Vierte Szene

[207] GEORGINEL erschrocken in der Tür. Leise. Was ist denn ...

DIE MUTTER alles folgende immer gedämpft. Da ... lerne ihn kennen ...

GEORGINEL. Ach ... wieder hier ... in der aszetischen Musikerklause ... die Instrumente ... die schöne Orgel ... die Blätter Noten ... Lacht. mitten im Chaos die schaffende Seele ...[207]

DIE MUTTER. Alles Bürgerliche tritt er mit Füßen ...

GEORGINEL leise lachend. Ganz entrückt ist er ... ist er oft so ...

DIE MUTTER. Schlafen zur Unzeit wie ein Betäubter ... hungern zur Unzeit ... daß man denken könnte, er müßte schließlich verhungern ... ein aszetischer Mönch kann für seine Ideen nicht schlimmer entsagen ... schwiemeln zur Unzeit ... Nächte und Tage ... nein nein ... seitdem du die Braut bist ... ach Gott, liebes Kind ... wie Männer ... wie solche Unbände sind ...

GEORGINEL. Muttel ... soll ich dir etwas anvertraun ... ich bin doch ... kaum hochgesprossen ... das Schulmädel kaum überwunden ... noch immer so triebhaft ... fühle zum ersten Male ... und gleich eine Braut ... und gleich vor Solchem ... und gleich so ein Musiker ... und gleich so ein Rätsel ... Sie lacht. du denkst wohl glatt nur: ich liebe ... ich liebe ...

DIE MUTTER. Ja wie denn ... gewißlich ... du liebst ... diesen wilden Eber ... der plötzlich womöglich in einer verrückten Laune alle Gartenblumen zerstampft ...

GEORGINEL. Muttel ... wenn er so etwas hört ...

DIE MUTTER. Der hört jetzt gar nichts ... sonst hätte er längst gebrüllt wie ein Fuhrknecht ...

GEORGINEL den Domorganisten beobachtend. Josua ist ein Geisterseher ...

DIE MUTTER lacht. Ja, ja ... in der Lage allem gemeinen Leben ganz fern ...

GEORGINEL. Muttel ... warum muß ich draußen stehen ... in die gewöhnliche Welt verbannt sein ... während er mit den Rufern redet ...[208]

DIE MUTTER. Bleibe du ruhig im Bürgerleben ... man braucht durchaus nicht was Extraes sein ... solcher Dünkel wird richtig zur Plage ... o Gott Gott Gott ... wenn die Welt voll solcher verrückter Musiker wär ... für die kein Strick hält ...

GEORGINEL den Domorganisten immer starrer betrachtend. Muttel ... ich härme mich so nach ihm ... warum muß ich vor seinem Allerheiligsten stehen und demütig harren ... flehend im Herzen: nimm mich doch zu dir ...

DIE MUTTER. Ih ... der Schädel ist nicht bloß vom Allerheiligsten voll ... ein Chaos ist in ihm ... du wirst es schon merken ...

GEORGINEL. Das sagt auch der Vater ... der Vater warnt schrecklich ... viel schlimmer wie du ... und ich... ich lache ...

DIE MUTTER. Na na ... das klingt stutzig ...

GEORGINEL. Weiß Gott auch ... erschrick nicht ... was bin ich ... gar nichts ... ein dummes, einsames, junges, sich erstmals erprobendes Menschenherz ... ach Gott ... ein ganz unwahrscheinliches, albernes, leeres Ding ... ich sag es ganz offen ... manchmal wenn so ein andres, harmloses, fröhliches, lüsternes Leben an mich herandrängt ... küssen ... tanzen ... singen ... ausgelassen umarmen möchte ... gar nichts bedenken ... hintändeln nur im Mai ... sich jagen ... sich kriegen ... zerflattert vom Winde ... nur so fühlen möchte wie junge Katzen und junge Krähen im Mai ... Düster. du ... im Traum, Mutter ... das ist nur im Traum ... wenn ich fern von ihm bin, da graust mir vor ihm ...

DER DOMORGANIST ohne sich zu rühren. Gib doch ... gib doch ... gib doch ... Lobgesänge ... Fast schreiend. Lobgesänge ...

DIE MUTTER behutsam. Josua ... du verjagst das Kind ...[209]

GEORGINEL scheu, nachdem sie eine Weile sorglich beobachtet, ob der Domorganist erwachen würde. Ich bin nicht ein Kind mehr ... jetzt ... wo ich Josua sehe ... da kommen mir nicht mehr so triebhafte Wünsche ... da will ich kein Kind wie ein Strohhalm im Winde mehr sein ... verliebte Herzen sind wohlfeil wie das Gras in der Wiese ... da will ich ein liebendes Menschenblut sein ... Kindlich lachend. da will ich nur Blumenstaub und Honig sammeln wie eine Biene ... heimlich ... für ihn ... für ihn ...

DIE MUTTER. Schwärmerkindel ... Georginel ...

GEORGINEL. Komme, Mutter ... er fühlt, daß wir lauern ...

DER DOMORGANIST dumpf. Jubiliere ... Letztes ahnt man ... zerhorcht sich die Seele ... vom Aufgang zum Untergang ... »halte doch Frühlingsgewässer in deiner Hand« ... Plötzlich wie wirklich. Qual, wenn man flüstert ...

GEORGINEL hastig. Mutter ... Sie läuft wie gescheucht. Mutter ... ich mag nicht lauern ...


Ab.


Quelle:
Carl Hauptmann: Die goldnen Straßen. Leipzig 1918, S. 207-210.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die goldnen Straßen
Die goldnen Straßen