Castoreum

[260] Castoreum.

Die Alten waren in der Anatomie bey weiten nicht so genau, wie man wol heut zu Tage ist, und hatten der rechten Geilen am Biber nicht wahrgenommen, dann sie sind gar klein, und liegen an einem ziemlich versteckten Orte in den Dünnen, davon ich im vorhergehenden Articul geredet. Sie haben vielmehr alle mit einander die Castoreum-Beutel oder Taschen für die Geilen dieses Thieres angesehen, welche dannoch etwas gantz anders sind. Die Herren von der königlichen Academie des Sciences sind die ersten gewesen, welche die Geilen am Biber entdecket, und auch zugleich alle seine andern Theile genau untersuchet.

In dem Unterleibe des Bibers, gegen den untern Theil des Schloßbeins, befindet man vier grosse Beutel oder Säcke, von denen die beyden ersten die obersten möchten genennet werden, weil sie ein gut Theil höher liegen, als die andern; sie sehen aus wie eine Birne, und gehen zusammen, so daß sie einem Quersack nicht unähnlich sind. Ein ieder Beutel ist unten an dem Boden oder Grunde ungefehr drey Zoll lang und anderthalben breit, und liegen einer auf der rechten, der andere auf der lincken Seite an der Ruthe, und machen als wie einen halben Circkel, wann sie nun näher an die Ruthe kommen; hernach werden sie immer schmäler, bis an ihren Eingang und Oeffnung, woselbst sie nur etwa einen Zoll breit sind, und in den Mastdarm gehen.

Der Herr Sarrazin, Medicus in Canada, dessen oben erwähnet worden, hat an den Beuteln und deren Textur drey membranen und Häutlein in Acht genommen: die erste ist einfach und trefflich starck: die andere ist weit dicker, und wie voll Marck und durch und durch mit Blutgefässen besetzet: die dritte hat der Biber nur alleine, und dieselbe ist so trucken, als wie Pergament, sie ist auch so dicke, zerreisset von ihr selbst, doch ist sie dergestalt in einander gewickelt, daß sie wol dreymahl so lang wird, als zuvor und ehe man sie aus einander hat gezogen. Auswendig ist sie trefflich glatt, sieht grau, als wie die Perlen, und ist nicht selten mit braunen Flecken gezeichnet, bisweilen auch mit röthlichten. Inwendig ist sie ungleich und voll kleiner Fäden oder Fasen. Diese letztere membran beschliesset eine hartzigte und weichlichte Materie, die an den kleinen Zasern hangt, und aussenher grau sieht, inwendig aber gelblicht, und brennet leichtlich, hat dabey einen starcken, durchdringenden, unangenehmen Geruch. Dieses ist das wahrhaftige und rechte Castoreum und so genanntes Bibergeil, das wird in[260] Monatzeit allmählich an der Luft hart und braun, daß es stracks bricht und sich zerreiben läst. Will man aber haben, daß es geschwinder harte werden soll, so darff man nur die Beutel etliche Tage in die Feuermäuer hängen, sie werden bald trocken werden, und ist gar leicht zu fühlen, ob die Materie ist hart und trocken worden.

Die beyden andern Beutel, welche die untersten genennet werden möchten, liegen recht und lincker Hand am Mastdarme; unten an dem Boden sind sie rund, und werden immer kleiner, ie näher sie an den Mastdarm kommen. Sie enthalten eine fetticht und schmierichte Feuchtigkeit, wie Honig, von Farbe blaßgelb, und stinckend von Geruch, wie das Castoreum, nur nicht so gar starck, iedoch unangenehmer. Diese Feuchtigkeit wird dicke, wann sie alt wird, und bekommt eine Consistentz und Farbe als wie Schmeer.

Bey den Kauffleuten trifft man die Custoreum-Beutel an, bald grösser, bald kleiner, nachdem der Biber, davon sie genommen worden, starck gewesen. Die besten werden uns von Dantzig überbracht, so auch die dicksten sind.

Man soll diejenigen erwehlen, welche recht dick und schwer sind, braun von Farbe, starckes und durchdringenden Geruchs, mit einer harten Materie erfüllet, die leichtlich bricht und sich zerreiben läst, gelblicht und braune sieht, mit gantz zarten Häutlein vermischet ist, und einen scharffen Geschmack hat. Sie führen viel trefflich starckes Oel und flüchtig Saltz.

Das Bibergeil machet die zähen Feuchtigkeiten im Leibe wiederum dünne und flüßig, erwecket die Reinigung der Weiber, dämpfet die Dünste, widerstehet der Fäulung, treibet die bösen Feuchtigkeiten durch die unempfindliche Ausdünstung aus dem Leibe, und ist gut wider das schwere Gebrechen, wider die Lähmung der Glieder, wider den Schlag, und hilfft der Taubheit ab.

Die schmierichte Feuchtigkeit in den untersten Biberbeuteln zertheilet trefflich starck, und stärcket die Nerven, wann sie äusserlich gebrauchet wird.

Castoreum kommt vom griechischen καςόριον, und dieses von κάςωρ, Castor, ein Biber. Unter diesem Worte werden die Beutel oder Säcklein verstanden, die aus dem Unterleibe des Bibers gezogen werden, welche man zum Gebrauch und Artzney auftrocknen läst.

Quelle:
Lemery, Nicholas: Vollständiges Materialien-Lexicon. Leipzig, 1721., Sp. 260-261.
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