§ 10. Das System des Materialismus.

[89] Der systematische Charakter der demokritischen Lehre besteht in der allseitigen Durchführung des Grundgedankens, daß die wissenschaftliche Theorie die Erkenntnis der wahren Wirklichkeit, d.h. der Atome und ihrer Bewegungen im Raume, so weit gewinnen soll, um daraus die erscheinende Wirklichkeit, wie[89] sie sich in der Wahrnehmung darstellt, erklären zu können. Es sind (schon nach den Büchertiteln) alle Anzeichen vorhanden, daß Demokrit sich dieser Aufgabe durch Untersuchungen über den gesamten Umfang der Erfahrungsgegenstände unterzogen und dabei den psychologischen Problemen ein ebenso großes Interesse wie den physikalischen zugewendet hat. Um so mehr ist es zu beklagen, daß der größere Teil seiner besonderen Lehren rettungslos verschüttet ist und daß das Erhaltene, im Zusammenhange mit andern Berichten, nur eine hypothetische Rekonstruktion der begrifflichen Grundzüge seiner großen Leistung gestattet, – eine Rekonstruktion jedoch, welche immer lückenhaft und unsicher bleiben muß.

1. Zunächst muß angenommen werden, daß sich Demokrit dieser Aufgabe der Wissenschaft, durch die Begriffe von der wahren Wirklichkeit die Welt der Erfahrung zu erklären, vollkommen bewußt gewesen ist. Das Seiende der Atomisten, der Raum und die darin schwirrenden Körperstückchen, hat keinen andern Wert als den theoretischen. Es wird nur gedacht, um das Wahrgenommene begreiflich zu machen: deshalb aber ist es die Aufgabe, das wahrhaft Wirkliche so zu denken, daß es die erscheinende Wirklichkeit erklärt, daß diese dabei in ihrem Bestande als ein abgeleitet Seiendes »erhalten bleibt«217, daß die in ihr bestehende Wahrheit anerkannt bleibt. Daher hat Demokrit recht gut gewußt, daß auch das Denken die Wahrheit in der Wahrnehmung suchen, aus ihr heraus gewinnen muß218, Sein Rationalismus ist weit entfernt, erfahrungswidrig oder auch nur erfahrungsfremd zu sein. Das Denken hat aus der Wahrnehmung dasjenige zu erschließen, wodurch diese erklärt wird. Das Motiv, welches den auf die eleatische Paradoxie des Akosmismus folgenden Vermittlungsversuchen zugrunde gelegen hatte, ist bei Demokrit zum deutlich erkannten Prinzip der Metaphysik und der Naturwissenschaft geworden. Doch ist leider nichts darüber bekannt geblieben, wie er das methodische Verhältnis zwischen den beiden Erkenntnisweisen näher ausgeführt und wie er sich das Herauswachsen des Wissens aus der Wahrnehmung im besonderen gedacht hat.

Sachlich besteht nun die theoretische Erklärung, welche Demokrit für die Wahrnehmungsinhalte gegeben hat, ebenso wie bei Leukipp in der Reduktion aller Erscheinungen auf die Mechanik der Atome. Was in der Wahrnehmung als qualitativ bestimmt und ebenso in qualitativer Veränderung begriffen (alloioumenon) erscheint, das ist »in Wahrheit« nur als quantitatives Verhältnis der Atome, ihrer Ordnung und ihrer Bewegung vorhanden. Die Aufgabe der Wissenschaft also ist es, alle qualitativen Verhältnisse auf quantitative zurückzuführen und im einzelnen zu zeigen, welche quantitativen Bestimmungen der absoluten Wirklichkeit die qualitativen Zustände der erscheinenden Wirklichkeit hervorrufen. Darin liegt offenbar das anschauliche Vorurteil, als ob räumliche Gestaltung und Bewegung etwas Einfacheres, Selbstverständlicheres und Problemloseres seien, als eigenschaftliche Bestimmung und Veränderung, und diese Voraussetzung wird von Demokrit[90] mit vorbildlicher Energie zum Prinzip der theoretischen Welterklärung gemacht.

