußere) Erfahrung, sodaß zu einer induktiven Erforschung der äußeren Natur und der Seelenzustände wenigstens der Weg gebahnt wird. Der bereits bei Duns Scotus von uns konstatierte Zwiespalt zwischen Vernunftwissenschaft (Philosophie) und Offenbarung (Theologie) erreicht bei Ockham seinen Höhepunkt. In geradem Gegensatz zu Lull, der alles beweisen zu können vorgab, behauptet er: auch das Dasein Gottes und seine Eigenschaften können nicht von der Vernunft bewiesen, sondern höchstens durch Analogieschlüsse wahrscheinlich gemacht werden, und auch dies nicht »den Weltweisen und denen, die sich vorzugsweise auf die natürliche Vernunft stützen«. Er selbst freilich folgert aus dieser unserer natürlichen Unwissenheit über die wichtigsten Probleme die Notwendigkeit der göttlichen Offenbarung und hält es für einen verdienstlichen Willensakt, das Unbeweisbare zu glauben. Die Theologie ist eben keine Wissenschaft; und Ockham selbst blieb Theologe. Auch ihm wie seinem Landsmanne Scotus erscheint die Willkür und Machtfülle Gottes unbeschränkt, was ihn mitunter zu wunderlichen, fast frivolen Absurditäten führt, wie z.B. der, daß Gott statt der menschlichen auch die Eselsnatur (natura asinina) hätte annehmen können!

c) In der Willenslehre und Psychologie überhaupt ist Ockhams Standpunkt echt englisch ein gesundempirischer. Wille und Verstand sind nur verschiedene Wirkungsweisen der in ihrem eigentlichen Wesen für uns unerkennbaren Seele. Des Willens Verflechtungen mit dem Gemütsleben und den Trieben werden untersucht. Auf der Erfahrung beruht auch die unumstößliche Tatsache der Willensfreiheit, die durch äußere Umstände nicht beeinflußt wird. Die Ethik steht dagegen bei O. und seiner Schule auf schwachen Füßen, weil sie auf jene Lehre von der absoluten Willkür Gottes gegründet wird. Es gibt kein Gutes und Schlechtes an sich, sondern nur[279] durch den Willen Gottes. Gott kann die Sündenschuld ohne jede innere oder äußere Buße des Sünders erlassen, ebenso wie er einen, der nicht gesündigt hat, bestrafen kann. Außerordentlich häufig findet sich der Beisatz: Aliter tamen potuit deus ordinare, d. i. »Gott hätte auch eine andere Anordnung treffen können«. Ja, eine lasterhafte Handlung ist keine Sünde, wenn sie zur Ehre Gottes geboten erscheint. Und doch stellt sich derselbe Ockham in dem seine Zeit mächtig bewegenden Streit zwischen Kirche und Staat, wie wir schon oben bemerkten, entschieden auf die Seite des letzteren. Das Gemeinwohl (bonum commune) zu schaffen, ist rein Sache des Staates, Verletzt der Fürst diese seine Pflicht, so hat das Volk das Recht, ihn abzusetzen, den Tyrannen zu töten: wie auch innerhalb der Kirche die Gesamtheit der Gläubigen über Papst, Konzil und Geistlichkeit steht. Er eifert gegen den Reichtum und die dadurch herbeigeführte Verweltlichung der Kirche. Das Ideal, der Status perfectissimus, bleibt dem gelehrten Bettelmönche schließlich doch die völlige Besitzlosigkeit.


2. Anhänger und Nachfolger Ockhams.

Wilhelm von Ockham gewann bald zahlreichen Anhang. Trotz der feierlichen Verwerfung seiner Lehre durch die Universität Paris (1340), gingen bald nicht bloß zahlreiche Ordensgenossen (Franziskaner), sondern auch Augustiner und Dominikaner zum Nominalismus über. Zu den bedeutendsten unter seinen unmittelbaren Schülern gehört

