404. Das quellende Silber

[281] Im Tale, wo die Bode aus den Schluchten der Roßtrappe hervorkommt und friedlicher fließt, hat vordessen ein armer Bauer gelebt, der schickte seine Tochter in die nahe Waldung, etwas Holz zu sammeln. Das Kind füllte sich mit abgefallenen Ästen und Zweigen den Tragkorb und auch noch einen Handkorb, so viel es fortbringen konnte, und ging heimwärts. Da ist ihm ein altes schneeweißes Männlein begegnet, das hat ihm geboten, sein zusammengelesenes Holz wieder auszuschütten und ihm zu folgen, es wolle ihm etwas Besseres zeigen. Nahm das Kind an die Hand, führte es wieder zurück an einen Hügel und zeigte ihm einen Platz, der war zweier Tische breit, und darauf quoll eitel Silbergeld, kleine und große Münzen, mit uralter Schrift darauf und einem Marienbild, wie die Stadt Goslar am Harz in ihrem Wappen führt und solcher Münzen viele hat prägen lassen. Das Mädchen erschrak vor dem quellenden Silber und fürchtete sich, das Männlein aber füllte ihm selbst den Handkorb mit den uralten und doch noch blanken Harzgulden. Den Tragkorb aber wollte das Mädchen nicht ausschütten, es sagte, zu Hause brauchten sie Holz, Milch und Suppe zu kochen für die kleinen Kinder und ihnen eine warme Stube zu machen. Da ließ es das Männlein dabei bewenden und ließ das Mädchen nach Hause gehen. Da dieses nun sein Glück erzählte und es im Dorfe herumkam, da entstand ein Laufen und Rennen, jeder Nachbar wollte der Erste sein, jeder nahm einen Feuereimer oder zwei und einen Schöpfstutz mit, als wenn es brenne, aber es hat ihrer keiner weder das Männlein noch den Ort des quellenden Silbers gefunden. Der Herzog von Braunschweig kaufte von den alten Münzen ein ganzes Pfund und ließ die Stücke im Münzkabinett aufbewahren.

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Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Meersburg und Leipzig 1930, S. 281.
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