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[877] Die Burgen und die Dörfer brennen,
So helle Flamm ist angefacht:
Man kann in mondverlaßner Nacht
Die Toten auf dem Feld erkennen.
Der Krieg, der wilde, rennt und schnaubt
Durchs Land, die blutig rote Pfütze,
Er hat den Himmel sich aufs Haupt
Gesetzt als eine Scharlachmütze.
Graf Montfort nach Toulouse reitet
Mit seinen kreuzgeschmückten Scharen,
Von seiner holden Frau begleitet,
Durch rauhe Mühsal und Gefahren.
Er spricht zu ihr, wie reich mit Segen
Die Kirche seine Fahrt belohne,
Es blinke strahlend schon entgegen[877]
Ihm von Toulous' die Fürstenkrone,
Wie Beziers ihm zugefallen
Mit Burgen, Städten und Vasallen,
Wie Carcassonne, Conserans,
Albi und Foix ihm untertan.
Doch schweigend reitet sein Gemahl,
Weil Atem ihr und Sprechen schwer
Im Wind, der von den Feuern her
Rauchwolken jagt ins enge Tal.
»Wenn auch die Äuglein überfließen,
Laß, Kind, den Rauch dich nicht verdrießen;
Bald folgt den Zeiten rauher Kämpfe
Ein glanz- und ehrenreicher Friede;
Bedenk, es kommen diese Dämpfe
Aus unsres Glückes Flammenschmiede.
Bald steht, mein letztes, schönstes Hoffen,
Mir huldigend Tolosa offen!«
Sie schweigt, nicht bloß der scharfe Rauch
Hat Stimm und Rede ihr benommen;
Ein schweres, banges Ahnden auch
Hält traurig ihr das Herz beklommen.
Auch Montfort schweigt, und die Gedanken
Beginnen zweifelnd ihm zu schwanken.
Der Tritt von zwanzigtausend Pferden
Erdröhnt, und durch des Rauches Flor
Bricht dunkelrot der Mond hervor,
Wie Widerschein des Bluts auf Erden.
Sie ziehn hindan die ganze Nacht,
Und als der Morgenschein erwacht,
Umlagern sie zu Roß, zu Fuß,
Ein breites Heer, die Stadt Toulous'.[878]
Graf Montfort kniet in seinem Zelt
Anbetend vor dem Herrn der Welt,
Er beichtet Fulco und bekennt
Die Sünden, die sein Herz beschweren,
Er hört die Meß in Reuezähren
Und nimmt das heilge Sakrament,
Daß Christi Leib und Blut ihm stärke
Mit Mut den Leib zum blutgen Werke.
Die Mönch' im Chore singen wieder
Weithin erschallend fromme Lieder,
Harmonisch durch die Lüfte ziehen
Der wilden Zwietracht Melodien.
Wie Montfort jetzt, der kühne Fechter,
Sein Roß besteigt, da bäumt und prallt
Der Gaul, und von den Mauern schallt
Tolosas jauchzendes Gelächter.
Doch Montfort schwingt sich auf im Zorn,
Haut tief ins Roß den scharfen Sporn;
Hinspringt er an des Walles Rand
Und droht mit Schwert und Blick, da fällt
Ein Stein, der ihm das Haupt zerschellt,
Und sterbend sinkt er in den Sand.
Fahr wohl! o Glück und Fürstenmacht! –
Noch treffen Simon im Verscheiden
Fünf Pfeile, die den Stein beneiden,
Er hört noch, wie Tolosa lacht.
Nun schallt das Feld von Schmerz und Klage,
Die weit das Lied von hinnen stören,
Weil es, gedenkend frührer Tage,
Um Simon nicht will weinen hören.[879]
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