Caput XXVII

[426] An August Varnhagen von Ense


»Wo des Himmels, Meister Ludwig,

Habt Ihr all das tolle Zeug

Aufgegabelt?« Diese Worte

Rief der Kardinal von Este,


Als er das Gedicht gelesen

Von des Rolands Rasereien,[426]

Das Ariosto untertänig

Seiner Eminenz gewidmet.


Ja, Varnhagen, alter Freund,

Ja, ich seh um deine Lippen

Fast dieselben Worte schweben,

Mit demselben feinen Lächeln.


Manchmal lachst du gar im Lesen!

Doch mitunter mag sich ernsthaft

Deine hohe Stirne furchen,

Und Erinnrung überschleicht dich: –


»Klang das nicht wie Jugendträume,

Die ich träumte mit Chamisso

Und Brentano und Fouqué,

In den blauen Mondscheinnächten?


Ist das nicht das fromme Läuten

Der verlornen Waldkapelle?

Klingelt schalkhaft nicht dazwischen

Die bekannte Schellenkappe?


In die Nachtigallenchöre

Bricht herein der Bärenbrummbaß,

Dumpf und grollend, dieser wechselt

Wieder ab mit Geisterlispeln!


Wahnsinn, der sich klug gebärdet!

Weisheit, welche überschnappt!

Sterbeseufzer, welche plötzlich

Sich verwandeln in Gelächter!...«


Ja, mein Freund, es sind die Klänge

Aus der längst verschollnen Traumzeit;

Nur daß oft moderne Triller

Gaukeln durch den alten Grundton.
[427]

Trotz des Übermutes wirst du

Hie und dort Verzagnis spüren –

Deiner wohlerprobten Milde

Sei empfohlen dies Gedicht!


Ach, es ist vielleicht das letzte

Freie Waldlied der Romantik!

In des Tages Brand- und Schlachtlärm

Wird es kümmerlich verhallen.


Andre Zeiten, andre Vögel!

Andre Vögel, andre Lieder!

Welch ein Schnattern, wie von Gänsen,

Die das Kapitol gerettet!


Welch ein Zwitschern! Das sind Spatzen,

Pfennigslichtchen in den Krallen;

Sie gebärden sich wie Jovis

Adler mit dem Donnerkeil!


Welch ein Gurren! Turteltauben,

Liebesatt, sie wollen hassen,

Und hinfüro, statt der Venus.

Nur Bellonas Wagen ziehen!


Welch ein Sumsen, welterschütternd!

Das sind ja des Völkerfrühlings

Kolossale Maienkäfer,

Von Berserkerwut ergriffen!


Andre Zeiten, andre Vögel!

Andre Vögel, andre Lieder!

Sie gefielen mir vielleicht,

Wenn ich andre Ohren hätte!


Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 1, Berlin und Weimar 21972, S. 426-428.
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