Diskussionsrede auf der Tagung des Vereins für Sozialpolitik in Nürnberg 1911 zum Thema: Probleme der Arbeiterpsychologie unter besonderer Rücksichtnahme auf Methode und Ergebnisse der Vereinserhebungen.

[424] Es ist von großen »Ergebnissen« dieser Untersuchungen gesprochen worden, von glänzenden Arbeiten, die vorliegen. Es wäre ein schweres Mißverständnis, wenn der Umstand, daß heute Herr Professor Herkner in seine persönlichen, von ihm selbst erarbeiteten allgemeinen Gesichtspunkte über die Arbeiterpsychologie das, was bisher an diskutablen Ergebnissen unserer Enquete herausgekommen ist, eingeordnet hat, uns zu dem Schlusse verleiten würde, wir könnten überhaupt schon von eigentlichen Ergebnissen reden. Herausgekommen, meine Herren, ist bisher an endgültigen Resultaten noch gar nichts, nichts anderes wenigstens als einige Zahlen, die geeignet sind, einige Hypothesen zu stützen, andere Hypothesen neu aufzustellen, die Fragestellung zu korrigieren und – und dies ist das bei weitem Wichtigste – zu beweisen, daß an dem Material, das hier in Angriff genommen worden ist, und mit Hilfe des weiter zu gewinnenden ähnlichen Materials sich im Laufe der Zeit, und zwar einer sehr langen Zeit mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wertvolle und durchschlagende Ergebnisse werden gewinnen lassen.

Wir wollen uns doch erinnern, daß manche von uns hofften, auf dem Wege solcher Untersuchungen z.B. den Problemen der Vererbung der Berufsqualitäten näher zu kommen.

Meine Herren! Der Schöpfer der psychologischen Methodik der Arbeitsuntersuchung, Professor Kräpelin-München, sagte mir gelegentlich einer Rücksprache einmal: Herr Kollege, die ersten wirklich exakten Untersuchungen auf diesem Gebiete (der Vererbung solcher Qualitäten) werden wir beide nicht mehr erleben, das sind Dinge, die in Jahrzehnten vielleicht möglich sind, heute noch nicht. Ich kann das heute nur unterschreiben. Nicht so, aber doch verwandt, liegt es auf den sonst von uns behandelten Problemgebieten. Nur wer die Selbstentsagung besitzt, seine eigene mühevolle Arbeit vorläufig als »Material« für andere Leute einfach in den Boden gestampft zu sehen für zukünftige Arbeiter, die nun mit Hilfe dessen, was er an Hypothesen dabei herausgebracht hat, weiter arbeiten, seine eigenen »Resultate« aber vielleicht völlig umstürzen – nur den können wir als Mitarbeiter wünschen. Meine Damen und Herren, mit dem größten Nachdruck sei es gesagt: der Verein steht mit dieser Erhebung heute am Anfang dessen, was er will, und nicht am Ende, und er wird Jahrzehnte an dieser Sache langsam und ruhig weiterzuarbeiten haben. Das ist keine einfache Sache. Glänzende und bequeme Themata für Doktorarbeiten sind Dinge nicht, bei denen man unter Umständen, wie auch ich es getan habe, zirka 30000 Rechenexempel[424] – bei einigen Mitarbeitern werden es 100000 gewesen sein – im Kopfe zu machen hat, um dann vielleicht zu finden, daß bei neun Zehntel von ihnen nichts herauskam. Wir hoffen auf eine Elite von Ideologen als Mitarbeiter, die diese schwere Last einer rein mechanischen und auf keine Weise auf bezahlte Kräfte abzuwälzenden Arbeit auf sich nehmen wollen – nicht abwälzbar auf bezahlte Kräfte deshalb, weil nur während der eigenen persönlichen Rechenarbeit –, darin unterscheidet sich diese statistische Arbeit von der Art eines Produzierens, wie es im allgemeinen bei der offiziellen Statistik der Fall ist –, weil, sage ich, nur während des eigenen persönlichen fortwährenden Errechnens von Zahlen dem Bearbeiter die Einfälle kommen, die er braucht, um diese Zahlen zu deuten und neue Fragestellungen zu finden.

