Atramentum

[122] Atramentum.

Atramentum, frantzösisch, Ancre, teutsch, Dinte oder Tinte, ist eine Farbe, die ungemeine schwartz ist; doch giebet es ihrer auch wol andre, z.E. rothe, grüne, blaue, gelbe, man schreibet entweder damit, oder brauchet sie zum drucken. Man hat allerhand Arten Dinte.

Die gemeine Dinte, deren man sich zum schreiben auf Papier oder Pergament gebrauchet, wird Atramentum scriptorium, Schreiberdinte, genennet, und von Galläpfeln und Vitriol bereitet: man wirfft ein wenig arabisches Gummi drein, damit sie gläntzend werde, besser auf dem Papier halte, und länger daure; dann, wann kein Gummi zur Tinte gekommen, die verlischt viel eher, als die, wozu man Gummi gethan. Man nimmt z.E. zwey Pfund Gallus, zerstöst sie, und lässet sie in fünff bis sechs Pfund Wasser so lange kochen, bis daß sie weich sind worden, und nur zwey bis dritthalb Pfund Wasser übrig blieben, welches dicke ist und dunckelgrün aussiehet. Das läst man durchlauffen und drucket es starck aus, schüttet darein zehen bis zwölff Untzen grünen oder blauen Vitriol und eine Untz arabisches Gummi, und lässets bey einem linden Feuer zergehen; so wird der Vitriol in kurtzer Zeit dem liquor eine schwartze Farbe geben und ihn zur Dinte machen; weil dem Ansehen nach das acidum des Vitriols von der schweflichten und absorbirenden Substantz des Gallus ist geschwächet worden, und sein schwartzer eisenhafter Theil breitet sich nunmehro aus und läst sich in dem Wasser sehen. Hierauf läst man die Tinte setzen, und giest sie von dem Satze ab in ein ander Gefäß, darinne man sie zu verwahren pflegt.[122] Sonst könten noch ein gantzer Hauffen andere vegetabilia adstringentia an statt des Gallus zu der Tinte dienen, z.E. die Eicheln, das Eichenholtz, das indianische Holtz, die Grantenschalen und Blüten, der Sumach, die rothen Rosen: nun ists wol wahr, daß die meisten drunter keine solche schwartze Tinte geben, als wie die Galläpfel, doch kommt sie jener dannoch ziemlich nahe.

Der Drucker ihre Tinte oder die Druckerfarbe, lateinisch, Atramentum librarium, wird von Terpentin, Nußöl oder Leinöl und Kühnrus bereitet.

L'Encre de la Chine, Atramentum Indicum, die Indianische Tinte, wird uns in kleinen viereckigten oder langen Stücken zugeführet, die sind hart und glatt, schwartz und gläntzend, leichte, insgemein drey Querfinger lang, einen halben Zoll breit, und drey oder vier Linien dicke, auf beyden Seiten mit mancherley Characteren und Zeichen bezeichnet. Wie man sagt, so soll sie aus Fischleim, Ochsengalle und Kühnrus bereitet seyn; alleine, das ist nicht gewiß, und die meisten glauben, es sey ein geheimes Stücklein, welches die Chineser für sich behalten, und den Europäern noch nicht entdecket haben. Sie schütten diese Tinte in kleine höltzerne, wol ausgearbeite Formen, und lassen sie darinne harte werden. Die beste Chinesische Tinte wird zu Nanking bereitet, und zuweilen mit einigen Goldblättlein gezieret, auch wolriechend gemacht: alleine dieselbige bleibt schier alle mit einander in dem Lande, für die grossen Herren, und wird fast keine nicht verführet. Unterweilen wird die Figur eines Drachens drauf gedruckt.

Die Chineser brauchen diese Tinte zum schreiben, und lassen sie vorher in einem und dem andern liquor zergehen. Sie ist schwartz und gleissend, auch sehr bequem: in Franckreich braucht man die, welche heraus gebracht ist worden, zu den Rissen bey der Architectur.

Die rothe Tinte wird von der rothen Rosette gemacht, die man im Wasser zergehen lassen.

Die gelbe Tinte bereitet man von gelben Ocker, im Wasser zerlassen.

Auf eben diese Weise kan man auch sonst noch allerhand Arten Tinte von so und so gefärbter Erde und Thon bereiten.

Alle dergleichen Tinte könten auch wol einige medicinalische Kräfte haben, nachdem man nemlich diese oder jene Materie darzu genommen. Und aus der Erfahrung ist bekannt, daß die gemeine Tinte gut ist, wann man sich hat verbrannt, wie auch das Blut zu verstellen, wann man sie auf den Schaden legt.

Quelle:
Lemery, Nicholas: Vollständiges Materialien-Lexicon. Leipzig, 1721., Sp. 122-123.
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