33. Die Sage von dem Abt Erpho zu Siegburg.

[40] (S. Eg. Müller, Siegburg S. 108 etc.)


Der erste Abt von Siegburg hieß Erpho, er war eigentlich ein Italiener, den Anno, der Erzbischoff von Cölln, aus Italien mitgebracht hatte und ihn im Jahr 1066 zum Abt einsetzte. Es war dieser ein sehr strenger, heiliger Mann, ein Feind von äußerlichen Zerstreuungen war es seine höchste Lust, ernsten und heiligen Betrachtungen nachzuhängen. So wählte er sich denn jeden Tag eine Stelle der heiligen Schrift, die er ganz besonders mit Geist und Herz erwägte. Als man nun einst am Tage Christi Himmelfahrt des Jahres 1067 in den Vigilien den 89. Psalm gebetet, fiel ihm besonders der vierte Vers: »Tausend Jahre sind vor Deinen Augen, o Herr, wie ein Tag, der gestern vorübergegangen,« auf und er konnte sich der Zweifel über diese Worte gar nicht entschlagen. Den ganzen Morgen dachte er darüber nach und selbst bei Tische hatte er keine Ruhe. Die heilige Vorlesung ging an seinem Geiste vorüber als hörte er sie nicht und nichts vermochte auf sein gefesseltes Gemüth Eindruck zu machen. Um nun seinen tiefsinnigen Betrachtungen ungestörter nachhängen zu können, begab er sich nach eingenommenem Mahle in den Klostergarten und, ganz vertieft in seine Gedanken, kam er, ohne es zu bemerken, in den Wald, welcher sich unterhalb Wolsdorf nach der Sieg hin erstreckte. Da auf einmal flog ein wunderschönes Waldvögelein vor ihm von Zweig zu Zweig und zog den ernsten Greis durch seinen wunderlieblichen Gesang aus der Tiefe seiner Betrachtung. Nie noch hatte Erpho einen[40] solchen Vogel gesehen; er war von der Größe einer Taube und alle Pracht des Regenbogens, der Glanz aller Blumen und Metalle schien auf seinem Gefieder vereinigt. Mehr noch als der herrliche Anblick ergötzte sein melodischer Gesang, auf dessen Wohllaut der ganze Wald zu horchen schien; denn alle andern Vögel verstummten mit ihren Liedern, die Bäume hörten auf zu rauschen und selbst die Eidechsen, Grillen und Käfer horchten tief aufmerksam und wandten ihre klaren Aeuglein dem wundervollen Vogel zu. Das Ohr des greisen Abtes hing an des Vögleins Gesang, wie an dem Munde der Weisheit, und es ward ihm gar wundersam zu Muthe; er glaubte sich schon von des Paradieses Freuden umgeben.

Plötzlich verstummte das Vöglein, und als Erpho näher aufschaute, war es verschwunden. Alsbald bemerkte er, daß er demselben bereits bis in die Mitte des Waldes gefolgt war, und wenn ihm diese Zeit auch nur ein Paar Augenblicke zu sein schien, so betrübte es ihn doch, dieselbe statt zu ernsten Betrachtungen, zur Ergötzung seiner Sinne verwendet zu haben. Eiligst wandte er sich dem Kloster zu, dessen alternde Zinnen die schon sinkende Sonne vergoldete. Eben läutete die Glocke zur Vesper, doch wie erstaunte Erpho, als er in die Nähe der Stadt und des Klosters kam. Alles schien ihm weit schöner und größer, als er es vor einer Stunde gesehen hatte; es kam ihm vor, als sei die ganze Gegend von Fremdlingen bewohnt, so verschieden war die Kleidung der Leute, so anders die Sprache der ihn Grüßenden. Wie er nun in die weit prachtvolleren Klostergebäude eintrat, da läuteten alle Glocken und ein fremder Prälat hielt an der Spitze der ganzen Genossenschaft einen feierlichen Umzug. Das war ihm vollends unerklärlich; er glaubte, ein Traumgesicht zu sehen.

Er ging nun zu dem Pater Pförtner, um bei ihm die Ursache dieser Veränderung zu erfahren. Er sei der Abt des Klosters und erst vor einer halben Stunde habe er das Kloster verlassen, wie es denn komme, daß ein neuer Convent in dieser Zeit eingewandert sei. Ungläubig schüttelte dieser sein greises Haupt: er, ein achtzigjähriger Greis, habe das Kloster nie anders gekannt. Dann aber begab er sich mit Erpho zu dem neuen Abte des Klosters und meldete ihm den sonderbaren Vorfall. Dieser und der ganze Convent staunten nicht weniger, aber Erpho's verklärtes Antlitz, und die Lichtstrahlen, welche sein silberbeglänztes Haupt zu einem Heiligenschein umflossen, hielten Alle fern ihn für einen Lügner zu halten. Endlich erinnerte sich ein sehr alter Bruder, daß er einmal von schon verstorbenen Mitbrüdern vernommen, wie vor etwa 300 Jahren der erste Abt des Klosters, Erpho, kurz vor der Vesper verschwunden sei (3. Juni 1067), ohne daß man später wieder etwas von ihm gesehen oder gehört habe. Dieses eröffnete er dem Abte, man sah in den Jahrbüchern nach und erkannte, daß dieser Greis, welcher vor ihnen stehe, derselbe Erpho sei, welcher also von Gott auf wunderbare und ihm selbst unerklärliche Weise erhalten sei. Als aber nun Erpho von seinem Zweifel an jener Stelle des Psalms und von dem wundersamen Vöglein erzählte, da priesen Alle Gott, der durch ein solches Wunder die heilige Schrift bewahrheitet hatte. Erpho aber ging zur Kirche, empfing das heilige Abendmahl und Gott preisend gab er mit erhobenen Händen seinen Geist auf.

Quelle:
Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 40-41.
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