Meine Damen und Herren! Wenn ich gesagt habe, es sei bei diesen Untersuchungen nichts herausgekommen, so ist das ja gewiß etwas zuviel gesagt. Es ist schließlich eins dabei herausgekommen, eine Anregung auf Kreise, die sich von uns sehr ungern anregen lassen. Wissenschaftlich – aber auch »praktisch« an einem uns direkt gar nichts angehenden Punkte. Ein Teil der Untersuchungen – ich erinnere z.B. an das, was in der Arbeit des Herrn Dr. Sorer zu lesen ist, aber auch in anderen – hat dazu geführt, daß Großbetriebe ad hoc Kalkulationen angestellt haben, die sie bisher unterließen, weil sie den Eindruck gewannen, daß, was wir für unsere Zwecke erfragen wollten, möglicherweise auch für den Betriebsleiter selbst und seine Kostenkalkulation, also für die privatwirtschaftlich richtige Führung seines Betriebs von Wert sein könnte. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß sich dieser Glaube langsam mit dem Weiterfortschreiten dieser Untersuchungen in den Kreisen der Unternehmerschaft verbreiten wird. Denn, meine Damen und Herren, kalkuliert wird heute auch in der Industrie nur soweit, als es der Unternehmer für notwendig hält, und das hängt teils von äußeren Situationen, teils von Traditionen ab. Wie sah es denn mit der Kostenkalkulation unserer deutschen Industrie noch vor 15, 20 Jahren in breiten Schichten aus! Ungefähr folgendermaßen. Ein Betrieb, der auf irgendeinem Gebiete – sagen wir des Textilgewerbes – der stärkste war, kalkulierte wirklich seine Kosten für sämtliche Warengattungen sorgfältig bis aufs letzte, machte daraufhin seine Preislisten und gab sie seinen Abnehmern. Die anderen Betriebe suchten sich auf mehr oder minder gewundenem Wege diese Preislisten zu verschaffen und gaben dann schleunigst ein Plagiat davon als eigene »Preisliste« heraus, wobei sie ihre Originalität nur dadurch wahrten, daß sie bei einigen Artikeln ein paar Pfennig unter dem Preise des anderen auszeichneten. Das nannte man damals »Kalkulation«. Das ist unter den Verhältnissen der immer schärfer werdenden Konkurrenz schon heute sehr anders geworden, und es würde für unsere Untersuchungen natürlich wünschenswert sein, daß es immer weiter anders würde; denn darauf, daß solche Kostenkalkulationen und Nachkalkulationen überhaupt gemacht werden, daß auch der arbeitende[425] Mensch auf seine »Rentabilität« hin ebenso sorgfältig kalkuliert wird wie das Rohmaterial oder wie die Kohle, auf seine Brauchbarkeit für den Betrieb, beruht ein erheblicher Teil der Hoffnungen, die wir überhaupt für das Fortschreiten dieser Arbeiten haben können. Ich bemerke nebenbei, daß es eine ganze Anzahl Kräfte gibt, die diesem Fortschreiten des Kalkulierens auch entgegenwirken. Dazu gehört z.B. zuweilen die Kartellbildung. Wenn ich in einem Kartell sitze, warum soll ich da eigentlich noch die Kosten kalkulieren? wird sich ein erheblicher Teil der kartellierten Unternehmungen fragen. Es handelt sich also um ein Fortschreiten des Kalkulationsbedürfnisses auf der einen Seite und um ein Erschlaffen und Nachlassen, unter ganz bestimmten wirtschaftlichen Entwicklungstendenzen, auf der anderen Seite. Aber ungestraft unterläßt man die genaue Kalkulation auch im Kartell nicht. Wenn unsere Untersuchungen dazu beitragen, innerhalb des Unternehmertums den Horizont für die Möglichkeiten exakter Kalkulation zu verbreitern, dann halte ich das für einen angenehmen und nützlichen Nebenerfolg der Untersuchung.

