II. Die naturwissenschaftlichen Probleme

der Erhebung

[16] Es muß gleich eingangs konstatiert werden, daß die bedeutenden Fortschritte, welche in der Analyse der hier in Betracht kommenden Vorgänge zweifellos gemacht worden sind, schon infolge der ungemeinen Schwierigkeit experimenteller Kontrolle, vorerst nur teilweise bereits zu Resultaten geführt haben, die, auch bei vollständiger Beherrschung des Materials, unmittelbar für die Zwecke dieser Erhebung verwertet werden könnten.

Dies gilt in erheblichem Maße selbst für das Gebiet der reinen Muskelübung. Es würde, soweit Wandlungen in der Technik vorwiegend körperlicher Arbeiten in Betracht kommen, sich empfehlen, die Hilfe eines physiologischen Fachmannes in Anspruch zu nehmen. An der Hand der Beobachtungen wäre dann zu prüfen, inwieweit die Entwicklung der Technik, wie sie sich unter dem Druck der privatwirtschaftlichen Kostenökonomie vollzieht, in ihrem Gange zugleich der Richtung der physiologischen Kräfteökonomie (Ersparnis an »Kraftverlust«, d.h. an nicht in Form von Arbeit verwerteter physikalischer Gesamtleistung der Muskulatur) folgt. Daß z.B. die »Uebung« von Arbeitsleistungen stets wesentlich auch eine »Automati sierung« von ursprünglich im Bewußtsein artikulierten Willensimpulsen ist, steht fest. Ebenso, daß dies eine physiologische Kraftersparnis auf muskulärem resp. nervösem Gebiet bedeutet. Festzustellen aber wäre, wie weit im einzelnen dieses Prinzip in der einzelnen Industrie reicht. Daß ferner die »Rhythmisierung« der Arbeit, teils als Mittel der Mechanisierung, teils direkt, ähnliche Dienste leistet, steht gleichfalls fest. Es könnte im einzelnen Falle wohl der Mühe wert sein, festzustellen, wie es mit der Rhythmisierung unter dem Einfluß der Maschinen steht. Wobei zu beachten wäre, daß nach den vorliegenden experimentellen Untersuchungen diese Wirkungen verschieden zu sein scheinen, je nachdem sie sich demjenigen Rhythmus, der dem individuellen psychophysischen Apparat der adäquateste ist, anschmiegen, oder aber ihm gegen sein Widerstreben von außen aufgezwungen werden. Wesentlich komplexere, nur durch Mithilfe von Physiologen in Angriff zu nehmende Probleme würden dagegen beispielsweise mit den Fragen berührt, inwieweit tatsächlich (wie dies behauptet worden ist) 1. die Ausschaltung von Muskelleistungen, und 2. die Arbeitsübung an den Maschinen mit 1. der[16] Ausschaltung der Inanspruchnahme der größeren zugunsten derjenigen der »kleinstmöglichen« Muskeln und 2. mit zunehmender Einschränkung der Mitbewegung nicht direkt beanspruchter Muskeln Hand in Hand gehen, endlich inwieweit 3. die Steigerung der Maschinengeschwindigkeit und damit der Arbeitsintensität mit der behaupteten, und, dem Prinzip nach wenigstens, wohl auch experimentell nachweisbaren Ausnutzung der »Summation von Reiznachwirkungen« derart parallel gegangen ist und noch geht, daß aus diesem Grunde im Effekt eine Kraftersparnis im physiologischen Sinne des Wortes resultierte. Manche der entscheidenden physiologischen Voraussetzungen sind hier unter den Fachmännern selbst ziemlich bestritten. Die Analyse der technischen Entwicklung wichtiger Industrien unter derartigen und verwandten Gesichtspunkten könnte gleichwohl wertvolle Ergebnisse zeitigen, aber nur, wenn sie unter Kontrolle von Fachleuten vorgenommen würde. Es wäre daher sehr zu begrüßen, wenn Physiologen oder physiologisch gründlich orientierte Aerzte sich an der Arbeit dieser Erhebung als Mitarbeiter beteiligen würden. Jedenfalls könnte es nur Sache des physiologischen Fachmannes sein, zu beurteilen, inwieweit man heute bei derartigen Untersuchungen nach dem Stande der physiologischen Kenntnisse bereits auf gesichertem Boden stehen würde, und auf welche konkreten Punkte dabei zu achten wäre. Stets müßte aber – gegenüber der für die naturwissenschaftlichen Einzeldisziplinen zuweilen fast unwiderstehlichen Versuchung, soziale Erscheinungen rein aus ihren Fachgesichtspunkten heraus ableiten zu wollen, also z.B. die Industrieentwicklung gänzlich als eine Funktion einzelner Gesetze der physiologischen Kräfteökonomie zu deuten1, – daran festgehalten werden, daß die Industrie als solche nicht »Kraftersparnis«, sondern »Kostenersparnis« erstrebt, und daß die Wege, auf denen sie diese erreichen kann, keineswegs immer mit der Entwicklung zum physiologisch Rationalen zusammenfallen, daß vielmehr aus den allerverschiedensten Gründen die Entwicklung zum ökonomischen Optimum der Kapitalverwertung von der Entwicklung zum physiologischen Optimum der Kraftverwertung divergieren kann.[17] In solchen Fällen aber, wo tatsächlich die technische Entwicklung eine konsequent und eindeutig fortschreitende charakteristische Umgestaltung der physiologischen Inanspruchnahme der Arbeiterschaft zeigt: – wie häufig das der Fall sein mag, steht keineswegs von vornherein fest –, wäre es die Aufgabe, zuerst zu fragen: in welcher Weise in diesen konkreten Fällen die einzelnen, den Rentabilitätsinteressen des Kapitals entspringenden ökonomischen Tendenzen (Lohnersparnis, wirtschaftliche Ausnutzung des Rohmaterials und der Maschinen, Steigerung der Umschlagsgeschwindigkeit, Standardisierung usw.) an dieser physiologischen Entwicklung beteiligt sind, und dann erst: welche Teile der Muskulatur oder des Nervensystems da durch in ihrer Inanspruchnahme bevorzugt, welche anderen zurückgesetzt werden, und welche Konsequenzen für den physiologischen Habitus dies hat, gehabt hat oder weiterhin haben kann. Der bloße Hinweis darauf, daß die Entwicklung der Technik bestimmten Postulaten der physiologischen Kräfteökonomie entsprochen habe, genügt in keinem Fall.

Noch weit wichtiger für diese Erhebung wäre naturgemäß die Feststellung, ob und welche elementaren psychischen Bedingungen und Folgen die Entwicklung der modernen Industriearbeit gehabt hat und noch hat, wenn dafür hinlänglich geklärte, anerkannte und zugleich exakte Erfahrungen der experimentalpsychologischen Disziplin verwendet werden könnten. Leider ist dies vorläufig nur in beschränktem Maße der Fall. Die mit dem Problem der Arbeit befaßten sehr umfassenden Untersuchungen jener Disziplin sind ursprünglich, soweit sie überhaupt von aktuellen Problemen beeinflußt wurden, vorwiegend an schulhygienischen Gesichtspunkten orientiert gewesen. Einerseits hat sich dabei ergeben, daß, im Gegensatz zu manchen anfänglich gehegten Hoffnungen, jedenfalls zur Zeit (nach der Ansicht mancher Forscher sogar vielleicht dauernd) es keinerlei Maßmethode gibt, welche zugleich exakt und dabei doch zu Massenuntersuchungen derart geeignet wäre, um einwandfreie Resultate über den Verlauf der Ermüdungs- und Uebungskurven, der individuellen Differenzen in dieser Hinsicht und deren Bedingtheit durch Temperaments- und Charakterqualitäten zu bieten. Weder das in Frankreich und Amerika besonders gepflegte System der sog. mental tests, noch die Versuche, mit Aesthesiometern und ähnlichen einfachen Instrumenten die psychischen Nachwirkungen der Arbeit zu messen,[18] gelten im Kreise der maßgebenden deutschen Fachmänner als hinlänglich sichere Mittel zur Feststellung individueller Differenzen. Es erfordern vielmehr derartige Untersuchungen stets andauernde, oft wochenlange Experimente mit dem Einzelindividuum unter sorgsam vorbereiteten und innegehaltenen Bedingungen. – Die psychischen bzw. psychophysischen Bedingungen der Fabrikarbeit speziell haben jene Untersuchungen bisher schon aus diesem Grunde naturgemäß nicht behandeln können. Sie befassen sich infolge ihrer vorwiegend schulhygienischen Orientierung, außerdem aber auch aus Motiven, die in den Prinzipien ihrer Methodik und in der Eigenart ihrer Instrumente liegen, in stark vorwiegendem Maße mit der Untersuchung von Gedächtnisleistungen und Assoziationsvorgängen. Daneben – und die Ergebnisse dieser Untersuchungen kämen naturgemäß am meisten in Betracht – mit dem Einfluß von Ermüdung und Uebung bei »geistiger« Arbeit. Der Begriff des »Geistigen« wird dabei ziemlich weit gefaßt, insofern er auch hochgradig typische, oft rein mechanische Leistungen des psychophysischen Apparates (Lernen sinnloser Silben u. dgl.) mitumfaßt. Bei der Untersuchung der Leistungsfähigkeit der großindustriellen Arbeiterschaft würde der Gegensatz: »körperliche« – »geistige« Arbeit jedenfalls dann gar keine oder nur eine sehr geringe Rolle spielen, wenn man unter geistiger Arbeit nur die »kombinatorische« Tätigkeit strengsten Wortsinns verstehen wollte. Zu einer solchen allerdings ist wenigstens der Maschinenarbeiterschaft nur ausnahmsweise und mehr zufällig, und dann meist nur im kleinen, Gelegenheit geboten. Dagegen fallen bei jeder weniger »anspruchsvollen« Fassung des Begriffs der »geistigen« Arbeit breite Regionen der industriellen Arbeitsleistungen mit unter diesen Begriff. Und vor allem: die Unterschiede in der Art der Leistungen, welche die Industrie von der Arbeiterschaft verlangt, sind, an dem Gegensatz: »geistig-körperlich« gemessen, sehr große, größere jedenfalls, als der Gegensatz der am meisten »geistig« arbeitenden Schicht der Arbeiterschaft zu den ihr übergelagerten sozialen Schichten. In Wahrheit ist eben der Begriff des Geistigen hier gänzlich unangebracht und nicht für eine Klassifikation verwendbar. Es handelt sich vielmehr um die Frage: in welchem Maße und in welcher Richtung eine Inanspruchnahme des nervösen Zentralapparates durch bestimmte Arten von Leistungen stattfindet oder nicht stattfindet, und[19] welche Art von Reaktionsweise desselben die Grundlage der betreffenden Leistung bildet. Man hat z.B. nicht ganz mit Unrecht gesagt, daß die Tätigkeit eines am Zylinderbohrer beschäftigten Arbeiters bei der Zurichtung des Materials für die Maschine derjenigen eines Chirurgen während der Operation »dem Wesen« nach: – das sollte heißen: den Funktionen des psychophysischen Apparats nach, die in Anspruch genommen werden, – gleichartig sei. Und beispielsweise die Qualifikation einer mit der Bedienung mechanischer Webstühle betrauten Arbeiterin hängt in letzter Linie keineswegs von vorwiegend »physischen« Qualitäten, sondern wesentlich davon ab, ob sie die »Geistesgegenwart« und den »Ueberblick« besitzt, um eine so große Mehrzahl von Webstühlen gleichzeitig zu beherrschen, daß dadurch die Verwendung dieser Art von Maschinen, und zugleich hiermit auch die Verwendung der betreffenden Arbeiterin selbst, für den Arbeitgeber rentabel wird. Eine wirklich nur »körperliche«, d.h. nur bestimmte Muskeln und den zugeordneten Innervationsapparat in Anspruch nehmende Arbeit gibt es streng genommen nicht. Aber allerdings: bei einem Arbeiter, der etwa mit dem Ausschachten von Erde beschäftigt ist, werden gewisse Muskeln und der ihnen zugeordnete Innervationsapparat weitaus vorzugsweise in Anspruch genommen, ermüdet und geübt, dagegen diejenigen Funktionen des psychophysischen Apparats, an welche wir bei »geistiger« Arbeit zuerst denken: Assoziationsgeschwindigkeit, Fähigkeit der Konzentration der Aufmerksamkeit usw., relativ wenig, – so wenig, daß die »Ermüdung« durch die Arbeit und ebenso die »Uebung« infolge der Arbeit sich auf sie weniger erstreckt. Wenn man also, angesichts der Flüssigkeit des Uebergangs zwischen den einzelnen Arten der Arbeit, generelle Unterschiede überhaupt machen will, so kann stets nur gefragt werden: Welche Leistungsfähigkeiten und Funktionen des psychophysischen Apparates des Arbeiters sind es, die bei einer bestimmten Arbeit Gegenstand vorzugsweiser Inanspruchnahme und damit einerseits der Ermüdung, andererseits der Uebung sind? Dies also wäre auch für eine Klassifikation der Arbeiter für die Zwecke dieser Erhebung der maßgebende Gesichtspunkt. Es scheint sicher, daß in manchen Industrien die technische Evolution sich in der Richtung zunehmender Inanspruchnahme nervöser Funktionen, namentlich der Aufmerksamkeitsspannung und ähnlicher Gehirnleistungen, bewegt,[20] von Leistungen also, welche sich von denen der im üblichen Sinn »geistig« arbeitenden Schichten wesentlich durch die Monotonie ihres Inhaltes und die Abwesenheit jener »Wertbeziehungen«, welche wir mit den Objekten »geistiger« Arbeit zu verknüpfen pflegen, unterscheidet. Wieweit dies der Fall ist, ob und welche Folgen es hygienisch, psychophysisch und »menschlich« hat, kann – bestritten, wie diese Fragen sind – nur die Erhebung selbst vielleicht lehren. Es wäre für diesen Zweck den Herrn Mitarbeitern, soweit sie nicht etwa selbst neurologisch gebildet sind, entschieden anzuraten, sich mit erfahrenen, und zwar namentlich mit neuropathologisch umfassend orientierten Aerzten in Verbindung zu setzen, um die unmittelbare nervöse Wirkung der Fabrikarbeit und – was als ätiologisches Moment, wenigstens nach manchen Ansichten, ebenfalls als wichtig gilt – der Begleitumstände der Arbeit (z.B. des Maschinenlärms): die Art des Kräfteverbrauchs also, welche dadurch bedingt wird, kennen zu lernen. Allerdings unter dem Vorbehalt, daß diese Erhebung, der es auf die Feststellung von Entwicklungstendenzen ankommt, dadurch nicht auf die Bahn rein praktisch sozialhygienischer Erörterungen geschoben werden darf. (Ueber diese Seite der Frage vgl. z.B. den Aufsatz von Dr. G. Heilig: Fabrikarbeit und Nervenleiden, in der »Wochenschrift für soziale Medizin« 1908, Nr. 31 ff. und die dort zitierten Arbeiten von Dr. W. Hellpach und anderen.) Eine systematische Erhebung über die Tendenz zu Arbeiterneurosen innerhalb der einzelnen Industrie- und Arbeiterkategorien bei den Kassenärzten wäre sehr erwägenswert. Ebenso wäre die Mitarbeit von erfahrenen Herrn aus diesen Kreisen bei der jetzt versuchten Erhebung besonders zu begrüßen.

