Debattereden auf der Tagung des Vereins

für Sozialpolitik in Wien 1909

zu den Verhandlungen über

»Die wirtschaftlichen Unternehmungen der Gemeinden«.

[412] Ich bitte um Verzeihung, wenn ich noch einmal auf jene allgemeinen Gesichtspunkte zurückgreife, die nun einmal in die Debatte hineingetragen sind, und anknüpfe an das, was unser verehrter Meister, Herr Geheimrat Wagner, heute morgen gesagt hat. Einiges davon habe ich nur mit Erstaunen hören können, insbesondere die Behauptung, daß die Eisenbahnüberschüsse in Preußen den unbemittelten Klassen zugute kämen. Meines Wissens stammen sie vorwiegend aus den Taschen der unbemittelten Klassen, und sie dienen in erster Linie dazu, den Großgrundbesitzern das Steuerzahlen zu ersparen.[412]

Vielleicht ist diese Ansicht, die ich absichtlich pointiere, ebenso einseitig wie die von Herrn Geheimrat Wagner, aber das, was er gesagt hat, ohne Widerspruch zu lassen, war unmöglich.

Dann knüpfe ich an einige Ausführungen meines Bruders an. Wenn wir auch in manchen Dingen verschiedener Meinung sind, in diesem Punkte kann ich nur sagen, ist die Uebereinstimmung vollkommen. Mein Bruder ist sicherlich ebenso wie Herr Geheimrat Wagner und ebenso wie ich überzeugt von der Unaufhaltsamkeit des Fortschritts der bureaukratischen Mechanisierung. In der Tat: Es gibt nichts in der Welt, keine Maschinerie der Welt, die so präzis arbeitet, wie diese Menschenmaschine es tut – und dazu noch: so billig! Es ist z.B. notorisch ein Unsinn, zu sagen: die Selbstverwaltung müsse doch billiger sein, weil sie im Ehrenamt erledigt werde. Wenn man in einer rein technisch tadellosen Verwaltung, in einer präzisen und genauen Erledigung sachlicher Aufgaben das höchste und einzige Ideal sieht – ja, von diesem Gesichtspunkt aus kann man sagen: Zum Teufel mit allem anderen, und nichts als eine Beamtenhierarchie hingesetzt, die diese Dinge sachlich, präzis, »seelenlos« erledigt, wie jede Maschine. Die technische Ueberlegenheit des bureaukratischen Mechanismus steht felsenfest, so gut wie die technische Ueberlegenheit der Arbeitsmaschinen gegenüber der Handarbeit. Aber als der Verein für Sozialpolitik gegründet wurde, war es die Generation, der Herr Geheimrat Wagner angehört, die damals ebenso verschwindend an Zahl war, wie wir anders Denkenden heute es Ihnen gegenüber sind, welche nach anderen als solchen rein technischen Maßstäben rief. Sie, meine Herren, haben damals gegen jene Beifallssalve für die rein technologischen Leistungen der industriellen Mechanisierung, wie sie die Manchesterlehre damals darstellte, zu kämpfen gehabt. Mir scheint, Sie sind heute in Gefahr, sich selbst in eine ebensolche Beifallssalve für das Maschinenwesen auf dem Gebiete der Verwaltung und Politik zu verwandeln. Denn was ist es letztlich anders, was wir von Ihnen gehört haben? Stellen Sie sich die Konsequenz jener umfassenden Bureaukratisierung und Nationalisierung vor, die wir bereits heute im Anzuge sehen. In den Privatbetrieben der Großindustrie sowohl, wie in allen modern organisierten Wirtschaftsbetrieben überhaupt reicht die »Rechenhaftigkeit«, der rationale Kalkül, heute schon bis auf den Boden herunter. Es wird von ihm jeder einzelne Arbeiter zu einem Rädchen in dieser Maschine und innerlich zunehmend darauf abgestimmt, sich als ein solches zu fühlen und sich nur zu fragen, ob er nicht von diesem kleinen Rädchen zu einem größeren werden kann. Nehmen Sie als Spitze die autoritäre Gewalt des Staats oder der Gemeinde in einem monarchischen Staatswesen, dann erinnert das lebhaft an das Aegyptertum der Antike, das von diesem Geist des »Pöstchens« durchtränkt war von oben bis unten. Es hat nie eine Bureaukratie gegeben, bis heute nicht, die an die ägyptische Bureaukratie herangereicht hätte. Das steht für jeden fest, der ägyptische Verwaltungsgeschichte kennt und es steht ebenfalls felsenfest, daß wir heute unaufhaltsam einer[413] Entwicklung entgegeneilen, die recht genau diesem Vorbilde, nur auf anderer Grundlage, auf technisch verbesserter, rationalisierter, also noch weit stärker mechanisierter Grundlage folgt. Die Frage, die uns beschäftigt, ist nun nicht: Wie kann man an dieser Entwicklung etwas ändern? – Denn das kann man nicht. Sondern: Was folgt aus ihr? Wir erkennen ja sehr gern an, daß oben an der Spitze unseres Beamtentums ehrenhafte und begabte Leute stehen, daß trotz aller Ausnahmen auch solche Leute Chance haben, in der Hierarchie des Beamtentums emporzukommen, ganz ebenso, wie z.B. die Universitäten für sich in Anspruch nehmen, daß trotz aller Ausnahmen sie eine Chance, eine Auslese für die Begabten bilden. Aber so fürchterlich der Gedanke erscheint, daß die Welt einmal etwa von nichts als Professoren voll wäre – wir würden ja in die Wüste entlaufen, wenn so etwas einträte –, noch fürchterlicher ist der Gedanke, daß die Welt mit nichts als jenen Rädchen, also mit lauter Menschen angefüllt sein soll, die an einem kleinen Pöstchen kleben und nach einem etwas größeren Pöstchen streben – ein Zustand, den Sie, wie in den Papyri, so zunehmend im Geiste des heutigen Beamtentums und vor allem seines Nachwuchses, unseren heutigen Studenten, wiederfinden. Diese Leidenschaft für die Bureaukratisierung, wie wir sie sich hier äußern hörten, ist zum Verzweifeln. Es ist, als wenn in der Politik der Scheuerteufel, mit dessen Horizont der Deutsche ohnehin schon am besten auszukommen versteht, ganz allein das Ruder führen dürfte, als ob wir mit Wissen und Willen Menschen werden sollten, die »Ordnung« brauchen und nichts als Ordnung, die nervös und feige werden, wenn diese Ordnung einen Augenblick wankt, und hilflos, wenn sie aus ihrer ausschließlichen Angepaßtheit an diese Ordnung herausgerissen werden. Daß die Welt nichts weiter als solche Ordnungsmenschen kennt – in dieser Entwicklung sind wir ohnedies begriffen, und die zentrale Frage ist also nicht, wie wir das noch weiter fördern und beschleunigen, sondern was wir dieser Maschinerie entgegenzusetzen haben, um einen Rest des Menschentums freizuhalten von dieser Parzellierung der Seele, von dieser Alleinherrschaft bureaukratischer Lebensideale. Die Antwort auf diese Frage gehört freilich heute nicht hierher.