Nun zu den wenigen sachlichen Bemerkungen, die ich in der gegebenen beschränkten Redezeit zu machen habe. Herr Dr. v. Bortkiewicz hat zunächst gesagt, man hätte absehen sollen von tabellarischer Wiedergabe von allem möglichen erfragten Material, das zum Teil seiner Natur nach, wie z.B. die Frage nach den künftigen Lebenszielen, zu einer tabellarischen Darstellung überhaupt nicht geeignet sei. Ich muß dazu sagen: hier befanden sich die Mitarbeiter in einer gewissen Zwangslage. Es war nun einmal ihre Pflicht, da sie nicht abschließende Resultate auf dem untersuchten Gebiete zu bieten hatten, sondern sich mit der bescheideneren Rolle zu begnügen hatten, Halbfabrikate, teilweise Rohmaterial zu liefern, möglichst alles wiederzugeben, was sie erfragt hatten. Wenn da nun in tabellarischer Form wiedergegeben steht: soviel Leute haben geantwortet: ich bin aus eigener Neigung in den Beruf gegangen, oder weil die Eltern es wollten, oder aus Not, so bin ich natürlich mit ihm ganz darüber einverstanden, daß das keine Feststellung ist, die einen Wert für die Frage hat: aus welchen Gründen sind die Leute wirklich in den Beruf hineingegangen? Möglicherweise bleiben die so erhaltenen Antworten ganz wertlos. Für möglich halte ich es aber, daß sie ein Interesse unter dem Gesichtspunkt gewinnen können: was antworten die Leute eigentlich auf eine solche – meinetwegen – dumme Frage? Man bekommt mitunter auf dumme Fragen ganz wertvolle Antworten. Herr v. Bortkiewicz hat weiter gesagt: für Schlüsse aus irgendwelchen Zahlen müsse die Bekanntschaft und die richtige Verwendung des Gesetzes der großen Zahl verlangt werden, und das sei von seiten der Bearbeiter nicht immer berücksichtigt worden. Ich gebe auch da zu, daß man vom streng statistischen Gesichtspunkt aus 3/4-4/5 oder noch mehr der Zahlen, die da abgedruckt sind, einfach wird streichen können. Es ist aber eben auch da zunächst die Pflicht der Bearbeiter gewesen, wiederzugeben, was an Zahlen da war, in der Hoffnung, daß künftig viele kleine Zahlen einige hinlänglich[426] große geben werden. Dem durften sie sich nicht entziehen. So schlecht steht es übrigens mit der Nichtberücksichtigung des Gesetzes der großen Zahl in den Untersuchungen wohl auch nach Ansicht des Herrn Kollegen v. Bortkiewicz nicht, daß nicht ein guter Teil der Zahlen, die da erzielt sind, für den betreffenden Betrieb zum mindesten tatsächlich schon der Wirkung dieses Gesetzes unterstünden. Z.B. ist es klar, daß die 260 Arbeitswochen, mit denen Fräulein Dr. Bernays operiert hat und aus denen sie die Wochenkurve der Arbeitsleistung herausgerechnet hat, an sich gegen die Hunderttausende von Arbeitswochen, die man theoretisch heranziehen könnte, eine ganz winzig kleine Zahl sind. Aber um zu prüfen – und das muß in jedem einzelnen Falle nachgeprüft werden –, in welchem Stadium das Gesetz der großen Zahl, die Eliminierung des »Zufalls« also beginnt; um das zu prüfen, dazu dient u.a. auch die Zerlegung dieser 260 Arbeitswochen in noch kleinere Gruppen. Ergeben diese noch kleineren Gruppen, daß bereits bei Zahlen von 50, 100 Arbeitswochen ein ähnlicher Verlauf der Kurve zu beobachten ist, oder lassen sich, wo dabei der Verlauf der Kurve ein evident abweichender ist, für diese Abweichung ebenso evidente Gründe glaubhaft machen – und so scheint es wenigstens, bestimmter möchte ich mich nicht ausdrücken –, dann ist es wahrscheinlich, daß selbst mit diesen 260 Arbeitswochen, die an sich sehr klein erscheinen, bereits mit einem Grade von Genauigkeit, der allerdings sehr fraglich ist, sich immerhin die ungefähre Tendenz widerspiegelt, die man, wenn man statt der 260 100000 Arbeitswochen hätte rechnen können (was über Menschenkraft geht), wahrscheinlich herausfinden würde. Dem wird Herr v. Bortkiewicz wohl im Prinzip zustimmen.

Anderseits ist richtig, daß man aus dem, was ein einzelner Betrieb ergibt, unter keinen Umständen generelle Schlüsse für ganz große, Deutschland umspannende Industrien ziehen darf. Wenn wir aber bei dem Beispiel der Wochenkurve bleiben und finden, daß bei den Untersuchungen, die ich seinerzeit angestellt hatte, die Wochenkurve ganz ähnlich verlief wie nach der Arbeit des Dr. Sorer in Wien und ebenfalls wieder ähnlich, wie bei Herrn Dr.-Ing. Bienkowsky, und daß, soweit Abweichungen vorhanden sind, sich vorläufig durchaus plausible Gründe angeben lassen, die diese Abweichungen, wiederum natürlich vorerst nur möglicherweise erklären, so wird man soviel zugeben müssen, daß es jedenfalls nachweislich lohnt, die Zahl der Einzelbetriebe – und nur an Einzelbetrieben, auf keine andere Weise als an den einzelnen Betrieben können die Dinge, die wir da untersuchen, errechnet werden –, daß es, sage ich, lohnt, auf diesem Wege weiterzugehen und die hypothetisch gefundenen Resultate stets neu zu verifizieren, aber zunächst einmal mit der Hypothese zu rechnen, daß sie in irgendeiner Weise, vielleicht einem gewissen Typus des Sichverhaltens der Arbeiterschaft und ihrer Arbeitsintensität während der Woche nahekommen. Das wird dann eben weiter zu prüfen sein. Es soll also nichts weiter sein, als ein heuristisches Mittel mit dem Zweck: wenn uns neue, ganz[427] andersartige Wochen kurven entgegentreten, zunächst einmal zu fragen: ist hier irgendein konkreter Grund vorhanden, der diese Abweichung erklärt, und nach solchen Gründen zu suchen. Auch dies wie jedes Verfahren birgt seine Gefahren. Aber für den Anfang sehe ich keine andere Möglichkeit. Wir werden dadurch gewiß vorläufig immer wieder in eine neue Reihe von Hypothesen verstrickt. Aber ich weiß nicht, wie wir auf diesem Gebiete weiter kommen sollen ohne solche Hypothesen, die sorgfältig als solche bezeichnet werden müssen. Und ich möchte darauf aufmerksam machen, daß, wenn gesagt worden ist – übrigens in einer sonst wohlwollenden Kritik einer der Arbeiten, von der ich hier spreche: es sei mit zu großer Bestimmtheit behauptet worden, bei ganz kleinen Zahlen: das ist so, dann möchte ich demgegenüber konstatieren, daß in den Arbeiten, auch der in Rede stehenden, immer wieder gesagt worden ist, weiteres als solche Hypothesen, die als heuristische Prinzipien dienen können, können wir in absehbarer Zeit überhaupt nicht zutage fördern.