Von den Einzelergebnissen, welche die experimentalpsychologische Arbeit über den Verlauf der Ermüdungs- und Uebungsvorgänge bisher zutage gefördert hat, könnten, so wichtig sie an sich sind, für die speziellen Zwecke dieser Erhebung die Bearbeiter aus den früher angegebenen Gründen vielleicht nicht allzuviel direkte Förderung erfahren. Von Nutzen könnte ihnen immerhin möglicherweise die Bekanntschaft mit einigen der einfachsten Begriffe sein, welche in neueren Untersuchungen dieser Art verwendet zu werden pflegen, so bestritten leider auch der Inhalt vieler von ihnen zur Zeit noch ist2. Begriffe aber wie der der »Ermüdbarkeit« (gemessen nach[21] Tempo und Maß des Fortschreitens der Ermüdung), »Erholbarkeit« (nach dem Tempo der Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit nach stattgehabter Ermüdung), »Uebungsfähigkeit« (nach dem Tempo der Leistungszunahme im Verlauf der Arbeit), »Uebungsfestigkeit« (nach dem Maß des »Uebungsrückstandes« nach Pausen und Unterbrechungen einer Arbeit), »Anregbarkeit« (nach dem Maß, in welchem der »psychomotorische« Einfluß des Arbeitens selbst die Leistung steigert), »Konzentrationsfähigkeit« und »Ablenkbarkeit« (je nach dem Fehlen oder Vorhandensein und, in letzterem Fall, dem Maß einer Herabsetzung der Leistung durch ungewohntes »Milieu« oder »Störungen«), »Gewöhnungsfähigkeit« (an ungewohntes Milieu, Störungen und – im Prinzip das Wichtigste – an Leistungskombination), – solche und ähnliche Begriffe sind ihrem Inhalt nach hinreichend eindeutig, stellen meßbare Größen dar, sind ihrer Brauchbarkeit nach erprobt und können dem Bearbeiter sehr wohl eine Uebersicht über gewisse einfache Komponenten der persönlichen Arbeitsqualifikation und gegebenenfalls eine handliche Terminologie bieten. Denn es kann mit ihnen sehr wohl auch da operiert werden, wo der Grad, in welchem die durch sie bezeichneten Komponenten die Arbeitsleistung beeinflussen, nicht rechnerisch feststeht. Und darüber hinaus wären die Erörterungen z.B. über die Beziehungen zwischen Ermüdung und Arbeitswechsel, über die subjektiven und objektiven Folgen der »Eingestelltheit« auf eine bestimmte Arbeit, über die Art, wie bei der Einübung komplizierter Arbeitsaufgaben und Kombinationen von Arbeitsleistungen die Anpassung ihrer einzelnen psychophysischen Elemente vor sich geht, über die Unterschiede sensorischer und motorischer Grundlagen des Reagierens in ihren Folgen für Quantität und Qualität der Leistungen und andererseits in ihrer Bedingtheit durch Differenzen der psychophysischen Grundlagen der »Persönlichkeit«, – diese und ähnliche Erörterungen innerhalb der Fachpsychologie, so wenig endgültig Feststehendes sie in manchen Punkten bisher geliefert haben, wären an sich sehr wohl geeignet, den Blick für eine Reihe allgemeiner Probleme zu schärfen, welche auch in die überaus komplexen Fragen der Bedingungen industrieller Leistungsfähigkeit und der Wirkungen der technischen Entwicklung,[22] speziell der »Arbeitszerlegung« und ähnlicher Vorgänge, hineinragen. Insbesondere würde es höchst wichtig sein, wenn für die Frage des Arbeitswechsels in seinen Wirkungen und Voraussetzungen irgendwelche exakten psychophysischen Unterlagen gefunden werden könnten. Dabei ist natürlich im Auge zu behalten, daß in der vorliegenden Erhebung auch dieses Problem durchaus vom Standpunkt der Rentabilität aus anzugreifen ist. Dieser Gesichtspunkt steht dem Arbeitswechsel meist entgegen, denn im großen und ganzen ist er selbstverständlich ein Vorgang, der die kontinuierliche Ausnutzung der Betriebsmittel ungünstig, oft in höchst einschneidendem Maße ungünstig, beeinflußt. Aber er begünstigt hin anderseits z.B. da, wo es nötig wird, bei weitgehender Spezialisierung dem einzelnen Teilarbeiter Gelegenheit zu geben, die Folgen seiner Fehler durch Beschäftigung in der folgenden Etappe des Arbeitsprozesses selbst kennenzulernen. Jedenfalls ist in allen Fällen, wo Arbeitswechsel sich findet, zunächst zu fragen: Welche Erfahrungen haben die Betriebsleiter in den einzelnen Industrien und bei den einzelnen Arbeitsleistungen mit einem etwaigen Arbeitswechsel innerhalb des Betriebes in seiner Rückwirkung auf die Leistung gemacht? Welche Unterschiede zeigen sich ferner in der Arbeitseignung, je nach der Art der Arbeit, welche der Arbeiter unmittelbar vor seinem Eintritt in die derzeitige Arbeitsstellung, oder früher, oder endlich in der Jugend getan hat?? Diese Unterschiede sind oft recht beträchtliche und auch rechnerisch (s. unten) feststellbare. Weiterhin aber kämen selbstverständlich ganz ebenso die Erfahrungen und die subjektive Attitüde der Arbeiter selbst in Betracht. Diese ist selbstverständlich in weitestem Umfang durch rationale Momente bestimmt: Verschiedenheit der Löhne, der Bequemlichkeit der Arbeit usw. Wo diese Momente ersichtlich den Ausschlag geben, handelt es sich natürlich nicht um Stellungnahme zu der Frage: ob, rein an sich, Gleichförmigkeit oder Wechsel der Arbeit vorgezogen wird, und ob und wie dies durch physiologische oder psychologische Einflüsse bedingt sein könnte. Auch die Attitüde der Arbeiter zum Arbeitswechsel, rein als solchem – das heißt: in Fällen, wo die verschiedenen Arten der Arbeit keine erheblichen