Über Briefschreiben und Anreden.

[26] Der Brief stellt sich bei den Personen, an die Du schreibst, an Deiner Stelle ein. Laß ihn gleich Dir im anständigen Gewand erscheinen. Schreibe auf dickem, gutem, möglichst weißem Papier. Vermeide farbiges. Verwende nicht zu kleine Briefformate und dazu passende Umschläge. Nimm eine gute weder zu harte noch zu weiche Feder und schwarze Tinte, die nicht klebt noch verblaßt. Ist das Briefpapier unliniiert, so bediene Dich eines Linienblattes, nichts ist unschöner, als ein Brief mit auf- und abkletternden Zeilen. Laß das Geschriebene möglichst von selbst trocknen. Nimm auch für kurze Mitteilungen einen ganzen Briefbogen. Auf einem halben oder zwei halben Bogen zu schreiben, ist eine beleidigende Sparsamkeit. Vermeide unbedingt jeden Tintenklex, Fettfleck oder Abdruck unreiner Finger! Kann Deine Schrift nicht schön sein, so sei sie unbedingt leserlich. Auch darf man nicht Wörter durchstreichen, verbessern oder radieren. Von wichtigen Briefen fertige erst eine Niederschrift auf gewöhnlichem Papier, und fertige erst dann die Reinschrift an. Schreibe Deinen Namen schön und deutlich; Dein Namenszug ist ein Teil Deiner Persönlichkeit. Mache aus ihm keine Rebusaufgabe! Alte Schnörkel lasse wegfallen. Der Brief muß unbedingt frei von orthographischen und grammatischen Fehlern sein. Setze auch die Satzzeichen richtig. Maschinenschrift ist im Geschäftsverkehr und bei dienstlichen Schreiben an Behörden erwünscht; im Privatverkehr, namentlich an Höhergestellte, nicht statthaft. Alle Fürwörter, die sich auf die angeredete Person beziehen, wie »Sie, Du, Euer usw.«, schreibe groß.[26]

Lege den Bogen so vor Dich hin, daß die geschlossene Seite nach links, die offene nach rechts zu liegen kommt. An der linken Seite des Bogens, desgleichen oben und unten, läßt man einen leeren Rand von etwa zwei Finger Breite. Rechts oben setzt man Ort und Datum hin. Einige Zeilen vom oberen Rande entfernt setzt man die Anrede. Zwei Zeilen darunter beginnst Du den eigentlichen Brief. Auf der zweiten Seite wird oft erst da begonnen, wo auf der ersten die Anrede steht. Die Ränder zu beschreiben ist unschön.

Bei handschriftlichen Gesuchen an Behörden bedient man sich des Kanzleipapiers; neuerdings wählt man am besten »Dinformat« in Größe von 210 x 297 mm.

Besondere Aufmerksamseit richte auf eine vollständige und deutliche Adresse. Der Name des Empfängers kommt in die Mitte, der Titel, Stand oder Beruf darunter, die Ortsbezeichnung rechts unten. Schreibe Deinen Namen und Deine Adresse als Absender auf die Rückseite des Briefes. Klebe die Marke rechts oben auf den Brief jedoch niemals schief auf.

Alles oben Gesagte gilt sinngemäß auch für das Schreiben einer Postkarte. Verwende sie nur zu geschäftlichen Mitteilungen. Es ist taktlos, Postkarten an älteren Personen, Vorgesetzte oder Behörden zu schreiben. Mitteilungen von Liebesgeschichten, Geldverhältnissen, Klatschgeschichten, Mahnungen und ähnliche Mitteilungen auf Postkarten sind ganz ungehörig.

Drücke Dich klar, bestimmt und kurz aus und bedenke stets, daß ein Brief, einmal aus der Hand gegeben, nicht mehr zurückgerufen werden kann, und daß wir keine größeren Feinde als geschriebene Briefe haben. Sei aber auch des Sprichwortes eingedenk: Des Briefeschreibens edle Kunst, erwarb schon manchem Glück und Gunst!

In Briefen an Personen höheren Standes wahre die erforderliche Hochachtung und Ehrerbietung auch im Tone, doch hüte Dich vor Ausdrücken zu großer Unterwürfigkeit. Alle Kriecherei ist eines ehrlichen Menschen unwürdig.

Beamte redet man mit ihrem Titel oder ihrer Amtsbezeichnung an. Titulaturen für Behörden sind abgeschafft. Man schreibt also z.B. nur: An das Postamt in ...; An das Landratsamt in ...; An das Amtsgericht zu ... Unterzeichnet werden die an Behörden gerichteten Mitteilungen gewöhnlich mit: Hochachtungsvoll!

Die gebräuchlichsten Anreden im Brief sind: Lieber Bruder, lieber Wilhelm, liebe Frida, liebe gute Mutter, mein teurer Vater, liebwerte[27] Freundin, sehr geehrter Herr, hochgeehrter Herr, sehr geehrte gnädige Frau. Die gebräuchlichsten Formen am Schluß des Briefes sind: Dein treuer Freund, Dein dichliebender, grüßender, küssender, – Ihr ergebener, Ihr sehr oder ganz ergebener, hochachtungsvoll oder verehrungsvoll zeichnender oder sich freundlichst empfehlender.

Quelle:
Roeder, Fritz: Anstandslehre für den jungen Landwirt. Berlin 21930, S. 26-28.
Lizenz:
Kategorien: