Anno 1691
§ 14

[50] War ich, was meine Person anbetrifft, von Natur sehr furchtsam, so war eine von meinen Schwestern, die noch lebet, und schon 71 Jahr alt ist, desto beherzter. Sie scheuete sich nicht zu den vornehmsten Leuten, ja zu einigen Hohen des Rats zu gehen, und wußte sich bei denselben durch allerhand Kleinigkeiten von Garten-Früchten, die sie zum Geschenke mitnahm, so angenehm zu machen, daß sie gerne mit ihr redeten. Ich wünschte, daß ich ein solches Naturell in der Jugend gehabt hätte, ich hätte in manchen Orten viel Vorteile vor mich daraus ziehen und machen wollen. Diese Schwester unterstund sich auch mit dem Prediger in der Neustadt, M. Acoluth, der ehedessen haußen vor dem Tore unser Prediger gewesen war, sich bekannt zu machen, und vor welchem meine Eltern und Geschwister ganz ungemeine Hochachtung und Liebe hatten. Sie brachte es bei demselben gar[50] dahin, daß er mich An. 1691 im Herbst zu sich ins Haus nahm, auch des Abends öfters mit sich essen ließ; da ich des Mittags meine Mensas ambulatorias [Freitische] hatte. Bei diesem Linguisten bekam ich die schönste Gelegenheit im Ebräischen mich zu üben, und auf den guten Grund zu bauen, den der Herr M. Gebauer, als der andere Collega in secundo Ordine [der zweite Professor in der Sekunda], durch sein Collegium hebraicum [Hebräischkurs], das er uns Secundanern, welches zu verwundern, den Winter zuvor gehalten, geleget hatte. Es war dies ein vortrefflicher Schulmann, der Vater des ehemaligen Professoris Juris Feudalis [für Lehnsrecht] allhier [Leipzig], so von hier nach Göttingen gekommen: ein munterer und fleißiger Mann, den ich herzlich lieb hatte, und von dem ich sehr viel in dreien Jahren in Theologicis, und theologischen Controversien gelernet. Er hatte nur das Compendium Hutteri die Woche uns zu erklären, machte uns aber dabei die wichtigsten Controversien bekannt, dictirte uns derer Adversariorum Objectiones [die Einwände der Gegner] und unserer Theologorum Responsiones [die Erwiderungen unserer Theologen] in die Feder, welches eine recht gefundene Sache, und ein recht Pabulum und Futter vor meine in diesem Studio hungerige, und zum Disputiren geneigte Seele war; welches Studium Polemicum auch mein liebstes, und größtes Privat-Studium in meinem ganzen Leben gewesen. Das, was ich von diesem Manne in Theologicis gelernet, kam mir nach der Zeit auch trefflich zu statten, wenn ich als ein Primaner mit andern von unsern Gymnasiasten in die Bier-Häuser gieng, und mich, wie es damals unter uns Schul-Purschen gar gewöhnlich war, mit den Katholischen Studenten herum disputirte; da denn die anwesenden Bürger, und Gäste von unserer Religion uns manche Ehre antaten, so oft wir uns tapfer hielten, und die Päbstischen Studenten eintrieben, und zum Stillschweigen brachten. Im Hebräischen hatte ich nun schon fertig analysiren gelernet, mehr als die Studiosi hier [Leipzig] in einem Collegio hebraico fundamentali [hebräischen Grundkurs] insgemein zu lernen pflegen; so daß, da ich zu dem Herrn Acoluth ins Haus kam, ich vor mich selbst die Historicos [die Geschichtsbücher des AT] ohne die teutsche Version [Übersetzung] dabei zu haben, lesen und übersetzen kunte. Ja, da der Herr Magister das andere Jahr drauf An. 1692 seinen Primanern, (denn er war Professor Linguæ Ebrææ,) ein Collegium Accentuatorium [Kurs über Punktation] zu Hause hielt, so faßte ich die Accentuation obwohl nur noch als ein Secundaner, und sein Famulus, so wohl,[51] daß ich auch hernach auf der Universität [Leipzig] An. 1706 da die Schweden nach Sachsen kamen, ein Collegium Accentuatorium als Magister legens halten, und das, was ich als ein Secundaner gelernet, Studiosis auf der Academie mitteilen kunte.

Quelle:
Bernd, Adam: Eigene Lebens-Beschreibung. München 1973, S. 50-52.
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