Verschiedenheiten der Annehmlichkeit oder Einträglichkeit aufweisen –, ist aber natürlich weitgehend durch rationale ökonomische Ergänzungen determiniert. Ueberall da,[23] wo er, innerhalb eines Betriebes, die Leistung nachhaltig drückt, infolge der »Uebungsverluste« und der Notwendigkeit, sich neu einzuarbeiten, drückt er auch den Lohnverdienst (sofern der Lohn Akkordlohn ist). Bei Industrien mit vielseitiger Produktion (geringer Standardisierung) fällt in Zeiten der Depression, wo die einzelnen Aufträge an sich kleiner werden und die Vielseitigkeit der Produktion also (auf die Zeiteinheit berechnet) steigt, die Krise in Form häufigeren Wechsels der Beschäftigungsart auf die Verdienstchancen der Arbeiterschaft. Auch in solchen Fällen kann natürlich von einer physiologischen psychophysischen Bedingtheit ihrer Stellungnahme zu diesen Vorgängen nicht die Rede sein. Ebenso nicht, wenn beobachtet wird, daß ältere verheiratete Arbeiter die Gleichförmigkeit des Verdienstes bei kontinuierlicher, wenn auch monotoner, Arbeit, jüngere und ledige dagegen – im Interesse der Erweiterung ihrer Gelerntheit und damit der Verwertbarkeit ihrer Arbeitskraft, – den Wechsel bevorzugen. Allein neben diesen und vielen ähnlichen, in ihrer Tragweite eingehend zu studierenden, Fällen, wo ökonomische Zweckerwägungen das Verhalten der Arbeiter determinieren, gibt es zahlreiche andere, wo ihr Verhalten durch solche nicht eindeutig bestimmt zu sein, zuweilen diesen Motiven sogar zuwiderzulaufen scheint. Es scheint plausibel und ist auch gelegentlich beobachtet worden, daß der Arbeitswechsel rein als solcher, also: in solchen Fällen, wo ökonomische Chancen und Annehmlichkeit bzw. Unannehmlichkeit der Arbeit nicht das entscheidende Wort sprechen, ihnen als erwünscht gilt. Ebenso sicher aber sind andere Fälle beglaubigt, in welchen er von ihnen nicht, und zwar auch dann nicht gewünscht wurde, wenn ihnen die volle Garantie dafür gegeben war, daß er ihnen keinerlei ökonomischen Nachteil bringen könne; daß hierbei nicht ausschließlich zufällige Umstände oder allgemeine innere Gebundenheit an die Tradition im Spiele war, scheint dadurch wahrscheinlich gemacht, daß zuweilen jenes Widerstreben sich selbst bei solchen Arbeitern fand, die einen Wechsel des Betriebes und Ortes ihrer Beschäftigung mit Leichtigkeit, ja selbst mit Vorliebe vollzogen, sofern sie nur auswärts in eine gleichartige Arbeitsstellung einrücken konnten. Ob hier der Begriff der in ihrer Bedeutung für die Arbeitskurve anscheinend auch experimentalpsychologisch meßbaren »Gewöhnung« und »Eingestelltheit« auf die konkrete[24] Arbeitsleistung für eine Erklärung brauchbar wäre, ist nicht a priori zu entscheiden.

Möglich erscheint in solchen und vielen ähnlichen Fällen stets, daß überhaupt rein psychophysische Ueberlegungen eine eindeutige Antwort nicht gestatten würden, da die mitspielenden Motive vielfach zu komplex sind. Diese Situation wird sich häufig wiederholen. Im ganzen wird sich der Bearbeiter fast überall da, wo er Veranlassung hat, Unterschiede in den allgemeinen »seelischen« Qualitäten der Arbeiter je nach ihrer Beschäftigungsart und Provenienz zu schildern, also Unterschiede ihres »Charakters«, »Temperaments«, ihres »intellektuellen« und »sittlichen« Habitus: – Dinge, welche auf die Qualifikation zu den einzelnen Arten der Industriearbeit ganz ohne Zweifel oft von bedeutendem, zuweilen von entscheidendem Einfluß sind –, bei dem heutigen Stand der psychologischen Arbeit noch ziemlich häufig auf sich selbst angewiesen sehen. Zwar werden die alten »vier Temperamente« heute meist durch die vier möglichen Kombinationen von 1. Intensität und 2. Dauer der jeweiligen »Gefühlslage« ersetzt. Der qualitative Inhalt jedoch, der in den alten Begriffen steckte, geht dabei verloren. Diesen letzteren durch eine andere Klassifikation der »Temperamente« zu ersetzen, und vollends jene zahlreichen, vom Standpunkt der Psychologie aus höchst komplexen qualitativen Differenzen des Habitus, die wir als »Charakter« bezeichnen, klassifikatorisch zu erfassen, ist den »differentialpsychologischen«, »charakterologischen«, »ethologischen«, »speziellpsychologischen« Arbeiten (oder wie sonst diese Untersuchungen sich zu nennen pflegen) bisher nicht geglückt, – aus leicht verständlichen allgemeinen methodischen Schwierigkeiten heraus, die in der Aufgabe selbst liegen. Eine allgemein anerkannte Klassifikation für derartige Unterschiede gibt es heute nicht, insbesondere keine, die ohne weiteres geeignet wäre, für die Zwecke der gegenwärtigen Erhebung als Grundlage zu dienen. Die psychologischen Unterscheidungen vollends, mit welchen heute die Psychiatrie arbeitet, sind aus Gründen, welche der besonderen Natur dieser Wissenschaft entstammen, teils zu einfache, teils umgekehrt zu spezifische. Dem Bearbeiter kann daher nur angeraten werden, die Aeußerungsform der »Charakterunterschiede«, soweit solche wirklich unzweideutig vorliegen: die im äußeren Verhalten zu beobachtenden Differenzen der Reaktionsweise der Individuen also, woran er jene Unterschiede zu erkennen glaubt,[25] möglichst konkret und genau zu beobachten und so einfach und gemeinverständlich wie möglich in der Alltagssprache zu beschreiben.