Nun zu einigen anderen Punkten, wo m. E. ein gewisses Mißverständnis des Zweckes dieser Erhebungen auf seiten des Herrn Kollegen v. Bortkiewicz vorliegt. Er hat mit Recht gesagt: was kann die Feststellung, daß in den Familien soundso viel Kinder gestorben sind, in anderen soundso viel, angesichts der offiziellen Kindersterblichkeitsstatistik für die Frage der Kindersterblichkeit ausmachen? Was für die Frage der Zusammensetzung der Arbeiterschaft von Wien, daß in einer Fabrik ein halbes Dutzend Tschechen, Ungarn usw. darin sind? Was kann es ausmachen, wenn festgestellt wird, von der Arbeiterschaft eines Betriebs stammen soundso viel Prozent aus Orten von der und der Größe usw.? wo wir das ja alles mit Hilfe der allgemeinen offiziellen Statistik doch viel bequemer machen können, da wir durch diese feststellen können, wie es mit der Provenienz der gesamten Industriearbeiterschaft steht. Und endlich hat er gefragt, was es ausmache, wenn für ein paar Dutzend Leute festgestellt wird, soviel von den Großvätern waren Bauern, Handwerker usw.? Das können wir aus der allgemeinen Berufsstatistik viel besser feststellen. Das ist alles richtig. Aber der Zweck der Feststellung der Zahlen war auch in gar keiner Weise, irgendwelches Material zur Korrektur der Ergebnisse der allgemeinen Statistik zu liefern, sondern die Zahlen wurden zu dem Zweck erhoben: einmal um etwaige auffallende Sondereigentümlichkeiten der Arbeiterschaft dieses konkreten Betriebes sofort hervortreten zu lassen, dann aber, um weiter zu untersuchen: unterscheiden sich diejenigen Leute, deren Großväter Bauern waren, in der Leistungsfähigkeit, die wir mit Hilfe z.B. der Stuhluhren am Webstuhl errechnen, von den Leistungen der Leute, deren Väter oder Großväter selbst schon Textilarbeiter waren? Unterscheiden sich dies Tschechen in ihrer industriellen Leistungsfähigkeit, zunächst natürlich in dem betreffenden Betrieb – das muß an soundso vielen anderen Betrieben verifiziert werden –, von den Deutschen? und z.B. die Arbeit Dr. Sorers[428] hat ergeben, daß sie sich zu ihren Gunsten, in dem betreffenden Betriebe vielleicht aus ganz individuellen Gründen, von anderen Nationalitäten unterscheiden. Ebenso ist es mit dem Unterschied der Konfessionen. Wir werden doch keine Konfessionsstatistik auf diesem Wege bringen wollen. Ebenso endlich mit der Ortsgrößenprovenienz, die sehr bedeutende Unterschiede der Leistungsfähigkeit zu ergeben scheint. Alle diese Dinge haben wir ausschließlich zu dem Zweck erhoben, zunächst einmal zu wissen: so setzt sich die Fabrik zusammen nach der Provenienz, der Konfession, der Muttersprache, nach dem Berufsschicksal der Vorfahren und dem eigenen Berufsschicksal, um nun weiter zu fragen: wie, je nach der verschiedenen Konfession, Provenienz, Ortsgröße usw., Beruf der Vorfahren, unterscheiden sich die Leistungen unter sonst gleichen Verhältnissen? Dabei mögen im einzelnen – das will ich gern zugeben – wieder soundso viel Zahlenfehler passiert sein. Das ist möglich, das wäre zu untersuchen. Herr v. Bortkiewicz gehört meinem Eindruck nach zu den wenigen Leuten, die diese Untersuchungen wirklich so gelesen haben, wie sie gelesen werden sollen. Das ist keine Kleinigkeit. Er wird uns hoffentlich noch weiter durch seine Kritik fördern. Aber ich möchte ihn bitten, nur den Maßstab anzulegen, den wir ausgesprochenermaßen allein angelegt zu sehen wünschen. Ich möchte nun aber ausdrücklich hervorheben, daß er jedenfalls in zwei Punkten recht hat. Er hat erstens recht mit dem Wunsche, es möge der Vergleichbarkeit der einzelnen Arbeiten halber ein Schema aufgestellt werden. Er wird Nachsicht üben müssen, daß das nicht gleich geschehen ist; denn man mußte in der Tat erst einmal abwarten, bis eine Anzahl Arbeiten vorlag, um zu fragen, welches Schema sollen wir auch nur einer so einfachen Sache wie der Altersgliederung zugrunde legen? Ich würde heute z.B. Fräulein Dr. Bernays vorschlagen, eine andere, detailliertere Art der Altersgliederung vorzunehmen auf Grund der gemachten Erfahrungen, und so wird es auch sonst stehen. Ferner ist die Kritik richtig, die er an der Mobilitätsstatistik von Fräulein Dr. Bernays geübt hat. Hier ist in der Tat unterlassen worden – und das muß gebessert werden –, diejenige Methode, die allein ein exaktes Bild der Mobilität geben kann, anzuwenden, nämlich die Vergleiche der Ein- und Austritte mit dem durchschnittlichen Beschäftigungsmaß der Fabrik. Das ist ein Punkt, in dem ein positiver methodischer Fehler vorliegt.

