Erste Szene.

[3] Christoph kommt aus der Tür rechts, noch in Hemdärmeln, Kleidungsstücke über dem Arm, Bürste und Ausklopfstäbchen in der Hand tragend. Während des Ritornells seines Entree-Liedes stellt er einen Kleiderstock in die Mitte und den Stuhl rechts usw.


Entree-Lied.

Das Schicksal ist ganz einem Buchhändler gleich,

Papier sind die Menschen – sein s' arm oder reich;

Sie sind leere Blätter bei ihrem Entstehn,

's ist anfangs die Farb' nur der Unschuld zu sehn;

Die erste Erziehung ist das Manuskript,

Die schon dem Papiere Bedeutsamkeit gibt,

Dann kommt es zum Buchhändler Schicksal ins Haus,

Sein Druck macht erst fertige Bücher daraus.


Die geistreichsten Menschen gehn oft so herum,

Kein Mensch auf der Welt aber kümmert sich drum,

So gibt es auch Schriften, die sehr geistreich sind,

Wozu grad' deshalb kein Verleger sich find't;[3]

Das dümmste Zeug prachtvoll oft aufgelegt wird;

Im Franzband, mit Goldschnitt dazu noch verziert,

So auch mancher Mensch, des Verstandes ganz bar,

Steigt herum illustriert als ein Prachtexemplar.


Während er die Kleider bürstet.


Ja, wenn man so eine Stellung in der Literatur einnimmt wie ich, wenn man nämlich Kolporteur einer bedeutenden Buchhandlung ist und sozusagen, den wichtigsten Einfluß auf die Verbreitung der deutschen Belletristik hat, da erkennt man die ungeheure Ähnlichkeit zwischen Menschen und Büchern. Die Jahre des Menschen gleichen der Seitenzahl von Büchern; bei guten Menschen und guten Büchern ist es einem leid, wenn es an die letzte Jahres- oder Seitenzahl geht; bei schlechten Menschen und Büchern dankt man seinem lieben Himmel, wenn sie gar sind. Die Fehler der Menschen haben, wie die Druckfehler der Bücher, ihren Grund darin, daß die Korrektur vernachlässigt ist. Ein mittelloses Mädchen gleicht einem Bande lyrischer Gedichte; man findet sie recht nett – recht gefühlvoll, aber es nimmt sie niemand ab und sie kommen ungelesen unter die Makulatur. Das Leben einer sitzengebliebenen Kokette gleicht einem Almanach; – ihr Angesicht ist das bemalte Titelblatt, worauf die Jahreszahl steht – im Innern findet man einen ganzen Namenkalender, ferner nicht sehr erfreuliche Sagen der Vorzeit und Gedichte von verschiedenen Mitarbeitern. Dagegen gleicht das Herz einer braven Frau einem Roman von vielen Teilen, alle voll Schönheiten und voll spannendem Interesse; – wenn man aber auch nur einen Teil davon leichtsinnig verliert, so hat[4] man das ganze wertvolle Werk verloren! – Die alten Weiber männlichen und weiblichen Geschlechtes gleichen schlecht redigierten Journalen; sie wissen immer eine enge Neuigkeiten, von denen aber die Hälfte erlogen ist, und kritisieren die ganze Welt, ohne zu bedenken, daß sie selber nicht einmal die mäßigste Kritik aushalten könnten.


Quelle:
Friedrich Kaiser: Ausgewählte Werke. Band 1, Wien, Teschen, Leipzig [1913], S. 3-5.
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