Ueberhaupt aber dürfte im Interesse des Zwecks dieser Erhebung den Herren Mitarbeitern von vornherein eins dringend anzuraten sein, nämlich: Falls sie auf dem Wege der Lektüre oder der Anregung durch einen fachmännisch geschulten Physiologen, Psychologen, Biologen, Anthropologen sich mit den allgemeinen und prinzipiellen Erörterungen jener Disziplinen vertraut zu machen Gelegenheit hatten, sich gerade dann 1. nicht an diese Probleme, so interessant sie jedermann erscheinen müssen, zu »verlieren«, und vollends 2. sich unter keinen Umständen irgendeiner der miteinander kämpfenden allgemeinen Theorien psychologischer, biologischer, anthropologischer Art zu »verschreiben«. Nicht als ob nicht jene allgemeinsten naturwissenschaftlichen Probleme schließlich auch die Fragestellungen, mit welchen es diese Erhebung zu tun hat, berühren könnten. Oder als ob nicht die Tatsachen, welche diese unsere Fragestellungen (günstigenfalls) zutage fördern werden, möglicherweise auch für jene allgemeinen Theorien Interesse gewinnen könnten. Beides ist möglich. Allein für die Unbefangenheit der Ermittlung der Tatsachen, welche die Grundvoraussetzung des Gelingens dieser Erhebung und vor allem auch ihr wesentlicher Zweck ist, könnte offenbar gar nichts Schlimmeres eintreten, als wenn jene Tatsachenfeststellungen von Anfang an unter dem Gesichtspunkt der Erhärtung der Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer jener allgemeinen naturwissenschaftlichen Hypothesen vorgenommen würden. Führt es gelegentlich schon zu Irrgängen, wenn naturwissenschaftliche Fachmänner ohne genaue Kenntnis ökonomischer Probleme solche Versuche unternehmen, so würden, wenn das gleiche von Nichtfachmännern geschähe, durch den alsdann unvermeidlichen Dilettantismus die Interessen der Naturwissenschaften schwerlich gefördert, die Zwecke dieser Erhebung aber, namentlich durch den stets so nahe liegenden Versuch der Konstruktion aus einem einzelnen hypothetischen Gesichtspunkt heraus, schwer geschädigt. Denn auch bei großer Gewissenhaftigkeit läge die Gefahr immer vor, daß Tatsachen, die sich jener hypothetischen Deutung nicht fügen wollen, ignoriert oder jedenfalls nicht mit dem erwünschten Interesse und in der erwünschten Vollständigkeit festgestellt und wiedergegeben werden. Es kann daher nicht entschieden genug geraten werden, 1., soweit eine Unterstützung[26] durch naturwissenschaftliche Kenntnisse erwünscht ist, stets fachmännische Mitarbeiter heranzuziehen, 2. Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Facharbeit dann zu verwenden, wenn es sich um anerkannte, auf Grund von Beobachtungen feststehende Tatsachenzusammenhänge handelt, die für die Zwecke dieser Erhebung von Wichtigkeit sind, dagegen 3. allgemeine naturwissenschaftliche Theorien und Terminologien unbedingt nur so weit zu verwerten, als dies ausnahmsweise dem Zweck dieser Erhebung wirklich unmittelbar greifbaren Vorteil bringt und als ihnen die allgemeine Anerkennung der Fachleute zur Seite steht.

Diese Sätze gelten insbesondere auch da, wo die Fragestellung, wenn sie – wie dies kaum vermeidbar sein wird – den Begriff der »natürlichen Anlagen« verwendet, in den Bereich der biologischen Vererbungsfragen gelangt. Sie kann, wenn überhaupt auf Gründe von Differenzen der Arbeitseignung näher eingegangen wird, diese Berührung schwerlich vermeiden. Und sie soll sie auch insofern nicht vermeiden, als man sich offenbar die Frage, inwieweit die Möglichkeit vorliegt, vorhandene Differenzen dieser Art auf erblich überkommene Stammesverschiedenheiten zurückzuführen, notwendig in irgendeinem Stadium der Untersuchung stellen muß. Die Frage ist nur, inwieweit mit den Mitteln dieser Erhebung die Untersuchung auf die Lösung dieser Probleme abgestellt werden kann. Die Möglichkeit und selbst Wahrscheinlichkeit einer Bedeutung von »Rassenunterschieden« für die industrielle Arbeitseignung, wie sie vorläufig am deutlichsten in den bekannten Erfahrungen mit der textilindustriellen Verwendung der Neger in Nordamerika zutage getreten ist, wie sie aber z.B. auch in Spanien, Belgien sich zu zeigen scheint, dürfte an sich, in der Theorie, von niemandem bezweifelt werden können. Daß man mit den einzelnen deutschen »Stämmen« in bezug auf ihre Brauchbarkeit verschiedene Erfahrungen macht, werden sehr viele Betriebsleiter behaupten. Bayrische und nordwestdeutsche Eisenarbeiter, schlesische und westfälische Weber, belgisch-rheinische und niederdeutsche Feinblechwalzer genießen eines sehr verschiedenen Rufes, und die Liste wird unter den Händen der Bearbeiter, wenn sie überhaupt ihr Augenmerk darauf richten, gewaltig anschwellen. Daß die für die Arbeitseignung wichtigen erblichen Unterschiede vor allem auch auf dem Gebiet der nervösen und[27] psychischen Konstitution, in der, nach Tempo, Stetigkeit und Sicherheit verschiedenen Art des Reagierens und in den hierdurch mitbedingten »Temperamentsdifferenzen« zu suchen seien, welche ihrerseits die, für den Großbetrieb erforderliche, »Disziplinierbarkeit« beeinflussen, dürfte im Prinzip ebenfalls nicht bestritten werden. Die Aufgabe wäre nun, das Chaos unkontrollierbarer Behauptungen, welches dem Bearbeiter über diese Dinge zweifellos entgegentreten wird, zunächst, kritisch gesichtet, zu reproduzieren, dann aber, soweit irgend möglich, daraufhin zu untersuchen, inwieweit im einzelnen Falle im biologischen Sinn »ererbte« Differenzen als bestehend behauptet werden – und nicht etwa nur: Differenzen der Tradition, wie dies in sicherlich sehr vielen, wenn nicht den meisten, Fällen geschieht: der konventionelle, ganz unklare, Begriff des »Volkscharakters« als der »Quelle« bestimmter Qualitäten der Arbeiterschaft schiebt ja diese beiden himmelweit verschiedenen Dinge unentwirrbar ineinander. Nun gibt es notorisch kaum eine Fragestellung, die in fast jedem Einzelfall ähnlich schwer eindeutig und erschöpfend zu beantworten wäre, – ja, es ist ein Standpunkt möglich, von dem aus sie in letzter Linie überhaupt nie einer eindeutigen Beantwortung fähig er scheint, und jedenfalls tobt über die Interpretation auch relativ sicherer Tatsachen der Streit der entgegengesetzten biologischen »Theorien«. Eben deshalb wird bei diesem Punkt, neben den oben bereits erwähnten, jedenfalls auch noch der Fehler vermieden werden müssen: zu glauben, daß aus dem hier erhobenen Material, welches günstigenfalls einige wenige Generationen umfassen kann, irgendwelche Schlüsse zur Begründung der einen oder der anderen jener Theorien, also etwa: des Darwinismus in seiner orthodoxen oder in der Weismannschen Fassung, des »Neo-Lamarckismus«, der Hering-Semonschen Theorie usw., gewonnen werden könne, und daß es also die Aufgabe oder auch nur erwünscht sei, bei der Verarbeitung des Materials dasselbe in dieser Richtung zu verwerten. Das ist selbstverständlich nicht der Fall. Gesetzt beispielsweise, es bestätigte sich die gelegentlich gemachte Beobachtung: daß die Bevölkerung von Gebieten, welche lange Perioden hindurch Zentren industrieller (z.B. hausindustrieller) Arbeit gewesen sind, ganz allgemein nicht nur industrieller Arbeit besonders stark zuneigt, sondern auch – was davon sorgsam zu unterscheiden ist – für industrielle Arbeit, und zwar auch für solche[28] von anderer als der traditionell überkommenen Art, besser qualifiziert, d.h. also darin »übungsfähiger« ist als andere Bevölkerungen. Dann könnte diese Tatsache, falls alle Versuche, sie aus Einflüssen der Tradition, Erziehung, Nachahmung usw. herzuleiten, fehlschlügen und also »Vererbung« jener Qualifikation wahrscheinlich wäre, nunmehr in der verschiedensten Art, z.B. sowohl als Folge ursprünglicher, durch »Auslese« gezüchteter Keimanlagen, wie als Ergebnis kontinuierlicher »Uebung«, deren Folgen für die Entwicklung des physischen Apparats vererbt worden seien, wie als Folge »mnemischer Engramme«, und vielleicht noch auf mancherlei andere Art gedeutet werden, – in welcher Art am leichtesten, könnten jedoch nur die biologischen Fachleute entscheiden, und diesen würde dasjenige Material, welches unsre Erhebung eventuell zu bieten vermöchte, für eine solche Entscheidung ohne allen Zweifel gänzlich unzulänglich erscheinen. Eine »voraussetzungslos« an den Sachverhalt herantretende Betrachtung würde sich wohl vor Augen halten, daß man 1. jede menschliche Lebensäußerung als eine bestimmte, durch gegenwärtige Lebensumstände determinierte Art und Weise des »Funktionierens« ererbter »Dispositionen«, welche ihrerseits durch vergangene Lebensumstände in bestimmter Art »entwickelt« worden sind, auffassen kann, 2. daß aber die Frage: ob generell die ererbten Anlagen oder die erworbenen Qualitäten das ursächlich »Entscheidende« oder vorwiegend »Wichtige« seien, schon im Prinzip falsch gestellt und also müßig ist. Falsch gestellt des halb, weil die Frage, ob etwas, als ursächliches Moment, »wichtig« sei oder nicht, davon abhängt, wofür es denn »wichtig« oder »unwichtig« sein soll, das heißt unter welchem ganz speziellen Gesichtspunkt es im Einzelfall auf seine Bedeutsamkeit hin angesehen wird. Für die Fragestellungen dieser Erhebung würde es sich – falls es überhaupt gelingen sollte, an irgendeinem Punkt bis zu solchen Problemen vorzudringen – niemals um die »Lösung« jener generellen Frage, sondern immer lediglich und allein darum handeln, ob diejenigen speziellen Qualitäten, welche für bestimmte konkrete Einzelleistungen von spezifischer Eigenart die Verwendung derjenigen Arbeiter, die sie besitzen, rentabel macht, in den betreffenden Einzelfällen vorwiegend auf dem Einfluß von Lebensschicksalen (im weitesten Sinne des Wortes) der betreffenden Arbeiter beruhen können oder nicht.[29] Dabei wäre aber von Anfang an mit der Möglichkeit zu rechnen, daß diese Frage vielleicht für jede einzelne Kategorie von Arbeitern jeder einzelnen Industrie verschieden zu beantworten wäre; ferner natürlich auch mit der unbezweifelbaren Tatsache, daß durch Lebensschicksale (»Milieu«) in erheblichem Maße sowohl die Wirkungen von Anlageverschiedenheiten ausgeglichen als Anlageähnlichkeiten differentiell entwickelt werden können und umgekehrt. Und dabei bedürfte nun offenbar der gänzlich unpräzise und das al lerheterogenste vereinigende Begriff des »Milieus« in jedem einzelnen Fall einer Zerlegung in die verschiedenen Gattungen von Lebensbedingungen, die unter ihm zusammengefaßt werden. Das Maß der Entwicklung oder Verkümmerung vorhandener ererbter »Anlagen«, welche ihrer Art nach für die Eignung zur modernen Industriearbeit wichtig werden können, hängt insbesondere zweifellos stark von Jugendeinflüssen ab. Sowohl allgemeine Erwägungen als die, allerdings sehr wenigen und unsicheren, experimentellen Beobachtungen, welche z.B. über den Zusammenhang der qualitativen Exaktheit motorischer Leistungen mit dem Standard der intellektuellen Entwicklung, oder über den Zusammenhang der Ermüdbarkeit und assoziativen Leistungsfähigkeit mit der sozialen Provenienz bisher vorliegen, machen dies wahrscheinlich. Solche Jugendeinflüsse werden unter anderem durch die Art der Ernährung und Erziehung, den Grad des Anreizes und der Gelegenheit zu intellektueller Betätigung, den Reichtum des Anschauungsstoffes, den das Milieu der Jugendjahre bietet, ausgeübt. Die, meist durch die Klassenlage der Eltern gegebene Enge oder Weite der materiellen Verhältnisse und des »geistigen Horizonts« des Elternhauses, Schulbildung und Militärdienst, die Volkszahl und der ökonomische und kulturelle Charakter der Heimatsgemeinde bzw. der Gemeinde, in der die Jugend verlebt wurde, und sodann die jugendlichen Berufsschicksale üben aller Wahrscheinlichkeit nach einen so nachhaltigen Einfluß auf die Richtung, welche die Entwicklung nimmt, auf die Entfaltung oder Hemmung einzelner Fähigkeiten, daß – wie dies z.B. für zeichnerische Begabung experimentell wahrscheinlich gemacht worden ist – nur sehr erheblich übernormale Begabung für bestimmte Leistungen die Fähigkeit zu besitzen scheint, sich gegenüber jenen, durch die soziale und kulturelle Schichtung gegebenen Bedingungen, unter welchen die Lebenszeit mit der[30] stärksten Plastizität stand, überhaupt in erkennbarem Grade durchzusetzen. Auch von denjenigen allgemeinen »Dispositionen« des »psychophysischen Apparats« also, welche für die Arbeitseignung wichtig werden können, ist ein Teil zweifellos, durch fördernde »Schulung« einerseits, durch hemmende oder direkt schädigende Lebensgewohnheiten einer Bevölkerung andererseits (sowohl intra- wie extrauterin) erwerbbar. Die Unterschiede ländlicher und städtischer Herkunft – unter »Stadt« wären dabei Orte beliebiger Kleinheit, welche das den Städten eigentümliche geschäftliche Leben mit allen seinen Konsequenzen aufweisen, zu verstehen – macht sich bei genauer Durchsicht der Lohnkostenkalkulationen industrieller Betriebe (s. unten) zuweilen äußerst deutlich bemerkbar.

