Dreizehntes Kapitel

[134] Von diesem Tage an war Hermann auf dem Schlosse einheimisch. Der Herzog beruhigte sich bei einer allgemeinen Erzählung über dessen Geschick unter den Tannen, und schien an dem gesitteten, wohlunterrichteten jungen Manne immer mehr Geschmack zu finden. Da er nicht leicht jemand unbenutzt lassen konnte, so brauchte er ihn bald zu verschiednen Expeditionen, welche jener unter Wilhelmis Oberaufsicht zu seiner Zufriedenheit ausführte.[134]

Nur bei einem Geschäfte gelang es ihm nicht, Beifall zu gewinnen. Die Kriegsschäden waren noch zu liquidieren, welche der Herrschaft vom Staate ersetzt werden sollten. Hermann hatte alle Papiere, die sich auf diesen Gegenstand bezogen, erhalten, und nach deren Einsicht eine billige Rechnung aufgestellt, solche Posten, die bestritten werden konnten, aus derselben weglassend. Der Herzog sah die Arbeit voll Verwundrung durch, und fragte kopfschüttelnd, womit er es denn verdient habe, daß Hermann gegen ihn Partei nehme? Es könne ja die Hälfte mehr gefordert werden. Er zählte die Summen auf, die nachgetragen werden müßten, und versetzte, als Hermann seine Einwürfe dagegen vorbrachte: »Diese Zweifel wollen wir den Herrn Revisoren überlassen.«

»Ich glaubte den Sinn Eurer Durchlaucht durch die Art, wie ich dieses Geschäft behandelt, getroffen zu haben«, wandte Hermann bescheiden ein. »Nach meiner Meinung dürfte ein Teil des Schadens gegen den Gewinn aufzurechnen sein, den uns die glückliche Verändrung der Dinge gebracht hat.«

»Was ich oder meinesgleichen ihr Großes zu danken hätte, wüßte ich so eigentlich nicht«, versetzte der Herzog. »Über diesen Punkt gilt das: Post hoc, non propter hoc, mit vollem Rechte. Der Adel ist so alt, als die Welt, und daß man wenigstens in Monarchien ihn nicht entbehren kann, werden Sie mir zugestehn. Da nun der Freiheitsschwindel längst vorüber, und alles bereits wieder in die gewohnten Formen eingelenkt war, da man überall große Reichslehen schuf, so würde man sich auch schon wieder nach uns umgesehn haben, und vermutlich ständen wir, wo wir jetzt stehn, wenn auch die Sachen geblieben wären, wie sie waren.«

Hermann mußte sich bequemen, eine Kriegsschädenrechnung anzufertigen, die ihm sehr übertrieben zu sein schien. Gefielen ihm nun dergleichen Grundsätze keinesweges, so war sein Mißvergnügen doch nur vorübergehend. Das Schloß, und die ganze Lebensweise darin, übte auf ihn denselben Eindruck aus, von dem wir bereits bei dem jungen Rechtsgelehrten geredet haben. Er empfand ein eignes Vergnügen, für sich, allein durch die hohen Bogengänge und Hallen, seinen Gedanken überlassen, stundenlang zu wandern, und er hätte nie geglaubt,[135] daß eine so einförmige Tagesordnung, wie sie hier herrschte, ihm, der an Abwechslung gewöhnt war, in dem Grade behagen könne. Er ließ sich von dem Elemente, welches ihn umgab, fortspülen, und schob die Gedanken an die Zukunft weit hinaus.

