Erhardt, Franz

[158] Erhardt, Franz, geb. 1864 in Niedertrebra, Prof. in Rostock.

E., der von Lotze beeinflußt ist, tritt für das Recht einer kritischen Metaphysik ein. Die Anschauungsformen (Raum und Zeit) sind als solche subjektiv. Der (aus der inneren Erfahrung stammende) Begriff der Kausalität hingegen ist das letzte Prinzip der Erklärung alles Geschehens. Die Körperwelt ist (als Materie) phänomenale Erscheinung. Die Kräfte sind das An sich der Materie, sie haben »absolute Realität«, sind die eigentlichen Substanzen; sie sind immateriell. Alle mechanischen Vorgänge sind Erscheinungen dynamischer Prozesse. Der Dynamismus schließt die (immanente) Teleologie als Teil in sich. Es gibt nur »causae efficientes«, von diesen aber ist ein Teil teleologisch; der Zweck: wirkt nur durch eine Kraft (Willenskraft), nicht als ein Zukünftiges. Schon in der anorganischen Natur gibt es Kräfte, welche auf die Erreichung eines bestimmten Zieles hinarbeiten (Krystall). In den Lebewesen gibt es »spezifisch organische Kräfte« und der Organismus selbst ist durch planvoll und zweckmäßig wirkende Kräfte gebildet, die im befruchteten Ei selbst liegen und ohne Bewußtsein wirken.

In der Körperwelt geht also alles im weiteren Sinne mechanisch zu, d.h. alle Veränderungen in derselben sind Bewegungen. »Aber weder geht alles im engeren Sinne mechanisch, noch physikalisch-chemisch zu. Denn die Gesetze der Mechanik sagen nichts aus über die Beschaffenheit der Materie, des Subjektes der Bewegung, und über die Qualität der Kräfte, durch welche Bewegungen hervorgebracht werden sollen.« Die Geisteswissenschaften untersuchen die psychischen Veranlassungen gewisser Bewegungen. Eine Erklärung sämtlicher Naturveränderungen ohne Berücksichtigung psychischer Faktoren ist unmöglich (Gegen die 'realistische' Theorie des psychophysischen Parallelismus). Die Kräfte, welche den Leib zusammensetzen, stehen mit der Seele in Wechselwirkung; das Prinzip der geschlossenen Naturkausalität ist nur eine petitio principii.

SCHRIFTEN: Kritik d. Kantschen Autinomienlehre, 1888. – Mechanismus und Teleologie, 1890. – Der Satz vom Grunde als Prinzip d. Schließens, 1891. – Metaphysik I: Erkenntnistheorie, 1894. – Die Wechselwirkung zwischen Leib u. Seele, 1897. – Psychophysischer Parallelismus u. erkenntnistheoret. Idealismus, 1900. – Das historische Erkennen, 1906. – D. Philos. d. Spinoza im Lichte der Kritik, 1908.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Philosophen-Lexikon. Berlin 1912, S. 158-159.
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