1. Johann Buridan, 1327 und 1348 Rektor der Pariser Universität. Er beschäftigte sich weniger mit theologischen als mit psychologischen und physikalischen Problemen, in bloß äußerlicher Anlehnung an die Auslegung aristotelischer Schriften. Siebeck a. a. O. nennt ihn den »Herbartianer unter den Scholastikern«. Besonders interessierte ihn die Frage der Willensfreiheit. Der Wille ist zu unterscheiden vom sinnlichen und intellektuellen Begehren. Er ist passiv oder aktiv, je nachdem er durch den Intellekt angeregt oder völlig selbständig (liberum arbitrium) entscheidet. Diese letztere Freiheit der bloßen »Opposition« (libertas oppositionis) ist uns aber nur gegeben, damit wir die wahre ethische Freiheit der »Zweckordnung« (libertas finalis ordinationis) erlangen, wobei dem Intellekt ein gewisser Einfluß zukommt. Die Tiere dagegen sind unfrei und folgen ihren Trieben. Das bekannte Beispiel von dem Esel zwischen den beiden Heubündeln, dessen Urheberschaft[280] man ihm zuschreibt, ist vielleicht von ihm oder einem seiner Schüler bei mündlichen Vorträgen gebraucht worden; möglicherweise aber auch eine Erfindung seiner Gegner. In seinen gedruckten Schriften wenigstens findet es sich nicht, ebensowenig die sogen. »Eselsbrücke« (pons asinorum), d.h. der Rat, beim logischen Schließen den Mittelbegriff aufzusuchen, als Hilfsmittel für beschränkte Köpfe.

Das Verbot der nominalistischen Lehre, das namentlich die Pariser Universität noch mehrmals (zuletzt 1473) versuchte, konnte nicht mehr durchgeführt werden. Im Gegenteil, während zur Blütezeit der Scholastik die Aussprüche der Pariser Fakultät als Normen galten, machte sich jetzt, unter dem Einfluß der Nominalisten, eine Dezentralisation der gelehrten Tätigkeit bemerkbar. So soll Buridans Einfluß mitbestimmend bei der Errichtung der Wiener Universität (1365) gewesen sein. Sicher war sein jüngerer Freund

2. Marsilius (Marcel) von Inghen (in der Moselgegend) an der Gründung der Universität Heidelberg (1386) beteiligt, deren Lehrer er bis 1392 gewesen ist. Auch Marcel untersuchte den Inhalt der inneren Erfahrung und die Willensverhältnisse, wobei er namentlich die instinktive Seite des Wollens und Begehrens infolge der Gewöhnung, sowie die Tätigkeit des Künstlers betonte.

3. Pierre d'Ailly (Petrus de Alliaco, 1350-1425) hebt den Primat des Willens kräftig hervor, gibt aber eine Mitwirkung der Erkenntnis beim Entschlüsse zu. Er sucht Ockhams Satz, daß die Selbsterkenntnis das Gewisseste sei, gewisser insbesondere als die Wahrnehmung äußerer Gegenstände, näher zu begründen. Die letztere bestehe nur unter der Voraussetzung des gewöhnlichen Naturlaufs, den Gott an sich ändern kann. Ebenso ist Sünde nur, was Gott als solche bezeichnet. Peter von Ailly war lange Jahre Kanzler der Universität Paris, Beichtvater des französischen Königs und die Seele des Konstanzer Konzils. Er starb 1420 als Kardinallegat in Avignon. Er stellt das Konzil über den Papst, die Bibel über die Tradition. Mit seinem philosophischen Skeptizismus verbindet sich bereits eine ausgesprochene Neigung zur Mystik.

4. Noch stärker tritt dieser Zug hervor bei seinem Schüler und jüngeren Freunde Johannes Gerson (1363 bis 1429) – eigentlich Jean Charlier aus dem Dorfe Gerson bei Rheims –, seinem Nachfolger in der Kanzlerwürde[281] von Paris, das er zu Konstanz vertrat. Er erstrebt eine Konkordanz »unserer«, d.h. der Ockhamschen Scholastik, mit der »mystischen Theologie«. Besser als alle menschliche Weisheit, als Plato und Aristoteles ist die Befolgung des Wortes: »Tut Buße und glaubt dem Evangelium!« Die mystische Theologie geht von dem Erleben und Erfahren Gottes aus und ist auch dem Einfältigen möglich. Wegen dieser seiner Wertschätzung des Evangeliums, des Glaubens, der inneren Buße und der subjektiven Frömmigkeit hat man Gerson, obwohl er sich noch als treuer Sohn seiner Kirche zeigt, vielfach zu den »Vorreformatoren« gerechnet.

5. Als »letzter Scholastiker« wird gewöhnlich der Tübinger Professor Gabriel Biel († 1495) bezeichnet, der Ockhams Lehren klar und übersichtlich darstellt, und dessen Lehre – durch Staupitz – bereits auf Luther und Melanchthon von Einfluß gewesen ist; er gehörte dem Orden der »Brüder vom gemeinen Leben« an.

Quelle:
Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 51919, S. 277-282.
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