Negrelli

[317] Negrelli, Ritter v. Moldelbe, hervorragender österreichischer Eisenbahntechniker, geboren 1799 in Primiero (Südtirol), gestorben in Wien 1858. Schon früh zeigte N. eine besondere Vorliebe für das Baufach und fand von 1821–1836 in Tirol und Vorarlberg sowie in der Schweiz bei Straßenbauten, Flußkorrektionen und als Architekt Verwendung.

Eine ausgedehnte Studienreise führte N. im Jahre 1836 nach England, Frankreich und Belgien; seine Reiseeindrücke hat er in einem Werke veröffentlicht, das für den Eisenbahnbau lange Zeit hindurch maßgebend war. Er war es hauptsächlich, der mit Ghega der Anschauung zum Siege verhalf, daß die Lokomotiven geeignet seien, die größten Gebirgshöhen zu überwinden. Im Jahre 1839 wurde N. als eidgenössischer Kommissär in die Kantone Tessin, Uri und Wallis entsendet, um dort die Vorarbeiten für Kommunikationen und Eisenbahnen durchzuführen. Es gebührt[317] N. das Verdienst, den Eisenbahnbau in der Schweiz überhaupt und insbesondere die Gebirgsbahnen eingeführt und den Anstoß zur Schaffung eines Eisenbahn- und Verkehrsnetzes gegeben zu haben. Er selbst war hervorragend an der Gründung und am Bau der ersten Eisenbahnlinie der Schweiz Zürich – Basel beteiligt.

Im Jahre 1840 machte die österreichische Nordbahndirektion N. das Angebot, als Generalinspektor den Bau ihrer Eisenbahnlinien zu übernehmen. Hier eröffnete sich ihm ein weites Feld der Arbeit. Die Energie, mit der die Linien der Nordbahn erbaut wurden, nicht minder der Erfolg, den sie aufzuweisen hatten, bestimmte die Regierung auch ihrerseits zum Ausbau des Staatsbahnnetzes. N. wurde als Bauleiter für die nördlichen Linien erwählt. Die reichen Erfahrungen, die N. gesammelt hatte, konnte er in dieser seiner neuen Stellung bestens verwerten. Als 1846 der Plan auftauchte, den Semmering zu überschienen, trat N. mit dem Vorschlag in die Öffentlichkeit: durch ein System von Spitzkehren nach Art einer Serpentinenstraße die Höhe des Semmerings zu bewältigen, ein Gedanke, den er schon 1842 in seiner Studie über Gebirgsbahnen ausgesprochen hat.

Auch das Ausland schätzte in ganz außerordentlichem Maße die Fähigkeiten N. Auf Einladung des Königs von Württemberg erstattete er ein Gutachten über den Anschluß der Bahnlinien nach Baden und Bayern und hatte die Befriedigung, daß seinen Vorschlägen vollinhaltlich beigepflichtet wurde. Auch nach Sachsen wurde er wiederholt in wichtigen Fragen der Eisenbahnverbindungen berufen, so insbesondere, als es sich um den Bau des berühmten Göltzschtalviadukts handelte.

Nach den kriegerischen Ereignissen der Jahre 1848 und 1849 erging an N. der Ruf, als Ministerialkommissär in die Lombardei und nach Venetien zu gehen, um dort die gesamten Arbeiten des Straßen-, Brücken- und Eisenbahnbaus zu leiten. Hier erwarb er sich die größten Verdienste um den Ausbau des Eisenbahnnetzes, vor allem um die Herstellung der Linien von Verona nach Vicenza und Mailand.

Eine wichtige Aufgabe wurde N. zuteil, als er im Jahre 1850 Präsident der Internationalen Po-Schiffahrtskommission wurde. N., der schon seit 1849 Vorstand der Baudirektion für den Wasser-, Straßen- und Eisenbahnbau in Verona war, verblieb bis zum Jahre 1855 in Italien, um dann als Ministerialrat und Generalinspektor der österreichischen Eisenbahnen nach Wien zurückzukehren.

N. gebührt auch das Verdienst, die Anregung zum Bau eines schleusenlosen Kanals durch den Isthmus von Suez gegeben und die Ausführung nach seinen Entwürfen durchgesetzt zu haben. Am 26. Juni 1856 trat die internationale Kommission in Paris zusammen, um die vorliegenden Pläne zu überprüfen. N. trat für seinen Plan auf das entschiedenste ein und wußte die gesamte Kommission zu überzeugen, daß der schleusenlose Kanal die einzig richtige Lösung des ganzen Problems wäre. In der Tat wurde sein Projekt angenommen und bildete auch die Grundlage für die Ausführung. 1857 wurde N. vom Vizekönig zum Generalinspektor sämtlicher Arbeiten ernannt, welchem Ruf er mit Zustimmung seiner Regierung Folge leistete. N. starb jedoch, ohne den Beginn der Arbeiten zu erleben.

Quelle:
Röll, Freiherr von: Enzyklopädie des Eisenbahnwesens, Band 7. Berlin, Wien 1915, S. 317-318.
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