Indem nun aber dies Prinzip mit voller Systematik auf die Gesamtheit aller Erfahrung angewendet wird, betrachtet der Atomismus auch das psychische Leben mit allen seinen inhaltlichen Bestimmungen und Werten als Erscheinung, für welche durch die erklärende Theorie die Form und die Bewegung der Atome festgestellt werden muß, die das wahre Sein dieser Erscheinung ausmachen. So wird die Materie in ihrer Formung und Bewegung als das allein wahrhaft und »eigentlich« (eteê) Wirkliche und das ganze geistige Leben als eine daraus abgeleitete, daran erscheinende Wirklichkeit betrachtet. Damit erst nimmt das demokritische System den Charakter des bewußten und ausgesprochenen Materialismus an.

2. In den spezifisch physikalischen Lehren bietet daher Demokrits Lehre derjenigen von Leukipp gegenüber keine prinzipielle Veränderung, wohl aber eine große Bereicherung durch sorgfältige Einzelforschung dar. Den Gedanken der mechanischen Notwendigkeit ausnahmslos allen Geschehens hat er womöglich noch schärfer betont als sein Vorgänger: er braucht dafür die Ausdrücke anankê und logos. Des näheren bestimmt sich bei ihm das Prinzip des Mechanismus dahin, daß erstens alle Einwirkung der Atome aufeinander nur durch den Stoß, durch unmittelbare Berührung möglich sei, und daß zweitens diese Einwirkung nur in der Veränderung des Bewegungszustandes der Atome bestehe, während deren Gestalt in allem Geschehen unveränderlich bleibe.

Die Atome selbst als das eigentlich Seiende haben danach nur die Merkmale der abstrakten Körperlichkeit: begrenzte Raumerfüllung und Beweglichkeit im Leeren. Obwohl alle unwahrnehmbar klein, weisen sie doch eine unendliche Mannigfaltigkeit von Gestalten (iseai oder schêmata) auf. Zur Gestalt, welche die eigentliche Grundverschiedenheit der Atome bildet, gehört in gewissem Sinne auch schon die Größe: doch ist zu beachten, daß dieselbe stereometrische Form, z. B. die Kugel, in verschiedenen Größen vorkommen kann. Je größer das Atom ist, um so massiger ist es; denn die Eigenschaft des Seienden ist ja Materialität, Raumbehauptung. Deshalb hat nun Demokrit219, offenbar mechanischen Analogien des täglichen Lebens nachgehend, als eine Funktion der Größe auch die Schwere, bezw. Leichtigkeit angegeben. Bei diesen Bestimmungen (bary und kouphon) ist jedoch bei ihm nicht an die Fallbewegung (nach unten), sondern lediglich an den Grad der mechanischen Beweglichkeit oder an die Trägheit zu denken220: daher meinte er denn auch, daß bei der Drehung der Atomkomplexe die leichteren Teile nach außen gedrängt, die trägeren, schwerfälligeren dagegen mit ihrer geringeren Bewegbarkeit in der Mitte angesammelt würden221.

Die gleichen Eigenschaften teilen sich nun auch als metaphysische Bestimmungen[91] den aus Atomen zusammengesetzten Dingen mit. Ihre Gestalt und Größe ergibt sich aus der einfachen Summation der Gestalt und Größe der sie zusammensetzenden Atome: doch ist in diesem Falle die Trägheit nicht von der Gesamtgröße allein abhängig, sondern von der geringeren oder größeren Menge leeren Raumes, welcher bei der Zusammenfügung zwischen den einzelnen Massenteilchen übrig geblieben ist, also der größeren oder geringeren Dichtigkeit. Und da von dieser Unterbrechung der Masse durch den leeren Raum auch die Verschiebbarkeit der Teilchen gegeneinander abhängt, so gehören auch die Eigenschaften der Härte und Weichheit zu dem wahrhaft Wirklichen, was das Denken erkennt.