Schon diese Erwägungen würden es methodisch ratsam erscheinen lassen, bei der Analyse von Differenzen der Arbeitseignung auf ihre Gründe hin nicht von Erblichkeitshypothesen auszugehen, sondern, mit dem steten Bewußtsein, daß bei solchen Unterschieden das »Erbgut« überall mitsprechen kann, doch die Prüfung der Einflüsse der sozialen und kulturellen Provenienz, der Erziehung und Tradition stets zuerst zu untersuchen und mit diesem Erklärungsprinzip so weit vorzudringen, wie dies irgend möglich ist. In dem früher gebrauchten Beispiele von der (anscheinenden) spezifischen Qualifikation alter Industriebevölkerungen für industrielle Arbeit (NB. gemeint ist dabei stets: auch anderer als der durch Tradition überkommenen Art!) könnte sich z.B. etwa herausstellen, daß verschiedene alte Industriebevölkerungen in dieser Hinsicht sich verschieden verhalten, die eine sich geneigt zeigt, relativ leicht zu anderen Arten von industrieller Arbeit überzugehen, eine andere dagegen nicht (etwa: Schlesien gegenüber den mitteldeutschen Hausindustriebevölkerungen). In diesem Falle liegt an sich der Verdacht, daß es sich hier um ererbte Differenzen handle, natürlich ziemlich nahe. Gleichwohl würde man auch in derartigen Fällen zunächst auf das genaueste die möglichen Einflüsse der Tradition und der sozialen und kulturellen »Umwelt« zu untersuchen und zu berücksichtigen haben, daß möglicherweise nicht sowohl die Eignung als die Neigung für den Uebergang zu einem Berufe fehlt. Bei möglichst »exaktem« Verfahren wäre zu fragen: inwieweit die Art der früheren industriellen Beschäftigung der miteinander verglichenen[31] Bevölkerungen zu den als Ersatz (aus ökonomischen Gründen) überhaupt in Betracht kommenden industriellen Arbeitsgelegenheiten physiologische und psychologische Verwandtschaft zeigt, oder inwieweit umgekehrt die von der älteren Beschäftigung »eingeübten« Qualitäten und die »Eingestelltheit« auf die frühere Art der Beschäftigung gegenüber der Anpassung an andersartige Anforderungen »hemmend« wirken kann. Allein: soweit würde die Analyse zunächst kaum fortschreiten können, vielleicht auch keinen Anlaß dazu haben. Denn ehe man an diese schwierigen Probleme heranträte, müßte vorher untersucht sein: inwieweit die allgemeine soziale Schichtung und ökonomische Struktur, die Dichtigkeit städtischer Zentren, die Einseitigkeit oder Vielseitigkeit der Produktionsrichtungen im allgemeinen, die historisch überkommenen Lebensgewohnheiten und die in der Art der Erziehung liegenden Bedingungen derjenigen Regionen, in welchen sich diese Umgestaltungsprozesse vollziehen, das Haften an der Tradition oder umgekehrt die innere Anpassungsfähigkeit an Neuerungen begünstigen, und endlich – was ebenfalls vorkommen kann: – inwieweit ein Zustand besteht, bei dem die abwandernde alte durch stetigen Zufluß neuer, aus anderem Kulturniveau stammender Arbeiterbevölkerungen ersetzt und so das »Haften an der Tradition« im einen Falle, der Wechsel der Beschäftigung im anderen nur scheinbar Lebensäußerungen der gleichen Bevölkerungsmassen darstellen. Erst nach Erwägung derartiger Einflüsse und ihrer möglichen Tragweite würde man, falls sie zur Erklärung nicht ausreichen, auf jene Fragen der psychophysischen »Eingestelltheit«, und zuletzt eventuell auf den Einfluß erblicher Qualitäten kommen.

Dies Verfahren scheint um so geratener, als, wenigstens für das Gebiet psychischer Leistungen, es anscheinend keineswegs ganz einfach zu formulieren ist, was eigentlich – auf dem für die psychophysische Arbeitseignung relevanten Gebiet – nach den vorliegenden Erfahrungen der Biologie und Psychiatrie durchweg oder wenigstens regelmäßig Gegenstand der erblichen Uebertragung ist. Wen man z.B. etwa sagen wollte: daß nicht psychische »Inhalte«, sondern nur »formale« Qualitäten des Ablaufs psychischer Vorgänge, oder: daß nicht »Tätigkeitsrichtungen« des Seelenlebens, sondern nur allgemeine »Fähigkeiten«, oder: daß nicht »aktuelle« Qualitäten des persönlichen Verhaltens, sondern nur mehr oder minder bestimmte »Dispositionen« zu einem[32] solchen, oder: daß nur der psychophysische »Apparat«, nicht aber die »Funktion«, die er im Leben entwickelt, vererbt werde, – so sind alle solche und ähnliche Gegensätze ihrer Natur nach in ziemlich weiten Grenzen flüssig. Sie können jedenfalls nur als eine energische Warnung davor dienen, komplexe psychische Eigenschaften und »Charakterqualitäten« einer Bevölkerung allzu unbesehen der »Erblichkeit« auf das Konto zu setzen. Heute fehlen vorerst noch alle wissenschaftlichen Hilfsmittel, um die Erblichkeit irgendwelcher für die Industrie entscheidender Qualitäten exakt festzustellen. Anthropologische Messungen und Untersuchungen breiter Volksschichten unter Zugrundelegung der Klassifikation nach »Berufen« oder vielmehr – da ja (was eventuell wohl zu beachten wäre!) nur dies wirklich entscheidet – nach der technischen Leistung, wie sie sich in der Art der Stellung im Arbeitsprozeß ausdrückt, vorzunehmen, ist nicht versucht, auch schwerlich in großem Umfang, am allerwenigsten aber für private Erhebungen, durchführbar. Nur militärische Instanzen könnten hier Erhebungen durchführen, und nur an Rekruten, also an Arbeitern, deren »Berufskarriere« eben erst beginnt. Für experimentalpsychologische Massenerhebungen gilt, abgesehen davon, daß ihre Maßmethoden, wie oben betont, jedenfalls zur Zeit nicht dafür entwickelt sind, das gleiche. Soweit also Urteile über die Arbeitseignung breiterer Massen und ihre Gründe in Frage stehen, könnte man heute nur da, wo physiologische Differenzen der einzelnen Arbeiterkategorien durchaus augenfällig sind, oder wo ethnische Verschiedenheiten zugleich mit deutlicher, seit Generationen zu beobachtender Differenzierung in der Beschäftigungsart und mit offensichtlichen, seit Generationen wiederkehrenden, nicht aus der Kultureigenart der Heimat erklärlichen Unterschieden des »Temperaments« und »Charakters« Hand in Hand gehen, in die Lage kommen, direkt eine Bedingtheit durch Erblichkeit (im biologischen Sinn des Wortes) mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu behaupten. Wo ferner eine Arbeiterschaft analysiert wird, welche in der Hauptsache nicht aus einigen wenigen, ethnisch und kulturell klar geschiedenen, Gebieten sich rekrutiert, sondern sehr stark gemischt ist, da wird man der Art und dem Maße der Heimateinflüsse für alle diese verschiedenen Provenienzen häufig genug gar nicht nachzugehen imstande sein. Aber auch wo die Bedingungen besonders günstig liegen, wird man bei der gegenwärtigen[33] Erhebung der Bearbeiter vermutlich gut tun, in allen Fällen, wo die Zurückführung auffallender und sich immer wieder aufdrängender Unterschiede der Arbeitseignung weder auf ökonomisch und traditionelle Bedingungen der Provenienz noch auf ganz augenscheinlich erbliche physische Qualitäten mit Sicherheit möglich ist – und das wird leider wohl die Mehrzahl aller sein –, lediglich die Tatsache der Existenz jener Unterschiede eingehend darzulegen und zu erweisen, ihre kausale Deutung aber aus Erblichkeit, Tradition oder anderen Umständen dahingestellt sein zu lassen.