Freilich trug zu seinem Wohlbefinden die Güte, womit ihn die Herzogin behandelte, vieles bei. Sie hatte gewisse Einflüstrungen, die ihr über ihn gemacht worden waren, mit Verachtung von sich gewiesen, und mochte ein stilles Bedürfnis empfinden, den unschuldig Angeklagten durch besondre Freundlichkeit für die ihm zugefügte Unbill schadlos zu halten. Überdies gehörte sie nicht zu den Frauen, die an unmündigen Männern Gefallen finden, und die Sorge für ihre Erziehung sich aufbürden mögen. Hermanns gewandte Entschiedenheit, der leichte Ton, mit welchem er von allem wenigstens zu reden wußte, waren Eigenschaften, die ihm bei ihr nur nützten. Bald erkannte sie auch, daß der Anschein von Übermut und Selbstgenügen, welchen er bei der ersten Begegnung Fremden zeigte, durch die nähere Bekanntschaft sich sehr minderte.

Er schadete in der Tat immer nur sich und nie andern. An tausend Zeichen nahm sie wahr, daß er in jedem Augenblicke bereit sei, sich im Dienste seiner Freunde aufzuopfern. Die Farbe der Zeit konnte er nicht verleugnen, aber im Innersten mußte man ihn für unversehrt erklären.

Wenn er seinerseits durch die Bemühungen für den Herzog sich ein stilles Recht auf das längre Verweilen in diesen Mauern zu erarbeiten meinte, so empfing er dagegen durch die Gemahlin nur Geschenke, für welche er sich ewig als Schuldner fühlen mußte. Solange er Rekonvaleszent war, wurde ihm ihre liebende Sorgfalt zuteil. Sie verbot ihm über Tische die Speisen, welche er nach ihrer Meinung noch nicht genießen durfte, sie warnte ihn, wenn ein Abendspaziergang zu lang zu werden drohte. Wir wissen nicht, ob es Absicht oder Zufall war, daß er, als er dies bemerkte, gegen ihre Gebote zu sündigen liebte; es könnte sein, daß er den Wunsch empfunden hätte, von solchem Munde recht häufig zurechtgewiesen zu werden. Das ist gewiß: er wäre unter diesen Bedingungen gern immer krank gewesen.[136]

Bald erteilte auch sie ihm einen Auftrag, welcher ihm angenehmer war, als die Korrespondenz mit Behörden und Verwaltern, die ihn der Herzog besorgen ließ. Sie zog eines Tages ein Heft aus dem Pulte, und fragte, indem sie es ihm zum Lesen einhändigte, ob er wohl glaube, daß in ihr eine Schriftstellerin verborgen sei? Er sah den Titel an. Es war eine Übersetzung des Romans »Ivanhoe« von Walter Scott. Dieser Autor stand grade damals bei uns in der höchsten Blüte seines Ruhms. »Erschrecken Sie nicht, wie die Männer pflegen, wenn sie von einer neuen Gelehrten oder Dichterin hören«, sagte die Herzogin scherzend. »Ich habe das Buch nur für mich übersetzt, um die Sprache aus dem Grunde zu lernen, nicht um den Meßkatalog damit zu vermehren. Aber ich möchte, da ich mir einmal die Mühe gegeben habe, es auch gern in vollkommner Gestalt sehn, und wünsche nicht, daß in meinem Büchlein, wie in dem Produkte jener Prinzessin, von der Sie neulich das Märchen vorlasen, der Mond in der Welt hereinscheine.«

Sie fragte ihn, ob er die Mühe übernehmen wolle, das Werk von Stilfehlern und grammatischen Unrichtigkeiten zu säubern? Wer war froher, als er? Er nahm das Heft mit, und betrachtete innig erfreut die zierlichen perlenrunden Züge der Handschrift, worin eine Zeile, wie die andre, in gleichen Zwischenräumen grade fortlief. Wenn irgendwo die Schrift die Sinnesart ausdruckte, so war es hier der Fall. Hermann weidete sich an den Blättern, wie an einem Gemälde, bevor er sein Werk begann, welches er auch mehr als galanter Kavalier, denn als kritischer Zensor vollbrachte. Es schien ihm ein Frevel zu sein, diese anmutigen Charaktere zu zerstören; er korrigierte mit der feinsten Feder, mit den zartesten Strichen.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 2, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 134-137.
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