Alle andern Eigenschaften aber kommen den Dingen nicht an sich, sondern nur insofern zu, als die von ihnen ausgehenden Bewegungen auf die Organe der Wahrnehmung einwirken: sie sind »Zustände der in qualitativer Aenderung begriffenen Wahrnehmung«. Aber diese Zustände sind durchweg auch durch die Dinge bedingt, an denen die wahrgenommenen Eigenschaften erscheinen und dabei ist hauptsächlich die Anordnung und die gegenseitige Lagerung maßgebend, welche die Atome bei der Zusammensetzung der Dinge eingenommen haben222.

Während also Gestalt, Größe, Trägheit, Dichtigkeit und Härte eteê, in Wahrheit Eigenschaften der Dinge sind, ist alles dasjenige, was von den einzelnen Sinnen als Farbe, Ton, Geruch, Geschmack an ihnen wahrgenommen wird, nur nomô oder thesei, d.h. in der Erscheinung vorhanden. Diese Lehre ist bei ihrer Erneuerung in der Philosophie der Renaissance (vgl. unten Teil IV, § 31, 2) und weiterhin als Unterscheidung der primären und der sekundären Eigenschaften der Dinge bezeichnet worden, und es empfiehlt sich, diese Ausdrücke schon hier einzuführen, da sie dem metaphysisch-erkenntnistheoretischen Sinne, in welchem Demokrit die protagoreische Lehre für sich nutzbar machte, durchaus entsprechen. Während der Sophist alle Eigenschaften zu sekundären, relativen machen wollte, gab dies Demokrit nur für die Sinnesqualitäten zu und stellte ihnen die quantitativen Bestimmungen als primär und absolut gegenüber.

3. Die sekundären Eigenschaften erscheinen danach zwar von den primären abhängig; aber sie sind es nicht von diesen allein, sondern in noch höherem Maße von der Einwirkung auf das Wahrnehmende Das Wahrnehmende aber, die Seele, kann in dem atomistischen System auch nur aus Atomen bestehen. Näher sind es nach Demokrit dieselben Atome, welche auch das Wesen des Feuers ausmachen, nämlich die feinsten, glattesten und beweglichsten. Sie sind zwar ebenfalls durch die ganze Welt zerstreut, und insofern können auch Tiere, Pflanzen und andere Dinge als beseelt gelten; am meisten aber sind sie im menschlichen Leibe vereinigt, wo während des Lebens zwischen je zwei andern Atomen ein Feueratom sich befindet und wo sie durch das Atmen zusammengehalten werden.

Auf diese (den älteren Systemen, wie man sieht, analoge) Voraussetzung hat nun Demokrit seine Erklärung der Erscheinungen aus dem wahren Wesen der Dinge gebaut. Aus der Einwirkung nämlich der Dinge auf die Feueratome (die Seele) entspringt die Wahrnehmung und mit ihr die sekundären Qualitäten.[92] Die erscheinende Wirklichkeit ist ein notwendiges Ergebnis der wahren Wirklichkeit. In der Ausführung dieser Lehre hat Demokrit die Wahrnehmungstheorien seiner Vorgänger aufgenommen und verfeinert. Die Ausflüsse (vgl. oben § 6, 3), die von den Dingen ausgehen, um die Organe und durch sie die Feueratome in Bewegung zu setzen, nannte er Bilderchen (eidôla) und betrachtete sie als unendlich kleine Abbilder der Dinge: ihre Einwirkung auf die Feueratome ist die Wahrnehmung, für deren Inhalt so die Aehnlichkeit mit ihrem Gegenstande gewonnen werden sollte. Da Stoß und Druck das Wesen aller Atommechanik ist, so galt der Tastsinn als der ursprünglichste Sinn: die besonderen Organe dagegen sollten nur für solche Bilderchen empfänglich sein, welche ihrer eigenen Gestaltung und Bewegung entsprechen, und diese Theorie der spezifischen Energie der Sinnesorgane war von Demokrit sehr fein ausgearbeitet worden. Aus ihr folgte auch, daß, falls es Dinge gäbe, deren Ausflüsse auf keines der Organe einzuwirken vermögen, diese für den gewöhnlichen Menschen unwahrnehmbar bleiben und dafür vielleicht »andern Sinnen« zugänglich sein könnten.

