Scena VI

[61] Edward, Fidele.


FIDELE. So hält's der Herr Bruder vor eine gewisse Wahrheit?

EDWARD. Ich habe von einigen guten Freunden Specialissima; sie wollte uns beiden ein Injurienprozeß an den Hals werfen, und wenn es auch gleich erstlich in dreißig Jahren geschehen sollte.

FIDELE. Oh, hat es so lange bis dahin Zeit, so laß ich mir nicht leid sein; und darzu, warum sein sie solche Narren und lassen sich von den Hüpeljungen so ein Blendwerk vor die Nase machen.

EDWARD. Ich gestehe es, wenn ich noch dran gedenke, so kann ich mich des Lachens nicht enthalten, daß es dazumal so ein artigen Possen gab. Aber hat Er's nicht Herrn Cleandern geschrieben?

FIDELE. Ich werde es ihm ja geschrieben haben, und meldete ich ihm auch in post scripto, sie hätten sein Rezept wegen der Schminke probieren wollen und wären über und über im ganzen Gesichte voller Blasen geworden.

EDWARD. Ei, ich hätte doch den Brief gerne sehen mögen.

FIDELE. Ich halte dafür, daß ich von den Konzepte noch etwas bei mir habe, Greift in Schubesack. da will ich dem Hn. Bruder vorlesen, was ich ihme geschrieben. Lieset.

Mein Herr Secretarius!

Redet. Weil er sich vor einen Secretarium bei unsern Frauenzimmer dazumal ausgab, titulierete ich ihn aus Spaß nur so.

EDWARD. Das weiß ich, der Herr Bruder lese weiter.

FIDELE lieset. Ich kann denselben versprochener Parole nach hiedurch nicht unberichtet lassen, wie daß es ein wichtigen Possen mit unserm Haus- Frauenzimmer gesetzet: Ich und Monsieur Edward nahmen ein paar plißinische Hüpeljungen.

EDWARD. Das von den Hüpeljungen lasse er nur außen und lese von der Schminke.[62]

FIDELE. Das wird hier stehen auf der ander Seite. Wendet das Blatt um und lieset. P.S. Eins hätte ich bald vergessen, wenn aber der Herr Secretarius wieder nach Plißine kommt, so kehre Er ja im Güldenen Maulaffen nicht ein oder lasse sich etwan im Vorbeigehen jemand aus dem Hause da blicken. Sie haben alle Ach und Weh über Ihn geschrien, denn wie bewußt ist, daß Er unserm Frauenzimmer ein Rezept aufgeschrieben, wie man schöne werden kann; dasselbe haben sie gebraucht und sind über und über im ganzen Gesichte voller Blasen und Grind geworden, daß sie keinem Menschen fast ähnlich sahen. Die alte Schlampampe hat Ihn wohl hundertmal Galgen und Rad an Hals gewünschet und will mir die Schuld auch mit geben, weil ich sie darzu überredet, daß sie sich des Rezepts bedienen müssen. Sie läuft den ganzen Tag im Hause herum und spricht: »Je, daß Gott im hohen Himmel erbarme, meiner Charlotte ihr schön Gesichte!« Schelmuffsky, ihr Sohn, der aus der Fremde wiederkommen ist, der tut wie ein närrisch Mensche auch darüber. Er hat es hoch und teuer geschworen, wenn er die Krätze nicht so hätte, er wollte den Sekretär nachsetzen und deswegen von ihm Revanche haben. Er hat deswegen wohl tausendmal »der Tebel hol mer« geflucht, denn er ist dem Henker sein Kerl. Drum lasse sich der Herr Sekretär warnen, wenn er etwan nach Plißine wieder kömmt, und gehe ihm ja nicht in den Weg, denn man kann manchmal nicht wissen, wie so ein tyrannischer Kerl, als wie Schelmuffsky aussieht, einem eins kann anhängen.

EDWARD. Deswegen hat's nun wohl gute Wege, aber wenn haben sie solche Schminke gebraucht?

FIDELE. Weiß der Herr Bruder nicht, wie die Leute immer sagten, was denn die Ursache wäre, daß das Frauenzimmer zum Güldenen Maulaffen Vorhänge an die Fenster gemacht hätte und ließe sich keine mehr sehen?

EDWARD. Ach, darum habe ich wohl nicht gewußt, was die Vorhänge haben bedeuten sollen, und hat sich auch in den Fenstern keine groß sehen lassen.[63]

FIDELE. Dazumal haben sie des Sekretärs Schminke probiert.

EDWARD. Es scheint ein loser Gast zu sein, der Herr Cleander, und ich halte dafür, daß er dergleichen Possen wohl öfters hat vorgenommen.

FIDELE. Es ist mir einer! Er hat manchmal in Marburg Dinge angestellet, daß man sich flugs darüber hätte töricht lachen mögen.

EDWARD. Aber weiß er nicht, was itzo guts Neues im Güldenen Maulaffen passieren muß?

FIDELE. Ich habe mit der Frau Camille nicht können zu reden kommen; wenn ich die nur antreffen könnte, sie würde mir alles erzählen, was itzo da passierte.

EDWARD. Es ist wahr, sie steckt täglich itzo da, und ist, halt ich dafür, gar ihr Gevatter.

FIDELE. Sie hießen ja dazumal, wie wir noch drinne wohneten, einander immer Frau Gevatterin; als wird es wohl nicht fehlen können.

EDWARD. Es mag auch die rechte sein, die Camille! Wer, halt ich, was Heimlichs halten will, daß es die ganze Stadt wissen soll, darf nur ihr's anvertrauen.

FIDELE. Sie wird kein Wort verschweigen, und zumal da, denn sie hat selbsten ihre Freude drüber, wann's manchmal da so kanterbunt zugehet.

EDWARD. Der Herr Bruder sehe, wo Er sie antrifft, und erkündige sich bei ihr, was da Guts passieret, und sage mir's hernach wieder.

FIDELE. Wo will der Herr Bruder itzt zugehn?

EDWARD. Ich habe auf der Post etwas zu bestellen, darum muß ich gehen, daß ich dieselbe nicht versäume.

FIDELE. Es ist gut, daß der Herr Bruder an die Post gedenket; ich soll einen Brief da abholen, so können wir miteinander gehen.

EDWARD. Wie es ihm beliebet. Gehen ab.


Quelle:
Christian Reuter: Werke in einem Band. Weimar 1962, S. 61-64.
Lizenz:
Kategorien: