723. Zwölf schlagen hören

[476] Zwischen den drei Orten Themar, Marisfeld und Oberstadt, nahe bei Dachbach, liegt ein weites Feld, das Gertles (Gertlitz) oder Gätles genannt, dort hat vor alters ein Dorf gestanden, und es ist darauf gar nicht geheuer. Ein Reisender wanderte über jenes Feld, da sah er plötzlich, wie jener Feldscher das wüste Germelshausen, ein schönes Dorf vor sich liegen. Es war gerade Sonntag, und in dem Dorfe läutete es in die Kirche. Als er hineinkam, schritten die Leute auch ganz ernst nach derselben hin; ihre Tracht war aber auffällig alt und sonderbar, gar nicht wie heutzutage die Mode. Der Reisende fragte einige der Vorübergehenden nach dem Namen des Ortes, aber wen er auch fragte der gab ihm keine Antwort, und alle wandelten so ruhig und still, ja lautlos, unhörbaren Trittes an ihm vorüber, als ob sie ihn gar nicht sähen. Dabei starrten ihre Augen ganz gläsern, und es kam dem Reisenden ein übermächtiges Grauen an. Eilends verließ er den unheimlichen Ort, kam nach Themar und fragte gleich am Tor, was das für ein Dorf sei, und beschrieb es. Aber niemand wollte es kennen. Seitdem hat es auch keiner wiedergesehen. Die Sage geht, wer es im Gertles zwölf schlagen hört, der kommt zu großem Glück; ein solcher muß aber den Mut haben, jede der zwölf heiligen Nächte (vom Weihnachtsheiligabend bis zum heiligen Dreikönigtag) auf dem berufenen Felde zuzubringen. Ein Bauer aus Marisfeld war kühn genug zu diesem Wagnis, er ging jene Nacht in den Zwölften auf die öde Wüstung hinaus, und in einer derselben geschah, was er gewünscht, er hörte es plötzlich dicht neben sich zwölf schlagen, aber es schlug mit einem so über alle Maßen entsetzlichen Ton, daß er bei den ersten Schlägen vor Schreck und Grauen zu Boden geschmettert wurde. Wie ein Toter blieb er in dumpfer Betäubung auf dem Felde liegen bis zum Morgen, wo er erwachte, sich mühsam aufraffte und bis in sein Dorf schleppte. Dort packte ihn ein heftiges Fieber und fesselte ihn ein Vierteljahr lang an das Krankenbett. Endlich besserte sich’s mit ihm, und er fing wieder an zu arbeiten. Was er aber nun anfing, das glückte ihm und schlug ihm zum Nutzen aus, seine Scheuern füllten sich wie von selbst, seine Saaten blieben unverhagelt, seine Taschen wurden vom Geld nimmer leer, ja er durfte Steine säen, und es ging der schönste Weizen auf. Er wurde der reichste Mann des Ortes, das war seines Mutes Lohn. Darum ist in dieser Gegend das Sprüchwort entstanden, wenn einer schnell reich wird ohne sichtbare Ursache: Der hat es im Gertles zwölf schlagen hören.

Quelle:
Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Meersburg und Leipzig 1930, S. 476.
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