Diese Theorie der Bilderchen ist dem antiken Denken sehr plausibel erschienen. Sie brachte die dem gemeinen Bewußtsein noch beute geläufige Vorstellungsweise, als ob unsere Wahrnehmungen Abbilder« der außer uns befindlichen Dinge seien, auf einen festen Ausdruck und gab ihr sogar einen gewissen Schein von Erklärung. Wenn man nicht weiter danach fragte, wie die Dinge dazu kommen sollen, solche Miniaturwiederholungen von sich selbst in die Welt hinauszuschicken, so konnte man meinen, damit verstanden zu haben, wie unsere »Eindrücke« den Dingen da draußen ähneln können. Darum ist auch diese Theorie in der physiologischen Psychologie sogleich zur Herrschaft gelangt und bis in die Anfänge der neueren Philosophie hinein (LOCKE) bestimmend geblieben.

Ihre begriffliche Bedeutung aber für das System Demokrits liegt darin, daß damit diejenige Atombewegung beschrieben sein sollte, in der die Wahrnehmung bestehe. Daß das Wahrnehmen als seelische Tätigkeit etwas spezifisch Anderes ist, als jede wie immer bestimmte Atombewegung, das ist diesem prinzipiellen Materialismus, wie allen seinen späteren Umbildungen verborgen geblieben; aber in der Aufsuchung der einzelnen Bewegungsformen, aus denen die einzelnen Wahrnehmungen der besonderen Sinne entspringen, hat der Philosoph von Abdera manche scharfe Beobachtung und manche feine Vermutung verlauten lassen.

4. Interessant ist es nun, daß die materialistische Psychologie Demokrits demselben Geschick verfallen ist, wie diejenige der vorsophistischen Metaphysiker (vgl. § 6): auch sie hat in gewisser Hinsicht den erkenntnistheoretischen Gegensatz von Wahrnehmung und Denken wieder verwischen müssen. Da nämlich alles Seelenleben Bewegung der Feueratome sein soll223, Atombewegung aber im Zusammenhange dieses Systems nur durch Berührung und Stoß bedingt ist, so kann auch das Denken, wodurch das wahrhaft Wirkliche erkannt wird, nur aus einem Eindruck, den dies wahrhaft Wirkliche auf die Feueratome macht, also auch nur durch den Ausfluß entsprechender Bilderchen erklärt werden. Als psychologischer Vorgang also ist Denken dasselbe wie Wahrnehmung:[93] nämlich Eindruck von Bilderchen auf Feueratome; der Unterschied ist nur der, daß bei der Wahrnehmung die verhältnismäßig großen Bilderchen der Atomkomplexe wirksam sind, während das Denken, welches die wahre Wirklichkeit erfaßt, auf einer Berührung der Feueratome mit den feinsten Bilderchen beruht, denjenigen nämlich, welche die atomistische Struktur der Dinge repräsentieren.

So wunderlich und phantastisch dies klingt, so sehr sprechen doch alle Anzeichen dafür, daß Demokrit diese Konsequenz aus den Voraussetzungen seiner materialistischen Psychologie gezogen hat. Diese Theorie kannte keine selbständige, innerliche Mechanik der Vorstellungen, sondern nur ein Entstehen der Vorstellungen durch Atombewegung. Daher faßte sie auch offenbar trügerische Vorstellungen als »Eindrücke« auf und suchte für solche die erregenden Bilderchen. Der Traum z. B. wurde auf eidôla zurückgeführt, welche entweder, schon im wachen Zustande eingedrungen, wegen ihrer schwachen Bewegung vorher keinen Eindruck hervorgerufen oder erst im Schlaf mit Umgehung der Sinne die Feueratome erreicht hätten; eine geheimnisvolle Einwirkung der Menschen aufeinander schien damit begreiflich, und sogar dem Glauben an Götter und Dämonen wurde durch Annahme riesiger Gebilde in dem unendlichen Raume, von denen entsprechende Bilderchen ausgehen sollten, eine objektive Basis gegeben.