Dies um so mehr, als noch ein Umstand äußerst erschwerend für die eindeutige Zurückführung von Unterschieden der Arbeitseignung auf Unterschiede letzter, einfacher, auf »Anlagen« beruhender Qualitäten ins Gewicht fällt, wo immer diese nicht rein physischer, sondern auch psychischer Art sind. Jeder Blick in die Arbeiten der Experimentalpsychologie zeigt, wie außerordentlich komplex die Komponenten einer im Laboratorium beobachteten Arbeitskurve und wie schwer oft die Deutung ihres Verlaufs und vollends die Rückführung von Unterschieden auf (vorläufig) »letzte« Differenzen der Eigenart der Versuchspersonen sind. Und dies bei Versuchen, welche unter strengster Kontrolle, und vor allem unter der gewissenhaftesten Mitwirkung der untersuchten (und zum Zweck der Untersuchung stets einem bestimmten Training und einer kontrollierten Lebensführung unterworfenen) Personen selbst vorgenommen werden. Alle feineren Nuancen der Veranlagung zu bestimmten Leistungen aber, welche sich dabei – mit sehr verschieden großer Sicherheit – als letztlich entscheidend herausfinden lassen, werden nun in der Praxis der Fabrikarbeit fast immer durch die ungleich grobschlächtiger wirkenden Bedingungen, unter denen die Höhe und der Verlauf der Arbeitskurven dort steht, verdeckt werden. Die Wirkung der Ernährungsgewohnheiten (welche zum Teil mit der haushälterischen Qualifikation der Arbeiterfrauen zusammenhängt), der Alkoholkonsum, die wohnungshygienischen Verhältnisse, unter Umständen die Einflüsse der Art des Sexuallebens, vor allem aber – wovon schon oben die Rede war und noch näher zu sprechen sein wird – der Grad des ökonomischen Interesses, welches den Arbeiter an die Höhe seines Lohnverdienstes und damit an das Maß seiner Leistung bindet: – diese Dinge beeinflussen die Entfaltung der Leistungsfähigkeit[34] einer Arbeiterschaft in so überragendem Maße, daß da, wo zwischen diesen gröberen Determinanten der Arbeitsleistung erhebliche Unterschiede bestehen, häufig jede Chance der Erkennung jener weit feiner und indirekter sich äußernden Unterschiede der psychischen »Anlagen« fehlen wird. Unterschiede in dem Maße der spezifischen »Disposition«, eventuell also der erblichen Veranlagung, zu einer Arbeitsleistung treten ja naturgemäß überhaupt nur bei gleichem Maß der Intensität der Willensanspannung wirklich sicher erkennbar zutage. Da nun ein Mittel zur objektiv sicheren Messung dieses rein subjektiven Momentes naturgemäß nicht besteht, so geht die Experimentalpsychologie in vielen Fällen von dem Grundsatz aus, daß nur dann, wenn mehrere Personen die gleiche Arbeitsleistung unter der Bedingung vollziehen, das absolute Maximum dessen, was sie leisten können, auch wirklich zu leisten, das Experiment über die Verhältnisse der größeren und geringeren Disposition (eventuell also auch: der erblichen Veranlagung) für diese Leistung wirklich einen leidlich sicheren Aufschluß geben könne. Derartige Bedingungen sind im Laboratorium, wo die Versuchspersonen ideelles Selbstinteresse am Erfolg des Versuches haben und dieser selbst nur ganz kurze Zeit dauert, leicht herzustellen. Dagegen bei der kontinuierlichen lebenslänglichen Arbeit in der Fabrik pflegen diejenigen Arbeiter, welche durch maximale Leistungen einen das gewöhnliche Maß erheblich übersteigenden Verdienst erreichen können und zu erreichen streben, und welche deshalb besonders häufig als Vorarbeiter verwendet werden – die sogenannten »Renner« –, durch die Solidarität der Mitarbeitenden direkt oder indirekt gezwungen zu werden, zu »bremsen«, d.h. sich in denjenigen Grenzen mittlerer Anspannung zu halten, welche den übrigen das »Mitkommen« gestattet, und welche die von den Arbeitern stets in Betracht gezogene Gefahr, daß die Steigerung ihres Arbeitsverdienstes durch besonders hohe Leistungen den Arbeitgeber zur Herabsetzung des Akkordsatzes veranlassen könnte, nicht entstehen läßt. Bei der gegenwärtigen Erhebung kann jenes methodische Prinzip der Experimentalpsychologie dazu veranlassen, gerade solche »Musterarbeiter«, wenn möglich, einer besonders eingehenden Prüfung auf die Bedingungen ihrer spezifischen Leistungsfähigkeit, insbesondere auf ihre ethnische, soziale, kulturelle Provenienz zu unterziehen, vor allem aber: Resultate für Differenzen der Arbeitseignung[35] überhaupt nur da zu suchen, wo das Lohnsystem und seine Handhabung einen genügenden Anreiz zur Maximalanspannung enthält. Und um den Einfluß des ererbten psychophysischen Apparates und der sozialen und kulturellen Tradition und Umwelt der Arbeiter gesondert festzustellen, dergestalt, daß man über allgemeine unbeweisbare Hypothesen hinauskommt, würde es sorgsamer Untersuchung von solchen Fällen bedürfen, welche in bezug auf alle jene zuletzt erwähnten gröber, direkter und unmittelbarer sichtbar wirkenden Determinanten der Leistung möglichst gleichartig sind, und in denen nicht, durch das vielfach noch immer traditionelle System der (faktisch) festen »Akkordgrenze«, die Arbeitsanspannung der Arbeiter in traditionellen Schranken gehalten wird. Nur bei einem Teil der Arbeiterschaft eines Teils der Großindustrie besteht danach die Chance, auch mittels noch so genauer Untersuchung der Arbeitsleistungen ein exaktes Bild von dem Maß der Arbeitseignung zu gewinnen. –

Angesichts so vieler Schwierigkeiten könnte die Frage aufgeworfen werden, warum an dieser Stelle die »naturwissenschaftliche« Seite der in dieser Erhebung in Angriff genommenen Probleme überhaupt so eingehend erörtert worden sei. Dies geschah aus einem mehrfachen Grunde. Einmal erscheint es bei Inangriffnahme einer Erhebung, wie der gegenwärtigen, prinzipiell richtig, sich auch über die Existenz solcher »letzter« Fragen Rechenschaft zu geben, für deren zuverlässige Beantwortung zur Zeit in der übergroßen Mehrzahl der Fälle die Voraussetzungen fehlen, die aber beantwortet werden müßten, um wirklich endgültige Ergebnisse zu erzielen. Es ist daher 1. eine unabweisliche Pflicht, sich klarzumachen, wo der »ideale« Zielpunkt der wissenschaftlichen Analyse liegen würde, und 2. wünschenswert, daß die (an jenem Ziel gemessen) wahrscheinlichen Lücken dessen, was heute an Erkenntnis erreicht wird und vielleicht in absehbarer Zeit erreichbar ist, dem Bearbeiter selbst und seinen Lesern in ihrer Existenz und ihren Gründen vollständig erkennbar gemacht werden. Ferner aber wendet sich der Verein mit seiner Aufforderung zur Mitarbeit durchaus nicht nur an rein ökonomisch geschulte Bearbeiter, sondern ebenso an die Vertreter naturwissenschaftlicher Disziplinen. Mag die Zeit noch fern sein, wo auf Fragen, wie die vorstehend berührten, endgültige Antworten vorliegen, so steht[36] – wie im folgenden noch zu erörtern sein wird – der Weg dazu, einen ersten Anfang für ihre Inangriffnahme auch von der Seite derjenigen Forschungsmittel, welche uns auf unserm Fachgebiet zu Gebote stehen, doch durchaus offen, und es darf gehofft werden, daß die heute vorhandene Kluft zwischen den Arbeitsmitteln beider Disziplinen sich bei gemeinsamer Arbeit langsam verengern wird.

Quelle:
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitk. Hrsg. von Marianne Weber. Tübingen 21988, S. 16-37.
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