308. An Maria Anderson

308. An Maria Anderson


Wolfenbüttel 8 Sept. 75


Meine liebe Frau Anderson!

Da haben wir's wieder! – Um das was drollig, schelmisch, heimtückisch in einer Sprache ist, um das Mienenspiel einer Sprache zu verstehn, muß man in dieser Sprache geboren und erzogen sein. Sie sind keine geborene Deutsche, ich bin kein geborner Holländer; und eine entsprechende Umzeugung oder Wiedergeburt möchte auch wohl Keinem von uns beiden so bald erwünscht sein. – Nun gut, es ist mal so! – Sonst würde Ihnen das »Wehe!« damals wohl etwas anders geklungen haben. Sie hätten sich dann vielleicht nicht auf einen Vers von mir berufen und gesagt, Sie hätten die darin ausgesprochene Bemerkung mal an mir probiren wollen. – Das war die Abweichung vom Programm! Das war die Mücke! – Wollen Sie es mir, der mit voller Überzeugung eine »idyllische« Zurückgezogenheit erwählt, verdenken, daß ich keine Mücken leiden mag? – Ist's Empfindlichkeit? Ja! – Ist's Eitelkeit? Ja! – Ach du lieber Gott! Sind wir nicht vollgesogen mit Eitelkeit wie ein Schwamm? – Ja, noch mehr: Unser Dasein ist die Eitelkeit in Person. – Das glaub ich; und Wer anders glaubt, glaubt, glaub ich, falsch.

Aber es war ja gar keine Mücke; sie flog und sang nur so. – Oder es war eine Mücke. – Husch! Da kommen gleich so hübsche Vöglein geflogen, und – schnapp! – ist sie weg.

Ihr Wilh. Busch.

Quelle:
Busch, Wilhelm: Sämtliche Briefe. Band I: Briefe 1841 bis 1892, Hannover 1968, S. 153.
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