Demgemäß scheint nun Demokrit die »echte Erkenntnis« als diejenige Bewegung der Feueratome aufgefaßt zu haben, welche durch den Eindruck der kleinsten und feinsten, die atomistische Zusammensetzung der Dinge wiedergebenden Bilderchen hervorgerufen wird. Diese Bewegung aber ist von allen die zarteste, feinste, sanfteste, der Ruhe nächstkommende. Mit dieser Bestimmung wurde der Gegensatz zwischen Wahrnemung und Denken – ganz im Sinne des Systems – auf einen quantitativen Ausdruck gebracht. Die großen Bilderchen der Gesamtdinge setzen die Feueratome in relativ heftige Bewegung und erzeugen dadurch die »dunkle Einsicht«. die sich als Wahrnehmung darstellt: die feinsten Bilderchen dagegen drücken den Feueratomen eine sanfte, feine Bewegung auf, welche die »echte Einsicht« in den atomistischen Bau der Dinge, das Denken, hervorruft. Von dieser Betrachtung her empfiehlt Demokrit, ganz im Gegensatz zu der Auffassung, welche die Wahrheit aus der Wahrnehmung entwickeln wollte dem Denker die Ablenkung von der Sinnenwelt: jene feinsten Bewegungen kommen nur da zur Geltung, wo die gröberen zurückgehalten werden; wo hingegen allzu heftige Bewegungen der Feueratome stattfinden, da kommt es zum falschen Vorstellen, dem allophonein224.

5. Denselben quantitativen Gegensatz aber der starken und der sanften der heftigen und der leisen Bewegung225 hat Demokrit auch seiner ethischen Theorie zu Grunde gelegt. Dabei stand er mit seiner Psychologie auf einem ebenso intellektualistischen Standpunkt wie Sokrates: auch er setzte die erkenntnistheoretischen Werte der Vorstellungen unmittelbar in ethische[94] Werte der Willenszustände um. Wie aus der Wahrnehmung nur die dunkle Einsicht folgt, welche die Erscheinung und nicht das wahre Wesen zum Gegenstand hat, so ist auch die Lust, die aus der Erregung der Sinne stammt, nur relativ (nomô), dunkel, ihrer selbst ungewiß, scheinbar und trügerisch. Das wahre Glück dagegen, für das der Weise »der Natur nach« (physei) lebt, die eudaimonia, die Zweck (telos) und Maß (ouros) des Menschenlebens ist, darf nicht in äußeren Gütern und sinnlicher Befriedigung, sondern nur in jener sanften Bewegung, jener ruhigen Stimmung (euestô) gesucht werden, welche die rechte Einsicht, die leise Bewegtheit der Feueratome bei sich führt. Sie allein gibt der Seele Maß und Harmonie (xymmetria), bewahrt sie vor affektvollem Staunen (athaumasia), verleiht ihr Sicherheit und Unentwegtheit in sich selbst (ataraxia, athambia): es ist die Meeresstille (galênê) der Seele, welche durch die Erkenntnis ihrer Leidenschaften Herr geworden ist. Wahre Glückseligkeit ist Ruhe (hêsychia), und Ruhe gewährt nur die Erkenntnis. So gewinnt Demokrit als Schlußstein seines Systems sein persönliches Lebensideal, dasjenige reiner wunschloser Erkenntnis: damit mündet dieser systematische Materialismus in eine edle und hohe Lebensansicht. Und doch ist auch in ihr ein Zug, der die Moral des Aufklärungszeitalters kennzeichnet: die auf Erkenntnis ruhende Stille des Gemüts ist ein individuelles Lebensglück; und wo Demokrits ethische Lehren über das Individuum hinausreichen, da ist es die Freundschaft, das Verhältnis einzelner Persönlichkeiten zueinander, welche er preist, während er dem staatlichen Zusammenhange verhältnismäßig gleichgültig gegenübersteht.

Quelle:
Wilhelm Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. Tübingen 61912, S. 89-95.
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