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[159] Vor allem, meine gnädige Frau, empfangen Sie den innigsten Glückwunsch zu Ihrer Rückkehr in die Heimath. Ich weiß Sie gern an dem Ort Ihrer Bestimmung. Es ist mir so gewiß, daß Sie dort, wo Beruf und Wirksamkeit Ihrer warten, auch Zufriedenheit finden werden, daß ich gern noch einen zweiten Brief kommen ließe, ehe ich den ersten beantwortete. Gleichwohl scheinen Sie dieser Antwort, als etwas entgegen zu sehen, von dem Sie besondere Aufschlüsse über sich und Ihre Verhältnisse erwarten.
Sie mißtrauen Empfindungen, bei denen Sie gleichwohl viel zu lange verweilen, wenn Sie Ihnen gefährlich dünken. Kurz, Sie sind noch von den Erschütterungen der Reise aufgeregt, und wünschen wieder in Ruhe zu kommen.
Liebe, gnädige Frau, ich war vor einiger Zeit Abends bei einer Augenkranken. Das Zimmer, in welchem sie sich befand, war so dunkel, daß man sich nur mühsam darin zurecht fand. Gleichwohl[159] warf die dichtverhangene Lampe ihren schwachen Schein auf naheliegende Gegenstände, welche bei der leisesten Verrückung scharfe Lichtstrahlen zurückspiegelten, und den Sehenerv schneidend trafen. Die Kranke schrie, so oft der Fall eintrat, unwillkührlich hell auf; besonders übermannte sie der empfindlichste Schmerz, wenn die weißlakirte Thüre eines Seitenzimmers aufging, und die Bewegung des hellen Körpers blendend die Nacht umher theilte. Ich litt um so mehr mit der Armen, als mein gesundes Auge von dem jähen, durchfahrenden Schimmer afficirt ward. Mit der innigsten Theilnahme verließ ich sie später. Ich konnte lange nicht ohne eine gewisse Beklemmung an den Abend denken. Wie groß war deshalb meine Freude, als ich, nach nicht gar langer Zeit, fast um die nämliche Stunde, vor dem Hause vorbeigehe, und die Fenster desselben erleuchtet finde. Ueberrascht bleibe ich stehen, betrachte mir die Lage des Krankenzimmers, und kann nicht zweifeln, daß ein, im Mittelpunkt desselben angebrachter Kronleuchter seine brennenden Kerzen unverhüllt flammen lasse. Ich eile nun hinauf, gewiß, das Uebel gehoben zu sehen. Allein ich fand meine Erwartung getäuscht. Meine arme Freundin saß noch mit dem[160] grünen Augenschirm, unfähig, den Blick frei zu bewegen. Ihr Zustand war leider ungefähr derselbe, doch mit dem Unterschiede, daß sie in einem gleichmäßigeren Empfinden des Schmerzes, seiner mehr Herr ward, ja, in der ruhigen Helle des Gemaches den wohlthuenden Einfluß des Lichts im Allgemeinen genoß, ohne den leidenden Theil dadurch verletzt zu fühlen. Ich äußerte ihr meine Verwunderung hierüber, hinzu setzend, daß mich eben diese Helle getäuscht habe, indem ich sie nicht mit der Natur ihres Unwohlseins zu vereinigen gewußt hätte.
»Das macht,« entgegnete sie, »das Licht kommt von oben, so ergießt es sich ohne Abschattung nach allen Seiten, ich bin mitten darin, wie am Tage unter freiem Himmel.«
Gnädige Frau, Sie empfinden, wie ich in diesem Augenblicke empfand. Die Wahrheit ist so einfach, daß sie uns auf die einfachste Weise am nächsten liegt.
Lassen Sie das Licht von oben in Ihre Welt hineinfallen. Sie werden sich darin zurechtfinden, ohne überall auf Ecken zu stoßen.
Weiter wüßte ich Ihnen für jetzt nichts zu sagen, nichts zu rathen. Alle Verhältnisse des Lebens sind kraus und bunt. Es hilft nicht viel,[161] äußerlich daran zu rücken oder darüber zu klügeln. Man muß hindurch. Deshalb bewahren Sie sich Klarheit und Muth. Sie haben, ich will es glauben, mit ungewöhnlichen Menschen zu thun. Lassen Sie sich das nicht irren. Bleiben Sie Ihrem Gott und Ihrem Herzen getreu. Auf Ausdauer kommt es zumeist im Leben an. Wie viele ungleiche Wallungen prallen an dem festen Damm unerschütterlicher Gesinnung ab. Der Fels steht, wenn die Woge zerrinnt.
Lassen Sie das Licht von oben kommen. Sie finden den Pfad durch das Labyrinth von selbst.
Und so leuchte Ihnen denn die ewige Sonne unverhüllt. Das ist das Gebet, mit dem ich Sie einem höhern Schutze empfehle.
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