Wir wollen vielmehr uns nun auch einmal fragen, wie die sozialpolitischen Chancen liegen bei dieser fortschreitenden Bureaukratisierung, die Sie so leidenschaftlich preisen. Meine Herren! Ich mußte den Kopf schütteln bei der Idee, die Sie fast alle hier ergriffen zu haben scheint, daß, wenn man den privaten Arbeitgeber in möglichst großem Umfange ersetzt durch einen staatlichen oder städtischen Beamten, daß dann etwas anderes eintreten könne, als daß die Staatsmacht nun erfüllt wird von Arbeitgeberempfindungen. Die Beamten haben ja doch denselben Aerger und Kleinkrieg, den der Privatindustrielle mit seinen Arbeitern täglich zu durchkämpfen hat, nun ihrerseits am Halse, und man wird doch nicht glauben wollen, daß das der Sozialpolitik zugute kommen könnte. Es sind ja doch immer die Angestellten, die Beamten, auch in der Privatindustrie,[414] die päpstlicher sind als der Papst, mit denen für unsereinen viel weniger zu verhandeln ist als mit den Fabrikanten selbst. Wie soll es denn werden, wenn die Beamten des Staates und der Gemeinden immer breitere Schichten von Arbeitern unter sich haben? Werden sie mehr sozialpolitische Gesinnung bekommen bei den fortgesetzten unvermeidlichen Reibungen mit den Arbeiterorganisationen? Man hat ja sogar geglaubt, daß indem er Zechen übernimmt und ins Kohlensyndikat hineingeht, dies Kartell mit sozialpolitischen Gesichtspunkten erfüllt werden müßte; ja, was glaubt man denn, wenn diese Umarmung stattfinden würde, was für einem Schicksal dabei der Staat entgegenginge? Er würde nicht die Rolle Siegfrieds, sondern diejenige König Gunthers mit Brunhilde spielen. Bekanntlich sind die Verhältnisse der staatlichen Gruben das Uebelste, was es überhaupt an Sozialpolitik gibt. Sie können es auch von keinem Menschen anders verlangen. Würde ich an die Stelle gesetzt, ich könnte auf die Dauer auch nicht verhindern, wenn ich täglich die Reibungen mit den Arbeitern, mit den einzelnen und mit den Organisationen habe, daß mir der Zorn über diese ewigen Hemmungen meiner so sorgsam ausgeklügelten Ordnungen aufstiege und daß ich wünschen würde, diese Leute zum Teufel schicken zu können, denn ich würde ja als Bureaukrat glauben, mich selbst zu niedrig einzuschätzen, wenn ich nicht beanspruchte, ihr eigenes Wohl viel besser zu kennen als diese »Dummköpfe« selbst. Die öffentlichen Beamten, die sich doch mit Recht für viel intelligenter als ihre Arbeiter einschätzen, deren Psyche wird bei Konflikten genau so klingen wie das, was ich eben gesagt habe. Die Herren mögen so tüchtig und weitsichtig sein wie sie wollen, sie werden aber mürbe in dem täglichen Interessenkampf, ich würde auch mürbe werden und dieselben Konsequenzen ziehen, wie ich sie ihnen unterstelle. Nur ein von Arbeitgebergesinnung freies Gemeinwesen kann auf die Dauer »Sozialpolitik« treiben. Welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind – das erörtere ich heute nicht. Nur der kritiklosen Verherrlichung der Bureaukratisierung wollte ich entgegentreten.