Im übrigen möchte ich manches, was ich zu sagen hätte, mit Rücksicht auf die Zeit unterdrücken und nur noch gegenüber manchen Bemerkungen, die innerhalb und außerhalb dieses Saales gefallen sind, folgendes sagen: Es ist immer wieder gesagt worden, hier würde mit einer neuen Methode gearbeitet. Es ist sogar gesagt worden, ich hätte diese Methode erfunden. Das ist ein absoluter fundamentaler Irrtum. Davon ist keine Rede. Die gleiche Methode hat bereits Abbe in seinen Arbeiten angewandt. Es ist davon, daß da irgendetwas zu erfinden gewesen wäre, gar keine Rede, und ich möchte dringend davor warnen, daß wir damit groß tun und sagen: wir haben[429] ganz neue Methoden erfunden, nach dem Muster gewisser Reklamenationalökonomen, die seit Jahren mit ähnlichen, absolut unrichtigen Behauptungen hausieren gehen. Das ist nicht wahr. Die Sache ist ganz einfach. Wir sind gelegentlich dieser Enquete darauf geführt worden, einmal ein Material, das zufällig für die Zwecke der Enquete besonders nützlich war, daraufhin anzusehen, ob es mit Hilfe einer längst von anderen geübten Methode behandelt werden könnte, und wir stehen noch heute vor der Frage, inwieweit nun diese Behandlung endgültige, generalisierbare Aufschlüsse ergibt. Das, was diese Untersuchung beanspruchen darf, ist, bewiesen zu haben, daß Leute, die arbeitswillig sind auf geistigem Gebiete, mit Hilfe bekannter Methoden und ihrer Anwendung auf ein teilweise bisher nicht überall zugängliches Material wahrscheinlich sehr nützliche Ergebnisse erzielen können. Aber weiteres können wir für uns schon aus dem Grunde nicht beanspruchen, weil wir die lächerliche Anmaßung, mit der, im Gegensatz zum Verein für Sozialpolitik, gewisse angebliche Schöpfer von angeblich neuen Methoden der Nationalökonomie sich breit machen, als das zu brandmarken gesonnen sind, was sie ist: Geschäftsreklame und weiter nichts.[430]


Fußnoten

1 Alexander Tille, Generalsekretär der Saarindustrie und Vertreter der Arbeitgeberinteressen.


2 Bergarbeiterstreik in Rheinland und Westfalen.


3 Regierungsrat a. D. Völcker.


Quelle:
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitk. Hrsg. von Marianne Weber. Tübingen 21988.
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