794. Amorbach

[521] In einer Gegend, wo die Römerzeit so viele Spuren hinterließ, würde es kaum befremden, wenn der Name eines Gottes der antiken Mythe in deutscher Sage begegnete, und niemand würde schneller bereit gewesen sein, dem Herzenbewältiger Amor hier ein frühes Heiligtum zuzuweisen, als jene überklugen Diftler, die den Remus in die Altmark auswandern und dort begraben, der Isis im märkischen Sande Tempel gründen lassen und darüber, ob dergleichen nur möglich, in ihrem archäologischen Gemüte völlig beruhigt sind. Sie würden aber hier mit dem Amor geradeso fehl schießen wie mit der Isis in Gardelegen und dem Sol in Soliswelte, heute Salzwedel, allwo, zu Salzwedel, auch Doktor Faust geboren worden sein soll – denn das gemeine[521] Sprüchwort sagt: Trifft's nicht, so fehlt's doch.

Es war ein Abt, der hieß Amor – als welches für einen Abt gar ein hübscher Name – und zwar der erste der Abtei, welcher er seinen Namen verlieh; das ist aber schon lange her, denn die Sage geht, daß schon im Jahre des Herrn 734 sotaner Amor gelebt, und daß Karl Martell und Pipin unter Zurateziehung eines Jüngers des heiligen Maurus namens Pirmin diese Abtei begründet, zu der ein Graf Richard von Berg den Grund und Boden gab. Nahebei liegt auch ein Gehöft, heißt Amorsbrunn; allda soll sich Amor bisweilen sehen lassen.

Quelle:
Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Meersburg und Leipzig 1930, S. 521-522.
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