Die Idee der immer weiter um sich greifenden Verstaatlichung und Kommunalisierung ist ja innerhalb des Vereins für Sozialpolitik mit sehr verschiedener Intensität vom Anfang seiner Geschichte an vertreten worden. Einen solchen universalen Verstaatlicher, wie Herrn Geheimrat Wagner, haben wir allerdings wohl nur als Einspänner, ich möchte beinahe sagen: als Rarität innerhalb unseres Vereins gehabt. Ich weiß, daß es auch andere gegeben hat. Ich weiß, daß einer von diesen auch unser verehrter Lehrer Herr Professor von Schmoller war, wenn er auch sehr viel vorsichtiger war und, woran er mich vorhin erinnerte, die Eisenbahnverstaatlichung in Frankreich z.B. mit sehr skeptischen Augen angesehen hat. Wie dem sei, ein wesentliches Agens dieser in verschiedenem Grade unter uns verbreiteten Vorliebe für die Bureaukratisierung ist ein rein moralistisches Empfinden: der Glaube an die Allmacht des von niemand bezweifelten hohen moralischen Standards gerade[415] unseres deutschen Beamtentums. Ich persönlich betrachte solche Fragen auch unter dem Gesichtspunkt der internationalen Machtstellung und Kulturentwicklung eines Landes. Da spielt nun die »ethische« Qualität der Maschine heute eine entschieden ab nehmende Rolle. Gewiß: soweit sie die Präzision des Funktionierens der Maschine fördert, ist die »Ethik« wertvoll für den Mechanismus als solchen. Ich habe aber den Eindruck: Ja, diese »korrupte« Beamtenschaft Frankreichs, diese korrupte Beamtenschaft Amerikas, diese so viel geschmähte Nachtwächterregierung Englands usw. – wie fahren denn diese Länder eigentlich dabei? wie fahren sie z.B. auf dem Gebiet der auswärtigen Politik? Sind wir es denn, die vorwärts gekommen sind auf diesem Gebiete oder wer ist es? Demokratisch regierte Länder mit einem zum Teil zweifellos korrupten Beamtentum haben sehr viel mehr Erfolge in der Welt erzielt, als unsere hochmoralische Bureaukratie, und wenn man rein »realpolitisch« urteilen soll und wenn ferner es sich letztlich um die Machtgeltung der Nationen in der Welt handelt – und viele von uns stehen doch auf dem Standpunkt, daß das der letzte, endgültige Wert sei –, dann frage ich: welche Art der Organisation: – privatkapitalistische Expansion, verbunden mit einem reinen business-Beamtentum, welches der Korruption leichter ausgesetzt ist, oder staatliche Lenkung durch das hochmoralische, autoritär verklärte deutsche Beamtentum –, welche Art der Organisation hat heute die größte »efficiency«? – um einen englischen Ausdruck zu gebrauchen –, und dann kann ich vorläufig nicht anerkennen, bei aller tiefen Verbeugung vor dem ethisch korrekten Mechanismus der deutschen Bureaukratie, daß sie heute noch sich fähig zeige, auch nur so viel zu leisten für die Größe unserer Nation, wie das moralisch vielleicht tief unter ihr stehende ausländische, seines göttlichen Nimbus entkleidete Beamtentum, verbunden mit dem nach Ansicht vieler von uns so höchst verwerflichen Gewinnstreben des privaten Kapitals.


Quelle:
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitk. Hrsg. von Marianne Weber. Tübingen 21988, S. 412-416.
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